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Ausgabe:

1880 Nr. 20

Spalte:

491-493

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gaedeke, Arnold

Titel/Untertitel:

Maria Stuart 1880

Rezensent:

Möller, Wilhelm

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Seite 1, Seite 2

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49i Theologifche Literaturzeitung. 1880. Nr. 20. 492

plaren, und laut Fortg. Samml. 1732 S. 538 das von der | well freifprechen, fondern überhaupt in jeder Beziehung
Wittenberger Univerfität gegen Simon Lemnius erlaffene j zu idealifiren geneigt find, tritt der Verf. zwar entfchie-

Relegationsdecret in 600 Exemplaren gedruckt wurde,
beides Schriften, die doch auf weitere Verbreitung und
einen gröfseren Leferkreis berechnet waren.

Reichling kündigt als nächfte Arbeit, die wir von

den entgegen, aber nicht in der Rolle eines leidenfchaft-
lichen oder gehäffigen Anklägers, fondern in der eines
gewiffenhaft abwägenden, nach unparteiifcher Gerechtigkeit
ftrebenden Hiftorikers. Wenn unter den englifchen

ihm zu erwarten hätten, eine ,Ehrenrettung' des Kölner 1 Hiftorikern Froude von dem Vorwurf gehäffiger Partei
,vir obscurus' Arnold v. Tongern an. Die Materialien J lichkeit nicht frei zu fprechen ift, fo unterfcheidet fich
für eine folche Schrift find ihm unzweifelhaft in einem 1 Gädeke's Haltung davon fehr viel mehr, als man nach
Mafse zugänglich, wie wenigen Mitforfchern, und dafs I der Bemerkung von Opitz (S. V. Anm.) erwarten follte.
jenen Kölner Theologen, betreffs deren die Kirchenge- ! Beigegeben hat Gädeke, was fehr willkommen zu heifsen
fchichtsfchreibung nur zu fehr durch den Spott der ift, die vielbefprochenen Briefe und Sonette Maria's an
Epistolae v. 0. beeinflufst gewefen ift, eine würdigere ; Bothwell, fowie ihr Gedicht auf den Tod Franz II; fer-
Grabfchrift zu gönnen fei, als wie fie ihnen von den jün- ner die Depofition Crawford's. Appendix III (S. 381—
geren Humaniften gefchrieben worden ift, wird auch von 391 über die Echtheit der Chatoullenbriefe) reproducirt
evangelifcher Seite rückhaltlos anerkannt. Wir fürchten mit geringen Veränderungen zum gröfsten Theil wört-
nur, dafs dem Verf. für eine folche ,Rettung' Eins fehle, lieh das in den Grenzboten 1878, IV. S. 452 ff., 481 ff.
die Fähigkeit, auch den Gegnern gerecht zu werden und Gefagte. App. IV handelt im Anfchlufs an die von Gä-
mit völlig gleichem Mafse zu meffen. deke hochgefchätzte Arbeit des dänifchen Hiftorikers

Klemzig. Kawerau. I Schiern {Nyere hist. Studier I Kopenh. 1875) von Both-

well's ferneren Gefchicken in Dänemark; App. V von den
Porträts Maria Stuart's. Den Band felbft ziert die Pho-
Gaedeke. Prof. Arnold, Maria Stuart. Mit einem (pho- ; tographie des reizenden Bildes der ganz jugendlichen
togr.) Porträt Maria Stuarts nach Donaldfon. Heidel- 1 Maria.

berg 1879, C. Winter. (XI, 414 S. gr. 8.) M. 10. —

Opitz, Theodor, Maria Stuart. Nach den neueften Forfch-
ungen dargeftellt. Freiburg i Br. 1879, Herder. (VII,

Das Werk von Opitz umfafst, was der Titel nicht
ahnen läfst, die Gefchichte Maria's nur bis zum Schlufs
der Conferenzen von Weftminfler, und Hellt nur eventuell
, wenn das Buch gut aufgenommen werde, einen
345 S gr 8) M 4 50 zweiten Band in.Ausficht. Der betreffende Abfchnitt

