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Ausgabe:

1879 Nr. 13

Spalte:

312-315

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bender, Wilh.

Titel/Untertitel:

Schleiermacher’s Theologie mit ihren philosophischen Grundlagen dargestellt. 2. Thl.: Die positive Theologie Schleiermacher’s 1879

Rezensent:

Nitzsch, Friedrich August Berthold

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Theologifche Literaturzeitung. 1879. No. 13. 312

3"

handlung durch das Domcapitel in Äbo zum Druck befördert
ward: Om rättfärdiggörelsen, Abo 1875, und Pro-
feffor Ingmann in einer politifchen Zeitung, dem Hel-
fingforfer Morgenblatt, für fie eintrat. Gegenftimmen
wurden laut in der Ewangelisk Tidning und ein Geift-
licher in der Stadt Lawia am Bottnifchen Meerbufen, E.
T. Geftrin, veröffentlichte eine befondere Schrift: Den lu-
therska Rättfärdiggdrelseläran i motsatts tili den Beck'ska
rigtningen af en Ordets tjenare i Finland, Tammerfors,
1875. S. 67. Hier entwickelt er gründlich und genau
die kirchliche Rechtfertigungslehre, weift die Melanchthon
gemachten Vorwürfe zurück, zeigt, dafs Luther gerade
in dem, worauf es hier ankommt, mit Melanchthon und
den Bekenntnifsen übereinftimmt, und deutet auf die Gefahren
hin, welche die gegnerifche Lehre für den Chriften-
menfchen birgt. Die kleine, aber nicht nur frifch ge-
fchriebene, fondern auch fachlich tüchtige Schrift fcheint
denn auch gewirkt zu haben. Wenigftens möchte man
dies fchliefsen aus der gereizten und nichts weniger als
würdig gehaltenen Entgegnung, mit welcher Profeffor
Ingmann im Helfingforfer Morgenblatt hervortrat. In-
zwifchen find auch Vermittler aufgeftanden, welche beide
Richtungen neben einander wollen gelten laffen. Aber
mit vollem Rechte fagt Geftrin, dafs eine folche Vermittlung
hier nicht zuläffig fei und nur dem Irrthum
den Weg bahnen werde. Da er von hieraus befondere
Gefahr für feine Kirche fürchtet, ift er mit dem in der
Ueberfchrift genannten gröfseren Buche noch einmal auf
die Sache zurückgekommen und hat fie nach allen Seiten
hin behandelt. Das Buch zerfällt in 6 Abfchnitte. Im
erften giebt er vornehmlich die erwähnte Entgegnung
Prof. Ingmann's auf feine Streitfchrift, feine eigene Antwort
hierauf und zuftimmende Urtheile über feine Schrift
feitens der Facultäten in Lund und Chriftiania und des
fchwedifchen Bifchofs von Hernöfand, Dr. Landgren.
Der 2. Abfchnitt behandelt die kirchliche Lehre von
der Rechtfertigung, nämlich 1) die Lehre der Bekennt-
nifse, 2) Luther's Darfteilung in feinen Privatfchriften.
Der erfte Punkt wird wieder klar und durchaus correct
entwickelt. Auch beim zweiten ift der Nachweis ent-
fchieden gelungen, dafs Luther's Lehre in der Sache
durchaus mit der der Bekenntnifse ftimmt, wenn er auch
die Ausdrücke justißcare und rechtfertigen oft in weiterem
Sinne braucht. Auf die entfcheidende Frage: was ift es,
deffen allein der Menfch vor dem heiligen Gotte fich getroffen
kann, das allein auch dem Gerichte Gottes gegenüber
ihm Frieden und Freudigkeit zu ■ geben vermag?
antwortet Luther ftets und ohne Schwanken: nicht
irgend etwas auf Seiten des Menfchen, fondern nur Chri-
ftus und feine Gerechtigkeit, die er im Glauben fich aneignet
. Dies hebt, wie getagt, der Verf. richtig hervor,
dagegen wird er der gefchichtlichen Darffellung der Ausragen
Luther's nicht völlig gerecht, wenn fchon er auch
hier manches früher Behauptete berichtigt und auch zu-
giebt (S. 189), dafs er, von feinem finnifchen Gegner verleitet
, in der Kritik der ,Theologie Luthers' von Köfflin
zuweit gegangen fei. — Mit den Gegnern befchäftigt fich
der dritte Abfchnitt. Zuerft wird Beck's Lehre vom fündigen
Menfchen, von der Verhöhnung und der Rechtfertigung
entwickelt, im Anfchlufs hieran das Entfprech-
ende von Myrberg gegeben und beides zufammen einer
eingehenden Kritik unterftellt. Ingmann wird, weil er
nicht alle Confequenzen des Standpunkts ziehe, für fich
behandelt, den Verhältnifsen entfprechend fehr ausführlich
und mit befonderem Eingehen auf feine ungenügende
und willkürliche Schriftauslegung. Die hier mitgetheilten
längeren Stücke aus Prof. Ingmann's Schriften und Abhandlungen
Bellen es ganz aufser Zweifel, dafs er Unrecht
hat, wenn er glaubt, mit der Schrift fich decken
zu können. Der vierte Abfchnitt bringt inländifche und
ausländifche Zeugnifse dafür, dafs Beck's Rechtfertigungslehre
nicht die der Kirche fei, unter erfteren eine Erklärung
von Dr. Schaumann, Bifchof von Borg;!, unter

