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Ausgabe:

1880 Nr. 14

Spalte:

333-339

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nebe, August

Titel/Untertitel:

Zur Geschichte der Predigt. Charakterbilder der bedeutendsten Kanzelredner. 3 Bde 1880

Rezensent:

Meyer, Ernst Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1880. Nr. 14.

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phorus und Kiryllus Lukaris, ftatt, welche die Union
verwarf, obwohl der hierbei eifrigfte Bifchof früher ent-
fchiedener Beförderer der Union gewefen und auch das
einflufsreichfte Mitglied, der Fürft Konftantin Oftrofchfkij
(der jüngere), früher felbft eine Union zwifchen Orient
und Occident gewünfcht. Damit war eine Spaltung innerhalb
der orthodoxen Kirche Litthauens eingetreten,
welche noch zu heftigen Kämpfen führen follte.

Was die Verarbeitung des mit Sorgfalt gefammelten
und mitgetheilten Materials anlangt, fo wäre eine mit mehr
hiftorifcher Kunft gegebene Darftellung erwünfcht gewefen
. In breitem Flufs der Erzählung werden die Er-
eignifse vorgeführt, zwar nicht ohne Gefchick, aber ohne
lebendige Gruppirung um organifirende Ideen. Der chro-
nologifche Verlauf der Dinge beftimmt zu fehr die Ge-
ftalt der Gefchichtsdarftellung. Auch Unwefentliches
wird ausführlich behandelt, und ohne Schaden liefse fich
das Werk faft auf die Hälfte feines Umfangs reduciren.
Doch ift dies eine Eigentümlichkeit beinahe der gefamm-
ten Hiftoriographie in ruffifcher Sprache und darf daher
die Anerkennung diefes verdienftvollen Werkes nicht
fchmälern.

Dorpat. Bonwetfch.

Hase, Geh. Kirchenr. Prof. Dr. Karl, Rosenvorlesungen
kirchengeschichtlichen Inhalts. Leipzig 1880, Breitkopf
&.Härtel. (VI, 178 S. 8.) M. 4. —; geb. M. 5. 25.

Es find Vorträge kirchenhiftorifchen Inhalts, gehalten
zu verfchiedenen Zeiten und über Gegenftände aus ver-
fchiedenen Zeitaltern, welche der feinfinnige Meifter hier
wie zu einem Straufse vereinigt hat unter dem duftenden
Namen, welcher freilich nur herrührt von der Rofe in
Jena, jener Localität, in welcher fie gehalten find. Der
falfche Meffias, von welchem der erfte Vortrag handelt,
ift der Sternenfohn, Barcochba; feine Geftalt dient dem
Verfaffer dazu, an ihr die gefchichtliche Bedeutung der
meffianifchen Idee und ihres doppelten Ausganges —-
im Fleifche und im Geifte — zur Darftellung zu bringen.
Im 2. Vortrag ift mit Meifterftrichen die grofse Geftalt
Gregor's VII kräftig gezeichnet, mit jener hiftorifchen
Gerechtigkeit, ja jener Bewunderung, welche der pro-
teftantifche Polemiker den grofsen Ideen und Menfchen
des Mittelalters zu gewähren weifs ohne Verleugnung
des proteftantifchen Standpunkts. Im dritten Vortrag
tritt aus dem hiftorifchen Rahmen der Reformbewegungen
des 15. Jahrhunderts mit ihrem grofsen Anlauf
und ihrem fchliefslichen Erliegen das Bild des Aeneas
Sylvius Piccolomini hervor, des Reformers, Humaniften
und Weltmanns, der als Vertreter des rückwärts gewandten
Papftthums auf dem Stuhle Petri endete. Der
Kunftfinn des Verfaffers vereinigt fich mit dem weiten
Blick des Hiftorikcrs, um im 4. Vortrage: ,Pantheon und
Peterskirche' in einer höchft anziehenden Parallele von
zwei Bauwerken zu reden, die ,nicht blofs kunftreich zu-
fammengefügte Steinmaffen find, fondern verfteinerte
Gedanken, jedes ein ganzes Zeitalter, einen ganzen
Weltzuftand repräfentirend'. Es folgt noch 5. die Tragödie
des Kanzlers Krell, mafsvoll behandelt und durch
eine Anzahl glücklich gewählter individueller Züge beleuchtet
, endlich 6. die ernfte Ueberfchau über ,die fran-
zöfifche Revolution und die Kirche'. Einer weiteren
Empfehlung werden diefe kleinen Cabinetsftücke nicht
bedürfen.

Kiel.^_W. Möller.

