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Ausgabe:

1880 Nr. 9

Spalte:

210-214

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Volkelt, Johs.

Titel/Untertitel:

Immanuel Kant‘s Erkenntnisstheorie nach ihren Grundprincipien analysirt. Ein Beitrag zur Grundlegung der Erkenntnisstheorie 1880

Rezensent:

Gottschick, Johannes

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209

Theologifche Literaturzeitung. 1880. Nr. 9.

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fchliefslich doch nur nicht als Menfch, fondern und zwar
im Unterfchied von der reinen Menfchlichkeit als Chrift.

Im Befondern möchte ich noch auf den Bd. I
S. 261 ff. über die katholifche Pfychologie gegebenen
Ueberblick aufmerkfam machen, weil auch proteftan-
tifche Theologen mitunter vergeffen, dafs die mittelalterliche
Pfychologie noch in die reformatorifche Beftim-
mung des Glaubens und anderer hochwichtiger Begriffe
hineinwirkt. Dem katholifchen Apologeten, vielleicht
würde hier richtiger gefagt Polemiker, ift freilich jede
andere Pfychologie nur Schrulle einiger weniger unbedeutender
Menfchen. Seine Darftellung aber hat doch
den Werth einer gut orientirenden Ueberficht über ein
gewöhnlich zu fehr vernachläffigtes Gebiet der Ge-
fchichte der Philofophie und der philofophifchen Dog-
matik.

Unterhaltend und anregend, vielfach auch fehr ernft
das Herz eines jeden Menfchen anfaffend find beide
Bände gefchrieben. Dem erften aber möchte mehr
principielle Bedeutung beizulegen fein als dem zweiten.
Beide aber werden überzeugend wohl nur auf Solche
wirken, welche zuvor fchon überzeugt waren, wie denn
die ganze Argumentation und Stiliftik auf Leute berechnet
ift, welche von proteftantifcher Wiffenfchaft nur
fehr oberflächliche Kenntnifs befitzen und an der blumenreichen
Rhetorik der römifchen Kanzelberedtfamkeit
Gefallen finden.

Strafsburg iß Alfred Kraufs.

Splittgerber, Paft. Frz., Aus dem innern Leben. Erfahr-
ungsbeweife für die Einwirkungen einer höheren Welt
in das Seelenleben des Menfchen. Ein Beitrag zur
chriftlichen Myftik. Leipzig 1880, Böhme. (X, 162 S.
8.) M. 2. 25.

Der Verfaffer will den Nachweis führen für das
Dafein einer höheren, unfichtbaren Welt, .deren Genoffen
die heiligen Engel Gottes und die vollendeten Gerechten
droben im Himmel find', und welche mit den Kindern
Gottes hienieden in ftetem Verkehr fich befinde. Den
Beweis findet er in einer Reihe von, theils von ihm
perfönlich oder in feiner Familie erlebten, theils von
zuverläffigen Zeugen ihm berichteten Vorgängen, —■
ahnungsvollen Träumen, Vifionen, Erfcheinungen des
erhöhten Heilandes fowie von Engeln oder verklärten
Menfchengeiftern u. A. — welche feiner Meinung nach
nicht anders zu erklären find als durch das Hereinwirken
perfönlicher Geiftesmächte aus einer höheren Welt. Die
Gemeinfchaft mit dem Spiritismus weift er entfchieden
ab, vermuthet vielmehr hinter den dort auftretenden
Erfcheinungen fatanifche Einwirkungen. Die fubjective
Lauterkeit des Verf.'s und feiner Berichterftatter, fowie
im Ganzen die Richtigkeit der gefchilderten Vorgänge
kann keinem Zweifel unterliegen. Manche der letzteren
find von der Art, um auch dem fkeptifch Gerichteten
das Zugeftändnifs abzunöthigen, dafs es mehr Dinge
im Himmel und auf Erden giebt, als unfere Schulweisheit
fich träumen läfst. Es giebt Tiefen in dem Seelenleben
, in welche die Pfychologie noch wenig oder gar
nicht hineingeleuchtet hat. Aber gerade an der Stelle,
auf die es dem Verf. ankommt, d. h. bei feiner Hypo-
thefe von dem realen Hereinwirken perfönlicher Wefen
einer höheren Welt, ift die Voreiligkeit feiner Schlüffe
unverkennbar. Bei vielen der gefchilderten Vorgänge
liegt die pfychologifche Erklärung recht nahe, ohne dafs
man deshalb mit den glaubenslofen ,Weltmenfchen',
gegen welche der Verf. öfters ftreitet, an Geiftesftörung
oder Schlimmeres denken müfste; manche find von der
Art, dafs fie dicht an die Grenze deffen ftreifen, was
eine gefunde Frömmigkeit noch ertragen kann. Dafs es
auf dem von dem Verf. eingefchlagenen Wege gelingen
werde, die modernen Zweifel an der höheren Natur und

