Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1879

Spalte:

393-394

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Merx, Adalbert

Titel/Untertitel:

Eine Rede vom Auslegen insbesondere des Alten Testamentes. Vortrag 1879

Rezensent:

Nestle, Eberhard

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von Prof. Dr. E. Schür er in Giefsen.
Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 17. 16. August 1879. 4. Jahrgang.

Merx, Eine Rede vom Auslegen insbefondere

des Alten Teflaments (Neftle).
Bemays, Lucian und die Kyniker (Harnack).
Cotterill, Peregrinus Proteus (Derf).
riefele, Conciliengefchichte, 4. Bd. 2. Aufl.

(Harnack).

Kol de, Die deutfche Augufliner- Congregation
und Johann von Staupitz (Krafft).

Baumflark, Chriftliche Apologetik auf anthro- Beck, Gefchichte des katholifchen Kirchenliedes
pologifcher Grundlage. 2. Bd.: Das Chriften- [ von feinen erften Anfängen bis auf die Gegenthum
in feiner Begründung und feinen Gegen-

ftänden (Kraufs).
Drei Abhandlungen über Religion, Staat, Moral

Von einem Ungenannten (Thönes).
Wiefe, Die Bildung des Willens, 4. Aull,

(Thönes).

wart (ßertheau).
Baffermann, Bilder aus der Gefchichte der

deutfchen Volksfchule (Fay).
Blumftengel, Die Trauung im evangelifchen
Deutfchland nach Recht und Ritus dargeftellt
(Koehler).

Merx, Adalbert, Eine Rede vom Auslegen insbesondere des noch nicht gefprochen; praktifch und einftweilen mufs
Alten Testamentes. Vortrag, gehalten zu Heidelberg alfo der Satz umgekehrt werden: die richtige Auslegung

■rr r n r*.i! v o j- ■ n-,Aa„a ,,r,,i d». ! ift die kirchliche und ift ,eines der Mittel, durch welches

im wiffcnfchaithchen Predigerverein Badens und der .. '. . *>_, . .

T „.„_.-,, ,o „ r, v. ji die «ch bildende allgemeine Kirche der Zukunft in den
Pfalz am 3. Juli 1878. Halle a;S. 1879, Buchhandlung , Befitz ihrer IjChre gelangt, durch die fie die Gläubigen

des VVaifenhaufes. (75 S. 8.) M. 1. 60

Unter den Disciplinen der proteftantifch-theologi-
fchen Facultäten vermifst Merx neben der philofophi-
fchen Ethik die Hermeneutik und die mit ihr in ge-
fchwiftcrlichem Zufammenhang flehende Kritik, und doch

in fich vereinigt' (S. 29). Diefer Abfchnitt des Vortrags
(S. 18—30) bringt entfehieden neue und eigenthümliche
Gefichtspunkte, daher wir auf ihn befonders hinweifen.
Der Schlufs d. h. die zweite Hälfte des Ganzen enthält
eine kurze Gefchichte der Schriftauslegung. Die Schrift-
^nM^r^^^^^^^^'S^^^t^ I r***^«$ipft (Mfc 5. 17) wird in fehr beachtens-
fellfchaft nur auf Grund einer klar ausgebildeten Her- j werther WS}fe eingehender befprochen, dabei vermifst,

meneutik wieder geeinigt werden. Statt einer folchen
gebe es eine gewiffe Durchfchnittsüberzeugung, die in
dem Satze gipfle: die Auslegung foll grammatifch-hifto-
nfeh fein. Diefe Beftimmung fei zu weit und zu eng;
ftatt grammatifch müffe man fprachlich, ftatt hiftorifch
vielmehr fachlich fagen, als drittes müffe das Verftänd-
nifs des fubjectiven Charakters eines Werkes dazu kommen
(pfychologifches Moment), was eine gewiffe geiflige
Congenialität zwifchen dem Ausleger und feinem Stoffe
vorausfetze, während es eine befondere ,theologifche'
Exegefe nicht geben könne; ihren Abfchlufs finde die
Exegefe in dem, was man gewöhnlich ,praktifche' Auslegung
nenne, in dem Gefchäft, den auf Grund eigener
homologer Erfahrung durch fprachlich-fachliche Auslegung
aus dem Buchftaben entfeffelten alten Geift andern
anzueignen, in ihnen neu entfliehen zu laffen. Das
ift gewifs alles richtig, dürfte fich aber nicht wefentlich
— die glückliche Subftituirung des Ausdrucks fprach-
lich-fachlich ausgenommen — von den jetzt allgemein
herrfchenden Anfchauungen unterfcheiden, wie fie z. B.
in De Wette-Schrader's Einleitung § 98—101 (,dic fprach-
lichc Bildung, die gcfchichtlichc Kenntnifs, die geiftige
Empfänglichkeit, die Darlegung des Sinns') formulirt
find. Dafs und warum die einzelnen Confeffionen eine
allgemein-gültige Hermeneutik nicht aufftellen konnten,
wird in einem zweiten Thcil gezeigt und ausgeführt, wie
andererfeits jede derfclben eine der Hauptforderungen,

