Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1879

Spalte:

628-629

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rieger, M.

Titel/Untertitel:

Die Gottesfreunde im deutschen Mittelalter. Hrsg. von W. Frommel und Friedr. Pfaff 1879

Rezensent:

Köhler, Karl

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

627

Theologifche Literaturzeitung. 1879. Nr.

628

lieh gegen die Religion gerichtet find, alfo wider Wiffen j der Fall id. Wir hoffen, ihr in erneuter Geftalt noch

und Wollen der Dichter doch faft immer noch thatfäch-
lich Zeugnifs für die gute Sache des Chriftenthums.
Man mufs nur darauf achten und in diefem Sinne zu
lefen verftehen. Es fteht da oft das Wichtigfte nicht
blofs zwifchen den Zeilen, wie Leffing einmal fagt,
fondern auch hinter den Zeilen, und fo müffen auch
fie zur Förderung des Reiches Gottes dienen. — —

--Davon aber bin ich feft überzeugt, und das ift

vielleicht der einzige Punkt, in dem ich von Karl
Barthel entfehieden abweiche, dafs unfere heutige
Dichtergeneration nicht, wie er S. 3 gefagt hat, ein
Epigonengefchlecht ift. Das find fie höchftens in
ihrem banaufifchen Widerftreit gegen das Chriftenthum.
Leffing und feine Mitkämpfer fühlten fich, wenn auch
nicht immer mit vollem Recht, doch meiftens einer verknöcherten
Orthodoxie, einem verkohlten Pietismus, und
was das Schlimmfte war, dem abgeftandenen Phlegma
eines geiftlofen Rationalismus gegenüber; fie ftanden in
der Abenddämmerung eines untergegangenen fchönen
Sonntags reformatorifcher Religiofität; da fleckten fie
denn die Nachtlichter der Vernunft an. Sie hätten doch
beffer gethan, nach den Sternen zu fehen. Unfere heutigen
Poeten aber fchliefsen die Fenfterladen gegen das
Morgenlicht der freundlich aufgehenden Ofterfonne eines
erneuten lebendigen Chriftenthums und wollen fich hartnäckig
mit ihrem Kerzenlichte begnügen. Darin, aber
auch nur darin allein, find fie Epigonen; ihnen fehlt
nichts als das Chriftenthum. Plätten fie das, fie führten
uns weit über die Goethe-Schillerfche Zeit hinaus, und
fie werden es wieder haben. Ich bin der frohen Zuverficht
'. In dies nach unferer Anficht allzugünftige Ur-
theil über die dichterifchen Leiltungen der Gegenwart,
und in diefe optimiftifche Erwartung wegen der Zukunft
können wir nicht einftimmen, aber darüber freuen
wir uns, dafs der Verf. als einen Hauptmangel bei den
Dichtern unterer Tage den Mangel an chriftlicher Le-
bensanfehauung, an chriftlichem Glauben betrachtet

öfters zu begegnen.
Langgöns. K. Strack.

Sammlung von Vorträgen, hrsg. von W. Frommcl und
Friedr. Pfaff. Heidelberg 1879, C. Winter. (8.)

Unter diefem Titel kündigt fich ein neues literarifches
Unternehmen an, deffen Zweck ift in der beliebten Form
von Vorträgen Fragen aus allen Gebieten des geiftigen
und materiellen Lebens, wie fie täglich auftauchen, vom
chriftl. Standpunkte aus zu befprechen. Von den bis
jetzt erfchienenen Vorträgen liegen uns folgende, das
theologifche Gebiet berührende, vor:

1. Geffcken, Prof. Dr. Heinr., Staat und Kirche nach Anschauung
der Reformation. [1. Bd. 2. Hft.] (19 S.)
M. — 60.

2. Ebrard, Confift.-R. Dr. A., Die Glaubwürdigkeit der
Geschichte Jesu und das Alter der neutestamentlichen
Schriften. [1. Bd. 4. Hft] (39 S.) M. — 80.

