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Ausgabe:

1879 Nr. 2

Spalte:

30

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Robbert, J.

Titel/Untertitel:

Ta apax legomena Psalmomorum explicata 1879

Rezensent:

Nestle, Eberhard

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Theologifche Literaturzeitung. 1879. Nr. 2.

30

fchaft in den Vordergrund. Den Schlufs bildet ein Ausblick
auf die Bedeutung, welche das im Prieftercodex
niedergelegte ,Syftem' in der Folgezeit gewinnen follte,
indem es ,als Form diente zur Aufbewahrung eines edleren
Inhalts, der anders als in einer fo engen Schale nicht
hätte gerettet werden können. Das Heidenthum in Israel
, gegen welches die Propheten vergebens proteftirten,
ift auf feinem eignen Gebiete vom Gefetz innerlich überwunden
, und der Cultus, nachdem die Natur darin er-
tödtet worden, zu einem Panzer des fupranaturaliftifchen
Monotheismus gemacht'.

Fragt nun der Lefer: wie fleht es mit der Ueber-
zeugungskraft diefer vielfach fo neuen und überrafchen-
den Auffaffung der altteftam. Quellen, fo möchte Ref.
ftatt mit einer Kritik , lieber mit einem Geftändnifs antworten
. Wie die meiften Fachgenoffen war Ref. bisher
weder durch Graf, noch durch Kuenen oder Kayfer,
noch auch durch Wellhaufen's eigne Arbeiten auf diefem
Gebiete in feiner Ueberzeugung von der Priorität des
Prieftercodex erfchüttert worden, und ging auch an das
vorliegende Werk mit der Erwartung, dasfelbc werde
die Centnerlaft der gegen die Graf'fche ,Hypothefe' j
fprechenden Gründe nicht hinwegzuwälzen vermögen. In
oiefer Erwartung hat fich jedoch Ref. gründlich getäufcht.
Schritt für Schritt ift ihm trotz feiner, anfänglich faft
widerwilligen Skepfis von demVerf. das Zugeftändnifs abgerungen
worden, dafs hier nicht mehr Hypothefe gegen
Hypothefe fleht, fondern dafs die Alternative vielmehr
fo lautet, ob man Thatfachen, an denen es nichts abzuhandeln
giebt, einfach anerkennen oder fernerhin ab-
fichtlich leugnen will. Solche Thatfachen liegen uns aber
vor in den Auslagen der vorexilifchen Quellen über Art
und Umfang des Cultus Israels, in dem Fortfehritt, der
auf allen Punkten von JE zu Deut, und von diefem zu
Q ftattfindet; das Gefammtbild, das der Verf. auf Grund
diefer Thatfachen von dem Verlauf der Gefchichte Israels
entworfen hat, trägt in einem Grade den Stempel
der Wahrheit an der Stirn, dafs kein Streit um das
Detail mehr im Stande fein wird, die Grundzüge diefes
Bildes zu verwifchen. Ref. täufcht fich keinen Augenblick
über die Tragweite diefes Zugeftändnifses. Mit
Seufzen mufs er es jetzt tagtäglich erfahren, dafs die
veränderte Anfchauung von den Quellen zugleich den
Umfturz einer tiefeingewurzelten biblifch-theologifchen
Conftruction des Quelleninhalts zur Folge hat. Umfo-
mehr darf ihm der Lefer glauben, dafs nicht die rerum
nervarum cupido, fondern der unwiderftehliche Zwang
einer neugewonnenen Ueberzeugung zu fo radicalem
Umlernen antreibt. Ref. zweifelt nicht, dafs ein gründliches
Studium diefes Buches auch bei zahlreichen anderen
Lefern diefelbe Wirkung haben wird. Für's erfte
freilich wird fich der Verf. darauf gefafst machen müffen,
dafs man über einzelne kühne — oft über alle Gebühr
kühne ■— Aufftellungen herfällt, und deren bietet allerdings
das Werk mehr als genug. Die Willkür, mit der
in bedenklichen Fällen ohne Weiteres zur Annahme von
Interpolationen und Textänderungen gegriffen wird, erweckt
nicht feiten den Schein, als müffe der Gegner
auch in der Hauptfache leicht gewonnenes Spiel haben.
Ref. theilt diefe Erwartung nicht und verzichtet daher
an diefer Stelle auf den kleinlichen Triumph einer Polemik
gegen fehr zahlreiche Einzelheiten, nachdem er dem
Gefammtrefultat bedingungslos zugeftimmt hat. Dagegen
möge ihm der Verf. den dringenden Wunfeh nicht verübeln
, dafs derGenufs feiner fo bedeutenden und dankens-
werthen Arbeiten künftig nicht mehr durch die eigen-
thümliche Manier der Polemik gegen Sachen und Per-
fonen beeinträchtigt werde. Was nützt den lauteren
wiffenfchaftlichen Zwecken diefe Einmifchung von wegwerfenden
oder burfchikos angehauchten Ausdrücken,
die bei der Behandlung eines folchen Stoffs auf die
gröfste Zahl der Lefer peinlich und verletzend wirken
müffen. Diefe Angewöhnung ift um fo mehr zu bedauern
, als der Verf. anderfeits eine treffliche Gabe hat,
die tieffte Bedeutung der biblifchen Quellen zu ihrem
vollften Rechte kommen zu laffen. Seine Ausführungen
über den Charakter der JE quelle, über die wahre Bedeutung
des Prophetenthums, über den Tieffinn des
Deuterojefaja und manche andere geftalten fich unbewufst
zu einer Apologie des A. T.'s in des Wortes edelfter Bedeutung
. Aber nur dann wird er in weiteren Kreifen
auf die Verbreitung einer vertieften Erkenntnifs des A.
T.'s rechnen können, wenn er fich entfchliefst, auf die
gehäffige Form der Polemik gegen alles, was ihm gerade
unfympathifch ift, zu verzichten. — Druck und Aus-
ftattung des Buches find vorzüglich zu nennen; höchft
erwünfeht wäre jedoch die Beigabe eines Regifters
wenigftens der hauptfächlichften in diefem Bande behandelten
Stellen.

