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Ausgabe:

1880

Spalte:

601-603

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gronemann, S.

Titel/Untertitel:

Die Jonathan’sche Pentateuch-Uebersetzung in ihrem Verhältnisse zur Halacha. Ein beitrag zur Geschichte der ältesten Schriftexegese 1880

Rezensent:

Strack, Hermann L.

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von Prof. Dr. E. Schürer in Giefsen.
Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J, C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 25. 4. December 1880. 5. Jahrgang.

Gronemann, Die Jonathan'fche Pentateuch-
Ueberfetzung in ihrem Verhältnifse zur Halacha
(Herrn. Strack).

Gardthaufen , Griechifche Paläographie
(Harnack).

Le Pasteur d'Hermas, Analyse accompagn£e
d'une notice, d'extraits et de notes, par M. C.
(Harnack).

Nirfchl, Die Theologie des heiligen Ignatius
(Harnack).

Ritter, De titulis graecis christianis commen-
tatio altera (V. Schultze).

Müller, Der Kampf Ludwigs des Baiern mit
der römifchen Curie, 2 Bde. (Zoepffel).

Reufch, Die deutfchen Bifchöfe und der Aberglaube
(Fay).

Hülfsmittel zum chriftlichen Religionsunterrichte
(Wold. Schmidt).

Roggen brod, Eine Gabe zum gemeinen Nutzen
in Predigten, Lehrvorträgen und Aphorismen.
L (Wetzel).

Gronemann, Rabb. Dr. S., Die Jonathan'sche Pentateuch-
Uebersetzung in ihrem Verhältnisse zur Halacha. Ein

Beitrag zur Gefchichte der alterten Schriftexegefe.
Leipzig, 1879, Friefe. VII, 164 S. 8.) M. 3. —

Ueber die von Menachem aus Rekanati und Späteren
fälfchlich dem Jonathan ben Ufiel zugefchriebene,
richtig aber als jerufalemifch oder, was noch beffer,
als paläftinifch zu bezeichnende Paraphrafe des Penta-
teuchs haben wir zwar fleifsige Arbeiten von Zunz
(Gottesdienftl. Vorträge der Juden S. 66 ff.), Winer,
Petermann und Seligfohn und Traub (Frankel's Monats-
fchrift 1857); doch fehlte es bisher noch an einer eingehenden
Unterfuchung des Verhältnifses, in welchem
diefe Uebertragung zur Haggada wie zur Halacha fleht.
Die fo in unferer Kenntnifs vorhandene Lücke bezüglich
der Halacha auszufüllen war die Abficht des Herrn Verf.'s,
der fich den Hebraiften fchon durch eine forgfame Abhandlung
über Profiat Duran (1869) bekannt gemacht
hat, und er hat, um unfer Urtheil gleich hier abzugeben,
die Aufgabe, welche er fich geftellt, im Wefentlichen
recht befriedigend gelöft.

Noch Seligfohn und Traub (a. a. O. S. 101) fchreiben
von Pfeudo-Jonathan: ,Er will mit der Ueberfetzung zugleich
ein Compendium aller an den biblifchen Text fich
anlehnenden Hagada und prägnanten Halacha geben'.
Dem gegenüber weift Hr. G. mit Recht darauf hin, dafs
wie der Talmud und die ihm verwandten Werke das
Gelehrtenfchriftthuni der Juden am Jordan und Pluphrat,
fo die aramäifchen Verfionen die Volksliteratur find.
Erft allmählich wird der Inhalt der Halacha Beftandtheil
des geiftigen Volkslebens: daher finden fich halachifche
Bemerkungen in dem Targum des Onkelos, dem älteften
der Targume, nur vereinzelt und knapp; das fog. Frag-
mententargum, welches nach dem Verf. älter als Pfeudo-
Jonathan ift, bietet zwar Haggadifches in reicher Fülle,
Halachifches aber, ,das dem fehlichten Manne wenig
Intereffe einflöfst, in vielleicht noch geringerem, jedenfalls
aber in nicht höherem Mafse als bei Onkelos' (S. 6,
vgl. 157 ff); Pf-"J- endlich ,eine Erweiterung und Umge-
ftaltung der vorerwähnten Ueberfetzung [des Fr.-T.] nach
dem Gefchmacke der fpät- und nachtalmudifchen Zeit',
giebt einmal Haggadifches in ,noch gröfserer Ausdehnung
, zum Theil über den Standpunkt des Talmud hinaus
' (S. 9), dann aber bezeugen feine ,überaus zahlreichen
halachifchen Erläuterungen, dafs, nachdem die Menge
eine lange Zeit fich gegen die Hochfluth der Halacha
gewehrt, diefe dann wieder mit um fo gröfserer Gewalt
in diefelbe gedrungen war und das allgemeine Bewufst-
fein erfüllt hatte' (S. 9. 10). Als zur Zeit des zweiten
Amoräergefchlechtes R. Abbahu einen haggadifchen Vortrag
hielt und gleichzeitig R. Chija bar Abba einen

