Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1879 Nr. 19

Spalte:

455-457

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wangemann, Gustav Knak

Titel/Untertitel:

ein Prediger der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Ein Lebensbild aus dem ewigen Leben und ein Spiegelbild für das zeitliche 1879

Rezensent:

Ritschl, Albrecht

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

455

Theologifche Literaturzeitung. 1879. Nr. 19.

456

rina's von Medici, an deren Sammlung und Herausgabe
feit Jahren gearbeitet wird, vollftändig dem Forfcher vorliegen
.

Stuttgart. Th. Schott.

Wangemann, Miffionsdir. Dr., Gustav Knak, ein Prediger
der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Ein Lebensbild

aus dem ewigen Leben und ein Spiegelbild für das j Kch als Mafsftab für die doppelte Prädeftinationslehre

Pietismus für grofse Kreife der evangelifchen Chriften
wieder in Geltung gefetzt worden. Ich mufs vermuthen,
dafs Knak diefe Methode von reformirt-pietiftifchen Vorbildern
entlehnt hat, denn diefes ftete Gefühlsftreben
ift bei ihm begleitet von dem Eindruck, dafs der Menfch
nichts, ein Wurm, Gott aber Alles ift. Diefe Selbftbe-
urtheilung ift nur möglich als Anwendung des fcotifti-
fchen Gottesbegriffs, welcher im Calvinismus urfprüng-

• u -a ü- /,q,„ xt„m„o___fu zyvt aa<z <; i einheimifch ift, dann aber durch die Pietiflen zu jenem

zeitliche. Berlin (1879), Wohlgemuth. (AVi, 440:3. , ' . aj . . '

1 Contrafte ausgeprägt worden ift. Man findet in den Liedern
von Joachim Ncandcr und Friedrich Adolf Lampe
die bezeichnete Combination deutlich ausgedrückt. Bei
Knak kommt aber noch ein anderer Umftand hinzu,
nämlich, dafs er fich willenlos den Leitungen des Herrn

gr. 8.) M. 6. —

Der Grad von Verehrung und Bewunderung, mit
welchem der Verfaffer diefes Buches feinen Helden begleitet
, ift durch einige Sätze der Vorrede treffend be

zeichnet. Einmal fpricht er es aus, dafs wenn er gefragt Jefus übergeben hat. Diefe Haltung entfpricht dem Vorwürde
, ob er, fo wie er leibte und lebte, mit Knak I bild der quietiftifchen Myftik, welche aus derfelben Wur-

taufchen möchte, er dazu bereit wäre, und ferner erklärt
er, dafs die Gebrechen, welche Knak in täglicher
Bufse als blutarmer Sünder feinem Heilande vorgetragen
hat, feinen Augen fich entzogen haben. Daher nimmt
er fich vor, fich alles Lobens und Urtheilens zu enthalten
und blofs die Thatfachen reden zu laffen. Das heifst,
er liefert ein Heiligenbild in fo greller Beleuchtung, dafs
ein gegen folche nicht abgehärteter Lefer völlig geblendet
wird und zugleich unter dem fchwülen Druck der
in dem Buche ausgebreiteten Atmofphäre zu erliegen
in Gefahr ift. Ein Heiligenbild, und nicht eine Biographie
ift das Buch. Denn der Verf. ftellt feinen Helden
nur unter dem Exponenten der göttlichen Gnade dar;
unterläfst es aber durchaus, den Zufammenhang feiner
religiöfen Bildung mit nachweisbaren Quellen derfelben
ins Licht zu fetzen. Wir erfahren nicht, auf welche Erbauungsbücher
Knak urfprünglich die von ihm einge-

zel der fcotiftifchen Gottesidee hervorgegangen ift, wie
das Bewufstfein der reformirten Pietiflen von ihrer ge-
fchöpflichen und Kindlichen Nichtigkeit und Abfcheu-
lichkeit. Die Stimmung der Willenlofigkeit konnte Knak
von dem Reformirten Terfteegen entlehnen. Calviniftifch
ift ferner die Anficht von der Bibel, welche ihm den
Muth gab, gegen die Copernicanifche Weltanficht aufzutreten
. Denn es unterfcheidet Calvin von Luther und
Melanchthon, dafs er die Bibel als ein Gefetzbuch der
Erkenntnifs z. B. für die Prädeftinationslehre behandelte,
die er doch nicht als ein nothwendiges Glied der Heilslehre
erweifen konnte, während die Anderen die Normalität
der Bibel nur in dem Umfang geltend machten,
welcher ihrem in der Reformation wirkenden Intereffe
entfprach. Auch die Beurtheilung von Ehefcheidung
und Wiederverheirathung Gefchiedener nach Gottes Wort,
die Anficht vom Vcrhältnifs zwifchen Kirche und Staat

fchlagene Richtung genützt hat. Ref. hat nun diefes j und zumal die Zurückführung des Kirchenregiments auf
Heiligenbild mit den Augen des Hiftorikers gelefen, j den Herrn Jefus, welche theils von Knak, theils von feinen

und hat aus deffen Darfteilung die Mafsftäbe und Typen
erkannt, nach denen Knak feine Ueberzeugungen ge-

