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Ausgabe:

1880 Nr. 21

Spalte:

515-517

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kehr, C.

Titel/Untertitel:

Geschichte der Methodik des deutschen Volksschulunterrichts. 1. u. 2. Bd 1880

Rezensent:

Strack, Carl

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515 Theologifche Literaturzeitung. 1880. Nr. 21. 516

und tiefen Lebens in Chriflo das Gemeingut der gläubigen
Chriftenheit zu werden verdienen. In Verbindung mit
diefem Anhang darf diefe Predigtfammlung zur Vorbereitung
auf die Feier des h. Abendmahls, wozu fie auch
der Verf. vorzugsweife benimmt hat, als befonders geeignet
bezeichnet werden.

Nuffe. H. Linden berg.

Kehr, Sem.-Dir. Dr. C, Geschichte der Methodik des deutschen
Volksschulunterrichts. Unter Mitwirkung einer Anzahl
Schulmänner herausgegeben. 1. u. 2. Bd. Gotha
1877—79, Thienemann. (VIII, 511 u. 519 S. gr. 8.)
M. 12. —

Eine Gefchichte der Methodik des Volksfchulunter-
richts zu fchreiben, ift keine leichte Aufgabe, namentlich
wenn folche durch Detailfchilderungen belehrend
wirken foll. Der einzelne Pädagog kann feiten folche
fpecielle Studien in allen Zweigen des Volksfchulunter-
richts machen, dafs er mit gewiffenhafter und forgfälti-
ger Benutzung der hier in Betracht kommenden Quellen
genau darzuftellen im Stande ift, wie jeder Gegenftand
vom Beginne des Schulwefens an bis heute im allgemeinen
und von einzelnen hervorragenden Theoretikern
und Praktikern behandelt worden ift. Auch würde es
dem Einzelnen kaum möglich fein, die hierzu erforderliche
Literatur fich zu verfchaffen. Wir halten es darum
für einen glücklichen Gedanken des bekannten Seminar-
directors Kehr zu Halberftadt, dafs er fich mit einer
Anzahl tüchtiger Pädagogen vereinigt hat, ein Buch zu
Stande zu bringen, welches eine Lücke in der pädagogi-
fchen Literatur in ehrenvollfter Weife ausfüllen wird.
Eine genauere Bekanntfchaft mit der Behandlungsweife
der einzelnen Disciplinen in der Vergangenheit wird
einestheils unfere Zeitgenoffen vor Selbftüberfchätzung
bewahren, als ob man erft in unferen Tagen den Stein
der Weifen auf dem Gebiete der Pädagogik gefunden
habe, anderntheils erleichtert es das Fortfehreiten zum
Befferen, wenn man fieht, wie es die Vorfahren gemacht
haben. Die Namen der Mitarbeiter werden fchon ein
günftiges Vorurtheil für das Ganze erwecken. Seminardirector
Schumann in Alfeld hat den Katechismusunterricht
und die Bibelkunde bearbeitet, Seminardirector
Sperber zu Dramberg die Behandlung des Kirchenlieds,
den Rechenunterricht Sem.-Lehrer Jänicke zu Halberftadt
, die Raumlehre Rektor Schurig zu Wernigerode,
den weltgefchichtlichen Unterricht Albert Richter,
Bürgerfchuldirector in Leipzig, Geographie Seminarlehrer
Geiftbeck in Freyfing, Naturgefchichte Ober-
Lehrer Helm in Leipzig, Phyfik Seminardirector a. D.
Joh. Crüger zu Neuruppin, Schreibunterricht Rector Hey
zu Halberftadt, Zeichenunterricht Seminardirector Rein
zu Eifenach, Gefangunterricht Seminarinfpector Joh.
Helm zu Schwabach, Anfchauungsunterricht Seminaroberlehrer
Schmidt zu Pirna, Fibel und verfchiedene
Lefemethoden der Herausgeber, das Volksfchullefe-
buch Seminarlehrer Fechner zu Berlin.

Wir wollen nicht behaupten, dafs alle Artikel mit
gleicher Ausführlichkeit und Gründlichkeit behandelt
worden wären, aber das dürfen wir ausfprechen, dafs
es kein Mitarbeiter an dem erforderlichen Fleifse in der
Durchforfchung der einfchlagenden Literatur hat fehlen
laffen.

