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Ausgabe:

1880 Nr. 20

Spalte:

488-491

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Reichling, D.

Titel/Untertitel:

Johannes Murmellius. Sein Leben und seine Werke 1880

Rezensent:

Kawerau, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung. 1880. Nr. 20.

488

Die beigegebenen Tafeln enthalten: 1) einen Plan
der Katakombe von Venofa, II) lithographirte Facfimile's
der hebräifchen Infchriften aus der Katakombe von Venofa
. Dabei ift freilich fehr zu bedauern, dafs dem Verf.
keine neueren genauen Nachbildungen zu Gebote (landen
. Er Hellt nur die Copien von De Angelis und
Smith und von D'Aloe neben einander. Und diefe
weichen zum Theil fehr ftark von einander ab. Die
letzten 6 Tafeln enthalten photolithographifche Nachbildungen
der 7 Infchriften, von welchen dem Verf. Abdrücke
vorlagen. Davon dürfte befonders die fchon erwähnte
datirte Infchrift aus Brindifi 'Tafel V) wegen ihres
hohen Alters von Intereffe fein.

Aus dem reichen Material, welches diefe Infchriften
darbieten, und welches nach verfchiedenen Seiten hin
neues Licht verbreitet, feien nur ein paar Einzelheiten
noch hervorgehoben. Auf den Katakomben-Infchriften
von Venofa werden auch öfters jüdifche Beamte
erwähnt. Es wird hierdurch das Material, welches ich
in meiner ,Gemeindeverfaffung der Juden in Rom' (Leipzig
1879) hauptfächlich aus den römifchen Katakomben-
Infchriften zufammengeftellt habe, in fehr erwünfehter
Weife ergänzt. So kommt vor ein <l>av6Tivog yegov-
aiagxov agxiazgog (Ascoli Nr. 10), Faustinus Pat{er) . . . .
filius Vitt ge rusiarcontis (Nr. 15), AorjAovva ug-
%narjvmyovyov (Nr. 4), loorjcp agxrjovvaycoycog vicog
Icoarjcp agxtjOvv ayoyov (Nr. 12), KaAAiozov vmiov-
agxoaaivaywyov (Ascoli S. 49, Anm. 1). Statt pa-
ter synagogae findet fich hier p at e r fchlechthin
(Ascoli §. 50, Anm. 1), und flatt mater synagogae
die neulateinifche Bildung pateressa (Nr. 6). Wie
dies letztere auf ein relativ fpätes Zeitalter fchliefsen
läfst, fo ift auch wohl das gänzliche Fehlen der agyovrug
ein Beweis dafür, dafs diefe Infchriften dem Zeitalter des
Hellenismus bereits ferner flehen als die römifchen. An-
dererfeits findet fich hier der auf den römifchen Infchriften
fehlende Titel ngtaßvtsgng (Nr. 17: TiE-aoiD =
7ig£oßvzigov), noch häufiger das weibliche 7rgeaßvziga
(Ascoli S. 49, Anm. 2). Aus dem Vorkommen des weiblichen
Titels fchliefst Ascoli wohl mit Recht, dafs es
überhaupt keine Amtsbezeichnung, fondern ein Ehrentitel
war.

Die Orthographie der Infchriften ift womöglich noch
barbarifcher als die der römifchen. Ein befonderes Cu-
riofum ift, dafs hier auch eine griechifche Infchrift in
hebräifcher Schrift fich findet, Nr. 17:
irnaipie Dir.::

......v-iDrnDirj

hossn*")« -put*

d. h. zctffog ~£Y.orvdtvov 7rgeoßvzigov.....szebv oydoi-

{y.o)vta.

Auf den datirten Infchriften find zweierlei Aeren
angewandt: auf denjenigen aus dem 9. Jahrh. n. Chr.
durchgängig die Aera feit Zerftörung des Tempels, mit
Formeln wie ninn mnvui: oder mpi:n rra mmm: und
ähnlichen. Auf zweien derfelben (Nr. 25 u. 31) ift daneben
noch die Aera feit Erfchaffung der Welt gebraucht
, mit der Formel Dbi;1 nimab. Die jüngeren Infchriften
(Nr. 37, 40, 41, aus dem 12., 13., 15. Jahrh.)
rechnen alle nach der Erfchaffung der Welt, und zwar
mit der Formel m^b.

Auf den griechifchen Katakomben-Infchriften kommt
einmal auch die Formel ßia ßlov vor (Ascoli Nr. 2:
zaepog Ava öia ßiov occAiov). Diefelbe Formel findet fich
mehrmals auch fchon auf den früher bekannten Infchriften
; und ich habe diefelbe im Anfchlufs an Garrucci als
Bezeichnung eines lebenslänglichen Gemeinde-Amtes be
trachtet (f. m. Gemeindeverfaffung der Juden S. 23).
Ascoli will fie vielmehr als ein Votum nehmen, gleichbedeutend
mit dem auf einigen hebräifchen Infchriften
vorkommenden cbir "nb = ,zum ewigen Leben!' (Ascoli
S. 112. III). DiefeDeutungiftjedenfallsaufeinerderfrüher
bekannten Infchriften undurchführbar (Mommfen, Inscr.