j des Lebens der Königin mit den allgemeinen Voraus-
Dem vorhandenen Bedürfnifs einer deutfehen Mo- 1 fetzungen der Lage Schottlands, der Regentfchaft Ma-
nographie von Maria Stuart kommen die beiden oben ria's von Lothringen u. f. w. findet demgemäfs eine ergenannten
, nicht lange nach einander erfchienenen heblich ausführlichere Behandlung; freilich zugleich eine
Werke, welche die Tragödie diefes Lebens von fehr ! fehr viel befangenere, durch die confeffionelle Sympathie
verfchiedenen Standpunkten aus beurtheilen, entgegen, und Antipathie des Verf.'s höchft parteiifch gefärbte.
Jenes Bedürfnifs ift befonders dadurch gefteigert, dafs Es ift nichts leichter, als die englifche Politik eines Cecil
in den beiden letzten Decennien die Gefchichte Maria und das Verhalten der Königin Elifabeth felbft der
Stuart's Gegenftand einer ganzen Reihe von englifchen Zweizüngigkeit, Selbftfucht und Perfidie zu befchuldigen;
und franzöfifchen Publicationen geworden ift, welche zum kommt nun noch hinzu, dafs der Verf. auf feinem Stand-
Theil auf neu erfchloffenen Quellen ruhen und dazu in punkt den fchottifchen Proteftantismus ausfchliefslich nur
der Beurtheilung bis zum leidenfehaftlichen Gegenfatz von Seiten feiner in der That nicht liebenswürdigen
in Anklage und Apologie fortfehreiten, Publicationen, Schroffheiten und Gewaltthätigkeiten zu würdigen weifs,
über welche der Verf. des oben an erfter Stelle genann- ohne das geringfle Verltändnifs für die Kräfte religiös-
ten Werkes in den Grenzboten (1878, IV, Maria Stuart, fittlicher Regeneration, die er mit fich führt, fo kann
Zur Literatur der letzten fünfzehn Jahre) orientirende man fich nicht wundern, wenn alle Schatten in dem Bilde
Mittheilungen gemacht hat. Man vergleiche auch Mau- j des Verf.'s auf die eine Seite fallen. Der Verf. mifst mit
renbrecher's Bemerkungen bei Sybel, Hiftor. Zeitfchr. ! zweierlei Mafs. Dafs es jenfeits des Kanals im fchönen
14. Bd. S. 521—524 und Quarterly Review 1870, p. 508 ff. Frankreich und bei Maria's Freunden und Berathern
Diefen neueren Arbeiten gegenüber läfst auch das Befte, ] eine Politik und Diplomatie giebt, die an Unbedenklich-
was wir über den Gegenftand haben, Ranke's Darftel- j keit in der Wahl der Mittel und an Intereffenfelbftfucht
lung in feiner englifchen Gefchichte, auch abgefehen von J keiner andern etwas nachgiebt, davon fchweigt die Dar-
den durch die Oekonomie diefes Werkes gefleckten j ftellung. Bei der einzigen Gelegenheit, wo auch Opitz
Grenzen, den Wunfeh übrig nach einer erneuten mono- i nicht umhin kann, auch nach diefer Seite hin von der ,hohen
graphifchen Darfteilung, welche den Stoff in feinem ge- Politik' zu fprechen, ,welche die Jugend Maria's mifs-
genwärtigen Umfang beherrfcht. Gädeke bezeichnet ! braucht' habe (S. 14), bei jenen geheimen Stipulationen,
fein Werk felbft, faft zu befcheiden, als eine Erweiter- | welche Franz II und Maria eingingen, um Schottland

ung jenes kritifchen Auffatzes zu einer nicht zu umfangreichen
Biographie. Soweit Referent auf dem vorliegenden
Gebiete und bei einem Gegenffande, in welchem die

an Frankreich auszuliefern, im bewufsten Widerfpruch
mit den wenige Tage darauf zu befchwörenden und unbedenklich
befchworenen Verfprechungen an Schottland

Fäden auch der allgemeinen Politik und Diplomatie fo | und mit dem officiellen Heirathsvertrag — da gefchicht

vielfach zufammenlaufen, ein Urtheil wagen darf, er-
fcheint ihm das Buch von Gädeke fehr geeignet, dem
bezeichneten Bedürfnifse zu genügen. Der Verf. be

das mit der unfchuldigften Miene in den denkbar fanf-
teften Wendungen. — In allen Hauptpunkten finden wir
nun den Verf. in den Fufsftapfen der neueren Apolo-

herrfcht offenbar den Stoff in hohem Grade. Die im ! geten, insbefondere wie es fcheint des bedeutendften

ganzen knappe und prägnante Darftellung läfst vielleicht
hier und da den Wunfeh nach eingehenderer Orientir-
ung des nicht fachmännifchen Lefers über die allgemeinen
politifchen Beziehungen übrig, bietet aber auch
auf der andern Seite den Vortheil, dafs der Lefer vor
Abfchweifungen bewahrt bleibt. Den in neuerer Zeit fo

unter ihnen, Hofack's, deffen Buch in der oben angeführten
Befprechung in Quarterly Rev. bezeichnet wird
als tlie most ingenious if not the most able defence ever
yet set up. Dafs es fich fo verhält, glaubt Ref. mit
ziemlicher Sicherheit fchliefsen zu können, obwohl ihm
Hofack's Werk felbft nicht zugänglich war. So möge

gefchäftigen Apologeten der fchönen Königin, welche 1 denn das Buch, das übrigens aus guter Vertrautheit mit
diefe nicht nur von der Mitfchuld am Tode Darnley's ] dem Stoff heraus und begreiflicher Weife warm ge-
und der Schuld einer verbrecherifchen Liebe zu Both- i fchrieben ift, dazu dienen, auf deutfehem Boden mit den