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Ausgabe:

1879 Nr. 22

Spalte:

524-526

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sepp, Christiaan

Titel/Untertitel:

Drie Evangeliedienaren uit den tijd der Hervorming 1879

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

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Theologifche Literaturzeitung. 1879. Nr. 22.

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melanchthonifche Weltbild die Idee der Freiheit, reprä- [ Schema wegen der Verbindlichkeit der articuli

fentirt ebenfo im göttlichen, wie im creatürlichen Wir- fidei fixirt werden. Bis zu einem gewiffen Grade ift ja

ken, als charakteriftifch im Gegenfatz zu dem Determi- etwas Richtiges daran, wenn man von einer ,ethifchen

nismus der anderen Reformatoren aufgezeigt werden'. Tendenz' der Theologie Melanchthon's fpricht. Aber es

,In der Chriftologie ift die fpeculative Durchdringung des kann nicht die Rede davon fein, dafs diefe .Tendenz'

Göttlichen und Menfchlichen freilich nicht erreicht — überhaupt das Mafsgebende des melanchthonifchen Stand-

das Nächfte bleibt das Intereffe an der ethifch wahren punktes darftelle oder vollends gar das eigentlich ge-

Lebensentwicklung des hiftorifchen Chriftus —, doch ift fchichtlich Bedeutfame an der Theologie des Reforma-

jene Einheit höher als unter der Kategorie der Idiomen-
communication, nämlich als die willensmäfsige Einheit
gottmenfchlichen Wirkens im Verföhnungswerk des hiftorifchen
Chriftus gedacht und, wenn wir recht gefehen
haben, in der facramentalen Gegenwart und Wirkfamkeit
des erhöhten Chriftus — auch nach feiner menfchheitlichen
und leiblichen Seite —, welche ebenfalls auf einen Act
des Willens zurückgeführt wird'. Weiter wird bemerkt,

tors ausmache.

Wenn ich die Verarbeitung des —■ fieifsig gefam-
melten — Materials in dem Buche nachläffig nannte,
fo gilt das wegen der Eilfertigkeit, mit welcher die leitenden
Gefichtspunkte gewonnen werden. Dafs M. als
der ,Ethiker der Reformation' zu betrachten fei, gilt
zum voraus und aus diefem Gefichtspunkte heraus ar-
gumentirt H., als ob fich derfelbe ganz von felbft ver-

dafs es ,allgemein anerkannt' fei, wie in der Lehre von j ftünde. Von methodifcher Forfchung nach den Mo-

Sünde und Gnade ,das leitende Intereffe M.'s war, den
Menfchen als heilsempfängliche Perfönlichk eit feft-
zuhalten'; ,ebenfo charakteriftifch ift, dafs er den Gläubigen
nicht nur in dem ruhenden Bewufstfein der Rechtfertigung
, fondern in der nova obedientia ethifch wirkfam
denkt'. Dasfelbe Princip veranfchaulicht die Lehre von
der Kirche. ,Nie ift die Kirche blofs anftaltlich — als

tiven der Theologie M.'s, von Unterfuchung und
wägender Ueberiegung ift kaum je die Rede. Jener
Vorwurf gilt ferner wegen der auffallenden Gleichgültigkeit
, die der Verf. gegen die Forfchungen feiner Mit-
und Vorarbeiter an den Tag legt. Er hat ja Kunde
von einer Anzahl von Specialarbeiten über M. Aber
er hat diefe Arbeiten, wie es fcheint, nur durchblättert

Gnadenmittelanftalt — fondern als religiöfe Gottesdienft- und bringt nur gelegentlich einmal eine Bemerkung über
gemeinde und als fittliche Lebensgemeinfchaft, als con- ; diefelben. Es ift das fein eigener Schaden gewefen.
gregatio sanctorum gedacht, wie in den Gnadenmitteln ! Denn es ift mehr als eine unter jenen Arbeiten, die

der actis in actu und der usus sacranienti die Haupt
fache ift'. ,Wie aber die Wirkfamkeit Chrifti in den
Sacramenten, fo ift das ganze Heilsverhältnifs und
Heilsleben in der melanchthonifchen Theologie als ein
Verhältnifs von Perfon zu Perfon gedacht, unter die Kategorie
des Zwecks, der immanenten Teleologie des
Chriftenthums geftellt. Wir werden gerechtfertigt, damit
aus den Gläubigen die Kirche fich fammle, in der Gott
feine wahrhaftige Verehrung erhält'. Indem auch die
.übrigen cthifchen Sphären, Familie, Staat, Wiffenfchaft
der Sammlung der Kirche als der Gemeinde der Gläubigen
dienen und überhaupt das gefammte Weltleben teleolo-
gifch auf die Förderung des Gnadenreichs angelegt ift,
fo fehen wir einen grofsen fittlichen Organismus ausgebreitet
, der die umfaffende Verwirklichung der Idee der
ethifchen Perfönlichkeit ift'. Darum darf man auch M.'s
Ideenwelt wohl ein Syftem nennen. ,Diefe Durchführ

recht erwogen ihm fehr viel wefentlichere Gefichtspunkte
hätte erfchliefsen können, als die er verfolgt. Und wenn
die Mehrzahl der bisherigen Arbeiten über M. immerhin
Spreu ift, fo hätte auch diefe Erkenntnifs dem Verfaffer
nützlich werden können, nämlich wenn er die Gründe
dafür hätte auffuchen und die Lehre daraus abftrahiren
wollen, dafs man mit blofsen Ein drücke n im Verftänd-
nifs theologifcher Lehren nicht weit kommt.

