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Ausgabe:

1879

Spalte:

323-324

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Colenso, J. W.

Titel/Untertitel:

Wellhausen on the Composition of the Hexateuch critically examined 1879

Rezensent:

Guthe, Hermann

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Theologifche Literaturzeitung. 1879. Nr. !4-

324

ungefondert namhaft macht, fo hätte er wohl drei direct
auf feinen Gegenftand bezügliche Abhandlungen erwähnen
können: Dillmann's fchöne Vorlefung ,Ueber
den Urfprung der Altteftamentlichen Religion' 1865, fowie
Kuenen's Auffatz Yahveh and the other gods (in Theolog.
Review 1876) und den denfelben Gegenftand behandelnden
in ,Studien' I des Unterzeichneten.

Die Sprache, vom ,einfperren' des ifraelitifchen
Gottesbegriffes, vom ,herandämmern' des Chriftenthums
redend, wie von ,der koftbarften Perle an der Krone'
der Verdienfte Ifrael's, von ,einem ambrofifchen Hauche
idealer Schönheit', ift nicht ohne Härte und Schwulft,
was (das Original liegt mir nicht vor) der Ueberfetzung
zur Laft fallen mag (diefer jedenfalls ,ein Volkswille' ft.
einen V —n S. 22, ,Betrachtung' ft. Beachtung S. 28,
,gültige' ft. geltende S. 63, ,gebeten' ft. gebetet S. 64).

Strafsburg i. E. Wolf Baudiffin.

Colenso, Right Rev. J. W., D. D., Bishop of Natal,
Wellhausen on the Composition of the Hexateuch criti-
cally examined. London 1878, Longmans, Green &
Co. (IV, 132 S. 8.)

Wellhaufen fchlofs feine wichtigen Auffätze über die
Compofition des Hexateuchs (Jahrbb. f. D. Th. XXI u.
XXII) mit den Worten: ,Wenn ich für die langwierige und
undankbare Arbeit einen Lohn hoffe, fo ift es Discuffion
und Widerfpruch'. Mehr als diefer Lohn ift dem Verf. jener
Auffätze zuerft, foviel mir bekannt ift, von einer Seite
zugemeffen worden, von welcher W. felbft es vielleicht
am wenigften erwartet hat. Dr. Colenfo, Bifchof von
Natal in Afrika, Verfaffer des umfangreichen Werkes:
, The Peniateuch and Book of JosJiua criücally examined1,
P. I—VII (1862—1878) ift der erfte gewefen, welcher die
kritifche Analyfe W.'s öffentlich behandelt hat. In der
oben genannten, mir durch die Güte des Herrn Prof.
Cheyne in Oxford zugegangenen Schrift befchäftigt fich
Colenfo abgefehen von den Erörterungen auf p. 86—95,
welche auf Kuenen's kritifche Beiträge in der Theo/.
Tijdschrift Sept. 1877 fich beziehen, ausfchliefslich mit der
Analyfe der hiftorifchenStückedesHexateuchs, welche
W. vorgetragen hat. Er giebt hauptfächlich eine Zu-
fammenftellung und Vergleichung der beiderfeitigen Re-
fultate. Nicht feiten begnügt er fich nach einem Bericht
über W.'s Meinung damit, feine eigene Auffaffung daneben
zu ftellen, ohne eine Prüfung oder Widerlegung
zu verfuchen (p. 31. 34. 36. 80). Im Allgemeinen ift er
bemüht zu zeigen, dafs die der Analyfe W.'s zu Grunde
liegenden kritifchen Beobachtungen auch auf dem von
ihm eingefchlagenen Wege ihre Erklärung finden. Man
entdeckt aber in diefer Schrift nicht nur ,Discuffion und
Widerfpruch' W. gegenüber, fondern in einem fehr
wichtigen Punkte auch Zuftimmung, nämlich darin, dafs
die fog. ,mittlere Gefetzgebung' des Pentateuchs jünger
ift als das (nach C. von Jeremias verfafste) Deuterono-
mium. Damit hat alfo auch C. anerkannt, dafs die
priefterliche Gefetzgebung eine fpätere Religionsftufe
darftellt als die Gefetzgebung des Deuteronomiums und
zwar eine folche, welche nach dem Deuter., d. h. während
des Exils fich gebildet hat. Wie fehr diefes Er-
gebnifs die bisherigen Vorftellungen von der Entwicklung
der Religion Ifraels umändert, liegt auf der Hand
und ift jetzt nach dem Erfcheinen von W.'s ,Gefchichte
Ifraels' auch für jeden deutfchen Theologen bequem zu
erfahren. Es ift aber von Werth, davon Notiz zu nehmen
, dafs gerade Colenfo zu diefem Refultat gekommen
ift, ein Bifchof der englifchen Kirche, welcher anfänglich
die in dem 17. Jahrhundert dogmatifirten Anfchau-
ungen über d. h. S. in feine theologifche Bildung aufgenommen
hatte, dann aber durch eine unabweisbare
Forderung feines kirchlichen Berufes, nämlich durch
Verkehr (Miffion, Bibelüberfetzung) mit chriftlichen Zulu,

