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Ausgabe:

1880 Nr. 23

Spalte:

565-566

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Förster, Th.

Titel/Untertitel:

Der Altkatholicismus. Eine geschichtliche Studie 1880

Rezensent:

Fay, Friedrich Rudolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1880. Nr. 23.

566

Förster, Lic. Th., Der Altkatholicismus. Eine gefchicht-
liche Studie. Gotha 1879, F. A. Perthes. (VIII,
149 S. gr. 8.) M. 2. 40.

Der Verfaffer der vorliegenden, gefchichtlichen
Studie über den Altkatholicismus geht von der richtigen,
im Vorwort ausgefprochenen Ueberzeugung aus, dafs
die altkatholifche Bewegung an einem Punkte ihrer Entwicklung
angelangt fei, wo fie eine gefchichtliche Betrachtung
zulaffe, ja fordere und wo fie zugleich Ver-
anlaffung biete, fie im Licht ihrer älteren und jüngeren
Vorgefchichte zu prüfen und das Urtheil über fie mit
einiger Sicherheit feftzuftellen. Nicht minder zutreffend
ift es, wenn weiterhin bemerkt wird, es würde kein Ein-
fichtiger leugnen, dafs wir es bei diefer Bewegung nicht
,mit etwas Ephemerem, Zufälligem' zu thun hätten, fondern
,mit einem neuen, bedeutenden Glied jener die
Kirchengefchichte durchziehenden Kette innerkatholifcher
Reactionen gegen ein fich immer mehr abfchliefsendes
verkehrtes Syftem'. Den Nachweis, dafs dem wirklich
fo fei, liefert der Verf. in dem erften Theile feiner Studie
in eben fo gründlicher, als überzeugender Weife.
Es wird nämlich hier die .gefchichtliche Begründung
(der Altkatholicismus der früheren Zeiten)'
uns vorgeführt. Die erften vier Jahrhunderte, die Zeit
von Leo I bis Honorius, die altbritifche Kirche, die Begründung
der gallicanifchen Kirche, Agobard von Lyon
und Hincmar von Rheims, Pfeudo-Ifidor und feine Wirkungen
, die Reaction im Zeitalter Gregors VII, fowie
die Verfuche Frankreichs und Englands zur Wahrung
national-kirchlicher Selbftändigkeit, werden nach einander
in acht Abfchnitten lichtvoll behandelt. Die drei
darauf folgenden find den Concilien des vierzehnten «nd
fünfzehnten Jahrhunderts gewidmet, die heben letzten
lenken die Aufmerkfamkeit des Lefers auf die neuen
Anfätze in der Reformationszeit und das Concil von
Trient, auf die national-kirchlichen Beftrebungen in Frankreich
(Boffuet) und den Niederlanden (janfeniftifche Kirche),
den Verfall des Gallicanismus mit der Revolution und
dem Concordat von 1801, ferner auf Febronius und die
Reformen in Oefterreich und Toskana, die Emfer Punc-
tation und ihr Schickfal, die Verfuche Dalberg's und
Weffenberg's und fchlicfsen mit einem theilnehmenden
und zugleich fehr ernften Blicke auf das Zurücktreten der
nationalkirchlichen Ideen in Deutfchland und Frankreich
und auf die neue Blüthe des Papftthums (S. 5 — 64).
Was der Verf. in diefem erften Theil ,hofft gezeigt zu
haben' (S. 64J, das hat er wirklich gezeigt, nämlich, ,dafs
feit den älteften Zeiten ein fortlaufender Proteft erhoben
worden ift gegen das Gelüftc Roms, die kirchliche Macht
zu centralifiren, dafs es deshalb nie gelingen wird, die
kirchliche Tradition für das römifche Syftem zu gewinnen,
wie fehr auch von den Jefuiten der Verfuch gemacht
ift, die Ueberlieferung zu fälfehen, und dafs man mit
vollem Recht von der altkatholifchen Richtung vor
dem Altkatholicismus reden kann, ebenfo wie man
von Reformatoren vor der Reformation zu fprechen berechtigt
ift'.