Beftimmung des Menfchen u. f. w. zu überwinden, ift
eine trügerifche Hoffnung. Wohl aber liegt die Gefahr
hochbedenklicher Verirrungen auf dem von ihm culti-
virten Gebiete äufserft nahe. Die kathol. Kirche würde
aus dem, was der Verfaffer zu berichten weifs, reiches
Capital zu fchlagen verftehen; die unfere hat wohlge-
than, jenes dunkele Gebiet nicht in das Bereich der
Volksfrömmigkeit hereinzuziehen, und wird dabei hoffentlich
auch bleiben. Jedenfalls ift dem durchaus zu wider-
fprechen, wenn der Verf. (Vorr.) den Glauben an die
Einwirkung der .heiligen Engel' und der Geifter vollendeter
Frommen mit zu den ,wefentlichen Wahrheiten
des Chriftenthums' rechnet und die fortdauernde Wirk-
famkeit von Wunderkräften in der Kirche neben den
Gnadenmitteln poftulirt (S. 5). Es ift falfch und um der
gefährlichen Confequenzen willen, wozu es führen mufs,
mit Entfchiedenheit abzuweifen, dafs, wie der Verf. will,
offenbarende Träume ,erfahrungsgemäfs in dem geift-
lichen Leben eines jeden erweckten Chriften — eine wichtige
Rolle fpielen' (S. 41). Der Titel enthält eine Unrichtigkeit
, wenn er das Buch als einen .Beitrag zur
chriftlichen Myftik' bezeichnet. Unter Myftik verfteht
man bis jetzt die unmittelbar anfchauende Verfenkung
des Menfchengeiftes in Gott, nicht aber den Verkehr mit
myfteriöfen Gebieten des gefchöpflichen Lebens. Myfte
riös und myftifch find zweierlei; es ift keine Verbefferung
des Sprachgebrauchs, wenn beide Begriffe verwechfelt
werden.

Friedberg. K. Koehler.

Volkelt, Jons., Immanuel Kant's Erkenntnisstheorie nach
ihren Grundprincipien analysirt. Ein Beitrag zur Grundlegung
der Erkenntnifstheorie. Leipzig 1879, Vofs.
(VIII, 274 S. gr. 8.) M. 10. —

Der Verfaffer vermifst unter den zahlreichen Pro-
ducten der Kantforfchung eine Analyfe der Erkenntnifstheorie
Kant's, bei der allen Seiten feines erkenntnifs-
theoretifchen Denkens Gerechtigkeit widerführe und
feine fundamentalen Triebfedern in ihrem verwickelten
Zufammenarbeiten blofs gelegt würden. Diefe Lücke
foll das vorliegende Buch ausfüllen, in dem die Darlegung
der Erkenntnifstheorie des Verf.'s mit der Darfteilung
und Kritik Kant's verfchmolzen ift. Volkelt's
Theorie ift die folgende. Das grundlegende Erkenntnifs-
princip ift das pofitiviftifche: unzweifelhaft gewifs find uns
unfere Vorftellungen, alles Andere ift bezüglich feines
Was wie feines Dafeins zunächft völlig problematifch.
Dies Princip läuft auf abfoluten Skepticismus, ja auf
Solipfismus hinaus; allein mit ihm kann das Individuum nie
über feine individuellen, und zwar bewufsten Vorftellungen
hinauskommen; dasfelbe ift unfähig eine gefetzmäfsige
Continuität der Vorftellungen, gefchweige denn des Ge-
fchehens zu erklären. Jedes Hinausgreifen in eine trans
fubjective Wirklichkeit, in das Ding an fich, wozu auch
fchon eine Ordnung der Vorftellungen gehört, gefchieht
I nur durch Anwendung des rationaliftifchen Erkenntnifs-
principes, welches von der Denknothwendigkeit auf
Seinsnothwendigkeit fchliefst. Dies Princip hat keine
abfolute Sicherheit wie das erfte, fondern ruht auf einem
Glauben, der, wenn etwas Denknothwendiges in der
innern Erfahrung vorkommt, durch den .logifchen Zwang',
die .finnvolle Bedeutung', die .vernunftvolle Durchleuchtung
', die alles Logifche enthält, hervorgerufen wird.
Damit ift über den Inhalt des Transfubjectiven nichts
ausgefagt [gegen Hegel], fondern nur über die formale
Seite desfelben, nämlich, dafs in ihm das Gefetztfein des
einen durch das andere gelte. Doch Hellt fich weiterhin
heraus, dafs die durch die Denknothwendigkeit er-
fchloffene Nothwendigkeit im Sein eine innerliche, ideelle,
! geiftige fei, und dafs ein moniftifches Verhältnifs zwi-
| fchen Denken und Wirklichkeit beftehe, woraus folgt,
[ dafs die Welt ihrem Kern nach ein ideell Einheitliches