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Ausgabe:

1880 Nr. 2

Spalte:

31

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Petri de Godis, Vicentini

Titel/Untertitel:

Dyalogon de conjuratione Porcaria. Aus einer Königsberger Handschrift hrsg. von M. Perlbach 1880

Rezensent:

Tschackert, Paul

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31 Theologifche Literaturzeitung. 1880. Nr. 2. 32

Platz einfach gegen einander taufchen können. Sie foll
auch nicht gerade ohne Weiteres als charakteriflifch für
die Art des Vcrf.'s überhaupt hingeftellt werden. Aber
ohne Zufammenhang ift fie doch nicht mit der Entfernung
, aus welcher er die Dinge anzufehen liebt.

Bafel. Franz Overbeck.

Petri de Godis, Vicentini, Dyalogon de conjuratione Por-
caria. Aus einer Königsberger Handfchrift hrsg. von
Dr. M. Perlbach. Greifswald 1879, Bamberg. (34 S.
gr. 8.) M. 1. 20.

Das von Dr. M. Perlbach herausgegebene Schriftchen
: ,Petri de Godis de conjuratione Porcaria1 behandelt
die letzte politifche Verfchwörung, welche im Mittelalter
(1453) zu Rom gegen das Papftthum ftattfand. Porcaro,
ein Sprofs eines alten römifchen Gefchlechts, feit dem
Pontificate Martins V Beamter im Dienfte der Curie,
gerieth auf den fchwärmerifchen Einfall, mit einer Handvoll
Leute das Papftthum zu ftürzen und die römifche
Republik wiederherzuftellen. Die von ihm angezettelte
Verfchwörung wurde aber entdeckt und kurzer Hand
mit Gewalt unterdrückt; Porcaro büfste am Galgen. Die
in Form eines Dialogs abgefafste Gefchichte diefer Vorgange
liegt jetzt zum erften Mal vollPtändig gedruckt und
zwar nach einer Handfchr. der v. Wallenrodt'fchen Bibliothek
in Königsberg edirt vor; als ihren Verfaffer nennt
der Herausgeber gemäfs der Handfchrift einen fonft
unbekannten, wahrscheinlich dem geiftlichen Stande an-
gehörigen Italiener Peter de Godes (oder Godis, auch
Godi) aus Vicenza. — Der Dialog felbft ift in fchlechtem
Kirchenlatein abgefafst und die Darftellung breit und
langweilig; aber die Müh waltung des Herausgebers verdient
alle Anerkennung.

Halle a/S. P. Tfchackcrt.

Brosch, Mor., Papst Julius II. und die Gründung des
Kirchenstaates. Gotha 1878, F. A. Perthes. (XI, 364 S.
gr. 8.) M. 6. —

Verfaffer will keine vollftändige Gefchichte des
Papftes Julius II fchreiben, fondern nur diejenige feiner
politifchen Wirkfamkeit, vor allem feiner Bemühungen,
die der Bildung eines Kirchenftaates im Herzen von Italien
galten. Doch giebt er zugleich eine ausführliche und
gründliche Gefchichte Julius' II in feiner vorpäpftlichen
Zeit feit leiner Erhebung zum Cardinal von San Pietro
ad Vincula durch Sixtus IV, deffen Nepot er war.

Der reiche Gewinn diefes Buches fällt im einzelnen
zum gröfseren Theil der politifchen Gefchichte
jener Tage zu. Diefer wird nun durch Brofch's Mittheilungen
aus den bisher wenig oder nicht benützten
handfehriftlichen Quellen, welche durchweg dem vene-
zianifchen Archiv angehören, fowie durch die gründliche
und feine Bearbeitung, welche durch das ganze Buch
hindurch diefelbe bleibt, die Kenntnifs der politifchen
Verwicklungen, in deren Mittelpunkt der Papft ohne
Frage fteht, in willkommenfter Weife erweitert und vertieft
, fowohl in einzelnen Punkten der ganzen an über-
rafchenden Wendungen fo reichen Zeit, wie im Nachweis
der verknüpfenden Fäden, der diplomatifchen
Actionen wie der pfychologifchen Factoren, welche
namentlich auf Seiten des Papftes und der Signorie von
Venedig die mafsgebenden waren. Doch diefe Seite
des Buches mag hier übergangen werden, zumal fie
fchon anderweitig von kundiger Hand gewürdigt worden
ift. Es genüge, hier auf die neue Beleuchtung hinzuweifen
, welche der Charakter des Papftes durch die
Arbeit erfahren hat und welche keineswegs nur auf par-
teiifchen Quellen beruht, fondern vom Verfaffer in faft
durchweg nüchterner Forfchung gegeben wird.

