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Ausgabe:

1879 Nr. 15

Spalte:

348-350

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hofmann, J. Chr. K. v.

Titel/Untertitel:

Die heilige Schrift neuen Testaments zusammenhängend untersucht. 8. Theil. 1. Abth 1879

Rezensent:

Weiß, Bernhard

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Theologifche Literaturzeitung. 1879. Nr. 15.

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lingsopfer verzehrt; eine ßefchränkungauf befondereFälle
ift weder hier noch dort angegeben; trotzdem hilft fich
der Verf. S. 39 f. über das Widerfprechende mit der Bemerkung
hinweg, dafs an keiner der beiden Stellen von
allen Erftlingsopfern die Rede fei. Ziemlich flüchtig
ift S. 68 ff. die Skizze über das Verhältnifs Ezechiel's
zum Pentateuch; die Stellung des Ezechielifchen mit
priefterlichen Befugnifsen ausgeftatteten ,Fürflen' mußte
nothwendig zur Sprache kommen, neben welchem der
elohiftifche Hohepriefler keine Stelle findet. Es ift: irrig,
wenn S. 81 behauptet wird, dafs die Verfchiedenheit der
Schilderungen des Priefterthums im Königsbuch einer-
feits und in der Chronik andererfeits nur beruhe auf
gröfserer Ausführlichkeit der Chronik. Auch S. 90 findet
fich eine fchiefe Darftellung: nicht deshalb leugnet man
das (vorexilifche) Vorhandenfein von Priefter- und Le-
vitenftädten, weil Jof. bis II Kön. ,nur fpärlich dcrfelben
Erwähnung gefchieht', fondern deshalb, weil diefe
Inftitution mit der Befitzlofigkeit der Leviten, wie fie am
deutlichften Rieht, und Deut, fchildern, nicht überein-
ftimmt. Auffallend ift die Schlufsfolgerung S. 98; das
Königsbuch berichtet, dafs Jerobeam Nichtleviten zu
Prieftern machte; deutlich kennt — denke ich — der Erzähler
als Regel das Priefterthum der Leviten überhaupt;
allein, wendet der Verf. ein, auch die Aaroniden find ja
Leviten , und dafs in jenem Falle mit den Nichtleviten
Nichtaaroniden gemeint feien, ,geht hervor (appears.'.')
aus der Darfteilung derfelben Thatfache beim Chroniften,
welche nach Graf immer genau zwifchen Prieftern und
Leviten unterfcheidet'. Aehnliches Verfahren , wie in
diefem Falle, zieht fich durch das ganze Buch hindurch:
mit den von der Kritik angefochtenen Angaben wird
der Beweis geführt und zu weiterer Beglaubigung eine
kritifche Gröfse citirt für eine Wahrheit, welche noch
nie von dem blödeften Auge verkannt worden ift. Der
Verf. müht fich eben in feinen kritifchen Unterfuchungen
mit einem Waffengeräth ab, welches er nur zur Hand
nimmt, um fich den Gegnern im Kampfe gleich zu ftellen;
zur Sicherftellung feiner perfönlichen Anfchauung bedarf
er desfelben nicht; denn z. B. S. 151 f. wird die Anfechtung
der mofaifchen Abfaffung des Deuteronomiums
fchliefslich abgewiefen mit der Bemerkung, ,fie wider-
ftreitet (ü fatal) unferm Glauben an das Deuteronomium
als ein infpirirtes Buch'. Bei folchem in erweiterter Form
S. 166 mit höchft ehrenwerthem Ernft und Nachdruck
vorgetragenen Grundfatz läfst fich über kritifche Fragen
mit dem Verf. nicht rechten. — Zu S. 157 fei noch
bemerkt, dafs es unbillg ift, wenn (wie fchon früher von
Delitzfch) zur Beglaubigung der Betheiligüng Efra's an
der Abfaffung oder Redaction des Pentateuchs das An-
finnen an den Talmud geftellt wird, darüber Auskunft
zu geben. Den Rabbinen, welche im Talmud zu uns
reden, mufste die Thora als aus jener Zeit flammend
erfcheinen, aus welcher fich die gefetzlich.cn Beftandtheile
des Pentateuchs datiren.

In andern Punkten fcheint uns der Verf. nicht ohne
Gefchick auf Schwächen der modernen Gefchichtscon-
ftruetion aufmerkfam gemacht zu haben. S. 58 f. wird auf
die Nachfolge Eleafar's im Priefterthum feines Vaters
Deut. 10, 6 zu Gunften einer Sonderftellung der Aaroniden
hingewiefen. Die Gründe S. 74 gegen Abfaffung
eines Theiles des Leviticus durch Ezechiel find vollkommen
ausreichend. Gut ift S. 104 die Einwendung:
warum foll der Chronift die levitifche Abdämmung des
Samuel erfunden haben zur Rechtfertigung feiner priefterlichen
Handlungen? Warum machte er ihn nicht der
ihm zugefprochenen Tendenz getreu zum Aaroniden?
(vgl. S. 105 die ähnliche Bemerkung hinfichtlich des
Abinadab).