Genoffen mitgethcilt werden, haben calviniftifche Färbung
. Dafs Knak den Ungläubigen den Gebrauch des

bildet hat. Indem ich fo demfelben den Schein der ; Vaterunfcr verwehrt, ift mir auch nur in der fchroffften
abfoluten Mufterhaftigkeit, mit dem ihn der Verf. be- Geftalt des reformirten Pietismus vorgekommen. Mit

kleidet, abgeftreift habe, bin ich für den phantafievollen
muthigen, aufopfernden und thätigen Mann intereffirt
worden, und habe ihn zugleich in feiner relativen Art
verftehen gelernt. Vielleicht wird es nützlich fein, diefe
Beobachtungen auszufprechen. Wenn ich diefes hier
unternehme, fo dient es zugleich zur Beurtheilung der
Partei, innerhalb deren Knak die leitende Rolle behauptet
hat, und welche in feiner Perfon gekennzeichnet
zu haben, mir als das gröfste Verdienft des Verf.'s er-
fcheint. — Knak hat feine Bekehrung fchnell aber gründlich
als Student erfahren, blofs auf die Bemerkung eines
Commilitonen hin, dafs der Theaterbefuch und der
Dienft Chrifti fich ausfchliefsen. Als Lehrer einer Privat-
fchule hat er dann den Kindern beigebracht, dafs Tanzen
Sünde fei; denn was nicht aus dem Glauben kommt,
ift Sünde. Luther hat zwar umgekehrt geurtheilt, dafs
die Kinder ohne Sünde tanzen, alfo werde ein Kind
und tanze immerhin! Knak alfo war auf diefem Punkte
Calvinift und ift es geblieben. Der Hauptfactor feiner
Frömmigkeit war die Anfchauung der Leiden Chrifti als
des Beweifes feiner göttlichen Liebe und Barmherzigkeit,
welche man fich mit allem Aufgebot der Gefühlsrührung
einzuprägen hat, um daraus zugleich den Eindruck der
Sündenvergebung und die Gegenliebe zu fchöpfen,
welche unmittelbar bereit ift, im Leiden Chrifto nachzufolgen
und in feinem Dienfte an Heidcnmiffion und anderen
guten Werken fich zu bethciligcn. Lebendig wird
dieferFactor dadurch, dafs zugleich in dem andauernden
Gefpräch mit dem Heilande als Freund und erftgebore-
nem Bruder die Leitung des ganzen Lebens und aller
Entfchlüffe gefucht und erfahren wird. Diefe Devotion
ift katholifcher Art und Herkunft. Vom heiligen Bernlolchen
Ueberzeugungen ausgerüftet, lernen nun Knak
und feine Genoffen in Pommern die Bekenntnifsfchriften
der lutherifchen Kirche kennen. In einer ganz unbegreiflichen
Selbfttäufchung gerathen fie auf die Meinung,
dafs diefe nichts anderes enthalten, als was fie bisher
erftrebt und geltend gemacht haben, oder vielmehr
gerade diefes. Sie meinen nur noch die magifche Schätzung
der Kindertaufe fich aneignen zu follen, obgleich
die Bekenntnifsfchriften davon gerade das Gegentluil
darbieten. Und von dem Moment an geben diefe Pietiflen
fich für Lutheraner aus, und legen ihren ganzen
Fanatismus in die Vertretung desjenigen Bekenntnifscs
hinein, dem ihre Ueberzeugungen fo ungleich find.
Wenn der Verf. diefes Buches im Stande ift, feinen Helden
für einen normalen Lutheraner zu halten, weil er
katholifche Devotion, calviniftifche Sitte und magifche
Schätzung der Kindertaufe mit einander verband, dann
ift die nöthige Gabe der Unterfcheidung der Geifter und
der Selbftprüfung in feiner Umgebung wohl ebenfo abhanden
gekommen, wie bei ihm felbft. Ein Zeuge CS.
329) rühmt Knak's Klarheit in der Lehre, die er durch
perfönlichen Verkehr mit dem Herrn errungen und nicht
aus Dogmatiken gefchöpft habe. Das wäre wohl möglich
; jedoch zur Klarheit der Lehre gehört auch die
Kenntnifs und die Unterfcheidung aller ihrer Abwandlungen
; dafs aber diefes aus dem Umgange mit dem
Herrn Jefus zu fchöpfen fei, trifft wenigftens auf Knak
nicht zu; denn er hat es überhaupt nicht befeffen. Diefe
Kenntnifs anzubauen und wirkfam zu erhalten, ift nun
der Dienft der Univerfitäten, und ihrer ,autonomifchen
Wiffenfchaft', deren ,Thorheit' zu rügen der Verfaffer
(S. 197) fo freundlich ift. Es mag ihm unerwartet fein,

hard her erfüllt fie das Klofterleben, und ift dann im I dafs ich zugleich fein Buch an der Norm der kirchlichen