Man hat bisher den Papft Julius II als eine Art

ftttlicher Oafe in der Wüfte der Päpftc am Ausgang des
15. sec. betrachtet. Man kannte ihn zwar als einen durchaus
weltlichen und politifchen Charakter, als den ,Blut-
fäufer', wie ihn Luther genannt hat, aber man dachte ihn
als einen Mann von ftrenger Wahrheitsliebe und kühnftem
Muth, der fich zu feiner Tendenz bekennen, fich ihrer
rühmen durfte, da alle feine Gedanken belebt, geftählt
gewefen feien von der einen Idee, den Kirchenftaat her-
zuftellen, ihn zu einer Macht zu erheben, vor welcher
die Welt Refpect haben follte. So Ranke in den ,Röm.
Päpften' (Gef. W. XXXVII, 36 f.), ähnlich Hafe und
Gregorovius, obwohl der letztere fchon etwas ein-
fchränkend. In feinem Privatleben konnte man ihn für
einen Mann ,von untadelichem Wandel' halten (Herzog,
KG. II, 328). Diefes Urtheil wird nicht aufrecht erhalten
werden können. Nach der Vorrede will Broich allerdings
diefes traditionelle Bild kritifch erhärten; allein
vom Anfang bis zum Ende feines Buches finden fich
von ihm felbft neu beigebrachte oder klargeftellte Züge,
welche eine ganz bedeutende Aenderung der bisherigen
Anficht von Julius bedingen, eine Aenderung, deren Noth-
wendigkeit Broich felbft im Verlauf feiner Darfteilung
ftets von neuem betont.

Dafs diefer ein Mann von kühnftem, ja mehr als
einmal von tollkühnem Muth gewefen, bleibt allerdings
beliehen. Nur einmal bricht er unter dem doppelten
Druck einer wahrhaft verzweifelten Lage und einer gleichzeitigen
Krankheit, die ihn an das Bett feffelt, zufammen
(p. 211 f.). Sonft aber ift er ftets erfüllt von hochfliegenden
gewaltigen Planen, deren Ausführung ihm in
feiner oft völlig ausfichtslofen Lage nur durch eine raft-
lofe und bewundernswürdige Energie (vgl. z. B. feinen
Winterfeldzug gegen Mirandola p. 214 ff.) wie durch ein
aufserordentliches Glück gelingt. — Allein was find die
Motive diefer aufreibenden Thätigkeit? Es ift doch nicht
allein die Idee des Kirchenftaats, die ihn befeelt; auch
bei ihm ift der Nepotismus enge verflochten mit feinen
gröfsten Beftrebungen (vgl. ftatt alles weiteren p. 113
u. 223); leicht erregbarer Jähzorn, unbezwinglicher
glühender Hafs leiten fein Handeln felbft in den glän-
zendften Partieen feiner Gefchichte und halten unter Um-
ftänden allein noch feine Energie aufrecht (p. 176—186.
202. 212. 214 f.); durch feine Generale mufs er feine
graufamen Rachegedanken tadeln laffen (p. 215. vgl.
auch p. 241). — Am wenigften wird fich der Ruhm der
Wahrhaftigkeit halten laffen. Ift doch fchon die ganze
Politik des Papftes eine fortgefetzte Kette von Vertragsbrüchen
: kaum hat er eine Liga zu Stand gebracht, fo
ruft er fofort wieder andere Mächte gegen die eigenen
t Verbündeten auf und ruht nicht, bis er am Ziel ift.
Seine Politik ift dabei eine meifterhafte, wie Brofch in
ausgezeichneter Weife darthut (z. B. für die Liga von
Cambrai p. 138—165), aber zum gröfsten Theil überaus
unwahr, doppelzüngig, perfid (vgl. p. 104 gegenüber Ce-
fare Borgia; p. 106 ff. gegenüber Venedig. Dann p. 122.
125 f. 166 ff. bef. p. 170. 182 ff. 261. 266 ff.). Der Schein
der Offenheit und Wahrhaftigkeit wird häufig nur durch
ein jähzorniges Herauspoltern erregt. —■ Auch feine
Reinheit von Simonie ift eine Fabel. Um das Papftthum
zu gewinnen, hat er weder feine Ducaten gefpart,
noch ein förmliches Abkommen felbft mit einem Cefare
Borgia gefcheut (p. 93—96). Pfründenverkauf und Errichtung
neuer Cardinalsftellen müffen ihm Geld ver-
fchaffen, wenn er-in Bedrängnifs ift (p. 124. 218 f.). Und
was endlich feine fonftige fittliche Befchaffenheit betrifft,
fo genüge es auf Thatfachen hinzuweifen, wie das ,Gift-
mifcherproject', das er als Cardinal gehegt (p. 36), fein
Verhältnifs zu Alexander VI, deffen Sohn Cefare (von
Brofch in neuer Weife beleuchtet) fowie zu einem der
fcheufslichften Männer feiner Zeit, dem Cardinallegaten
Francesco Alidofi, das fich die Zeitgenoffen nur in der
bei Gregorovius, Gefcn. d. St. Rom 2. Aufl. VIII, 69 n. 2
angeführten Weife zu erklären wufsten; fodann auf