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Ausgabe:

1879

Spalte:

107-108

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Flügel, Otto

Titel/Untertitel:

Die Seelenfrage mit Rücksicht auf die neueren Wandlungen gewisser naturwissenschaftlicher Begriffe 1879

Rezensent:

Gottschick, Johannes

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Seite 1

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107 1 heologifche Literaturzeitung. 1879. Nr. 5. 108

theiftifchcn Weltanfchauung löfen , welche allein den I als Hypothefe zurErklärung der gegebenenErfcheinungen
Theil der Welt als Glied und darum auch die Selbftändig- , als nothwendig gilt. Indem er fich auf den Boden der
keit und Freiheit des Menfchen verftehen lehrt, ohne ftrengenNaturgel etzlichkeitftellt, derSeelifches undLeib-
die Abhängigkeit des Einzelnen vom Ganzen aufzugeben, j liches unterworfen fein muffen, weift er nach, wie der
In diefem Zufammenhang läfst das Problem fich aber von hier aus zu poftulirende durchgängige Parallelismus
durch die Flrkenntnifs löfen, dafs der von Gott gewollte des Pfychifchen und Phyfifchen kein Beweis für ihre
Zweck des Guten nur durch die menfehliche Freiheit zu Identität ift. Mit beftändiger Rückficht auf eine Reihe
realifiren war, welche die Möglichkeit des Böfen ein- moderner Naturforfcher führt er die3Hauptgründe für die
fchliefst. Beftand kann das Böfe als Widcrfpruch gegen ! Annahme einer Seele durch. 1) Die Unvergleichbarkeit
das Grundgefetz des Ganzen dabei nie erlangen, da es der pfychifchen Zuftände mit Bewegungserfcheinungen.
in dem Mafs , als es fich durchfetzt, zu Grunde geht. 2) Die Nothwendigkeit, diefelben als innere Zuftände
Und eine allmähliche Ueberwindung des Böfen im Gang von Wcfen zu denken, da Kraft nicht ohne Stoff denk-
der gefchichtlichen Entwicklung bleibt zu hoffen. — bar. 3) Die Unmöglichkeit, die erfahrungsmäfsige, eigen-
So etwa die Gedanken des Verfaffers. Der Gegenfatz, thümlich geartete Wechfelwirkung derfelben, welche die
gegen den er fich kehrt, ift namentlich der Spinozismus, Einheit des Bewufstfeins conftituirt, zur erklären ohne
dann aber auch die Herbart'fche Philofophie und der Vorausfetzung eines dem Stoffwechfel entnommenen,
moderne philofophifche Empirismus. untheilbaren und einfachen Wefens. Sorgfältig werden

