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Ausgabe:

1879

Spalte:

11-14

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Baum, Guil.

Titel/Untertitel:

Ioannis Calvini Opera quae supersunt omnia. Vol. XV - XVIII. A. u. d. T.: Corpus Reformatorum. Vol. XLIII - XLVI 1879

Rezensent:

Plitt, Gustav Leopold

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Theologifche Literaturzeitung. 1879. Nr. 1.

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Gliederung des Stoffes, in der Zerlegung desfelben in
viele kleinere Abtheilungen Gleichartigkeit kund geben,
woraus denn mit Sicherheit folgt, dafs David v. Augsburg
der fragliche Verfaffer fei. Wie nun aus David
Yvonet geworden, das bleibt dahingeftellt. Preger fetzt
die Abfaffung des Tractates in die Zeit von 1256—1277.
Der Aufenthalt David's wechfelte zwifchen Augsburg und
Regensburg. David, als ein tieffinniger Myftiker bekannt,
zeigt fich dabei keineswegs von günftiger Seite, fondern als
gehäffiger Inquifitor. Es zeigt fich nun, was am meiften
Beachtung verdient, dafs der Text der beiden Hand-
fchriften der vollftändigere und correctere ift, und daher
für manche nicht unwefentliche Punkte befferen Auf-
fchlufs als der Text bei Martene und Durand, oder- neue
Fingerzeige giebt. So erfieht man aus dem noch ungedruckten
Abfchnitt 11, dafs fich die Pover de Leun
verfchiedene Namen gaben, darunter auch den von amici
dei, und es entfteht nun die Frage, ob der Name der
Gottesfreunde nicht von den Waldenfern auf die bekannten
myftifchen Gottesfreunde übergegangen fei.
Auch auf die Unterfcheidung der perfecti und credentes
wird in dem bei Martene und Durand fehlenden Abfchnitt
31 Licht geworfen (Preger 16). Auch über das
Verhältnifs der Waidenfer zum alten Teftament geben
unfere Handfchriften einen berichtigten und vervoll-
ftändigten Text. Die Stelle lautet bei Martene: vetus
lestamentum non Jiabent vel recipiunt, sed evangelia, ut per
ea nos hnpugnent et se defendant, dicentes quod superveni-
ente evangelio vetera omnia transierunt. Nach diefer Ge-
ftalt des Textes fcheint das Alte Teftament für die Wal-
denfer von gar keiner Bedeutung mehr gewefen zu fein.
Anders lautet und Anderes bezeichnet der Textder genannten
Handfchriften: vetus testamentum non recipiunt ad cre-
dendum sed tantum aliqua inde discunt, ut nos per ea hnpugnent
et se defendant, dicentes quod superveniente evangelio
vetera omnia transienmt, woraus folgt, dafs die
Waldenfer das A. T. zum Angriffe wie zur Vertheidigung
gebrauchten, wobei vorausgefetzt wird, dafs es für fie
noch Bedeutung und Geltung hatte. Das non recipiunt
ad credendum wird darum, fo meint Preger, fo zu be-
fchränken fein, dafs fie in der altteftamentlichen Offenbarung
einen Unterfchied machten zwifchen folchem, das
bleibende Geltung hatte, und folchem, das durch das
Eintreten der neuteftamentlichen Offenbarung feine Geltung
verloren, und dafs nur das letztere für fie nicht
mehr Gegenftand eines Glaubens war, welcher zum Heile
nothwendig ift (Preger 19); es fei denn, dafs man eine
andere Auslegung vorziehe, wonach David hatte fagen
wollen: an das Alte Teftament glauben fie nicht, gebrauchen
es aber doch, wenn es in ihren Kram dient.
Immerhin giebt der Text bei Martene einen anderen Sinn,
der fich weniger empfiehlt. Aus diefen Anführungen, die
wir leicht vermehren könnten, geht zur Genüge die Bedeutung
der neuen Entdeckung hervor.

Nun folgt der Text des genannten Tractats, wobei
die Münchener Handfchrift zu Grunde gelegt ift. Abweichungen
der Stuttgarter Handfchrift und des Textes
bei Martene find in den Noten bemerkt, offenbar beffere
Lesarten in die Recenfion felbft aufgenommen. Die Münchener
Handfchrift flammt wie die Stuttgarter aus dem
15. Jahrhundert. Preger hält fie noch für älter als die
im J. 1469 verfertigte Stuttgarter Handfchrift.

Erlangen. Herzog.

