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Ausgabe:

1880

Spalte:

258-260

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Peip, Alb.

Titel/Untertitel:

Religionsphilosophie. Nach dessen akademischen Vorlesungen hrsg. von Thdr. Hoppe 1880

Rezensent:

Thoenes, Karl

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257 Theologifche Literaturzeitung. 1880. Nr. H. 2c8

den auf dem politifchen Gebiete angewendeten Maximen I nes getadelt, richtiger wäre der Tadel gewefen, dafs er,
von felbft. Dafs man von innen heraus und auf den Geift ganz Parteimann , ganz Agitator , ganz für praktifche
bauen müffe, ift ja jederzeit richtig, war aber doch nur Ziele lebend wenig Verftändnifs für das innere Suchen,
eine Umgehung der Frage. In Wirklichkeit bewahrte Kämpfen und Leben Anderer haben konnte. nie ein
die Kirchenzeitung auch hierin ganz ihren Charakter, fie Verftändnifs für die Freiheit gehabt hat. Will man
urtheilte nicht nach Principien, fondern nach der Oppor- | ihm gerecht werden, fo mufs man ihn betrachten als
tunität. Eine Kirchenverfaffung konnte dem Liberalismus , den willensftarken, Mann, der feine Ziele unerfchüttcr-
helfen, fo feinen es. Mit dem unbefchränkten landes- j lieh verfolgt, unbeugfam und unbedenklich, weil er fich
herrlichen Regiment hatte man viel mehr Ausficht, den- j ganz in den Dienft diefer Sache gehellt hat. Wir kön-
felben zu unterdrücken. Noch bedenklicher aber wird nen es beklagen, dafs durch ihn befonders in die Kirche
das Verfahren nach Opportunität in der Agenden- und diefer Zufchnitt politifcher Auffaffung gekommen ift,
Unions-Sache, und es fcheint faft, als ob der Biograph und der Sinn fo weit um fich gegriffen hat, der es mit

auch hier beffer gethan hätte, die Schatten auf dem

dem Bekenntnifse fchwer, mit der inneren Wahrheit

Bilde, welches ihm vorlag, zu bekennen, als auch ihnen j leichter nimmt. Wir können uns über die unglaubliche
gegenüber Apologet zu bleiben. Dafs die Kirchen- j Verblendung wundern, welche das Evangelium zufam-
zeitung längere Zeit von den wichtigften Angelegenhei- j men wirft mit ausgelebten Formen des Staates und der Ge-
ten der preufsifchen Kirche überhaupt fchwieg, wäre j fellfchaft, und über die Zähigkeit, die fich im Kampfe gegen
etwa zu erklären, wenn fie auch fonft ganz oder die Gefchichte nicht irre machen lafst, wenn auch diefe
doch mit Vorliebe fich nur im erbaulichen Gebiete be- j immer anders geht, als man glaubte, und auch das
wegt hätte. Da fie aber mit Vorliebe die öffentlichen : Chriftenthum andere Wege findet, als man ahnte. Aber
Angelegenheiten trieb, kann es doch nur aus weitgehen- wir müffen diefe Energie anerkennen. Und wir dürfen
der"Weltklugheit erklärt werden, die fich auch, wie wir auch nicht überfehen, dafs fie mit perfönlicher Unab

hier fernen, in vertrauten Aeufserungen kaum verhüllte
Doch mufs man billig fein einer Zeit gegenüber, welche
fortwährend mit der Cenfur zu rechnen hatte. Dagegen
läfst fich durch keine folche Betrachtung das Verhalten
bei der Unterdrückung der Lutheraner entfchuldigen,
und die Bemühungen des Verf.'s in diefer Richtung
können bei aller guten Abficht kaum eine andere Wirkung
haben, als die Aufmerkfamkeit erft recht darauf zu
lenken. Am meinen läfst fich der Biograph herbei, in
der Unionsfrage das Verhalten Hengftenberg's in jener
Zeit zu beanftanden, wobei er freilich denen eigenes

hängigkeit verbunden und frei von allem gemeinen felbft-
füchtigen Streben war.

Was übrigens das Stück Kirchengefchichte betrifft,
das uns hier in der Gefchichte Hengftenberg's und feiner
Zeitung geboten wird, fo wäre dasfelbe ohne Zweifel
noch richtiger und unterrichtender, wenn es dem Verf.
gefallen hätte oder möglich gewefen wäre, auch in die
weiteren Factoren und das Zufammenwirken derfelben
einen Blick zu öffnen. Es ift ja aufser Streit, dafs der
Einflufs, den der Mann und fein Organ erlangt, getragen
ift durch reichliche Zufammenhänge einflufsreichfter Art.

