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Ausgabe:

1879

Spalte:

329-331

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Höfler, Const. R. v.

Titel/Untertitel:

Die romanische Welt und ihr Verhältniss zu den Reformideen des Mittelalters 1879

Rezensent:

Müller, Carl

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Thcologifche Literaturzeitung. 1879. No. 14.

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her ganz oder theilweife unbekannte Papfturkunden in extenso
mitzutheilen, von denen viele von hohem allgemeinem
Intereffe find (vor allem für die Gefchichte Conradin's). —
Ein genaues Verzeichnifs der Namen am Schlufs ift fehr
dankenswerth. — Leider haben fich etwas zahlreiche
Druckfehler eingefchlichen, welche durch das Verzeichnifs
am Ende nicht erfchöpft find. — Hoffentlich dürfen
wir nun bald einem diefe und die anderen Ergänzungen
der Papftregeften zufammenfaffenden Additamentum von
Seiten Potthaft's entgegenfchen.

Tübingen. Tic. Dr. C. Müller.

Höfler, Conff. R. v., Die romanische Welt und ihr Ver-
hältniss zu den Reformideen des Mittelalters. [Aus-.
,Sitzungsber. d. k. Akad. d.Wiff.'] Wien 1878, Gerold's
Sohn in Comm. (284 S. Lex.-8.) M. 4. 80.

Vorliegende Schrift ift, wie alles, was aus der Feder
Höfler's kommt, ausgezeichnet durch ihre fchöne und
anziehende Form wie durch ihre geiftvolle Beleuchtung
der behandelten Materien. Zugleich behandelt fie einen
Gegenftand, der meines Wiffens nirgends bisher im Zu-
fammenhang dargeftellt worden ift und doch neben ähnlichen
Arbeiten über die deutfche Nation feine gute
Stelle findet. Ihr allgemeiner Inhalt ift durch den Titel
genügend gekennzeichnet; ihr Refultat läfst fich nicht
in ein kurzes Refume zufammenfaffen. Sie verläuft in
6 §§■ In § 1 wird die grofsartige ftaatenbildende Thätig-
keit der Romanen im Norden und Süden, Offen und
Werten befchrieben; in § 2 geht Verf. ein auf die innere
Thätigkeit dcrfelben und zwar zunächft auf die von ihnen,
fpeciell, wie die Staatenbildungen, zumeift vom Adel
ausgehenden Ordensftiftungen. Denn es bleibt doch
eine merkwürdige und charakteriffifche Thatfachc, die
als folche von Höfler wieder treffend hervorgehoben
wird, dafs die Stiftung weitaus der meiften religiöfen
Orden, felbft derjenigen, welche die gröfste Verbreitung
in Deutfchland gewonnen haben, doch von Romanen
ausgegangen ift. — Es folgt darauf ein Ueberblick über
das romani fche Papftthum im 11. und 12. Jahrhundert
und feine Kämpfe mit den deutfehen Kaifern und den
Ketzern, vorzüglich den Waldenfern; das romanifche
Papftthum überwiegend italienifcher Nationalität im 13.
und dasjenige franzöfifcher im 14. Jahrhundert.

Mit den letzten Partieen haben die Abfchnitte begonnen
, welche mir die intereffanteften des Buches zu
fein fcheinen fowohl durch reichliche Mittheilungen aus
Handfchriftcn als auch namentlich dadurch, dafs der
Verf. aus dem mehr fkizzirenden Verfahren heraustritt
und etwas detaillirter fchildert. Es find die Partieen,
welche die innere Gefchichte der FYanciscaner und ihre
Kämpfe mit dem avignonenfifchen Papftthum behandeln.
Es möge mir hier eine etwas eingehendere Befprcchung
diefes Abfchnittes zu gute gehalten werden, weil fich
derfelbe vielfach mit meiner Schrift über Ludwig des
Baiern Kampf mit der römifchen Curie berührt und es
mir in der letzteren nur noch für einen ganz kleinen
Theil möglich war, mich mit Höfler auseinander zu fetzen.

In S 3 nämlich befpricht Verfaffer die Periode von
Avignon als Höhepunkt romanifcher Weltftellung (p. 63
— 109). Nach einer Uebcrficht über die franzöfifchen
Hegemoniebeftrebungen unter Philipp dem Schönen und
die kühnen, in letzter Zeit mehrfach behandelten Gedanken
Pierre Dubois', wird eingegangen auf die Kämpfe
der Franciscaner um die evangelifche Armuth. Verf.
hat die Darfteilung derfelben vorbereitet durch den Hinweis
auf die früheren Kämpfe und fpiritualiftifchen Bewegungen
im Orden von Elias von Cortona an bis zum
Concil von Vienne. Allein er hat fich dadurch auch
verleiten laffen, 'den Streit über die Armuth in eine m. E.
allzu enge Verbindung mit den FVaticellen und dem
Spiritualismus des Ordens zu bringen. Schon Riezler