letzteren Auszüge aus Schriften von Ebrard und A.
Ritfchl. Dem folgen im fünften Abfchnitte Zeugnifse
für die lutherifche Rechtfertigungslehre im Gegcnfatz zur
Beck'fchen, vornehmlich von Philippi und Thomafius.
Und endlich der kurze fechfte Abfchnitt giebt noch einmal
eine zufammenfaffende Vergleichung der kirchlichen
und der Beck'fchen Lehre.

Dies der Inhalt der letzten finnifchen Streitfchrift,
der man wünfchen mufs, dafs fie rechte Beachtung im
Lande finde. Der Verfaffer fieht klar, worauf es in diefer
nicht blofs wiffenfehaftlichen, fondern vor Allem prak-
tifchen Frage ankommt, und entwickelt die entfeheiden-
den Punkte mit wünfehenswerther Deutlichkeit. Seine
Gegner behaupten, im Lande fei eine gewiffc fittliche
Laxheit verbreitet, die fich mit der kirchlichen Rechtfertigungslehre
fchütze. Dem wollten fie mit ihrer den
fittlichen Ernft bezweckenden Neuerung entgegentreten.
Wie weit jene an fich ja ganz glaubliche Behauptung
richtig ift, kann natürlich ein dem Lande fern Stehender
nicht beurtheilen. Aber auch wenn ihre Richtigkeit in
vollem Umfange anerkannt werden mufs, fo handeln diejenigen
doch verkehrt, welche dem Schaden, der aus
Verleugnung einer fchriftgemäfsen Lehre durch die That
entfteht, dadurch abhelfen wollen, dafs fie jene Lehre
umffofsen und eine andere fchriftwidrige an ihre Stelle
fetzen. Die kirchliche Lehre trägt keine Schuld an den
gerügten Laxheiten. Es bleibt bei dem, was Melanchthon
in der Apologie fchreibt: falso calumniantur nos ad-
versarii, quod nostri non doceant bona Opera, quum ea non
solutn requirant, sed etiam ostendant, quomodo fieri possint.

Erlangen. G. Plitt.

Bender, Prof. D. Wilh., Schleiermacher's Theologie mit

ihren philofophifchen Grundlagen dargeftellt. 2. Thl.:
Die pofitive Theologie Schleiermacher's. Nördlingen
1878, Beck. (VIII u. S. 297—620. gr. 8.) M. 5. —

Nachdem der Verfaffer in dem i. J. 1876 erfchienenen
erften Bande feiner Monographie die philofophifchen
Grundlagen der Theologie Schleiermacher's entwickelt
hat, folgt hier im zweiten oder Schlufsbande eine Darffellung
und Kritik der pofitiven Theologie diefes
Syftematikers. Wir befitzen demnach nunmehr jene
erfte ,Gefammtdarftellung' des genannten Gegenftandes,
welche der Verf. behufs der Ergänzung und Berichtigung
des Ertrages der vielen längft vorhandenen monographi-
fchen Schriften über einzelne bevorzugte Lehrpunkte
des Syftems uns hat geben wollen. Wenn wir nun bei
der Berichterftattung über diefelbe (wenigftens über den
vorliegenden Band) im Vorbeigehen conftatiren, was wir
auch damit noch nicht befitzen, fo darf dies von dem
Verf., dem wir trotz aller Meinungsdifferenz dankbar
für feine Leiftung find, nicht aus der blofsen Abficht
zu tadeln abgeleitet werden. Zu einer vollftändigen
Monographie über Schi, als Theologen würde nämlich
einmal auch ein rein bibliographifcher Bericht über die
Entftehungsgefchichte und literarifche Geftalt feiner
fämmtlichen theologifchen Schriften einfchliefslich der
pofthumen Werke und nachgefchriebenen Vorlefungen
gehören; ferner eine ausdrückliche hiftorifche Eingliederung
der Leiftungcn Schl.'s in den Entwicklungsgang der
neueren Theologie, alfo eine wenngleich antithetifche
Anknüpfung an das, was er vorfand (anftatt einer abgerufenen
Zeichnung feiner Theologie rein für fich);
endlich eine vollftändige und gleichmäfsige Darfteilung
und Würdigung des wefentlichen Gehaltes aller feiner
theologifchen und religiöfen Werke (einfchliefslich der
Predigten). Dafs der Verf. Erfteres nicht hat geben
wollen, ift für die Bcurtheilung feines Buches gleichgültig ;
fchon weniger gilt dies von dem zweiten Defiderat; die
Erfüllung der dritten Forderung endlich lag eigentlich
bereits innerhalb des Kreifes, den er fich felbft gezogen,