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Ausgabe:

1880 Nr. 14

Spalte:

339

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gerok, Karl

Titel/Untertitel:

Albert Knapp als schwäbischer Dichter. Vortrag, gehalten am 12. Nov. 1879 im Museum zu Stuttgart 1880

Rezensent:

Meyer, Ernst Julius

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339

Theologifche Literaturzeitung. 1880. Nr. 14.

340

Nachläffigkeit in der Form tadelt, die ficher als eine blendende
und beftechende nicht bezeichnet werden kann,
der Verf. müfste denn dies lediglich auf den häufigen
Gebrauch der Fremdwörter beziehen, die er an der
betreffenden Stelle rügt, und die fich allerdings vielfach
bei Kapff, aber nicht fo bei Kahnis finden. Auch
können wir dem Verf. nicht beiftimmen, wenn er Ludwig
Harms mit Claus Harms zufammenftellt. Die Macht
der Predigt eines Ludwig Harms liegt in der Energie
eines ftarken, dem Herrn hingegebenen Willens, die er
in feine Predigt hineinlegt; aber die urfprüngliche, aus
den Tiefen der Volksmyftik fchöpfende Genialität eines
Claus Harms hat fein Namensvetter, vorwiegend ein
nüchterner, klarer Verftand, durchaus nicht.

Wir wünfehen dem Werke, das nicht blofs ein
werthvoller Beitrag zur Gefchichte der Predigt ift, fondern
auch für die Predigt der Gegenwart felbft direct
und indirect bedeutfame Winke und mannigfache Anregung
giebt, die Theilnahme und Aufmerkfamkeit, die
es entfehieden verdient, fpeciell auch von Seiten der
jüngeren Theologen.

Dresden. Meier.

Gerok, Prälat Dr. Karl, Albert Knapp als schwäbischer

Dichter. Vortrag, gehalten am 12. Nov. 1879 im
Mufeum zu Stuttgart. Stuttgart 1879, Knapp. (37 S.
8.) M. —. 60.

,Willft den Dichter du verftehen, mufst in Dichters
Lande gehen'. Dies Goethe'fche Wort beftätigt fich an
dem vorliegenden Vortrag, und es ift ein Genufs, zu verfolgen
, wie ein fchwäbifcher Dichter der Interpret des
andern wird. Mit feinem bekannten feinfinnigen, liebevoll
eingehenden Verffändnifs zeichnet G. in lebensvoller
Anfchaulichkeit die edle Geftalt des originellen, liebenswürdigen
Mannes nach feinen allgemein menfehlichen
Zügen, indem er feinen äufseren und inneren Lebensgang
darfteilt, und würdigt fodann feine poetifche Individualität
, nicht fowohl als geiftlichen Lyriker, fondern
als Dichter überhaupt, fpec. als fchwäbifchen Dichter,
der mit feiner tiefen, ftrengen Religiofität jenen köftlichen,
im Schwabenlande wie fo in keinem andern deutfehen
Lande heimifchen Humor, und einen freien, offenen Blick
für alles Reinmenfchliche verband, insbefondere für Natur
, Gefchichte und Kunft. An verfchiedenen Proben
feiner Dichtungen, unter denen namentlich auch die von
Sendling bewunderten ,1 Iohenftaufenlieder' hervorragen,
wird gezeigt, wie reich und lebendig fich Knapp's Mufe
auf diefen Gebieten entfaltet.

Von befonderem Intereffe find die Mittheilungen
über Knapp's Beziehungen zu zeitgenöffifchen Dichtern
, Unland, Schwab, Nicolaus Lenau u. f. w. Charak-
teriftifch ift namentlich feine Berührung mit Friedrich
Rückert, der die Vorzüge feiner Poefie, den Schwung
und Reichthum feiner Phantafie, feine plaftifche Kraft,
die Fülle und Anmuth feiner Darfteilung lebhaft anerkennt
, aber fich an ihrer ausgeprägt religiöfen .Tendenz
' ärgert. Diefe Tendenz, die Rückert in fehr herben
Worten ftraft, bezeichnet auch G. neben einer ge-
wiffen, mitunter rhetorifchen Ueberfülle des Ausdrucks
als einen Mangel an der reichen und fchönen Mufe
Knapp's. Mit Nachdruck tritt jedoch dabei G. gegenüber
dem andern Extrem einer einfeitig äfthetifchen
Richtung, die vornehm auf die ,Nazarener' herabfieht
und nicht minder tendenziös ift, für das Recht der religiöfen
Dichtung ein. Eine principielle Verftändigung
über diefe tiefgehende, von beiden Seiten verfchuldete
Differenz auf Grund einer rechten, evangelifch fundirten
Würdigung des Verhältnifses von Natur und Gnade,
von Humanem und Chriftlichem, fpeciell von Religion
und Kunft, ift in hohem Grade wünfehenswerth.

