Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1879 Nr. 6

Spalte:

134-136

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rothe, Rich.

Titel/Untertitel:

Der erste Brief Johannis praktisch erklärt. Aus Rich. Rothe’s Nachlaß hrsg. von K. Mühlhäusser 1879

Rezensent:

Meyer, Ernst Julius

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

133

Theologifche Literaturzeitung. 1879. Nr. 6. 134

ftudirt, fondern dabei auch lieb gewonnen. Das hat ihn Rothe. Dr. Rieh., Der erste Brief Johannis praktisch er-

fähig gemacht, den Reformator auch da, wo in alter k!ärt Aus Rieh. Rothe's Nachlafs hrsg. von Dr K.
und neuer Zeit gar manche glaubten ihn meifterm zu Mühlhäufscr. Wittenberg 1878, Koelling (VIII,
dürfen, richtig zu verliehen und billig zu beurtheilen. j * ' „ _ s ' ' *»■ lV111'

Man wird in weitaus den meiften Fällen feinem Urtheil j a> °-> iV1- >

zuftimmen müffen. Am wenigften ift mir dies möglich Der literarifche Nachlafs Rothe's, diefes koftbare

im dritten Buche gegen den Schlufs, S. 349 ff., 375 ff-, j Segensvermächtnifs für die Kirche und die Theologie,
wo ich gegen Vieles als unrichtig Einfprache erheben | ift noch nicht erfchöpft. Eine befonders reiche und
müfste. Aber da es fich dort nicht um hiftorifche Ein- j fchöne Gabe aus demfelben ift die vorliegende, im Som-
zelheiten handelt, die kurz zu berichtigen wären, fondern i mer 1846 im Wittenberger Predigerfeminar vorgetragene
um verfchiedene Grundanfchauungen, welche die Auf- Erklärung des erften Briefes Johannis, die Dr. Mühlhäufser
faffung gefchichtlicher Thatfachcn beeinfluffen, fo würde j auf Grund eines eigenen Collegienheftes von Rothe und
ein Eingehen darauf hier zu weit führen. einer von ihm felbft gemachten genauen Nachfchrift ge-

Der Stoff ift in 3 Büchern behandelt: I (S. 24—83) wiffenhaft ohne alle eigene Zuthat zufammengeftellt
von Luther's Geburt bis zum Ablafsftreit; II (S. 84—270) [ und mit einem warmen Vorwort veröffentlicht hat in
vom Ablafsftreit bis zur Wartburg; III (S. 271—390) von I dankbarer Erinnerung der unvergänglichen Eindrücke,
der Wartburg bis zu Luther's Tode. Nun wird wohl j die er unter der Leitung diefes berufenften Führers
jeder Biograph bei der früheren Lebenszeit Luther's , junger, ftrebfamer Theologen empfangen hat. Die Er-
etwas länger verweilen als bei der fpäteren und fie etwas klärung bildet eine fehr willkommene Ergänzung zu den
eingehender behandeln. Aber ob das in folchem Mafse | auch in diefen Blättern befprochenen Abendandach-
gefchehen darf wie hier, ift doch fraglich. Wie der Verf. i ten Rothe's über die gröfsere Hälfte des Briefes, die
dazu gekommen ift, fieht man leicht. Einmal ift ihm : denfelben Stoff aus ausfchliefslich homiletifchen GeLuther
vor 1521 doch fympathifcher, als in feinem fpä- | fichtspunkten behandeln, während in der vorliegenden
teren Auftreten, obwohl er, wie fchon bernerkt, durch- Schrift eine freie Meditation über den chriftl. Gedankenaus
bemüht ift, ihm auch für diefe fpätere Zeit gerecht 1 gehalt des Briefes an fich geboten ift. Der eigentlich
zu werden. Und dann geht fein Beftrcben ganz darauf ; exegetifche Apparat ift faft durchgängig weggelaffen,
hin, Luther's Werden und feine Entwickelung pfycholo- S doch überall deutlich erkennbar; wie in jeder anderen,
gifch zu verfolgen und zu erklären. Hierin hat er fich j fo ift die Schrift auch in diefer Beziehung eine reife
zu Anfang, wo der Stoff ja ungemein dazu einladet, fehr Frucht wiffenfchaftlicher Arbeit.

vertieft und konnte dann in der Weife weiterhin nicht Bei der eigenthümlich chriftlichen und thcologi-

fortfahren. Dadurch kommt die Schlufsabthcilung zu ; fcnen Individualität R.'s verlieht es fich, wie gerade
kurz. , . | Johannes mit feiner myffifch-intuitiven Art, mit feiner

Die Darfteilung ift recht fnfeh und lebendig. Das j tiefen Innigkeit und nicht minder feiner ethifchen Schärfe

Buch lieft fich gut und wird fich gewifs Freunde erwer
ben. Nur hie und da, befonders auf den erften Bogen,
vermifst man im Einzelausdruck die letzte Feile.

