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Ausgabe:

1880 Nr. 11

Spalte:

253-254

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jensen, H. N. A.

Titel/Untertitel:

Schleswig-Holsteinische Kirchengeschichte. Nach hinterlassenen Handschriften überarb. u. hrsg. v. A. L. J. Michelsen. 4. Bd 1880

Rezensent:

Möller, Wilhelm

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1880. Nr. II.

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fellfchaft vor der Zumuthung zu bewahren, die geiftliche vvärtige 4. Band hatte alfo erft noch den andern, und
Leitung von Frauen zu übernehmen, aber mit der be- ; zwar gröfsern Theil des zweiten Abfchnittes nachzuholen,
zeichnenden Ausnahme: ,es müfsten denn fehr vornehme I worin die Capp.: Confefhonelle Rechtgläubigkeit und

fein'. Der Verf. erörtert hierbei die Beziehungen des
Ignatius zur Tochter Karl's V, der Gemahlin Farnefe's,
des Enkels des Papftes. — ,Mag das Volk fagen und
denken, dafs Ihr nach Ehren und Würden flrebt, wir
dürfen deshalb nicht aufhören, für Gott und für das
Wohl der Fürften und der Welt zu wirken', damit be-
fchwichtigt Ignatius die Bedenken, welche Gonzalez in
feiner glänzenden Stellung als Beichtvater des Königs
Johann von Portugal empfand. In Sachen der von Johann
für Portugal nach dem Mufter Spaniens gewunfeh-
ten Inquifition war es Ignatius, der mit Erfolg für die
Wünfche des Königs wirkte, Wünfche, von denen der
Papft dem Könige ins Geficht fagen liefs, die Welt wiffe

theologifche Streithändel, Verordnungen über Kirchen-
zucht, Gefetzgebung über die Ehe, Aus der Gefchichte
des Schulwefens, Stiftung der Univerfität Kiel abgehandelt
werden. Dafs fodann bei einer Specialkirchen-
gefchichte wie die vorliegende, bei der hier nothwendig
in den Vordergrund tretenden Aufmerkfamkeit auf den
mit den politifchen Verhältnifsen aufs engfte zufammen-
hängenden äufsern Befland des Kirchenwefens der dritte
Abfchnitt mit dem politifchen Datum des Definitiv-
Tractats von 1773, dem Abfchlufs der Vereinigung der
verfchiedenen Landestheile gemacht wird, ift durchaus
fachgemäfs, und kann um fo weniger beanftandet werden
, als er ja ungefähr auch mit einer Wende in der

