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Ausgabe:

1880

Spalte:

449-452

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rothe, Rich.

Titel/Untertitel:

Theologische Encyklopädie. Aus seinem Nachlasse hrsg. von Herm. Ruppelius 1880

Rezensent:

Lemme, Ludwig

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von Prof. Dr. E. Schür er in Giefsen.
Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 10 Mark.

N°- 19. 11. September 1880. 5. Jahrgang.

Rothe, Theologifche Encyclopädie, herausg.
von Ruppelius (Lemme).

Müller (Max), Vorlefungen über den Urfprung
und die Entwickelung der Religion(Baudiffin).

Meyer, Kritifch-exegetifcher Kommentar über
das Neue Teflament, 3. Abth. Die Apoftel-
gefchichte, 5. Aufl. neu bearb. von Wendt
(Holtzmann).

Gebhardt und Harnack, Evangeliorum codex Meaux, Les luttes religieuses en France au
Graecus purpureus Rossanensis (Schürer). | seizieme siecle (Darf.).

Hagenmeyer, Peter der Eremite, ein kritifcher I HoHenb,"£> P** uf°ciak; ^fetzgebung und
Beitrag zur Gefchichte des erften Kreuzzuges ' *e. CT^^e,.E^ <?tttil,S!eli)• x ,
(Karl Müller). ! C ' kh"ftl>ch«.»««Siehre>„e™ A^S^S

K ' des Briefes Pauli an Titus (P. Wetzel).

Segeffer, Ludwig Pfyfier und feine Zeit, Bd. I. | Kölling, Die theologifche Wiffenfchaft und die
Die Schweizer in den drei erften franzüfifchen ! Kirche in ihrem Verhältnifs zu einander
Religionskriegen 1562—1570 (Schott). (Koehler).

Rothe, Rieh., Theologische Encyclopädie. Aus feinem Nach-
laffe hrsg. von Pfr. Herrn. Ruppelius. Wittenberg
1880, Koelling. (VIII, 158 S. gr. 8.) M. 2. 70.

Bei vielen der posthuma, die in den letzten Jahren
edirt find, kann man zweifeln, ob wirklich dem Intereffe
fowohl der Urheber wie der Wiffenfchaft mit der Herausgabe
von Werken gedient ift, die urfprünglich nicht
zur Veröffentlichung beftimmt waren. Ich mufs geliehen,
dafs mir dies Bedenken kam, fowie mir Rothe's Ency-
klopädie in die Hände fiel. Ich wäre der letzte, der
Rothe's theologifche Bedeutung nicht in vollem Mafse
anerkennte, aber in feinen encyklopädifchen Grundan-
fchauungen konnte man fie gewifs am allerwenigften erkennen
. Gerade die wichtigften derfelben, die Auffaffung
der Dogmatik als der hiftorifch-kritifchen Wiffenfchaft
von den Dogmen, welche das kirchliche Lehrfyllem zu-
erft als einen gegebenen Dogmencomplcx darzuftellen
und fodann an den Mafsftäben der heiligen Schrift, des
chrifllich frommen Gefühls und der Wiffenfchaftlichkeit
zu beurtheilen hat, und die Einreihung der Ethik in
die fpeculative Theologie, deren Aufgabe die gedanken-
mäfsige Verftändigung über die chriftliche Frömmigkeit
nach der Gefammthcit ihrer wefentlichen Seiten und Momente
ift, und in die daher die geiftige Fortbewegung

theile mit der ficheren, feften Hand des Meiners, der
die einzelnen Disciplinen völlig beherrfcht. Indem Rothe
alles eigentliche wiffenfehaftliche Denken, das Denken
des Einzelnen aus dem Ganzen, das es zu einem wirklichen
Begriffsfyftem bringt, als Speculation anfleht, tritt
für ihn im Organismus der theologifchen Disciplinen die
fpeculative Theologie voran. Nicht die hiftorifche Theologie
foll an die erfte Stelle treten : denn die Gefchichte
für fich allein vermag nach Rothe fich nicht felbft wahrhaft
zu verftehen, fondern nur mit Hülfe der Speculation
; die einzelnen gefchichtlichen Erfcheinungen können
nur aus dem Ganzen der Weltgefchichte recht verftanden
werden, das Ganze der Weltgefchichte aber bleibt un-
verftanden ohne den Schlüffel einer vollftändigen Weltanficht
, und diefe bietet einzig die fpeculative Theologie.
Diefe ift eine Nothwendigkeit für die Kirche zum Zweck
der Verftändigung mit fich felbft über fich felbft, wie
auch zum Zweck der Verftändigung mit der fie umgebenden
Welt. ,Die Kirche mufs fich der Welt verftänd-
lich machen. Dies aber kann fie nur, indem fie, ihre
eigenen Grenzen überfchreitend, einihrmitderWeltgemein-
fames Gebiet des Wiffens anlegt, d. h. indem fie fich
felbft ein eigenthümliches Gebiet anbaut innerhalb der
fogenannten weltlichen Wiffenfchaft.' Für dielen Zweck
kann fie nur die ,Provinz diefer auswählen, in welcher

