Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1880 Nr. 20

Spalte:

477-478

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Feyerabend, K. W.

Titel/Untertitel:

Die Bekehrung des Apostels Paulus und sein Evangelium 1880

Rezensent:

Weiß, Bernhard

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

477

Theologifche Literaturzeitung. 1880. Nr. 20.

478

müdlichen Sammlerfleifses zur wahrhaften Förderung
diefer fchwierigen Fragen zu vollenden.

Berlin. Dr. Weifs.

Feyerabend. Oberlehr. K. W., Die Bekehrung des Apostels
Paulus und sein Evangelium. Mitau 1879, Druck von
Steffenhagen & Sohn. (33 S. gr. 4.)

Wenn man die Einleitung diefer mit Genehmigung
der Generalfuperintendentur und der ruffifchen Cenfur
gedruckten Gymnafialprogrammabhandlung lieft und fieht,
wie der Verf. die altorthodoxe Schriftauffaffung und die
Hegel'fche Gefchichtsphilofophie als die Gegenfätze fich
gegenüberftellt, zwifchen denen es keine Vermittlung
gebe, fo erwartet man wohl nicht, was die Schrift wirklich
bringt, eine durchaus fachliche, am Schluffe fogar
dem Gegner alles Lob fpendende, nicht ohne Scharffinn
in feine Gedankengänge eingehende und diefelbe prüfende
Auseinanderfetzung mit Pfleidercr's Paulinismus. Wieweit
er feinem Gegner überall in feiner Polemik ganz gerecht
geworden und wieweit ihn diefelbe an wirklich fchwa-
chen Punkten trifft, das mufs Ref. umfomehr dem Lefer
zu prüfen überlaffen, als er fich feinerfeits ja felbft am
geeigneten Orte mit Pfleidercr's fehr fchätzenswerther
Arbeit eingehend auseinandergefetzt hat.

Von Intereffe wird es aber unfern Lefern fein, zu hören
, wie fich der Verf. felbft im Gegenfatz zu Pfleiderer
die Genefis des paulinifchen Evangeliums denkt. Er
findet den Hauptfehler der Pfleiderer'fchen Conftruction
darin, dafs der Glaube als ein theoretifches Fürwahrhalten
gefafst werde, von dem es, auch durch den von
Pfleiderer poftulirten ,ticffittlichen Gehorfamsact', keinen
Uebergang zu dem fpeeififeh-paulinifchen Begriffe des
Heilsvertraucns gebe, wobei er übrigens von vornherein
jenes Fürwahrhalten fowohl an fich als in feiner hohen Bedeutung
bei Paulus und feiner naturgemäfsen engen Beziehung
zu dem Heilsvertrauen durchaus nicht genügend
würdigt. Um nun zu einer richtigeren Auffaffung des
Glaubcnsbegrifts zu kommen, knüpft er an die Stellung
des Apoftels zum Gefetz an, bei welcher Pfleiderer über
eine ungelöfte Antinomie nicht hinauskomme, und
fucht zu zeigen, wie die Anerkennung der göttlichen Berechtigung
des Gefetzes und der Freiheit von ihm fleh
dahin vermittele, dafs jenes objectiv und principiell mit
feinen Anfprüchen im Tode Chrifti abgefunden, im Men-
fchen felbft aber dadurch, dafs diefer in dem Mitfterben
mit Chrifto und der Kreuzigung des alten Menfchen den
Tod erlitten habe, den ihm das Gefetz zufpricht. So
gewifs letzteres Gal. 2, 19 gefagt ift, fo wenig findet fich
m. E. jene aus einer im N. T. nicht befthtigten altdog-
niatifchen Gedankenreihe eingetragene Vorftellung (die
ihm übrigens auch Pfleiderer zufchreibt) irgendwo bei
Paulus. Am meinen Werth aber legt der Verf. auf die

für ein Moment im Glauben zu erklären, obwohl der-
felbe überall bei P. die Bedingung jener und der
reine Gegenfatz diefer ift, und ebenfowenig das Quid-
proquo, mitteilt deffen der Verf. die Hingabe des alten
Menfchen (nach feiner unfittlichen Lebensrichtung; und
die Selbftaufgabe des natürlichen Menfchen (nach feinem
Streben durch eigne Werke das Heil zu erwerben) mit
einander confundirt, wodurch allein er den Schein erregen
konnte, als ob diefe beiden (angeblichen) Seiten
des Glaubens fich gegenfeitig bedingen. Auch die Formel
, dafs der Antinomismus des Paulus wohl Negation der
Gefetzeswerke, aber nicht des Gefetzes als folchen fei, hilft
wenig, da jene Behauptung fchon gegenüber Rom. 2, 13.
8, 4. 13, 8 f. ganz unhaltbar ift, und wegen diefer der Verf.
mit den Galaterftellen in eine Collifion geräth, aus der
er fich recht ungenügend in einer Anmerkung heraushilft
. Wenn endlich der Verf. den Kern feiner Antithefe
gegen Pfleiderer dahin präcifirt, dafs der Glaube bei
Paulus nur aus der unmittelbaren perfönlichen Berührung
mit dem Herrn erwachfen könne, fo ift das gegenüber
der bekannten paulinifchen Lehre, dafs der Glaube durchs
Wort gewirkt werde, doch eine recht mifsverftändliche
Thefe, wenn fie nicht auf die Perfon des Paulus be-
fchränkt und in die doch wefentlich andere umgefetzt
wird, dafs Paulus nur ,durch eine objective perfönliche
Kundgebung desfelben' bekehrt werden konnte.

