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Ausgabe:

1879 Nr. 7

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164

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(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Zionsrosen. Poetische Blüthen aus dem Reiche Gottes. Eingeleitet von Otto Funcke 1879

Rezensent:

Lindenberg, H.

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163 Theologifche Literaturzeitung. 1879. Nr. 7. 164

von Aufsen durch den Teufel an Jefus herantretende
Reizung zur Sünde berichtet? Ift fie auf eigene, den
Jüngern in einer Lehrrede mitgetheilte Gedanken Jefu
zurückzuführen, deren plaftifch-fymbolifche Verfinnlich-
ung in der Darftellung des Meifters allmählich in der
Ueberlieferung die Geftalt eines äufseren Factums angenommen
hat, dann bedarf es offenbar noch anderer
Erwägungen, um die Sündlofigkeit Jefu ficher zu ftellen,

fetzliche Gültigkeit hat. Dennoch begnügt er fich nicht
etwa damit, die Durchführung feines Ideals als eine berechtigte
Forderung der chriftlichen Frömmigkeit, als
eine fociale Nothwendigkeit, als Confervirung eines der
werthvollften Beftandtheile der chriftlichen und kirchlichen
Sitte zu erweifen; er giebt fich daran, einen un-
verwerflichen Schriftbeweis für eine chriftliche Sonntagsfeier
in fabbathlicher Weife herzuftellen. Aber wie?

als fie bei dem Verf. zu finden find. Und diefe Auf- Er greift auf Gen. 2, 2. 3 zurück und verhüllt unter den

faffung der betreffenden evangelifchen Perikope liegt
auch aus vielen anderen Gründen nahe, durfte aber fchon
deshalb von dem Verf. felbft nicht ganz überfehen werden
, weil er die Verfuchungsgefchichte mit anderen teuf-
lifchen Anfechtungen, die Jefus nach Luc. 4, 13 undjoh.
14, 30 im Laufe feines Lebens zu erdulden hatte, in
Analogie fetzt, nirgends aber fonft als in unferer Perikope
in den Evangelien ein finnlich wahrnehmbares Auftreten
des Teufels gegen Jefus berichtet wird. — Einfeitig
erfcheint das theologifche Urtheil des Verf.'s befonders

tönendenWorten einer langgeftreckten zungenrednerifchen
Ausführung über die Herrlichkeit desSchöpfungsfabbaths,
der Sabbathsfeier im Paradies und drgl. die einfache
Schlufsfolgerung: Jede Schöpfung hat nach Gen. 2, 2. 3
einen Sabbath; das Chriftenthum ift eine neue Schöpfung;
folglich mufs es auf Grund desfelben Schriftworts einen
Sabbath haben, der freilich auf den Sonntag zu verlegen
ift, weil an diefem Tage mit der Auferftehung Chrifti
die Neufchöpfung vollendet ift. Schade nur, dafs der
Oberfatz diefes Schluffes, auch abgefehen von der kri-

in den Vorträgen über das liebzehnte Jahrhundert, den tifchen Frage über das Alter und die Bedeutung des
Pietismus und über das Verhältnifs von Chriftenthum j mofaifchen Schöpfungsberichts, fchon wegen der noth-

und Humanität. Es rügt weder energifch genug den j wendigen _ Unvollftändigkeit der Induction, auf der er
das religiöfe Leben austreibenden Confeffionalismus und
Orthodoxismus der nicht mehr vom reformatorifchen Auf-

fchwung berührten Theologie des fiebzehnten Jahrhunderts
, noch wird es auch nur annähernd einer firfchein-
ung, wie Calixt, gerecht, noch weifs es die principielle
Verirrung des Pietismus und die volle Confequenz feiner
Verkennung der Culturmiffion des Chriftenthums hinreichend
klar zu legen. Auch dem Rationalismus gegenüber
gewinnt der Verf. nirgends ein unbefangenes Urtheil
; er verfchliefst fich der Einficht, dafs der Rationalismus
der echte Sohn der Theologie des 17. Jahrberuht
, falfch ift!

Bonn. Mangold.

Zionsrosen. Poetifche Blüthen aus dem Reiche Gottes.
Eingeleitet von Patt. Otto Funcke. Bremen 1879,
Müller. (XVI, 442 S. 8.) M. 4. 50.