Giefsen. F. Kattenbufch.

Sepp. Predikant Chrift., Drie Evangeliedienaren uit den

tijd der Hervorming. Leiden 1879, Brill. (189 p. 8.)

Die drei Männer, die der gelehrte Prediger der Men-
noniten in Leiden in dem oben bezeichneten Buche behandelt
, find Jean Taffi n, Bieter de Zuttere genannt
Overhaag, Agge van Albada. Von hervorragender
ung der Teleologie des Chriftenthums ift die Summe der i Bedeutung ift keiner von ihnen, doch hat Sepp Recht,

theologifchen Gedanken M.'s, die eben um deswegen wohl i dafs fie immerhin verdienen, genauer gekannt zu fein,
ein Syftem genannt zu werden verdienen. Haben fie nie 1 als es der Fall ift. Leider find die vorliegenden gedie-
in ihrer Gefammtheit eine vollftändige fyftematifche ! genen Auffätze fo gehalten, dafs fie — wenigftens für
Darfteilung gefunden, fie find verbunden durch die in- deutfche Lefer— zu viel Kenntnifs der niederländifchen

nerliche Einheit des höchften Zwecks der Offenbarung
d. h. der Selbftmittheilung Gottes als der abfqluten
ethifchen Perfönlichkeit an freie ethifche Perfönlichkeiten,
die fich zufammenfaffen in einem mannichfach gegliederten
ethifchen Univerfum'.

Es lohnt fich nicht, viel Raum aufzuwenden, um
H.'s Auffaffung der .materialen Eigentümlichkeit' der
Theologie Melanchthon's eingehend zu kritifiren. Es
liegt fchon Kritik derfelben genug in der Notwendigkeit
, die für den Verf. befteht, den Gefammtbeftand der
Lehren M.'s in möglichft undeutlichen Umriffen fich zu
vergegenwärtigen, um jenes vorgebliche Princip darin
als herrfchend und durchgehend darzuthun. Wendet
man fich an das Detail, fo verfagt jenes Princip — wie
man fich aus H.'s Buch felbft überzeugen mag — auf
Schritt und Tritt, und ift man genötigt, fich entweder
überhaupt eine Erklärung zu vertagen oder nach anderen
Gefichtspunkten zu fuchen. Fechten wir z. B.
in ihren Grenzen die Manier hier nicht an, wie H. in
der Gottes- und Trinitätslehre refp. in der Chriftologie
die ,Idee der freien ethifchen Perfönlichkeit' als confti-
tutiv nachweift, fo wäre es doch intereffant, auch das
Wichtigfte an jenen Lehren bei M. aus jener Idee erklärt
zu fehen, nämlich dafs fie in dem altkirchlichen

Reformationsgefchichte voraus fetzen und deshalb eine
etwas fchwierige Leetüre darfteilen.

Wohl der bedeutendfte der drei Leute, welche Sepp
vorführt, ift Jean Taffin. Referiren wir über ihn etwas
genauer. Taffin's Lebenslauf bietet fo viel Wechfelfälle,
dafs er felbft in der Reformationszeit auffällig ift. Geboren
zu Doornik, dem ,Flandrifchen Genf, wahrfchein-
lich im Jahr 1528, wuchs T. auf in einer katholifchen
Familie. Seine erfte amtliche Stellung war die eines
Secretärs des Cardinais Granvella. Wann und in welcher
Weife fich diefes Verhältnifs löfte, ift nicht feftzuftellen.
Im Jahr 1558 war T. für die Reformation entfehieden.
Zu diefer Zeit tritt er uns als evangelifcher Prediger
bei der franzöfifchen Gemeinde in Antwerpen entgegen.
In den nächften Jahren ift er, durch die Verhältnifse
ftets auf der Wanderung erhalten, franzöfifcher Prediger
in Aachen, Metz und — nachdem er eine Zeit lang als
Reifeprediger im füdlichen Belgien, z. B. auch in feiner
Vaterftadt, wirkfam gewefen, — wieder in Antwerpen.
Nachdem er hier ftark ein Jahr thätig gewefen, mufs er
wieder den Wanderftab ergreifen. Flüchtig vor Alba
ift er 1567 zum zweiten Male in Metz. Als im April
1569 auch hier die evangelifche Gemeinde aufgelöft wird,
wendet er fich nach Heidelberg. Von hier aus tritt er