des theologifchen Denkens fällt, find ihm faft ftets mehr ; die Ermittelung der allgemeinen Prinzipien für alles be-
zu Gute gehalten, als dafs er mit denfelben Erfolg gehabt
hätte und hätte haben können. Sollte aber ein
Erfolg, den Rothe durch das Meifterwerk feiner Ethik
und die in ihrer Art claffifchen Auffätze ,zur Dogmatik'
nicht errungen hat, durch die Edition nachgelaffener
Vorlefungen zu erwarten fein, in denen zur Begründung
feiner Anflehten neue Gcfichtspunkte, die nicht fchon
aus jenen Schriften bekannt wären, nicht entgegentreten?

Diefen Bedenken fleht die Thatfache gegenüber,
dafs die Vorlefung über Encyklopädie (neben der über
das Leben Jefu) Rothe's belicbteftes Colleg gewefen ift.
Und ich mufs geliehen, dafs angefichts des vorliegenden
Buchs diefe Thatfache völlig begreiflich wird. Sehen
wir ab von der Richtigkeit oder Unrichtigkeit der erwähnten
Anfchauungen, fo ift diefe Encyklopädie in der
That das dem Begriff der Plncyklopädie als formaler
Wiffenfchaft Entfpiechendfte überhaupt und reiht fich
dem Bellen an, was feit Schleiermacher's kurzer Darfteilung
des theologifchen Studiums in diefem Gebiet ge-
leiftet ift. In klarer P'affung der Aufgabe der theologifchen
Encyklopädie als ,Darftellung des Gefammtorga-
nismus der Theologie in feiner inneren Gliederung in eine
Vielheit einzelner theologifcher Wiffenfchaften' (S. 7)
entfaltet Rothe aus der Wurzel des zu Grunde gelegten
Begriffs der Theologie die Gefammtheit ihrer Beftand-

fondere Wiffen und alle befonderen Wiffenfchaften die
Aufgabe ift, d.i. die fpeculative Disciplin' (S. 11). Rothe
fagt dem entfprechend S. 12: ,Theologie ift die Theologie
genau nur in dem Mafse, in welchem fie Wiffenfchaft
ift, Wiffenfchaft aber kann fie nur dadurch fein,
dafs fie fich auf der Höhe des jedesmaligen Standes der
Entwickelung des Denkens hält.' ,Iftkeine fpeculative Theologie
da, fo kommt die Theologie in die Lage, die Philofophie
um Begriffe und Lehrfätze zu bitten, und da zeigt fich in
den meiften Fällen, was man für Waare bekommen hat'.
Meiner Meinung nach ift die Forderung einer fpeculativen
Theologie ebenfo nothwendig, wie die Behauptung berechtigt
ift. dafs die Gefchichte ohne dieZugrundelegung
einer zufammenhängenden Weltanficht mehr Chronik als
hiftorifche Theologie ift. Aber Rothe's Begriff von Speculation
überhaupt, wie von theologifcher Speculation
insbefondere ift ganz unhaltbar und damit auch feine
Faffung der fpeculativen Theologie .wie ihre Stellung im
Organismus der theologifchen Disciplinen.

Die hiftorifche Theologie zerfällt nach Rothe in die
biblifche oder exegetifche, in die kirchenhiftorifche und
die pofitive Theologie. In der erfteren ift die Gleichordnung
der biblifchen Kritik und Hermeneutik, die doch
nur Hülfswiffenfchaften find, mit der biblifchen Literatur-
gefchichte, der biblifchen Archäologie und der biblifchen

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