halachifchen, ftrömte alles Volk zu Erfterem. Der fpäter
zu Gunften der Halacha erfolgte Umfchwung zeigt fich,
abgefehen von Pfeudo-Jon., deutlich auch in den
Scheeltoth des R. Achai aus Schabcha (8. Jahrb..), ,welche
trotz ihres überwiegend halachifchen Charakters doch für
das Volk beftimmt und urfprünglich populäre Vorträge
waren' (S. 7).

Auf Grund der beiden erwähnten Momente, des
volksthümlichen Charakters der Targume und des Ein-
gedrungenfeins der Halacha in das Volksbewufstfein,
erörtert nun der Verf. in dem Haupttheile feines Buches
erftens die befonderen Veranlaffungen zur Anwendung
der Halacha (S. 36 — 112), zweitens Pfeudo-Jonathan's
Verhalten bei halachifchen Meinungsverfchiedenheiten
(S. 112—154). Die Anwendung der Halacha beruht nicht
auf Willkür, fondern findet nur da ftatt, wo ein dem
damaligen durch das Lehrhaus beeinflufsten Volksbewufstfein
entflammendes Bedürfnifs dazu vorhanden war.
Vier Motive zu nicht-wörtlicher Ueberfetzung laffen fich
unterfcheiden: 1) fuchte man Kürze, Unbeftimmtheit,
Dunkelheit und Lückenhaftigkeit des Ausdruckes zu beseitigen
und fo den Inhalt anfehaulich und deutlich zu
machen, 2) fuchte man da, wo mehr Worte als nöthig
gebraucht zu fein fchienen, nach einem Grunde für die
Wiederholungen und Häufungen, 3) bemühte man fich
Verfe oder Abfchnitte, die ohne Zufammenhang neben
einander ftanden oder zu ftehen fchienen, durch ein die-
felben in gegenfeitige Beziehung fetzendes, einigendes
Mittelglied in Zufammenhang zu bringen, 4) war man
beftrebt, die heiligen Urkunden für die Belebung des
israelitifchen Bewufstfeins möglichfl nutzbar zu machen
und gab daher vielen Stellen, ohne dafs der Wortlaut
des Grundtextes es forderte, eine fcharfe jüdifch-religiöfe
Ausprägung, wobei man nicht feiten über den Talmud
hinausging (,kein Vorzug' S. 98). — Die halachifchen
Elemente find auf die einzelnen Abfchnitte des Penta-
teuchs in fehr verfchiedener Weife vertheilt. Dies erklärt
der Verf. richtig aus dem Umftande, dafs unfer
Targum ein Buch für das Volk fein will und aus deffen
Bedürfnifs heraus erwachfen ift, das grofse Publicum
aber bei aller Hochachtung vor dem göttlichen Worte
doch nicht allen Gefetzesftellen gleiche Beachtung fchenkt,
fondern von einigen in höherem, von anderen in geringerem
Grade angezogen wird (S. 105). — Bei halachifchen
Meinungsverfchiedenheiten folgt Pf.-J. nicht irgend
welchen beftimmten Lehrern, fondern denfelben vier
Grundgedanken, welche für fein Verhalten zur Halacha
überhaupt mafsgebend gewefen find. Aus ihnen ergeben
fich folgende vier Regeln: Pf.-J. richtet fich nach derjenigen
halachifchen Anficht, welche 1) den natürlichen,
bei gewöhnlicher Durchficht fich ergebenden Schriftfinn
ausfpricht, 2) den Wortlaut zu einer höheren, über die

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