Der tief gehende Einflufs, den die bibl. Gefchichtc
auf die Geftaltung der deutfehen Poefie vom Heliand
bis auf Klopftock s Meffias ausgeübt hat, ift oft dar-
geftellt worden. Dafs diefer Einflufs noch bis in die
hunderts ift, welcher der Begriff der Religion in den des j neuefte Zeit fortdauert, davon giebt die vorliegende

modus cognoscendi Deum zufammengefchrumpft war, und Gedichtfammlung eine lebendige Anfchauung. Der un-
weifs deshalb auch nicht, dafs der Rationalismus trotz | genannte Herausgeber hat aus dem letzten Jahrhundert,
aller feiner Schwächen in feinem Bruche mit dem er- j mit Herder beginnend, Gedichte gefammelt, in denen
ftorbenen dogmatifchen Traditionalismus des Luther- 1 biblifche Stoffe und Ereignifse aus der Kirchengefchichte

thums und mit der Wiedereinfetzung des Subjects in
fein Recht auf Erkenntnifs der chriftlichen Wahrheit auch
aus eigenen Mitteln geradezu einer Grundforderung des
evangel. Chriftenthums zu neuem Ausdruck verholten
hat. Auf eine ebenfo unter zu engem theologifchen Ge-
fichtspunkt nur einfeitige Würdigung fowohl des Chriftenthums
als der Humanität geht es auch zurück, wenn der
Verf. fchon da allein von PTindfchaft zwifchen Humanität
und Chriftenthum zu reden weifs, wo Verbildungen
der chriftlichen Weltanfchauung den Widerfpruch der
Vertreter der Humanitätsidee gegen diefelben hervorrufen
, fo wenig auch .geleugnet werden foll, dafs diefe
nicht blofs gegen pietiftifche Engherzigkeit reagiren,
fondern gerade in unferen Tagen nicht feiten gegen das
Chriftenthum felbft feindfelig auftreten; und billig ift es
auf keinen Fall, dafs die Schranken des antiken Humanitätsideals
mit voller Schärfe gezeichnet und verurtheilt
werden, aber keinerlei Andeutung darüber erfolgt, dafs
die Stoiker, ganz befonders Seneca, diefe Schranken
fchon in wefentlichen Punkten durchbrochen haben. —
Schliefslich noch ein Beifpiel durchaus unwiffenfehaft-
lichen theologifchen Raifonnements bei unferem Verfaffer.
Nach einer Aeufserung der Vorrede legt er felbft das
Hauptgewicht auf feine Abhandlung über den Sabbath.
In derfelben möchte er, und das ift ihm eine Herzensfache
, der chriftlichen Kirche gegenüber der Laxheit
der modernen , namentlich der deutfehen Praxis der
Sonntagsfeier eine fabbathliche Sonntagsheiligung vindici-
ren. Freilich kennt er die KritikChrifti über das Sabbaths-
gefetz, wenn er auch die volle Tragweite der Worte,
dafs der Menfchenfohn auch Herr des Sabbaths ift, und
dafs der Sabbath um des Menfchen willen ift, nicht ausreichend
würdigt; auch beugt er fich der Autorität
Luther's, die ihn zu dem Zugeftändnifs zwingt, dafs das
Sabbathsgefetz des Dekalogs für den Chriften keine ge-

auch kirchliche Legenden und Sagen behandelt werden
und durch chronologifche Zufammenftellung derfelben
eine Art von biblifcher Gefchichte und Kirchengefchichte
in Liedern hergeftellt. Es find Namen von gutem Klang,
die unter den einzelnen Gedichten uns entgegentreten.
Neben den speeififeh geiftlichen Dichtern wie Knapp,
Gerok, Sturm u. a. haben Plerder, Rückert, Kerner,
Schwab, Chamiffo, Immermann, Simrock, Eichendorf,
Geibel Beiträge geliefert. Selbft Heine mit feinem
Belfazar und Goethe mit der Legende vom Hufeifen find
vertreten. Dazwifchen finden fich auch weniger bekannte
Namen, auch einzelne Ungenannte. Ueberall aber hat
der Herausgeber fich von äfthetifchen Motiven bei der
Auswahl leiten laffen und es vorgezogen, lieber hie und da
Lücken im Stoff zu laffen, als gefchmacklofe Reimereien,
an denen kein Mangel gewefen wäre, mit aufzunehmen.
Warum der Abfchnitt ,Stoffe aus der Gefchichte' mit
Geibel's ,Des Deutfehritters Ave' (1410) abbricht, dem
dann nur noch der etwas überfchwängliche Lobpreis
des Mittelalters von A. Schults folgt, ift dem Ref. nicht
erfichtlich. Der Mangel an Stoff aus der fpäteren Gefchichte
kann nicht der Grund fein; es genügt an Eichen-
dorf's ,ftille Gemeinde', Geibel's ,Türkenkugel' u. ähnl.
zu erinnern. Faft feheint es, der Herausgeber habe
gefürchtet, durch Hereinziehung der reformatorifchen
und nachreformatorifchen Zeit den Culturkampf aufzuwecken
. Aber auch wer diefen Mangel bedauert, wird
für das Gebotene dankbar fein. Namentlich zur Belebung
des Schulunterrichts dürfte, abgefehen von dem
erbaulich-äfthetifchen Genufs die Sammlung gute Dicnfte
leiften.

Nuffe. H. Lindenberg.