Beachtensweuth find in der Vorrede von Delitzfch
die Bemerkungen über die Farbenbezeichnungen des
Prieftercodex, woraus fich ergiebt, dafs diefelben älter
lind als diejenigen des Chroniften. Daraus einen Schlufs

zu ziehen auf das Alter des Prieftercodex fcheint mir
indefs unberechtigt.

2. Was wir an der erftgenannten Schrift auszufetzen
fanden, ift in der weit kürzeren, der Berliner theologi-
fchen Facultät zum Dank für die verliehene Licentiaten-
würde gewidmeten Differtation zum Theil vermieden.
Die Anordnung ift hier vortrefflich, fich richtend nach
der Darfteilung in verfchiedenen Büchern oder Büchergruppen
. Da demzufolge den Ausfagen des Chroniften
über das Priefterthum ein befonderer Abfchnitt gewidmet
ift S. 32 ff. (vgl. S. 8), tritt die Hinweifung auf
1 feine Abweichungen vom Prieftercodex bezüglich der Leviten
hier nachdrücklicher hervor als in der englifchen
Schrift. Auf jeden Fall bleibt der Satz S. 34 zu Recht
beftehen : Utique si libros Chronicorum exploraveris, sacer-
dotii Aaronitici conditionem cum Tliora Eloliisticä omnino
non tarn convenientem invenies, quam ex sententia recen-
tiorum criticomm exspectaveris.

Strafsburg i. E. Wolf Baudiffin.

Hofmann, Prof. Dr. J. Chr. K. v., Die heilige Schrift
neuen Testaments zufammenhängend unterfucht. 8.
Theil. 1. Abth. Das Evangelium des Lukas, Cap. I—
XXII, 66. Mit einem Anhange Cap. XXII, 66—XXIV,
53 enth. Nördlingen 1878, Beck. (IV, 552 S. gr. 8.)
M. 9. —

Es ift immer eine wchmüthige Aufgabe, die letzte
Arbeit eines Heimgegangenen zu befprechen, doppelt weh-
müthig, wenn derfelbe von ihr abberufen, ehe er fie vollenden
konnte. So liegt nun das grofse Werk v. Hof-
mann's über das N. T. als ein unvollendeter Torfo da.
Zwar dafs zur vollen Ausführung des von dem Verdorbenen
einft entworfenen Planes mehr als ein Menfchen-
leben gehöre, hat fich wohl Niemand verborgen; aber
wenigftens die Einzclerklärung desfelben hätte gewifs
Jeder gern von feiner Hand vollendet gefehen. Nun
fehlen die johanneifchen Schriften, es fehlen Matthäus
und Marcus, und der uns vorliegende Lucas ift doch
auch nur ein Fragment. Nicht dafs der Schlufs von
22, 66 an nicht mehr von ihm bearbeitet und von dem
Herausgeber durch einige abgeriffene Aufzeichnungen
des Verdorbenen für fein Colleg erfetzt werden mufste,
macht den Eindruck des Fragmentarifchen, fondern dafs
die Schlufsbetrachtung fehlt, in welcher der Verf. feine
Gefammtauffaffung der Schrift und ihrer Compofition zu
entwickeln pflegte. Jetzt mufs man fich feine Anficht
darüber aus den einzelnen Rückblicken auf kleinere und
gröfsere Abfchnitte zufammenfuchen und gewinnt doch
kein. recht einheitliches Bild davon. Schon die ftark
verclaufulirte Deutung des y.aO-eZijs p. 8, deffen Beziehung
auf die Zeitfolge er anerkennt, ohne fie ausfchliefslich
geltend zu machen, läfst vermuthen, dafs er im Evangelium
doch mehr eine fachliche Anordnung findet, und
dies beftätigt fich allerdings in fo hohem Mafse, dafs
man es kaum mehr mit jenem xa-freg^ji verträglich finden
dürfte. Nur feiten conftatirt v. Hofmann, dafs zwei
oder mehr Erzählungen zeitlich verbunden find, ja er
wagt felbft eine fo klare zeitliche Beziehung wie das
£v T(l> XccXf;oai 11,37 zu überfetzen: ,als er einmal geredet
hatte' (p. 305). Mcift fucht er zwifchen den einzelnen
Abfchnitten oder gröfseren Gruppen irgend-
! welche fachliche Beziehungen auf, unter denen fie zu-
I fammengeftellt fein follen; aber fo bewundernswerth hier
oft der Spürfinn des Verf. erfcheint, fo wenig ift es auch
nur irgend zu erweifen verfucht, dafs der Evangelift die
Verbindung um diefer Beziehungen willen gemacht hat.
Oder womit hätte derfelbe wohl angedeutet, dafs die
i vier grofsen Wunderthaten in Cap. 8 zufammcngeftellt
j feien, um darzuftellen, welchen Gewinn die Jünger davon
hatten, dafs fie fich in Jefu Geleit begeben (p. 227 ,
| oder dafs 9, 1—9 zeigen folle, wie weit der Landesfürft