I RN. 2555 : 77. Claudius Philippus dia viu et gcrusiarclies),
was Ascoli auch dadurch anerkennt, dafs er die Richtigkeit
ihrer Lefung bezweifelt. Hauptfächlich fcheint
| mir aber dagegen zu fprechen, dafs es dann nicht dtd
j ßioe, fondern sig twi]v heifsen müfste. Bios und Ccorj
j find doch zwei fehr verfchiedene Begriffe. In dem ganzen
Gebiete der jüdifch-chriftlichen Gräcität ift mir nicht
eine einzige Stelle bekannt, in welcher ßiog vom ewigen
Leben gebraucht wäre. Unzähligemal aber wird es durch
tm>[ bezeichnet (f. Wahl's Clavis libronun Vet. Test,
apoeryphorum, und Grimm's Lexicon in libros Ntn>. Test,
s. v. ßiog und Ltoih. Und gerade in der Danielftelle, aus
welcher Ascoli den Gebrauch der Formel ableitet (Dan.
12, 2), heifst es fowohl im echten Septuaginta-Text des
1 codex Chisianus, als in der in die LXX übergegangenen
Verfion des Theodotion: eig Qcorjv aiiov cov. Auch wird
felbft in dem barbarifchen Griechifch diefer Infchriften
das oW flatt elg oder sv fich kaum rechtfertigen laffen.
Jch halte es daher nicht für möglich, der Formel die von
] Ascoli verfuchte Deutung zu geben.

Giefsen. E. Schürer.

Reichling, Gymn.-Lehr. Dr. D., Johannes Murmellius.

Sein Leben und feine Werke. Nebft einem ausführlichen
bibliographifchen Verzeichnifs fämmtlicher
Schriften und einer Auswahl von Gedichten. Hrsg.
mit Unterftützung der Görres Gefellfchaft. Freiburg
i;Br. 1880, Herder. (XIX, 184 S. gr. 8.) M. 3. —

Schon vor 10 Jahren hat der Verf. in feiner Doctor-
differtation Leben und Schriften des bekannten Huma-
niften Murmellius behandelt und dafür von den evange-
lifchen Forfchern auf dem Gebiete des niederrheinifchen
Humanismus Kraffit und Crecelius (in ihren ,Beiträgen
zur Gefchichte des Humanismus am Niederrhein und in
Weftfalen', Heft II, S. 29) das Lob geerntet, dafs er mit
grofsem Fleifse das Material gefammelt und die bis dahin
vollftändigfte Ueberficht über die zahlreichen Schriften
des Murmellius geliefert habe. Jene Gelehrten hatten
felbft für die Aufhellung der Lebensgefchichte diefes
Humaniften nicht Unerhebliches geleiftet, indem fie nicht
nur die Aufzeichnungen veröffentlichten, welche einft der
gelehrte Benedictinerprior zu Klofter Laach, Johannes
Butzbach, in feinem Auctarium de Scriptoribus Ecclcsiasti-
cis wie über viele zeitgenöffifche Gelehrte, fo auch über

' Murmellius niedergefchrieben hatte, fondern auch auf
eine bis dahin ganz unbekannt gebliebene Schrift des-
felben, feine Epistolae moralcs, aufmerkfam gemacht und
die darin enthaltenen Freundesbriefe, die für feine Lebensgefchichte
von grofser Bedeutung find, wieder abgedruckt
hatten (Heft I S. 60. 61, II S. 29—67, auch
Krafft, Briefe und Documente S. 127—132). Seitdem
hat Reichling feine Studien in derfelben Richtung unab-
läffig fortgefetzt, auf allen hervorragenderen deutfehen
und mehreren ausländifchen Bibliotheken nach den
Schriften des Murmellius nachgeforfcht und nun das Re-
fultat diefer durch ein Decennium weitergeführten Un-
terfuchungen in vorliegender deutfehen Darfteilung des
Lebens und der Schriften desfelben zufammengefafst.
Wie diefe angeftrengten Forfchungen volle Anerkennung
verdienen, und insbefondere dem bibliographifchen Anhange
S. 131 —165 eine mufterhafte Gründlichkeit nachgerühmt
werden mufs, fo macht auch die gefchichtliche
Darftellung überall den wohlthuenden Eindruck, das Re-

| fultat einer ebenfo ernften wie liebevollen Befchäftigung
mit dem Gegenftande zu fein. Der Lebensgang des
noch in frühem Mannesalter feiner ruhmvollen pädago-
gifchen und fchriftftellerifchen Arbeit durch plötzlichen
Tod Entriffenen, ift, dank den oft fehr muhfamen Nach-
forfchungen Reichling's, nunmehr foweit erforfcht, als
es überhaupt noch möglich zu fein fcheint; fein Bildungsgang
in der berühmten Schule zu Deventer unter He-