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Ausgabe:

1879 Nr. 19

Spalte:

447-499

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Synaxarium das ist Heiligen-Kalender der coptischen Christen. I 1879

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1879. Nr. 19.

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Synaxarium das ist Heiligen-Kalender der coptischen Christen.

Aus dem Arabifchen überfetzt von F. Wüftenfeld.
I. Gotha 1879, F. A. Perthes. (X, 147 S. gr. 8.)
M. 3. -

Der Heiligenkalender der Coptifchen Chriflen in
arabifcher Sprache, deffen Inhalt St. E. Affemani (f.
Script. Vet. Nov. Collect, edid. ab Angelo Maio T. IV,
p. 93) nach zwei Handfchriften der Vaticana angegeben
hatte, foll hier zum erften Male in deutfcher Ueberfetzung
nach zwei Göttinger Handfchriften vorgelegt werden.
Das bisher erfchienene I. Heft umfafst die drei erften
Monate (Tut, Babeh, Hatur = 29. Aug. bis 26. Nov.,
f. Ideler, Handbuch I, S. 140 f.). Aus der hiftorifchen
Einleitung, die leider etwas kurz ausgefallen ift, erfährt
man, dafs der Heiligenkalender von dem Vater Amba
Michael am Anfange des 15. Jahrhunderts zufammen-
geftellt worden ift. Die jüngften Daten in dem Kalender
find + 1000 aer. Martyr. W. fetzt das J. 1000 der Märtyrer
= 1383p.Clir. n. Ref. gefteht, dafs ihm eine folche
Berechnung bisher unbekannt gewefen ift. Nach Ideler
ift 1000 d. M. = 1284 p. Chr. — Der Verf. des Kalenders
erklärt in dem Vorwort, dafs fein Werk nur eine
Vervollftändigung einer älteren Arbeit ift, welche er vorgefunden
hat. Diefe hat er wörtlich in fein Werk aufgenommen
und zwar fo, dafs er feine eigenen Zuthaten
durch ein Zeichen als folche kenntlich gemacht hat.
Leider aber haben die Abfchreiber diefes Zeichen fort-
gelaffen. Auch jene ältere Arbeit läfst fich datiren;
denn bei dem 3. Hatur heifst es, dafs feit Theodofius
des Grofsen Zeit beinahe 700 Jahre verfioffen feien; alfo
flammt die Urfchrift aus dem II. Jahrhundert. Aus
welcher Zeit die beiden Göttinger Handfchriften Hammen
, die durch nachträgliche redactionelle Aenderungen
von einander verfchieden find, hat W. ebenfowenig mit-
getheilt, als er uns eine Befchreibung der Handfchriften
gegeben hat. S. VI fpricht er plötzlich von einem erften
und einem zweiten Theil des Kalenders; man erfährt aber
nicht, was dies fürTheilc find, fondern nur diefes, dafs die
beiden Göttinger Handfchriften nur den erften Theil
enthalten. Der Heiligenkalender ift nach Vansleb in
coptifcher, arabifcher und äthiopifcher Sprache in Afrika
in liturgifchem Gebrauche; W. hält die coptifche Recen-
fion für das Original, da das Arabifche in hohem Grade
barbarifch und fehlerhaft ift; doch find bisher keine coptifchen
Exemplare in Europa bekannt geworden.

Die Ausbeute, welche der Kalender-für die ältefte
Gefchichte der Kirche gewährt, ift aufserordentlich gering
; über den Ertrag für die Gefchichte der afrikani-
fchen Kirchen feit dem Concil von Chalcedon mögen
Andere urtheilen. Der Kalender wurde und wird wohl
noch regelmäfsig gelefen und enthält fo ziemlich Alles
das, was die afrikanifchen Kirchen aus der Gefchichte
der älteften Zeit jetzt noch wiffen. Das ift eine nieder-
fchlagende Erkenntnifs. Das meifte find Mönchsnovellen
und Phantafien über fabelhafte Martyrien; aber nicht
nur die gefchmacklofeften Legenden find hier zu Facta
geworden, fondern auch jedes Factum zurFabel. Schauerlich
monoton und öde ift dabei Alles. Die abendländifchen
Heiligenlegenden find zu einem grofsen Theile anziehend,
felbft werthvoll; denn fie find aus der Anfchauung eines
mannigfaltigen chriftlichen und kirchlichen Lebens ent-
fprungen; aber der Lefer diefes Kalenders fühlt fich in
die Wüfte verfetzt, in welcher auch die dürftigen Ruinen
einer vergangenen Cultur kaum mehr erkennbar find.
Die meiften der hier erzählten Gefchichten werden —
wenigftens was die ältefte Zeit betrifft — in den Acta SS.,
bei Baronius und den Affemani's fich finden. Man hätte
von dem Herausgeber billigerweife erwarten dürfen,
dafs er ftatt diefe Vermuthung auszufprechen felbft die
Quellen des Kalenders nachwies und das Verhältnifs
desfelben zu den fonft bekannten feflftellte. Aber er
hat fich begnügt, lediglich eine Ueberfetzung zu liefern

und die Verwerthung Anderen zu überlaffen. Nicht einmal
dafür hat er geforgt, diejenigen Stellen zu erläutern,
wo der Zufammenhang des Textes — aus der Ueberfetzung
zu fchliefsen — aufgehoben ift oder wo offenkundige
Verderbnifse vorliegen. Im Folgenden macht
Ref. auf diejenigen Erzählungen im Kalender aufmerk-
fam, die ihm felbft von Intereffe waren.