J oan nis Caivini Opera quae supersunt omnia. Ediderunt
Guil. Baum, Ed. Cunitz, Ed. Reufs. Vol. XV—
XVIII. A. u. d. T.: Corpus Reformatorum. Vol.
XL1II—XLVI. Braunfchweig 1876—1878, Schwetfchke
& Sohn. (914, 750, 716 u. 774 Sp. gr. 4.) ä M. 12. —

Die in Nr. 10 des Jahrgangs 1876 diefes Blattes
kurz befprochene neue Ausgabe der Werke Calvin's

ift inzwifchen um vierBände gewachfen. Auch die letzter-
fchienenen Bände find noch demBrieffchatz gewidmet und
zwar geben fie denfelben vom Januar 1554 bis zum Sept.
1561, fo dafs etwa noch zwei Bände Briefe zu erwarten
fein dürften. Im Allgemeinen kann man fagen, dafs
Bd. 15 und 16 vorwiegend fich mit dem Sacraments-
ftreit befchäftigen, während in Bd. 17 und 18 der fran-
zöfifche Proteftantismus in den Vordergrund tritt. Doch
gilt dies, wie gefagt, nur ganz im Allgemeinen; es ift
überall eine grofse Mannigfaltigkeit, die Einem geboten
wird; über die verfchiedenften Gegenftände erhält man
Auffchlufs. Von befonderem Intereffe ift, was dabei
zur Charakteriftik hervorragender Perfönlichkeiten aus
Briefen von ihnen oder über fie fich erheben läfst.
Hier kommt Keiner fo günftig zu flehen, wie der edle
Heinrich Bullinger in Zürich, eine der redlichften Perfönlichkeiten
in der ganzen Reformationsgefchichte. Aus
der Unmaffe von Einzelheiten Mittheilungen zu machen,
ift hier natürlich nicht der Ort. Doch vielleicht ift es
erlaubt, als Curiofum zu erwähnen, dafs Lasko im Nov.
1556 den Zürichern fchreibt, er habe bei Melanthon eine
Vorlefung angehört, in welcher mindeftens 1500 Zuhörer
gewefen feien; denn fo wird man Bd. 16 Nr. 2555 nach
dem frequentissimum das Jiabet zu faffen haben. Nur
eine Beihülfe zur Erfüllung eines Wunfehes Calvins ift
es, wenn ich aus Bd. 17 Nr. 2945, einem Briefe Calvins
an den Pfälzer Zuleger, folgende Stelle über die Kranken-
communion heraushebe: Cocnam apud nos aegrotis non
administrari, mihi etiatn displicet: neque vero per me
stetit quominus hoc solatio fruerentur qui ex hac vita mi-
grant. Sed quia mos diversus invaluerat, ut sine magna
contentione impetrari non posset mutatio, paci consulerc uta-
lui, praesertim quum viderem, non modo fore in urbe dis-
sidia, sed hostile certamen suseipiendum esse cum vicinis,
et gravem infamiam mihi conflatum iri, ac si sahitem in-
cluderem externo symbolo. 1an tum volui apud poste-
ros testatum m anere ,nquid ego optassem. Und endlich
wird eine Bemerkung über die Entftehung der
Augustana variata wohl auch auf allgemeines Intereffe rechnen
können. In feiner Schrift Defensio doctrinae de sacra-
mentis von 1555 fagt Calvin (Bd. 9, 19): et ne privata
singulorum scripta evolvere et excutere necesse Sil, in Con-
sensu nostro reperient lectores quidquid continet edita
Ratisponae confessio, quam Augustanam vocant: modo
ne crucis metu ad captandam papistamm gratiam flectatur.
Verba sunt: in sara coena cum pane et vino vere dari
Christi corpus et sanguinem. Die Züricher Theologen
hatten hierbei bemerkt, die Augustana fei einmal luthe-
rifch und fie würden nie mit ihr übereinftimmen können
(Bd. 15, 280: indubitatum est illius confessionis autorem
fuisse primarium D. Lutherum), wie denn überhaupt die
Erklärungen diefer und befonders Bullinger's für fich
allein fchon vollftändig genügen, um das ungefchicht-
liche Gewebe einer urfprünglich melanthonifchen Kirche
in Deutfchland zu zerreifsen. Darauf erwidert Calvin
(Bd. 15, 305): ut ea prodierit a Luthero, quod- mihi non
est probabile, quorundam tarnen assidua instigatione
Wormatiae effectum est, ut verbum ex hoc capite
eraderet Philippus. Quum igitur oblata esset nova
editio, clamitarunt papistae, nos et Zwinglianos esse et
falsarios. Im Anfchlufs hieran berichtet er Intereffantes
über einen mifslungenen Verfuch , auch Luther gegen
Melanthon einzunehmen. Wichtiger ift noch, was er
1559 an Bullinger fchreibt (Bd. 17, 689): nunquam a me
flagitata est confessionis approbalio: ego autem obtinui,
ut vocem realiter Philippus expungeret. Und Jakob
Sturm berief fich 1561 gegen denKurfürften von der Pfalz
darauf (Bd. 18, 322), dafs Mel. beim Wormfer Gcfpräch
über die Lehre vom Abendmahle fich mit Calvin aus-
getaufcht, genauer fich mit ihm geeinigt habe. Aus
diefen Stellen ergiebt fich die fehr beachtenswerthe
Thatfache, dafs der Text von Art. 10 der Aug. var.
unter beftimmendem Einfluffe Calvins entftanden ift.