(litterarifche Widerfacher p. 61 n. 1) hat fich hiegegen
ausgefprochen und ihm ift Reuter (Gefch. d. Aufklärung
II, 362 n. 7) gefolgt. Mit vollem Recht, denn auch die
päpftlichen Bullen unterfcheiden ftets zwifchen den Fra-
ticellen und den Anhängern Cefena's; und die Ueber-
fchrift des fogenannten Johannes Minorita (Baluze, Mis-
cellanea III, 206) xhronicon de gestis contra fraticellos'
kann hiegegen nichts beweifen, da diefelbe nicht ur-
fprünglich ift und nur in einer vielfach verderbten Hand-
fchrift auftritt. — Ich vermag auch in der Darfteilung des
eigentlichen KampfesHöfler vielfach nicht bei zuftimmen. Er
fleht vor allem in dem ganzen Kampf der Franciscaner unter
ihrem General Cefena gegen Johann XXII nicht nur
eine Folge der inneren Entwicklung des Ordens, fondern
auch zugleich eine Reaction der italienifchen Nationalität,
welcher Cefena angehört, gegen das ihr entriffene und
an die Franzofen gefallene Papftthum. Allein nicht nur
ift für diefen letzteren Punkt ein directer Beweis nicht
zu erbringen, fondern mehr als ein Grund fpricht dagegen
, dafs die nationale Rivalität in dem Kampf eine
hervorragende Rolle gefpielt habe. Der franzöfifche
Provincial felbft, Nicolaus, ift einer der Unterzeichner
der Erklärung von Perugia und erft fein Nachfolger,
Heinrich von Semons, fleht auf Seiten Johann's XXII.
Dagegen ift der italienifche Provincial ein Gegner Cefena's,
welcher ihn daher durch feinen Parteigenoffen Berengar
erfetzt (Wadding 1328, 19). Ebenfo finden wir die italienifchen
Franciscaner zur Zeit des Römerzugs der überwiegenden
Mehrzahl nach auf Seiten des franzöfifchen
j Papftes, während dagegen, wie Höfler felbft (p. iocp er-
j wähnt, 700 franzöfifche Franciscaner als Anhänger Cefena's
1 aus Frankreich verbannt und 114 verbrannt wurden (vgl.
auch die mehrfachen Erlaffe des Papftes gegen Anhänger
Cefena's in Frankreich bei Martene et Durand, tkesaurus
1 novus II. und bei Wadding). Cefena felbft endlich' hat
I noch in letzter Stunde einen Verbuch gemacht, fein
Generalat unter franzöfifcher Obhut weiter zu führen,
j ein Verfuch, der bei Höfler's Vorausfetzung kaum denkbar
wäre. Der nationale Gegenfatz kam allerdings an einer
Stelle zu vollem Ausdruck — Höfler hat dies faft ganz
zurücktreten laffen — nämlich in dem Bündnifs des Cardinais
Napoleon Orfini mit Kaifer Ludwig. Allein wenn hier
( die Minoriten mitbethciligt find, fo beweift dies nichts
für den nationalen Character ihres Kampfes. Ihnen war
jeder Anlafs willkommen, der eine Waffe gegen den ge-
hafsten Gegner ihres Ordens bot.

Ich glaube aber, dafs Höfler auch die Stellung Cefena
's bis zu feiner Flucht aus Avignon unrichtig auffafst.
Er erkennt ihm eine ganz hervorragende Rolle in Lud-
wig's Handlungsweife zu, findet feine Hand vor allem in
der Aufftellung des Gegenpapftes (durch welchen der
,santo pastore' der Spiritualen habe realifirt werden follen),
der ganzen Gegenhierarchie (einer italienifchen gegen-
1 über der franzöfifch -avignonenfifchen), ja nach einer
Andeutung (p. 82) fcheint er geradezu anzunehmen,
dafs Ludwig fein Verfahren gegen Johann in Rom fo
lange aufgefchoben habe, bis Cefena feine Flucht aus
Avignon habe bewerkftelligen können. Von alle dem
I enthalten die zuverläffigen Quellen nichts, fondern weifs
j nur das Bekenntnifs Cefena's, deffen Echtheit den ge-
wichtigften Bedenken unterliegt. Kcinenfalls aber kann
j man die Vorgänge in Rom nur als Ausflufs der fran-
ciscanifchen Bewegung anfehen. Vielmehr zeigt eine
genauere Vergleichung der beiden Sentenzen Ludwig's
gegen Johann von Rom und von Pifa, dafs die Franciscaner
in Rom völlig in den Hintergrund gefchoben waren
und erft in Pifa wieder durch die Ankunft Cefena's den
mafsgebenden Einflufs gewonnen haben.

Ich mufs einzelnes weitere der Kürze halber hier
übergehen; über anderes habe ich mich fchon a. a. O.
ausgefprochen. Von kleineren Verfehcn feien nur noch
hervorgehoben, dafs p. 76 f. zweimal die Conftitution
! Quia nonnumquan mit der Quia quomndam verwechfelt

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