Der Weltanfchauung und Lebensbeurtheilung, welche ! die verfchiedenen Möglichkeiten geprüft und die Wider-
der Verf. ausfpricht, wird Jeder zuftimmen, welcher fich legung des dogmatifchen Materialismus kann als eine
zum chriftlichen Glauben bekennt. Aber diefe Zuftimm- vortreffliche bezeichnet werden, wenn auch die Argu-
ung involvirt keineswegs dieBilligung der philofophifchen ! mente nichts weniger als neu find. Die in der Natur-
Anfichten des Verfaffers. Vielmehr kann ich diefelben wiffenfehaft fich vollziehenden Wandlungen, an die Verf.
nicht theilen und bin der Meinung, dafs fie fich auch in ', anknüpft, find die durchdringende Erkenntnifs der quali-
diefer Verhandlung über das Problem des Böfen als tativen Verfchiedenheit der Empfindungszuftände von
ungenügend erweifen. Der Verfaffer felbft beweift, in- | Bewegungsvorgängen, die Aufgabe einer unmittelbaren
dem er wiederholt hervorhebt, dafs nur bei der von ihm i actio in distans, welche dazu führt, Kraft nur als das Provertretenen
Gefammtanficht von einem Böfen im eigent- 1 duet des ,Zufammens' von qualitativ verfchiedenen Wefen
liehen Sinn die Rede fein könne, er beweift dadurch oder Stoffen zu denken, endlich die Anerkennung inne-
felber, dafs das behandelte Problem allererft im Zu- ' rer Zuftände in den Atomen neben ihren äufseren Ver-
fammenhang einer beftimmten Weltanfchauung entfteht. hältnifsen. Unzweifelhaft mufs davon eine Aufgabe des
Verhält es fich aber fo, dann ift es nicht richtig, das dogmatifchen Materialismus die Folge fein. Ungleich
Problem als ein allgemeines zu formuliren und die fchwächer find die gegen den erkenntnifstheoretifchen,
Beantwortung mitteilt einer beftimmten Weltanfchauung ; an Kant fich anfchliefsenden Materialismus vorgebrach-
zu verfuchen. Sondern das Problem felbft mufs der ten Argumente. Seine dogmatifche Mctaphyfik macht
Weltanfchauung, in welcher es entfteht, entfprechend ' es dem Verf. unmöglich, fich auf den transfcendentalen
formulirt werden, und die Frage kann nur lauten, ob es Standpunkt zu verfetzen, den er nur unter einem meta-
im Zufammenhang derfelben als nothwendig zu begreifen j phyfifchen Gefichtswinkel zu appereipiren im Stande ift.
ift oder nicht, d. h. — da es fich um die chriftliche 1 Doch mufs ihm zugeftanden werden, dafs die Lange'fche
Weltanfchauung handelt — ob das Böfe (in dem vom ; Auffaffung der Kategorien als einer .fubjectiven ürgani-
Verf. erwähnten Unterfchied von der fittlichen Rohheit) fation', die eben fo gut auch anders hätte ausfallen
als Mittel für Gottes Zweck verftanden werden kann, können, fehr bedenklich ift. Jedenfalls ift fie nicht kan-
Mufs das verneint werden, fo ift auch das theoretifche tifch, auch nicht durchgängig ,neokantifch'. Naiv aber
Raifonncment am Finde, wir verftehen das Böfe nur, , ift die Bemerkung, dafs Kant .bekanntlich' gar kein ge-
indem wir uns felbft darüber anklagen und es mit den fchloffenes Syftem gehabt habe. Den wirklichen Stand-
Mitteln bekämpfen, welche der chriftliche Glaube dafür punkt Kant's, der den ,fubjectiven' Kategorien allerdings
bietet. Dadurch wird zwar nicht hinfällig, dafs allge- objective Gültigkeit zufchreibt, aber nur immanente,
meine Erörterungen über die Freiheit und die moralifche 1 nämlich zum Zweck der Herftellung einer wirklichen
Beurtheilung nothwendig find. Aber diefe können nur Erfahrungscrkcnntnifs, für diefe fich bei einem kritifchen
dann auf allgemeinere Anerkennung ihrer Refultate rech- Materialismus beruhigt, einTransfccndiren derfelben aber,
nen, wenn fie fich ihrerfeits darauf befchränken, unter ; wie es in der Annahme einer Seele gefchieht, aus prak-
völligem Abfehen von jeder umfaffenden Weltanficht tifchen Impulfen erklärt und nur zum praktifchen Behuf
die Erfcheinungen des wirklichen Lebens in Betracht eine Einheit"der Welt als eines Ganzen poftulirt, kann
zu ziehen. Das fcheint mir alfo der Mangel in der Ref. durch den Verf. nicht als widerlegt erachten
Methode des Verf.'s zu fein, dafs er die Fragen der einen
und der anderen Art nicht grundfätzlich trennt und daher
weder den einen noch den anderen genug thun kann.
Damit ift nicht ausgefchloffen, dafs nicht im einzelnen
richtige Gedanken in feiner und belehrender Weife ausMagdeburg
. J. Gottfchick.

Strümpell, Prof. Ludw., Die Geisteskräfte der Menschen

verglichen mit denen der Thiere. Ein Bedenken gegen

Darwin s Anficht über dcnfelben Gegenftand. Leipzig
gelührt lind, aber die ganze Art, die Frage zu erörtern, 0_0 „ . „ r c 0 tut » ä-,

halte ich in der Philofophie wie in der Theologie für , l8?8' Veit & Co" (Ö4 S" 8"> M" l- ^

irrig und wollte das nicht ungefagt laffen, wenn auch der I Die Defcendenzlchre behauptet, zu allen Geiftes-

Raum nur geftattet, den Widerfpruch zu markiren, nicht , kräften des Menfchen finden fich in den Thieren Anfätze,

aber ihn weiter zu begründen. der Unterfchied fei nur ein gradueller, und die im Men-

gafej t j^af(-an ^. fchen vorliegende Steigerung fei aus den allgemeinen

Bedingungen der Entwicklung der Thierwelt völlig zu

erklären. In der Prüfung diefer Behauptung befchränkt

fich der Verf. auf das, was die meiften Vergleichspunkte

darbietet, auf das finnliche Wahrnehmungs- und das fich

daran anfchliefsende Vorftellungs- und Begehrungsleben.

In fcharffinniger Analyfe der Erinnerung zeigt er, wie

weit in Thier und Menfch der gleiche phyfiologifch-

pfychifche Mechanismus reicht, wie aber die eigentlich fo

zu nennenden Phänomene der Erinnerung im Menfchen

Flügel, Ü., Die Seelenfrage mit Rückficht auf die neueren
Wandlungen gewiffer naturwiffenfehaftlicher Begriffe.
Cöthen 1878, Schulze. (VIII, 102 S. gr. 8.) M. 2. —

In klarer und eingehender Untcrfuchung erörtert
der Verfaffer, bekanntlich ein ftrenger Herbartianer, die
Gründe für die Annahme eines untheilbaren und einfachen
Seelenwefcns, die ihm aus rein theoretifchen Gründen