Uns intereffirt natürlich am meiften die Gefchichte
des Religionsunterrichts. Sie beginnt mit der Lehrweife
des Herrn und der Apoftel; fie behandelt weiter den
Religionsunterricht der Kirchenväter, fo wie den im
Mittelalter; fie zeigt die Geftaltung desfelben an den
verfchiedenen Kirchen durch die Reformation bis zum
deutfehen Kriege, behandelt die Zeit des Pietismus, die
Zeit der Aufklärung des Rationalismus und Materialismus
, fodann die Erneuerung und Vertiefung des reli-

giöfen Lebens bis auf die Gegenwart. Wir bedauern
recht fehr, dafs wir nicht im einzelnen nachweifen
können, wie der Verfaffer das Eigenthümliche jeder
Periode fcharf zu charakterifiren bemüht war, und zwar
in einem Geifte, von dem wir wünfehen möchten, dafs
er in der Lehrerwelt allgemein heimifch werde. Die
betreffende Literatur, die Schriften über den Religionsunterricht
, die Katechismen find reichlich, aber befonders
aus neuerer Zeit — was übrigens wegen der
Maffe derfelben kaum möglich wäre — nicht vollftändig
angeführt. Wir vermiffen z. B den in Heffen-Darmftadt
und Naffau in der rationaliftifchen Periode weitverbreiteten
Katechismus von Snell, den gleichfalls in vielen
Auflagen erfchienenen Katechismus des evang. Bücherdepots
zu Darmftadt, den neuerdings in den luth. Gemeinden
des Grofsherzogthums Heffen eingeführten von

I Euler, nebft dem Handbuch desfelben Verfaffers. Vielleicht
hätte auch der auf Befehl des Landgrafen Moritz
von Kaffel umgearbeitete luth. Katechismus erwähnt
werden follen, — fo wie die fchon aus dem 16. Jahrh.

[ herrührenden fog. heffifchen Frageftücke, welche eine
mildere Auifaffung der luth. Lehre begünftigten.

Befonders intereffant ift es auch zu erfahren, welche

S Bedeutung man dem Unterricht in der bibl. Gefchichte in

j den verfchiedenen Perioden zugefchrieben hat. Der Auf-
fatz über die Behandlung des Kirchenlieds umfafst nur
acht Seiten; doch ift das Nöthige darüber bemerkt, und
zwar fo, dafs man fieht, wie wichtig dem Verf. der Gegenftand
erfcheint.

Natürlich können wir die Gefchichte der andern
Disciplinen nicht mit gleicher Ausführlichkeit betrachten.

! Der Unterricht in den Realien hat noch nicht lange das
Bürgerrecht in der Volksfchule erlangt; darum follte

| man glauben, die betreffenden Artikel müfsten von geringem
Umfange fein; dem ift aber nicht fo, da die
Verfaffer fehr ins Detail gehen, doch immer fo, dafs fie

I nichts Ueberflüffiges, fondern nur Belehrendes erwähnen.

I Befonders ausführlich und genau ift; auf 180 Seiten der

j Rechenunterricht behandelt. Diefe Darftellung zeigt mehr
als andere, wie die Methode durch viele Irrwege hindurch
nach und nach einen befferen Weg gefunden hat.

Dasfelbe gilt auch von der Behandlung der Raumlehre
, für welche die Peftalozzi'fche Schule mit Begeifter-

j ung eintritt, bei welcher aber noch mehr wie bei

! anderen Fächern, ,die durch die Begeifterung der claffi-
fchen Volksfchulepoche nach den Befreiungskriegen für
die Volksfchule erworben wurden', die Schulpraxis hinter
der Theorie zurückblieb.

Aeufserft belehrend und intereffant ift die Gefchichte
des Schreibunterrichts, welche 148 Seiten umfafst und
eine Kenntnifs der betreffenden Literatur an den Tag

I legt, wie fie nur ein Specialift fich erwerben kann. Wer
für diefen wichtigen Gegenftand irgendwie Intereffe hat,
dem empfehlen wir die Leetüre diefes Auffatzes; der
Schreiblehrer wird daraus Nutzen für feinen Unterricht
ziehen.

Der Zeichenunterricht ift als Schuldisciplin erft durch
die Philanthropen eingeführt worden, wenn auch das
Zeichnen felbft lange Zeit vorher fchon geübt wurde,
und zwar mehr als wir denken, wie die hervorragenden
Leiftungen auf dem Gebiete des Kunftgewerbes im Mittelalter
beweifen. Wir fehen auch bei diefem Unter-
richtsgegenftand, wie fchwer es gehalten hat, demfelben
das Bürgerrecht in der Volksfchule zu verfchaffen und
die rechte Methode für denfelben zu finden. Eine allgemein
anerkannte mufs noch immer gefucht werden.

Die Abhandlung über die Entwickelung des Gefangunterrichts
bietet neben der gefchichtlichen Darfteilung
beachtenswerthe Belehrungen über die Art und Weife,
wie diefer mit Nutzen und Segen ertheilt werden kann.

Die weiteren Artikel über den Anfchauungs- und
Lefeunterricht, fowie über das Volksfchullefebuch be-
ftätigen in befonderer Weife, was wir über das Ganze