Bafel. Kautzfeh.

Robbert, J., Phil. Cand., Tu iiira^ ka.ynf.ievu PsalmO-
morum explicata. Disputatio academica. Upsalae
1877, typis descripsit Berling. (44 S. 8.)

Die hier genannte, fchon um die Mitte des Jahres
77 zur Erlangung des philofophifchen Grades von ihrem
Verfaffer der Univerfität Upfala vorgelegte Arbeit verdient
aus dem Grunde noch nachträglich erwähnt zu
werden, weil diefelbe wie nicht leicht etwas anderes geeignet
ift, einem jeden ad oados zu demonftriren, wie
fehr wir für unfere Kenntnifs des Hebräifchen auf die
lexikalifche und grammatikalifche Tradition der Juden
angewiefen find , wie prekär es hiemit ohne diefelbe
flehen würde. Allein aus den Pfalmen werden hier,
habe ich recht gezählt, nicht weniger als 134 ürictg
Xeyojfieva zufammengetragen. Allerdings hat der Verf.
den Begriff derfelben, über den die kurze Vorbemerkung
Auskunft giebt, fo weit als möglich gefafst; alfo
nicht blofs nur einmal vorkommende Wörter, fondern
auch flnguläre Wortformen und endlich einige Vocabeln
aufgenommen, die zwar an fich mehrfach vorkommen,
welche aber auf plurifni aut praestantissimi interpretes ita
explicant, 11t 8iia§ Ä(y6fitva habcant neecsse sit. In obiger
Zahl ift alfo z. B. iafin Pf. 2, 1, «ja"1 55, 15 und nub'l 64,
3 je für fich gerechnet; aber die Zahl ift fchon' grofs
genug, wenn man auch nur die SnctS keynfievc. im engflen
Sinn ins Auge fafst. Die den einzelnen Worten beigefügten
Erklärungen machen auf Selbftändigkeit keinen
Anfpruch; auf S. 1 u. 2 find die Quellen angegeben,
aus denen fie der Verf. entnommen hat; es find die gewöhnlichen
hebräifchen Wörterbücher und Commentare,
meift Arbeiten deutfeher Gelehrter; für die übrigen
femitifchen Dialekte wird nur das chaldäifche Wörterbuch
von Buxtorf und das arabifche von Golius hie und da
angezogen; aufserdem als einziges fchwedifches Werk
der vierte Band der neuen fchwedifchen Bibelüberfetzung
(Ny Proföfversättning Utgifveti af kongl. Svenska Bibel-
Commissionen. Upsa/a 1868.). Im allgemeinen verräth
der Verf. in der Auswahl der Erklärungen, die er ac-
ceptirt, richtige fprachliche Kenntnifse und exegetifches
Urtheil. Auf Einzelnes weiter einzugehen, halte ich
nicht für nöthig; zu Pf. 4, 7 no: wäre zu bemerken, dafs
Delitzfch in der dritten Auflage feines Commentars feine
frühere Ueberfetzung: ,0 flagge über uns deines Antlitzes
Licht' aufgegeben hat, freilich in der Erklärung
noch eine begriffliche, nicht blofs graphifche Vermifch-
ung der wurzelverwandten Verba K1B3 und cd: anzunehmen
geneigt ift (vgl. Jahrg. 77, Sp. 76;. Es wäre zu
wünfehen, dafs in ähnlicher Weife fämmtliche <';/r«f leyn-
fiH>ü des ganzen Alten Teftaments zufammengeftellt und
erklärt würden-. Freilich wäre zu wirklich gewinnbringender
Erklärung derfelben neben genauer Kenntnifs
der exegetifchen Tradition felbfländige Beherrfchung
der übrigeiv femitifchen Dialekte Hauptcrfordernifs.

Tübingen. Dr. E. Neftle.