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Ausgabe:

1879 Nr. 23

Spalte:

542-546

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Die Gemeindeverfassung der Juden in Rom in der Kaiserzeit nach den Inschriften dargestellt 1879

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologifche Literaturzeitung. 1879. Nr. 23.

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Paläftina's find dabei keineswegs eingehalten, fondern es
werden auch alle diejenigen aufserpaläftinenfifchen Länder
- und Ortsnamen mitbehandelt, die eben zufällig
gerade bei Jofephus vorkommen.

Man wird dem Verf. das Zeugnifs nicht vertagen,
dafs er vielen Fleifs auf feine Arbeit verwendet und die
Aufgabe, die er fich geftellt, in der Hauptfache befriedigend
gelöft hat. Aber war es überhaupt gerechtfertigt
, fich eine folche Aufgabe zu ftellen? Ref. kann
darauf nur mit Nein antworten. Das ganze Unternehmen
hat etwas Principlofes und leinet weder für die Erklärung
des Jofephus, noch für die Geographie von Palä-
ftina einen erheblichen Dienft. Wer bei der Leetüre des
Jofephus fich über die betreffenden Punkte orientiren
will, findet in den gangbaren geographifchen Handbüchern
von Raumer, Robinfon, Ritter u. A., in den biblifchen
Realwörterbüchern von Winer, Schenkel und Rie hm
ebenfo bequeme und viel reichhaltigere Belehrung;
wenigftens foweit es fich um Paläftina handelt. Und
für die aufserpaläftinenfifchen geographifchen Namen
find die hier gegebenen Nachweife ebenfalls entweder
überflüffig oder ungenügend. Denn um im allgemeinen
zu wiffen, wer die Araber, die Affyrier, Chaldäer, Gallier,
Lydien, Parther gewefen feien, oder was unter Armenien,
Cappadocien, Cilicien etc., unter Alexandria, Antiochia,
Carthago, unter Delos, Lesbos, Melos etc. etc. zu ver-
ftehen fei, dazu bedarf ein Lefer des Jofephus nicht der
hier gegebenen dürftigen Notizen. Wer aber irgend
etwas mehr verlangt, als das Gewöhnlichfte und Nächft-
liegende, der mufs doch zu gröfseren Werken greifen,
und findet u. A. in Pauly's Real-Encyklop. der claff.
Alterthumswiffenfchaft über alle fraglichen Artikel reichhaltigeren
Auffchlufs als hier. P"ür die Geographie von
Paläftina aber wäre das Werk des Verf.'s nur dann ein
nutzliches und werthvolles Hülfsmittcl, wenn er fich die
Aufgabe geftellt hätte, das geographifche Material aus
Jofephus vollftändig zufammenzuftellen, d.h. wenn bei
jedem Artikel die fämmtlichen Stellen, an welchen
das Wort vorkommt, citirt und die wichtigeren ihrem
Wortlaute nach mitgetheilt wären. Dann wäre das
Buch wenigftens eine bequeme Materialienfammlung zur
Geographie von Paläftina. Etwas derartiges zu geben
war aber, wie das Vorwort beweift, nicht die Abficht
des Verf.'s; und wird in der That auch nicht geleiftet.
Bei der Mehrzahl der Artikel find wohl die fämmtlichen
Stellen aus Jofephus genannt, aber keineswegs bei allen.
Unter .Idumäa' z. B. erfahren wir nur, dafs es ,bei
Jofephus vielfach genannt' werde, ohne Citirung einer
einzigen Stelle. Bei .Tiberias' werden nur ein paar
Stellen genannt, und dann bemerkt, dafs es ,oft von
Jofephus erwähnt' werde. Die Mehrzahl der Stellen
fehlt, und fo erfährt man auch nichts über die wcchfel-
vollen Schickfale von Tiberias unter den fpäteren He-
rodäern und während des jüdifchen Krieges. Bei ,Ga-
mala' fehlt Jos. Vita 24. 35. 36, bei ,Gischala' Bell. Jud.
II, 21, 7. 10. Vita 13. 20. 25. 38, bei dem Artikel
Joaqnis Grab' Bell Jud. V, 7, 3. 9, 2. 11,4. VI, 2, 10,
bei ,Sepphoris' Vita 45. 74.

Dasjenige, was der Verf. giebt, trägt im Ganzen
den Stempel folider Arbeit. Doch laffen fich auch hie-
bei noch manche Ausflellungen machen. Nicht recht
klar ift mir z. B. das Princip, nach welchem er die Literatur
zu den einzelnen Artikeln in Auswahl mittheilt.
Man hat hier fehr den Eindruck des Zufälligen und
Principlofen. — Bei manchen Ländernamen, z.B. ,Cöle-
fyrien' und Judäa', wäre eine fchärfere Unterfcheidung
des verfchiedenen Sinnes, in welchem die Namen gebraucht
werden, und im Zufammcnhang damit eine genauere
Gefchichte der Begriffe, fehr erwünfeht gewefen.
Bei Judäa' z. B. erfährt man nur, dafs es theils ganz
Paläftina, theils die füdlichftc der drei weftjordanifchen
Landfchaften bezeichne, nicht aber, welches der urfprüng-
liche Begriff, welches der vorwiegende Gebrauch bei

Jofephus, und wie an den verfchiedenen Stellen bei Jofephus
die Sache fich ftellt. Bei ,Cölefyrien' wird zwar
der verfchiedene Umfang des Begriffes richtig angegeben.
Es wäre aber auch hier ein forgfältigeres Eingehen in
das Detail fehr am Platze gewefen.