fpäteres Bekenntnifs zu Grunde legen kann. Wir wollen j So wie das Bild hier fich geben will, als gehe das alles
die damalige Stellung zur Union nicht aus Gefälligkeit i nur vor fich durch die Inspiration eines kleinen Kreifes

gegen den König erklären. Sie erklärt fich wohl beffer
daraus, dafs die Union eben fchon ein Beftehendes war,
und die Auflehnung wie Ungehorfam erfchien. Aufser-
dem aber darf man nicht vergeffen, dafs Hengftenberg
fich auf den Schultern des Pietismus erhob. Wenn man
aber fich an der Hand diefer Darffellung feine Aeufserungen
über die Hauptprobleme in diefer Sache vergegenwärtigt
, diefe ganze äufserliche Betrachtung der
Lehre, welche kaum andere Gefichtspunktc als die der
Zweckmäfsigkeit kennt, fo darf man fich weder über die
Unficherheit, noch über den Ausgang wundern. Der
letztere ift doch nur die Folge des rein kirchlichen Mafs-
ltabes.

Im vierten Capitel werden die perfönlichen Erlcb-
nifse erzählt, befondere Farbe hat diefer Theil nicht.
Sodann die gelehrten Arbeiten: die Beiträge, und die

deffen Glieder fich untereinander erbauen, und die erbauende
Wirkung ihrer Aeufserungen, ift es doch zum
minderten einfeitig. Schon der Angriff auf die Hallen-
fer zeigt uns ja deutlich die Fäden, die bis zum Throne
reichen. Nur feiten wird uns fpäter von Winken berichtet
, welche die Zeitung erhalten. Läfst fich auch
hier Vieles im Einzelnen nicht gut fagen, fo darf doch
im Ganzen diefe Seite nicht vergeffen werden. Hier
hängt eben Hengftenberg und fein Organ mit der allgemeinen
Zeitgefchichte zufammen.

Tübingen. Q Wei/.fäcker.

Peip. weil. Prof. Dr. Alb., Religionsphilosophie. Nach
deffen akademifchen Vorlefungen hrsg. von Dr. Thdr.
Hoppe. Gütersloh 1879, Bertelsmann. (XII, 464 S.
Voüendung de^ChViftologie. Es ^ Sanz richtig, dafs j gr- 8-) M' 8- —

diefe Dinge eine untergeordnete Stellung bekommen ! Der Herausgeber wirft in der Vorrede felbft die
haben. Hengftenberg's Kirchenzeitung ift ja viel wich- j Frage auf: /Warum eine Religionsphilofophie, die 'das
tiger als feine Bücher, er felbft vielmehr kirchlicher Bekenntnifs zu Chrifto frei im Munde führt, an die
Agitator, als Gelehrter. Es ift hier auch gar nicht ver- Oeffentlichkeit gelangen laffen in einer Zeit, die für
hüllt, wie er zu feinen Büchern kam, nämlich nicht auf philofophifche Arbeiten überhaupt und vollends für einen
dem Wege der Forfchung, fondern weil er den Zweck folchen Standpunkt kein Intereffe hat?' Er beantwortet
hatte, auf wichtigen Punkten auch von diefer Seite die i diefelbe aber damit, dafs er die Hoffnung ausfpricht,
kirchliche Reaction einzuleiten. Der Herausgeber giebt das Werk fei nes Lehrers werde wenigftens bei allen
den Werth der Chriftologie bis auf einen gewiffen Grad denen, welche für das pofitive Chriftenthum Herz und
Preis, das heifst, er giebt hier die groben Mängel zu. Verftändnifs befitzen, einen freudigen Eingang finden.
Um fo mehr Werth legt er auf jene Einleitungsarbeiten, j Der Unterzeichnete theilt diefe Hoffnung nur in
Aber dafs diefe Apologien des Pentateuch und des eingefchränktem Mafse. Allerdings ift auch er der AnDaniel
die Wiffenfchaft wirklich aufgehalten hätten, wer- ficht, dafs ein kundiger und gefchickter Vertheidiger des
den wir doch nur als einen Traum anfehen dürfen. | pofitiven Chriftenthums ' auch heute noch feine Hörer
Wir haben nun in diefem Theile der Biographie oder Lefer findet. Airer es kommt darauf an, was man
Hengftenberg fchon auf dem Höhepunkte feiner Thätig- unter pofitivem Chriftenthum verlieht, und wie kundi«*
keit vor uns, und das Bild liegt vielleicht noch günftiger und gefchickt der Vertheidiger ift. In beiden Beziehungen
als fpäter, es ift noch jugendliche Frifche darin. Aber laffen die Vorlefungen Peip's vieles zu wünfehen übrig,
anmuthend ift diefes Treiben nicht, der geiftige Gehalt Was zunächft den erften Punkt anbetrifft, fo wird

ift zu dürftig, die innere Wärme gar zu fpärlich gemeffen. 1 als pofitives Chriftenthum meift nur die Theologie einer
Im Freundeskreife wird nicht feiten die Härte des Man- gewiffen Schule vorgetragen. Aufs ftärkfte wird es z. B.