Der zweite Theil (S. 65—149) fchildert .Urfprung
und Fortgang des Altkatholicismus unferer
Tage'. Das erlte Capitel führt uns das Vaticanifche
Concil, das zweite die Anfänge der altkatholifchen Bewegung
vor, denen fich im dritten eine Charakteriftik der
Bewegung anfchliefst, während wir im vierten die Führer
d< s Kampfs, ihre Bundesgenoffen und Gegner kennen
lernen. In den fich anreihenden, folgenden heben Ca-
piteln wird die fernere Gefchichte der Bewegung theils
in Deutfchland, theils in der Schweiz bis zu der im Jahre
1878 in Bonn abgehaltenen fünften altkatholifchen Synode
mit gründlicher und umfichtiger Benutzung der
vorhandenen Quellen erzählt. Gedanken über die Zukunft
des Altkatholicismus, die im letzten, zwölften Capitel
mitgetheilt werden, machen den Schlufs der gediegenen
Arbeit. .Drei Möglichkeiten', fagt der Verfaffer,
.pflegen im Hinblick auf die Zukunft der altkatholifchen
Bewegung erwogen zu werden: Die erfte, von den Feinden
lebhaft erhofft: he werde im Sande verlaufen und
fpurlos verfchwinden; die andere, von bangen Freunden
befürchtet: he werde zur römifch-katholifchen Kirche zurückkehren
; die dritte, von wohlwollenden Proteftanten
erwartet: he werde in der evangelifchen Kirche ihre Heimath
finden' (S. 145. 146). Dafs das erftere eintrete,
fcheint dem Verf. nach der bisherigen Entwicklung und
| nach dem gegenwärtigen Zuftand des Altkatholicismus
, nicht wahrscheinlich; für noch weit unwahrfcheinlicher
1 aber hält er, dafs die Bewegung lediglich zum Romanismus
zurückbiegen könne. .Dazu ift der Bruch zu ecla-
tant, die Differenz bereits zu principiell, die Verftändig-
! ung unter den jetzigen Verhältnifsen zu fchwierig'
i (S. 146). Es bleibt fomit noch die dritte Möglichkeit:
I Vereinigung mit unferer evangelifchen Kirche. Allein
diefe .können wir für jetzt nicht wünfehen, weil der
'■ Proteftantismus durch den Gewinn einiger taufend neuer
Glieder nicht wefentlich geftärkt würde, der Altkatholi-
j cismus aber durch diefen Uebergang feine Mifhon für
i die katholifche Kirche verlöre und aufhörte, ein Ferment
für die weiteren Gebiete des Romanismus zu fein. Auch
I ift die Differenz der evangelifchen und altkatholifchen
Ueberzeugungen noch zu erheblich, und es bedürfte zu
! einer Vereinigung noch der Erledigung fo wichtiger und
I fchwieriger Fragen, dafs zuvörderft hieran nicht zu
denken ift. Zu jenen drei Möglichkeiten kommt fonach
eine vierte, welche wir als die durch die Gefchichte
angezeigte und unter den gegenwärtigen Verhältnifsen
erwünfehtefte anfehen: dafs der Altkatholicismus als
| eine felbftändige Kirchenform zwifchen der römifchen
und evangelifchen beftehen und in diefer Stellung feine
Miffion an der katholifchen Kirche erfüllen werde'
(S. 147)-

Referent mufs diefer Anficht vollftändig beipflichten.
Möchte nur auch der Staat, der fich in neuerer Zeit
noch refervirter, als früher, dem Altkatholicismus gegenüber
zeigt, mehr und mehr erkennen, wie treu diefe
kleine aber muthige Schaar zu ihm fleht und ihr daher
auch geben, was Rechtens ift! Leider gefchieht dies
nicht überall; hat doch z. B. die hiefige altkatholifche
Gemeinde trotz ihrer, den Anforderungen des Gefetzes
entfprechenden, ,erheblichen' Mitgliederzahl noch nicht
zur Mitbenutzung der von ihr verlangten Stephanskirche
gelangen können! Sie hält jetzt, nachdem fie längere
Zeit in dem kleinen Gotteshaufe der Mennoniten fich
verfammelt hatte, ihren Gottesdienft in unferer neuerbauten
Friedenskirche, die ihr das Presbyterium unferer
evangelifchen Gemeinde bereitwilligft geöffnet hat.

Crefeld. F. R. Fay.

Riehm, Prof. D. Ed., Kirche und Theologie. Referat für
den II. Vereinstag der landeskirchlichen evangelifchen
Vereinigung in Potsdam, erftattet am 20. Mai 1880.
Halle 1880, Strien. (41 S. gr. 8.) M. 1. —

Diefer Vortrag bildet ein in hohem Grad erfreuliches
■ Seiten- oder vielmehr Gegenftück zu dem anderen, von
I uns neulich befprochenen Vortrag über dasfelbe Thema
j (Th. Lit.-Ztg. Nr. 19). Nichts liegt dem Verf. ferner als
1 der Gedanke einer aus blofs kritifchem oder überhaupt

intellectuellem Intereffe erwachfenden, daher der Kirche
I und ihren Lebensaufgaben abgewandten oder gar fie
I zerftörenden Theologie. Er weift das innere Lebensband

zwifchen Theologie und Kirche, die principielle Noth-
I wendigkeit der Entftchung einer theologifchen Wiffen
' fchaft aus dem Leben der Kirche und die Anforderungen,
j welche für die Theologie aus dem ihr fonach eignenden

kirchlichen Charakter erwachfen, nach, fordert aber nicht
I trotz des letzteren, fondern wegen desfelben, aus dem