Doch, wie gefagt, wenn wir auch nicht zugeben können
, dafs der Verf. zu einer befriedigenden Auffaffung
der Genefis der paulinifchen Lehranfchauung gelangt ift,
wie fich auch aus dem ganz unzureichenden Verfuch zeigt,
aus feiner Auffaffung ihres Grundgedankens den Univer-
falismus derfelben und die paulinifche <wo£-Lchre abzuleiten
, fo mufs man doch der eingehenden, auch den
Gegner würdigenden und durchaus nicht die Confequen-
zen jener an die Spitze geftellten Schriftauffaffung ziehenden
Arbeit alle Gerechtigkeit widerfahren laffen.

Berlin. Dr. Weifs.

Pölzl, Prof. Dr. Frz. X., Kurzgefasster Commentar zu den
vier heiligen Evangelien zum Gebrauche für Theologie-
Studirende. In 4 Bdn.) 1. Bd. Evangelium des heil.
Matthäus, mit Ausfchlufs der Leidensgefchichte. Graz,
1880, Verlagsbuchh. Styria. (XXVI, 320 S. gr. 8.)
M. 4. 50.

Diefes Buch entbehrt jeder wiffenfehaftlichen Selb-
ftändigkeit. Nach eingehender Prüfung und Vergleich-
ung ift Ref. in der Lage, den Nachweis zu liefern, dafs
es im Wefentlichen nichts weiter ift als ein zum Gebrauch
für Studenten der katholifchen Theologie zurechtgemachter
Auszug aus dem Meyer'fchen Commentar
zum Matthäusevangelium. Der Verf. ift augenfehein-
Combination, dafs diefe Selbftvernichtung des Menfchen lieh bemüht, feine Abhängigkeit von Meyer zu verftecken.

ihm nur möglich werde, wenn er gleichzeitig in Chrifto In der Vorrede gefleht er zu, dafs er häufig auf den
das Princip des Heils und des neuen Lebens ergreift, alten Exegeten Maldonat zurückgegangen fei, bemerkt
oder mit andern Worten, dafs der Glaube nach der einen auch, dafs er von dem 24. Capitel an den Commentar
Seite die Selbfthingabe des alten Menfchen in den ihm über Matthäus von Schanz zu Rathe gezogen habe,
vom Gefetz dictirten Tod, von der andern das Vertrauen Meyer nennt er in der Vorrede nicht, im Verlauf der
allein auf die Gnade ift, oder (als die pfychologifche Arbeit meift nur neben Anderen, niemals aber fo, dafs
Form des neuen religiöfen Lebens) auf der einen Seite er eine befondere Abhängigkeit von ihm zu erkennen
die ftets erneuerte Vollziehung jenes Gerichtfpruchs, gäbe. Dadurch kennzeichnet fich der Verf. felbft als
auf der andern die ftets erneuerte Verfenkung in Chri- einen Plagiator, der keine Schonung verdient. Ref. hat
ftum. Dafs der Verf. hier dem Hauptfehler, der fich ihm gegenüber nur die Aufgabe zu erfüllen, ihn als fol-
der Pfleiderer'fchen Auffaffung des paulinifchen Glau- chen zu entlarven.

bensbegriffs vorwerfen läfst, nämlich feiner Vermifchung I Eine Vergleichung feines Buches mit dem Meyer'-
des Glaubens und der auf Grund desfelben durch die fchen Commentar zeigt auf den erften Blick eine merk-
Gnade gewirkten Lebensgemeinfchaft mit Chrifto, fehr würdige Uebereinftimmung Beider nicht nur in der Art
viel näher fleht, als er glaubt, liegt am Tage; aber den j der Auslegung im Allgemeinen, fondern auch in vielen
Fehler hat fich doch meines Erinnerns Pfleiderer nicht Einzelheiten. An und für fich hat dies ja noch nichts
zu Schulden kommen laffen, die Tödtung unferes alten befonders Auffallendes. Hätte der Verf. auch nur die
Menfchen, die doch entweder eine Gnadenthat Gottes 1 exegetifche Methode Meyer's befolgt und deffen Com-
oder in eminentem Sinne eine menfehliche Leiftung ift, ! mentar bei feiner eigenen Arbeit fich zum Mufter ge-