fehr wohl, dafs fie nicht von Eifer für die Religion ein- ] geiftigen Richtung, dem innern Leben der Kirche .
gegeben feien. Freilich war es dem Papft ebenfowenig < fammenfällt, oder wenigftens mit dem Zeitpunkt, in wel-
Ernft mit den fchönen Worten der Toleranz , hinter ehern der längft vorbereitete innere Umfchwung auch hier,
-welche er fich verfchanzte. Der König erreichte fein etwas fpäter als im mittleren Deutfchland, wie der Verf.
Ziel, als er fich von Ignatius beftimmen liefs, das Bis- | S. 289 erinnert, fich wahrnehmbar durchfetzte. Es find
thum Vifeu dem Enkel des Papftes Cardinal Farnefe zu fehr treffende, lichtgebende Bemerkungen, welche der
feinen zahlreichen andern Bisthümern und Pfründen zu Verfaffer gerade hinfichtlich diefes Wendepunkts über
übertragen, der dann wieder die Jefuiten in feinen üiö- ; die dafür mitwirkende fociale Umwandlung — das Her-
cefen begünftigte. Durchaus nicht blöde zeigt fich Ig- vortreten des fog. gebildeten Mittelftandes — macht,
gnatius, wenn es gilt, dem Orden pecuniäre Vortheile Wenn nun ferner der Verf. fein Werk nicht über das
zu verfchaffen, fei es auch auf Grund von Einziehungen einfehneidende Jahr 1848 herabführt, fo möchte man das
anderer Klöfter oder Pfründen. ,Bei Klöftern von Bar- wohl beklagen, wird aber doch die Gründe refpectiren
celona können wir genauer verfolgen, wie dabei allen müffen, welche den Verf. beftimmt haben werden, diefe
Betheiligten Vortheile zufielen, den Römifchen Curialen, Aufgabe lieber einem fpätern Gefchlccht zu überlaffen.
den Fürften und endlich den Jefuiten' (S. 19). Bezeich- Auch in den beiden letzten Abfchnitten hat es der Verf..
nend ift, dafs Ignatius zu eifrige Beichtväter und Sitten- ohne Zweifel mit Recht, für feine Aufgabe gehalten,
prediger weislich zurückzuhalten verfteht, damit fie nicht ausführlich zu belehren über den ftatiftifchen Beftand
durch unzeitigen Eifer einflufsreiche Grofse vor den Kopf des Kirchenwefens, die Veränderungen des Kirchenregi-
ftofsen (S. 17). Bobadilla wird desavouirt, als er das ments, der Propfteien u. f. w., Verhältnifse, in denen fich
Interim als einen Eingriff weltlicher Macht in Glaubens- ja die Getheiltheit der Territorien wie ihr Ineinander-
fragen angreift ;S. 24), Laynez wird getadelt, als er fo greifen feltfam genug reflectirt. Von befonderem Intereffe,
ehrlich ift, gegen fimoniftifche Pfründenjagd zu eifern; auch gerade wieder für die Gegenwart, find die Mit-
lgnatius beeilt fich, bei Julius III den Verdacht zu zer- theilungen über die Synoden in der zweiten Hälfte des
ftreuen ,. als fleckten die Jefuiten hinter dem Edict 17. und im Anfang des 18. Jahrhunderts, deren letzter (von
Karl's V, welches den Bifchöfen u. f. w. die Refidenz- 1737) wir die von Propft Schräder in Tondern, dem be-
pflicht einfehärfte (S. 25) u. dgl. m. Nicht minder bc- kannten Liederdichter, herausgegebene ,wohlgemeinte
zeichnend ift die Inftruction, welche Ignatius Laynez und und herzliche Anfprache etc.' verdanken (S. 157), welche
Salm er on für ihre Betheiligung am Concil zu Trident in unferm Jahrhundert Callifen wieder herausgab. Die
mitgab: völlige Referve! fich fern halten von häretifchen Mittheilungen über jene Synoden, welche fich in erfter
Anflehten, aber vor der kirchlichen Entfcheidung auch Linie ftützen auf die wichtigen Nachrichten in der Schrift
keine probabel erfcheinendeMeinungmitEifer vertheidigen! von P. Chr. Burchardi, Ueber Synoden etc. Oldenburg
Auch Baum garten in dem oben genannten Vor- i. Holft. 1837, enthüllen uns ein merkwürdiges Stück
trage weift unter ausdrücklicher Bezugnahme auf Druffel von kirchlichem, freilich rein paftoralem, Sclf-govcni-
aufdic zugleich weltkluge und falbungsvolle Diplomatie . mait, das, ohnehin an dem Mangel reinlicher Competenz-
hin, welche an die Stelle der heifsen Schwärmerei ge- abgrenzung leidend, um fo mehr vom büreaukratifchen
treten fei, und giebt im Uebrigen eine anziehende Skizze, Geifte des 18. Jahrhunderts zu Grabe getragen wurde,
welche ihren Werth hauptfächlich in den Ausblicken 1 Ebenfo dankenswerth als dem gefchichtlichen Zufam-
auf die allgemeinen Verhältnifse, die Weltftellung und menhang der Sache entfprechend ift es, dafs auch über
Gefchicke Spaniens hat, in welchem die Jefuiten ihre die Entwicklung des Schulwefens die erforderlichen No-
Herrfchaft um fo glänzender aufrichten, je tiefer das tizen beigebracht find. Auch für die theologifche EntLand
in Noth, Armuth und Trägheit verfinkt. wicklung bieten die betreffenden Abfchnitte (S. 1—33.

Kiel. W. Möller. 160—189. 289—312) wünfehenswerthe Materialien, be-

. T> _ ~ TT . ,, . . . . . u. fonders der über die pietiftifchen Bewegungen; aller-

Jensen, Paft. Dr. H. N. A., Schleswig-HolsteiniSChe Kir- dings wäre hier eine etwas eindringendere Verarbeitung

chengeschichte. Nach hinterlaffenen Handfchriften über- des Stoffs zu wünfehen gewefen, ebenfo bei der Dararb
, und hrsg. von Geh. Juftiz- u. Ob.-App.-Ger.-R. ftellung des Agendenftreits und des Thefenftreits Bei
Dr. A. L. J. Michelfen. 4. Bd. Kiel 1879, Homann. der Fülle von einzelnen Daten über Ereignifse, Perfonen,
(n ,t9 S o-r 81 vr « Kirchen, Propfteien u. f. w. mufs es als ein empfind
(Vi, 352 » sA a.j m. o. — Hcher Mangel bezeichnet werden, dafs nicht auf ein
Mit diefem 4. Bande hat das Werk, deffen frühere Regifter Bedacht genommen ift, welches die Brauchbar-
Bände bereits in diefer Zeitung befprochen worden find keit des Werkes aufserordentlich erhöhen würde. Das
tvgl. Theol. Lit.-Ztg. 3. Jahrg. 1878 No. 23), feinen Ab- foll uns aber nicht hindern, in den Dank gegen den
fchlufs erreicht. Von den 4 Abfchnitten, in welche das würdigen Herausgeber, welcher ja wohl zu einem erWerk
die Kirchengefchichte Schleswig-Holfteins feit der heblichen Theile auch als Verfaffer anzufehen ift, einReformation
eintheilt (1) bis 1580, 2) bis Mitte des 17. . zuftimmen, den ihm feine heimifche Kirche für das
Jahrh., 3, bis 1773, 4) bis 1848) hatte der 3. Band den pietätvolle Werk fchuldet.

erften und einen Theil des zweiten behandelt; der gegen- Kiel. Möller