3. Zahn, Prof. Theod., Sclaverei und Christenthum in der
alten Welt. [1, Bd. 6. Hft.] (48 S.) M. — 80.

4. Rieger, Dr. M., Die Gottesfreunde im deutschen Mittelalter,
fi. Bd. 8. Hft] (43 S.) M. — 80.

In fehr allgemein gehaltenen Umriffen, wie es der Umfang
eines Vortrags mit fich bringt, giebt der Verf. von Nr. 1
einenUeberblick derEntwickelung, welche das Verhältnifs
zwifchen Kirche und Staat bis zur Reformation genommen
hat. Was über die Stellung Luther's zur Sache
gefagt wird, ift nicht unrichtig, genügt aber nicht. Man
erhält kein zutreffendes Bild feiner und der reformato-
rifchen Auffaffung überhaupt, wenn man nicht die Idee
von dem religiöfen Berufe der Obrigkeit, wie fie in der
lutherifchen Lehre von den drei kirchlichen Ständen ihren
Dafs Röpe in religiöfer und fittlicher Beziehung ein j Ausdruck gefunden hat, gehörig würdigt. Dafs Luther
ftrenges Urtheil fällt, zeigt er z. B. in feinen Aeufser- I und die A. Conf. ,zwar nicht die vollkommene Tren-
ungen über die Gräfin Ida Hahn-Hahn. Ihre von Fa- I nung von Staat und Kirche, wohl aber Auseinander-
natismus zeugenden Schriften gegen die evangelifche ] fetzung derfelben' fordern, ift viel zu vag. Ueberhaupt
Kirche betrachtet er als ein Zeugnifs, dafs fie nicht vom j ift es irreleitend in diefer modernen Weife von Staat und
evangelifchen Glauben, fondern vom weltlichen Un- Kirche als zwei gefonderten Organismen im Sinne der
glauben zumKatholicismus übergetreten fei. Wir brauch- Reformatoren zu reden; beide fallen für die lutherifche,

ten den Vatican um diefen Fifchzug nicht zu beneiden.
Das fei ein unbewufstes Zeugnifs für die gute Sache des
Evangeliums, dafs faft alle Apoftaten möglichft bald recht

wie für die zwinglifche und calvinifche Auffaffung, nur
verfchieden modificirt, in Päns zufammen in den Begriff
des chriftl. Gemeinwefens. Das Urtheil über den Cul-

feindfelig gegen die verlaffene Kirche auftreten. Das J turkampf (S. 16=48) ift im Allgemeinen richtig; aber dafs

Gewiffen treibe fie, fich vor der Welt und vor fich felbft
möglichft zu rechtfertigen. Die unter dem Namen E.
Marlitt bekannte Schriftftellerin Eugenie John aus Arn-
ftadt, welche befonders durch ihre in der Gartenlaube
erfchienenen Erzählungen einen berühmten Namen
erlangt hat, wird wegen ihrer Erzählergabe und wegen
ihres Talentes der Schilderung gelobt. Dagegen wird
von ihr behauptet, der confequent ausgefprochene Hafs
gegen alles was fromm erfcheint, fei bei Fräulein John
zur Manie, mindeftens zur Manier geworden. Die Kinder
der Welt fcheuten fich, das Evangelium geradezu
anzugreifen; das wüfsten fie recht gut, dafs fie an diefem
heifsen Eifen ihre Finger verbrennen würden. Darum
verdächtigten fie feine Diener als Heuchler und Ehebrecher
und Schurken. Wenn Männer das thäten, fo
feien wir es gewohnt; aber unfromme Frauen find
widerwärtig, befonders in gebildeten Ständen. Eine
fchriftftellerifche Dame follte wiffen, dafs das Weib
Chrifto allein feine fociale Stellung, feine Emancipation
von der Sclaverei unter den Männern verdanke.

Wenn nun eine Schrift, welche auf diefe Weife dem
Strome der Zeit entgegentritt, immer und immer wieder
begehrt und gelefen wird, fo mufs fie es ihrem inneren
Werthe verdanken, wie es bei der vorliegenden wirklich

durch denfelben die evang. Kirche in Bande gefchlagen fei,
,die ihr alle freie Bewegung hemmen' (S. 17=49) ift
entfehieden zu viel gefagt. Das fchliefsliche Programm
für die Geftaltung des Verhältnifses ift unanfechtbar, aber
viel zu allgemein gehalten, um praktifchen Werth zu
haben.

Der Vortrag Nr. 2 ift anziehend, mit Scharffinn gearbeitet
wie Alles, was Ebrard fchreibt. Der Verf. fordert
mit Recht, dafs die Frage nicht nach religionsphilo-
fophifchen Vorausfetzungen (über die Möglichkeit oder
Unmöglichkeit des Wunders), fondern unabhängig davon
nach gefchichtlichen Kriterien beantwortet werden
müffe. Vieles, was er in diefer Richtung vorbringt,
ift treffend, Anderes freilich fchiefst über das Ziel hinaus
. Den Beweis für die Echtheit der neuteftl. Schriften
führt der Verf. vorzugsweife durch gehäufte Citate aus
der altchriftlichen Literatur, welche für das damalige
Vorhandenfein der betr. Schriften fprechen; erfchöpft
ift die Sache dadurch freilich bei Weitem noch nicht. Un-
feres Bedünkcns läfst fich die FYage fo, wie fie hier gepfeilt
ift oder wenigftens von den Zuhörern aufgefafst
worden fein mufs, — d. h. nach der gefchichtlichen Richtigkeit
der evangelifchen Berichte in allen ihren einzelnen
Theilen und nach der Herkunft fämmtlicher neu-