Um noch ein Paar Kleinigkeiten zu erwähnen, fo
brachte L. (S. 93 Z. 4 v. u.) die Ablafsfache durch An-
fchlag der lat. Thefcn noch nicht gleich an das Volk;
das gefchah von ihm aus erft fpätcr. — S. 78 Z. 10 v. u. ift
,an Staupitz Statt' nach dem freilich erft fpäter er-
fehienenen Auffatz von Knaake: ,Luther's Vikariat 1515

— 1518' in der Ztfchr. für die gefammte luth. Theol. u.
Kirche 1878 Heft 4 zu berichtigen. — S. 138 Z. 3 v. u.
Das angeblich im Auguft 1518 gegen L. erlaffene päpft-
liche Breve wird auch von O. Waltz in: Brieger, Ztfchr.
für Kirchengefchichte Bd. 2 H. 4 für unecht erklärt. —
S. 163 Z. 19 v. u. lies .Freunde' ftatt .Feinde'. — Was
S. 165 über Luther's Kirchenbegriff gefagt wird, ift unrichtig
. Luther geht dafür nicht .vorzugsweife vom Einzelnen
, vom Subjekte aus'; er läfst nicht die Kirche aus
Einzelnen fich zufammenballcn, fondern nach ihm wird
der Einzelne erft Chrift durch den Dienft der Kirche,
die vorher befleht. — S. 191 Z. 16 v. u. ift .braucht'
durch ,darf' zu erfetzen; der dort erwähnte Brief Luther's
fchliefst direct die Billigung von Aufruhr aus. — S. 193
Z. 5 v. ob. Dafs Luther einfeitig im Religiöfen und
Kirchlichen hängen blieb und fich nicht wie Zwingli auf
das Politifche einlaffen wollte, war kein zu bedauernder
Mifsgriff, fondern, wie auch die Gefchichte gelehrt hat,
das richtige Verhalten. —. S. 221 Z. 16 v. u. Dafs L. in
feinem letzten Schreiben an Leo X klar bewufstc Ironie
angewandt habe, erfcheint mir als fehr zweifelhaft. L.
beurtheilte die Perfönlichkeit diefes Papftes lange Zeit

viel zu günftig, ähnlich wie bei den Humaniften gefchah.

sj . . . , , , .f , , r t j-c u in- unS unlerer Sunden dargeftellt wird, fofern er 111 der

- Ebcnfo mochte ich ^ | ^ Entwickelung
de hbertate chrtshana S. 222;_ ohne aufsere Veranlaffung , fchlechthin ^ m ^ wirkfame Caufalität und aus
vorher in al er Stil je ausgearbeitet habe. - Was S. 234 reichende Potenz einer wirklich vollftändigen Aufhebung
über Luther's Stellung zur Schrift ausgeführt ift .wird der Sünde . . Menfchheit zu fein - eine 1W„.S?

und Reinheit an ihm einen congenialen Ausleger gefunden
hat, der vorzugsweife befähigt war, fein Verftänd-
nifs zu vermitteln. Insbefondere kann man an diefer
Erklärung, die exegetifchen Scharffinn und wiffen-
fchaftliche Gedankentiefe mit wahrhaft praktifcher Erbaulichkeit
in feltener Weife vereinigt, die Unbefangenheit
, diefe nicht eben häufige exegetifche Tugend, lernen,
die ohne alle Brille fei's der Kritik, fei's dog'matifcher
Vorausfetzungen, fich in die Schrift ganz verfenkt und
ihrem vollen Eindruck hingiebt.

Um eine Andeutung davon zu geben, wie es R.
verfteht, ebenfo ingeniös, als ungezwungen auch auf bekannte
und viel erörterte Stellen ein überrafchend neues
Licht zu werfen und welchen reichen Gewinn diefe Erklärung
auch für die im engeren Sinne wiffenfehaftliche
Auslegung des Briefes bietet, erlauben wir uns wenig-
ftens auf einzelne Stellen des Briefes hinzuweifen. Zu
I, 9 (S. 37 ff.) entwickelt R. in lichtvoller Weife den Begriff
der göttlichen Gerechtigkeit in feiner eigenthümlich
nahen Verwandtfchaft mit demjenigen der göttlichen
Treue, indem er an der urfprünglichen Bedeutung des-
felben fefthält und den Gedanken der Stelle dahin zu-
fammenfafst: Gott ift treu und kann es fein, kann die
Zufage der Sündenvergebung halten, indem er gerecht
ift, d. h. jede Gefährdung feiner Gerechtigkeit auch bei
Erlafs der Sündenfchuld ausgefchloffen ift durch die in
Chrifto gefchehene Verformung der Sünde. Ueber-
rafchend ift zu II, 2 (S. 47) die Deutung des:
ilua(.iög iori, was R. dahin verfteht, dafs an diefer Stelle
der Erlöfer felbft, der ganze Jefus Chriftus, nicht
etwa blofs ein einzelner Act desfelben, als die Verföhn-

der Berichtigung bedürfen. — Doch genug diefer Einzelheiten
, welche nicht aufgeführt find, um das zu Anfang
über die Tüchtigkeit des Buches Gefagte zu fchmälern.

Erlangen. G. Pütt. mittelt

der Sünde in der Menfchheit zu fein — eine Deutung,
mit der Rothe keineswegs die auch von ihm geltend
gemachte objective Bedeutung des Sühntodes Chrifti ab-
fchwächen will, fondern die ihm diefe nur ethifch ver-