Zum 3. Tut wird eine alex. Synode im 2. Jahre
Dionyfius' d. Gr. vermerkt, welche fich mit der Frage
befchäftigte, ob die Seele mit dem Körper fterbe. Es
wird erzählt, Dionyfius habe die Anhänger diefer Lehre
verdammt und gegen fie eine Schrift gefchrieben, welche
mit den Worten begonnen habe: ,Siehe, die Liebe Gottes
zu den Menfchen ift wahrlich lehr grofs'. Zur Sache
ift Eufeb. h. e. VI, 37 zu vergleichen. Zum 11. wird die
auch fonft bekannte Gefchichte von Bafilides, dem
Schwager der Kaifers Numerianus, zum 21. die Gefchichte
des Magiers und nachmaligen Bifchofs von Car-
I thago Cyprian, zum 24. die des heiligen Apoftels Qua-
| dratus erzählt. Letzterer wird als athenienfifcher Philo-
foph aus vornehmem Gefchlecht gefchildert, aber feine
Apologie nicht erwähnt.

Am Tag des conftantinopolitanifchen Patriarchen
Paulus (5. Babeh) wird auch des römifchen Bifchof Julius
und feiner Beziehungen zu Athanafius gedacht, während
der Bifchof Liberius eine befondere Stelle (9. Babeh)
erhalten hat. Es wird erzählt, Liberius, ein früherer
Mitfchüler Julian's, fei mit dem h. Bafilius zufammen nach
Antiochien gegangen, um den Kaifer zu bekehren. Diefer
habe fie gleich beim Beginn gefragt: Wo habt ihr
eueren Zimmermannsfohn gelaffen? Da antwortete ihm
der h. Bafilius: Er arbeitet an Deinem Sarge. Hier ift
alfo die eine der von Sozomenus (VI, 2) und Theodoret
(III, 23—25) erzählten Legenden auf die beiden hervorragenden
Bifchöfe übertragen. Natürlich wurde Liberius
eingekerkert. ,Er war ein heftiger Gegner der Arianer,
verfolgte fie und vertrieb fie aus feinem Sitze'. Am
12. Babeh feiert die coptifche Kirche das Gedächtnifs
des Bifchofs Demetrius. Ein ungelehrter Landmann,
fei er 62 Jahre alt Bifchof geworden und im 105. Jahre
nach 43j'ähriger Amtszeit geftorben. ,Er lernte viele
Wiffenfchaften und konnte über viele Lehren reden . . .
Zu feiner Zeit erfchienen mehrere Andersgläubige, die
Namen Einiger find Clemens, Origenes, Arianus u. A.
Sie fetzten lügenhafte Bücher auf, da verfluchte er fie
und exeommunicirte fie . . . Er ift es auch, welcher die
Rechnung der Epakten ordnete ordnete die Rechnung
der Faftenzeit und fandte eine Abhandlung darüber
an alle übern in Rom, Antiochia, Ephefus, Jerufalem,
welche dies billigten'. Die Ofterfynode unter Victor ift
auf den 10. Hatur angefetzt und dort heifst es genauer
von Demetrius, er habe die Ofterberechnung an Victor,
Papft von R om, Maximus, Patriarchen von Antiochia,
und Agapius, Patriarchen von Jerufalem gefandt (S. 110).
Letztere Stelle verdient den Vorzug fchon deswegen,
weil Ephefus hier fehlt. Der Bericht ftimmt überein mit
einer Notiz in der Chronik des Eutychius, aufweiche
ich (Zeit d. Ignat. S. 45; wieder aufmerkfam gemacht
habe. Dort ift der jerufalemifche Bifchof ,Gabius' genannt
. Weder ein Gabius noch ein Agapius ift bekannt;,
man hat wohl an Gajus zu denken. Diefe Notiz, fowie
jene über das hohe Alter des Demetrius, ift nicht unglaubwürdig
und für die Chronologie der Bifchöfe
von hohem Werthe. Zum 14. Babeh: der Evangelift
Philippus wird von dem Apoftel gleichen Namens unter-
fchieden, aber doch felbft ,der heilige Apoftel genannt'.
Zum 19. Babeh ift die antiochenifche Synode gegen
Paul v. Samofata vermerkt; fie wird in die Zeit des
Kaifers Valerius, 45 Jahre vor der Nicänifchen Synode (!)
angeletzt (auch hierfür ift Elutychius zu vergleichen).
Der Brief des Dionyfius nach Antiochien in diefer Angelegenheit
(Eufeb. VII, 27, 2) wird ausführlich feinem Inhalte
nach in wenig glaubwürdiger Weife befchrieben.