durch ihre einfachen und aufrichtigen Fragen fich ge-
nöthigt fah, die gewöhnlichen Ausflüchte, mit denen er
über gewifse Unbequemlichkeiten hinwegzufchlüpfen gewohnt
war, bei Seite zu laffen und die Berichte des
Hexateuchs auf ihren gefchichtlichen Werth hin zu prüfen,
wenn er anders ,im Namen des Herrn nicht Lügen
reden' wollte (Pent. and Josh. I, p. VII). Das war bekanntlich
der Anfang der Colenfo'fchen Pentateuchkritik
(1862).

Der Unterfchiede zwifchen W. und C. find im Uebri-
gen noch genug. W. legt feiner Analyfe überall in erfter
Linie die Quellenhypothefe zu Grunde und läfst die Er-

I gänzungshypothefe nur in untergeordneter Weife, namentlich
bei den Gefetzen zur Geltung kommen. Dagegen
huldigt Colenfo durchaus der Ergänzungshypo-
thefe. Diejenigen Stücke, welche W. als Vierbundesbuch
zufammengefafst und mit Q bezeichnet hat, fcheidet
C. in zwei Theile: Die ,Elohistic Narrative' (bis F/xod. 6,
2—5) gehört nicht zu der ,later (levitical) Legislation',
fondern hat die Grundlage der ganzen Gefchichte des
Hexateuchs gebildet (alfo ähnlich wie Graf 1866) und ift
vielleicht von Samuel verfafst. Diefelbe ift- zuerft erweitert
durch den ,second Elohisf letzte Spur Num. 24),
darauf in gröfserem Umfange durch den ,Jehovisf (letzte
Spur Kön. I, 9, 25), dann durch den ,Deuteronomisf
(= Jeremias), zuletzt durch die ,levitical writers' (erfte
Spur Exod. 6, 6—8). S. p. 4 f. 39. 46 f. 73. 85 f. 101.
108 ff. C. macht nun von der Ergänzungshypothefe
eine fehr freie, mit dem eigentlichen Sinn derfelben ftrei-
tende Anwendung. Auf diefe Weife wird es ihm z. B.
möglich, in Exod. zwei Berichte über die Plagen zu un-
terfcheiden, nämlich einen urfprünglichen Bericht von
7 Plagen nach dem Jehoviften und einen bearbeiteten
und durch zwei Plagen (8, 16—19. 9, 8 — 12) vermehrten
Bericht, welcher der jüngften Erweiterung angehören
foll. Die ,levitical writers' hatten nämlich den Zweck,
Aaron zu verherrlichen und veränderten demgemäfs die
alte Erzählung. Das ift aber doch nicht Ergänzung
des .erften Berichtes, fondern eine Umgeftaltung desfel-
ben, beftimmt denfelben zu erfetzen; die Zeit, in welcher
der zweite Bericht entftanden ift, hatte überhaupt
nicht die Abficht, die alten Ueberlieferungen zu ergänzen
, fie fchuf dieselben neu nach ihren Anfchauungen.

Auf Einzelheiten weiter einzugehen ift jedoch hier
nicht der Ort; auch würde es nicht lohnend fein, da C.
und W. die Pentateuchfrage im Ganzen verfchieden dis-
poniren,^jener nach der Ergänzungshypothefe, diefer nach
der Quellenhypothefe. Die Dispofitionsfrage mufs aber
zuvor erledigt fein, ehe die Vertheilung des Einzelnen an
die verfchiedenenTraditionsfchichten oder Erweiterungen
mit Nutzen befprochen werden kann. Im Allgemeinen
hat mich die VertheidigungderErgänzungshypothefe durch
C. nicht überzeugen können, dafs diefelbe dem kritifchen

I Befund beffer entfpräche und etwa mehr Klarheit über
die Entftehung des Hexateuchs verbreitete, als die neuerdings
von W. vorgelegte Analyfe. Das Verhältnifs der
einzelnen Gefetzeskörper zu einander als gegenfeitige
Ergänzung zu begreifen, ift vollends nicht möglich.

Leipzig. FI. Gut he.

Kneucker, Pfr. Privatdoc. Lic. J. J., Das Buch Baruch

Gefchichte und Kritik, Ueberfetzung und Erklärung
auf Grund des wiederhergeftellten hebräifchen Urtextes
. Mit einem Anhang über den pfeudepigra-
phifchen Baruch. Leipzig 1879, Brockhaus. (XII,
361 S. gr. 8.) M. 12. —

Ueber das kleine Buch Baruch befitzen wir aus
neuerer Zeit bereits zwei eingehende Erklärungen: von
Fritzfche (Exeget. Handb. zu den Apokr. I, 1851) und
von Reufch (Erklärung des Buchs Baruch 1853).
j Beide werden dem Umfange nach von diefem neuen,