Von einzelnen Unrichtigkeiten erlaube ich mir noch
folgende zu berichtigen.

S. 7 wird im Anfchlufs an Winer (RWB. s. v. Acco)
u. A. der griechifche Name der Stadt Pto 1 emai s auf Ptole-
mäusLathurus(i 16—81 v.Chr.)zurückgeführt. Diesiflficher
unrichtig, da Ptolemais unter diefem Namen fchon viel
früher von Polybius erwähnt wird (Polyb. V, 61—62. 71).

Das .Delta', welches bei Josef//. Bell Jud. II, 18,
8 als ein Stadttheil von Alexandria erwähnt wird, ift
| nicht, wie der Verf. S. 103 meint, das Nil-Delta, fondern
das vierte unter den fünf Stadtquartieren Alexandria's.
Diefe wurden nämlich nach den fünf erften Buchftaben
des Alphabetes benannt: xb 'iAltpu, to Btjya u. f. w, (f.
Philo in Flaccum § 8, ed. Alang. II,$2$: uirxe uoiqai <$fiq
noktiog tioiv, iitcuvv 1101 xüv nfjwxav oxoixeltov

jvjg iyyq a fi/uax ov (pojvtjg.....TL ovv hioiijOav;

I Ey. xüv xaxiuqiov yqaiiudxwv E^ipYiaav xovg 'loidai-
j ovg /.. x. I. Pseudo-Callisthencs I, 32 [ed. Meufel in
Fleckeifen's Jahrbb. f. claff. Piniol. Supplementbd. V.]:
("Jtitkhvjoaq da xb nltiesiov filgog rijß nölttug ld'li!;a>-
öqog, xcu yioQoyQU(fi)](Jua anlyQuxpe ygäiitiaxa ntvxt"
et ß y ö a). Das zweite diefer alexandrinifchen Stadtquartiere
wird auf einer erft in neuerer Zeit gefundenen
lnfchrift aus der Zeit des Antoninus Pius erwähnt (7i-
jitqiog 'Jnrliog -A/.tg~c<vdx>og .... xüv uyoQavoutp/.nxiov
6 stxi xxjg titrrjviag xov B yodiiiiaxog, f. Lumbrofo in
j den Annali de II Instituto di corrisp. anheol. 1875, S. 15,
Burfian's Jahresbericht f. 1874 — 75, Bd. II, S. 305).
Hiernach ift auch m. Zeitgefch. S. 622 zu verbeffern.

In dem Artikel .Gerafa' S. 133 ift auch die Stelle
Bell. Jud. IV, 9, 1 verwerthet, wornach Gerafa zur Zeit
I des jüdifchen Krieges von den Römern mit Gewalt er-
, obert wurde. Da aber das bekannte helleniftifche Ge-
j rafa zur Zeit des Krieges ficher von Anfang an auf Sei-
| ten der Römer geftanden hat, fo ift an jener Stelle ent-
j weder der Text verdorben oder es ift ein anderes Gerafa
gemeint.

S. 188 ift Myfia zu lefen ftatt Möfia. — S. 229 ift
dem Verf. die gewagte Behauptung in die Feder gekommen
, dafs Sepphoris von Herodes Antipas (!) unter
dem Namen J toxuiauQeiu zu einer ftarken Fcftung
umgefchaffen worden fei, während diefer letztere Name
ficher viel jünger ift.

Giefsen. E. Schür er.

Schürer, Prof. Dr. Emil, Die Gemeindeverfassung der
Juden in Rom in der Kaiserzeit nach den Infchriften
dargeftellt. Nebft 45 jüdifchen Infchriften. [Gratu-
lationsfchrift zum Jubiläum des Prof. Dr. Reufs in
Strafsburg.] Leipzig 1879, Hinrichs. (41 S. 4.)
M. 4. —

Ueber die Verfaffung der jüdifchen Gemeinden in
Rom in den erften Jahrhunderten nach Chr. läfst fich
aus den in barbarifchem Griechifch und eben fo bar-
barifchem Lateinifch abgefafsten jüdifchen Grabfchrif-
ten ein ziemlich reichhaltiges Material zufammcnftellen,
namentlich feitdem durch die Entdeckung des jüdifchen
Coemeteriums in der Vigna Randanini das fchon früher
bekannte Material um mehr als das Doppelte vermehrt
worden ift. Die Mittheilung diefes neuen Materials verdanken
wir den werthvollen Publicationen des Jefuiten
Garrucci (Cimitero degli antichi Ebrei scoperto recente-
mente in Vigna Randanini, Roma 1862. Der f., Dieser-
tazioni archeologiche di vario argomento, Vol. II, Roma
I 1865,/). 150—192). Aber weder er felbft, noch irgend
I Jemand nach ihm hatte bisher den Verfuch gemacht,