Dresden. Meier.

Hermann, Superint. Gotthelf Thdr., Leben und Wirken
von D. Karl Braune, weil. Geh. Confiftorialrath und
Generalfuperintendent. Ein Gedächtnifsblatt. Altenburg
1880, Bon de. (80 S. 8.) M. 1. —; geb. M. 1. 50.

Ein ,Gedächtnifsblatt' für den am 26. April 1879
entfchlafenen Oberhirten der Sachfen-Altenburgifchcn
Landeskirche. Auf 80 Seiten faft zu knapp, ,um nicht
auf Schritt und Tritt den Wunfeh nach einer reicheren
und volleren Ausführung zu wecken, giebt es doch fo
vieles aus dem perfönlichen Leben und der öffentlichen
Wirkfamkeit Braune's, dafs uns, den Fernerftehenden, ein
lebensvolles und harmonifches Predigerbild vor die Seele
tritt, während es den Näherftehenden überall Anhaltspunkte
für eine freundliche Erinnerung bieten kann. Ein
folch enger begrenztes landeskirchliches Gebiet hat den
grofsen Vortheil, dafs eine reichangelegte, geiftesmäch-
tige, feinfinnige Perfönlichkeit fich nicht fo leicht ins
Weite zerfplittert, fondern in der Befchränkung eine
meifterhafte Wirkfamkeit entfalten kann. Wir bekennen
gerne, dafs uns in einer Fülle von Zügen aus D. Braune's
Leben etwas von dem Ideal eines echten Bifchofs nach
evangelifchem Sinne entgegengetreten ift. Und dafs diefe
Zeichnung nicht auf Koften der Wahrheit ins Schöne
gemalt ift, fehen wir darin, dafs mit aller Pietät auch
diejenigen Züge namhaft gemacht werden, welche in
diefer edlen theologifchen Geftalt die Erreichung jenes
Ideals verhinderten. Ift doch gerade die Werthfehätzung
der kirchenrechtlichen Seite des geiftlichen Amts, welche
dem Verewigten weniger fympathifch war, ein befonders
wichtiges Erfordernifs bei den Vertretern des Kirchenregiments
. Dafs die Schilderung der proteftantenverein-
lichen Beftrebungen, welche das letzte Jahrzehnt des
Entfchlafenen mächtig bewegten und trübten, nicht unangefochten
bleiben würde, mufste der Verfaffer wohl in
Rechnung nehmen. Sie gehörte in das Lebensbild des Mannes
, der, fonft fo friedfertig und dem Extremen nach allen
Seiten hin abhold, die Lebensintereffen feiner Gemeinde
von der in jenem Verein vorwiegend zum Ausdruck
gekommenen Zeitanfchauung tief gefährdet anfah; und
fie ift nach unfrer Auffaffung eine mafsvolle und wohlerwogene
. — Sollte das Schriftchen weitere Nachfrage
finden, welche ihm zu wünfehen ift, fo wäre ficherlich
eine Erweiterung durch Proben aus der vielfeitigen Wirkfamkeit
D. Braune's den Lefern willkommen.

Stuttgart. R. Lauxmann, Stiftsdiakonus.

Köhler, Schulrath Sem.-Dir. a. D. J. A., Erlebtes. I. und

II. [I. Biographifche Mittheilungen aus der Zeit der
Jugendbildung. —II. Mittheilungen aus dem pfarramtlichen
Leben und Wirken.] Grimma 1878 und 79,
Genfei. (VIII, 72 u. VI, 138 S. gr. 8.) M. 3. —

Vorliegende beide Hefte find dem Bedürfnifs des
greifen Verfaffers entfprungen, fich felbft über die ver-
floffenen Jahrzehnte treuen und tüchtigen Arbeitslcbens
in Kirche und Schule Rechenfchaft zu geben. Wir
zweifeln nicht, dafs viele unter den Freunden und Schülern
des Verfaffers eine Freude an den Blättern haben
werden. Ob es freilich in folchen Fällen rathfam ift,
auch vor die gröfsere Oeffentlichkeit mit Erinnerungen
aus dem eigenen Leben zu treten, hängt von dem Mafse
ab, in dem es gelungen ift, das Einzelne in das Allgemeine
einzufügen und mit grofsen Gefichtspunkten zu
beleben. Und hier wird fich eine ftrengere Beurthcilung
diefer Hefte nicht verhehlen, dafs eine'allzu formaliftifche
Art der Behandlung das Gegentheil von dem, was be-
abfichtigt wurde, beim Lefer hervorrufen mufs: vorlauter
logifchen Partitionen kommen wir oft nicht zu einem
klaren wohlthuenden Einblick in das gegebene Zeitbild.
— Immerhin bietet aber jedes der beiden Hefte ein
eigenthümliches Intereffe. Das erlte zeichnet uns die Für-
forge des bekannten Schulmannes Dinter für den Verf.