dafs das Thema Jesus Velens Testamenti Iutcrpres
Primarius bisher noch keine Bearbeitung gefunden
(einigermafsen findet fich dies doch in Tholuck's Das
Alte Teft. im Neuen). Im Gegenfatz dazu werden die
rabbinifchen 7 Auslegungsregeln {qall wa hömer, ge-
zera sawa etc.) kurz erläutert, die helleniftifche Allego-
rifirungsart gefchildert — befonders dankenswerth ift
dabei die Mittheilung der das ganze Mittelalter hindurch
geltenden Allegorifirungsregeln des Tychonius — ihr
die antiochenifchc Schrifterklärung am Beifpiel der In-
troduetio des Adrianus gegenübergeftellt und deren Unterliegen
unter der Lehre vom vierfachen Schriftfinn erklärt
. Gegen den Schlufs heifst es: ,So verfiel denn
das antike Schriftftudium, das phantaftifche Kind des
Rabbinismus und der Stoa, deffen Wildheit in der vernünftigen
Schule Antiochiens nicht gebändigt werden
konnte, einem Zauberfchlaf. Geftrüpp und Hecken
wuchfen um das verzauberte Schlofs, hohe Bäume raufch-
ten darüber in unverftändlichen Tönen, und der Zugang
war verloren. Fern im Often aber am Tigris und im
Welten am Atlas und in Andalufien da fannen ernfte
Hebräer, in arabifchen Schulen in aller Weisheit der Zeit
unterrichtet, und fanden das Elixir, das die Augen öffnete
, fo dafs fie den Weg fahen, ein Elixir von ftren-
gem Gefchmack, die Grammatik der hebräifchen Sprache.
Ein tieffinniger Mönch in einfamer Zelle genofs diefen
Wundertrank, feine Augen wurden aufgethan, er fand

die an eine richtige Schriftauslegung geflieht werden ; den Weg durch Geftrüpp und Hecken und erweckte das
müffen, geltend gemacht habe: die römifchc das Bedürf- fchlafende Kind. Sein Name ift Nicolaus von Lyra'

nifs eines einzigen und authentifchen Bibelwerks, deffen
Verftändnifs in fich einheitlich und mit demjenigen des
Urhebers, des göttlichen Geiftes, übereinftimmend fein
müffe; die griechifche die Forderung der nöthigen
Kenntnifse und der Berührung des Auslegers von dem
Geift der Schrift; die proteftantifche lehrte, wo das
authentifche Exemplar zu fuchen, fchaffte dem Schrift-
verftändnifs freie Bahn und zeigte das Ziel. Auf dies
wird der Satz gegründet, dafs die kirchliche Auslegung
die richtige fei oder vielmehr fein werde: denn die
Kirche, im Unterfchied von ihren Unterabtheilungen,
den Confeffionen, hat in Ermangelung einer Organifation

393 394

Mit ihm fchliefst der gefchichtliche Ueberblick. Einige
Anmerkungen geben die nöthigften Belege zu dem
Vortrag, der auf Grund einer ftenographifchen Nach-
fchrift erweitert und revidirt fyftematifche Gliederung
und begriffliche Klarheit etwas vermiffen läfst, von Niemand
aber ohne Belehrung und Anregung aus der Hand
gelegt werden wird.

Tübingen. E. Neftl

e.