Nebe. Prof. Ufr. D. A., Zur Geschichte der Predigt. Charakterbilder
der bedeutendften Kanzelredner. 3 Bde.
Wiesbaden 1879, Niedner. (XIII, 401; VII, 394 u.
VIII, 447 S. gr. 8.) ä M. 4. -

Noch vor wenigen Jahrzehnten konnte man klagen,
dafs die Gcfchichte der Predigt in unferem Zeitalter der

Hiftorie keine genügende Bearbeitung gefunden. Seitdem
ift mit dem gefteigerten Intereffe, das man der
,praktifchen Theologie' und ihrer principiellen Behandlung
zugewandt, diefes Feld von tüchtigen Kräften bearbeitet
worden. Abgefehen von den allgemeinen Um-
| riffen und Ueberfichten, welche verfchiedene Lehrbücher
der praktifchen Theologie und fpeciell der Homiletik
von Nitzfeh, Baur, Harnack u. A. in anregender und in-
ftruetiver Weife bieten, hat die bedeutendfte und um-
! faffendfte Arbeit auf diefem Gebiete Brome 1 geliefert, der
mit feinen vortrefflichen ,homiletifchen Charakterbildern'
1 das erfte Mal von höherem, wiffenfehaftlichem Stand-
I punkte aus das ganze Arbeitsfeld, die Gefchichte
j der Predigt von der alten Kirche bis in unfer Jahrhundert
herein, in Angriff genommen hat, während Andere,
unter denen befonders Sack hervorragt, fich auf einen
verhältnifsmäfsig kurzen Zeitraum und zwar der deutfeh-
cvangelifchen Predigt während oder nach der Zeit der
Reformation befchränkt haben. Den gleichen Zeitraum,
als die Brömel'fchen Charakterbilder, umfpannt das vorliegende
, wie fich bei dem auf homiletifchem Gebiet
' bereits bewährten Verf. verlieht, ebenfalls fehr dankens-
werthe und hervorragende Werk, das in drei anfehn-
lichen Bänden die Gefchichte der Predigt bis auf die
unmittelbare Gegenwart fortfetzt und noch eine gröfsere
Auswahl von Muftern aus den verfchiedenen Perioden
bietet.

,Charakterbilder der bedeutendften Kanzelredner'
— fügt der Verf. zur Erläuterung des Haupttitels feines
Werkes hinzu. Diefe Bezeichnung ,Kanzelredner' anlangend
, fo müffen wir zunächft lebhaft proteftiren gegen
die wiffenfehaftliche Sanctionirung eines Ausdrucks, der
einer durchaus rhetorifchen Auffaffung der Predigt entflammt
, die aus der Gemeinde ein Publicum und aus
der Kanzel eine Rednerbühne macht und nur zu fehr
an den Unfug erinnert, der an heiliger Stätte mit Kan-
zelvirtuofen und Kanzelgötzen getrieben worden ift und
getrieben wird. Auguftin, Tauler, Luther, Harms zu
,Kanzelrednern' machen, das heifst fie von Propheten zu
Rhetoren degradiren. Auf die rhetorifirenden Prediger
der griechifchen Kirche, fowie auf manchen neueren Homileten
mag der Ausdruck allenfalls paffen, aber auf
jene fchlechterdings nicht. Wenn nun auch der Verf.
diefe Bezeichnung in unbefangenem Sinne nimmt und
die schriftliche Predigt aus einem höheren, als blofs rhe-
torifchem Gefichtspunkte verlieht, fo ift diefelbe doch
charakteriftifch für die Aufgabe, die er fich bei feiner Arbeit
geftellt hat. Erfcheint nämlich als das Ideal einer
Gefchichte der Predigt dies, dafs fie zugleich ein Stück
Kirchen- und Culturgefchichte bieten foll, als Spiegelbild
der Gefchichte des religiöfen und fittlichen Gciftes,
fowie der allgemeinen Bildung und äfthetifchen Richtung
der verfchiedenen Zeiten, kurz der einzelnen geift-
igen Factoren, die in der Predigt zufammenwirken und
in ihr fich reflectiren, fo hat der Verf. bei der ganzen
Anlage feines Werkes auf diefe Aufgabe verzichtet.
Er hat fich bei feinen Mufterbildern im Wefentlichcn
darauf befchränkt, die befondere homiletifche Individualität
der Einzelnen für fich darzuftellen und zwar
mit ftarker Betonung der formellen Seite, die der
Verfaffer mit eingehendfter Sorgfalt bis auf die einzelnen
Stücke der Predigt, Einleitung, Thema, Dis-
pofition, Ausführung befpricht. Der einzelne Prediger
wird infolge deffen nicht genug aus dem ganzen Mann,
fpeciell aus feinem theologifchen Charakter heraus ver-
ftanden, während die Predigt bei allen echten und bedeutenden
Predigern kein Kunftproduct ift, fondern
das naturwüchfige Product der ganzen Perfönlichkeit,
zumal nach ihrer theologifchen Natur, die der Predigt
das Gepräge giebt und auch die P'orm derfelben
beherrfcht. Gewifs, die Gefchichte der Predigt kann
nicht die Gefchichte der Theologie erfetzen, aber diefe
mufs der tragende und durchfeheinende Hintergrund von