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Ausgabe:

1879

Spalte:

264-268

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Linel, Alb.

Titel/Untertitel:

Der moderne Staat und die Ziele des alten Glaubens 1879

Rezensent:

Köhler, Karl

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Theologifche Literaturzeitung. 1879. Nr. n.

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Gefichtspunkt aus ift fie vollberechtigt, in der Predigtliteratur
der Gegenwart einen hervorragenden Platz einzunehmen
. Der Verf., u. a. durch eine populäre Auslegung
der augsburgifchen Confeffion rühmlich bekannt,
hatte fchon im Jahre 1866 44 Predigten herausgegeben,
denen er nun eine gleiche Anzahl nebft 2 Confirmations-
reden hinzugefügt hat. Die Texte find meift frei gewählt,
mit grofsem Gefchick und in origineller Weife, vielfach
aus dem Alten Teftament. Selten dürfte eine Ofter-
predigt über Jacob und Jofeph (1 Mof. 45, 25—28: der
grofse Auferftehungsgedanke, ein Blick 1) in die Seele
hinein, die diefen Gedanken noch nicht zu faffen vermag,
2) in die Seele, in der er Kraft und Saft, Geftalt und
Gewalt gewonnen hat), oder eine Paffionspredigt über
Jefaia 4, 5. 6 (er wird ein Schirm fein über alles,
was herrlich ift auf Erden, ein Schatten vor der Sonnen-
gluth, ein Schutz vor dem Unwetter, eine Verhüllung
vor allen ungeweihten Blicken), oder eine Todtenfeft-
predigt über Abraham's Opfer (er giebt, was Gott nimmt
und nimmt, was Gott giebt), gehalten worden fein.
Wenn nach 1 Mof. 3, 23. 24 als die Heiligthümer aus
dem entfchwundenen Paradies das Gewiffen, der wöchentliche
Feiertag, der Eheftand, die Hoffnung auf Rückkehr
aufgezählt werden, fo vermiffen wir ungern die Arbeit.
Auch in den neuteftamentlichen Texten wird meift die
grofse Landftrafse der alten Perikopen vermieden, fo
wenn in einer Pfingftpredigt der Jüngerruf ,welch ein
Bau ift das!' auf den neuen Gottestempel der Kirche
bezogen, nach der Gefchichte von der Ehebrecherin
Joh. 8 das Gerichtsverfahren des Herrn mit den Sündern
gefchildert wird. Das Thema ift meift präcis und con- j
cret gefafst. Oft hebt es einen Satz oder Ausfpruch
aus dem Text hervor, freilich dann oft nicht ohne dafs
die Behandlung des Textganzen darunter Schaden leidet,
oder es wird auch derfelbe allegorifirt und in verfchie-
dcnem Sinn gewendet, wie die Pilatusfrage: ,von wannen
bift du?' als eine Frage an den Herrn und an uns, oder
der Ausfpruch der böfen Arbeiter im Weinberg ,lafst
uns fein Erbgut an uns bringen', im böfen und im guten
Sinn verftanden. Gefucht erfcheint es, wenn dieBekehrungs-
gefchichte des Paulus nach dem Thema behandelt wird:
Feilen Gehalt und fchöne Geftalt gieb dem Leben, das in
dir wallt. Die Dispo fition ift auch dann, wenn fie nach
blofsen Kategorien getroffen ift, fo gefafst, dafs man etwas
vom Inhalt mitbehält, oder fie wird gleich im Uebergang
mit erklärt, wie in der Predigt über Matth. 7, 6 (Ihr follt das
Heiligthum nicht den Hunden geben, ein Freudenton
ein Weheruf, eine Mahnftimmc, der erfte erinnert an
den Reichthum, den wir befitzen, der zweite an die
Feinde, die demfelben drohen, die dritte an das rechte
Verhalten gegen die Feinde). Auch die Untereintheilung
der einzelnen Haupttheile ift deutlich erkennbar, vielfach,
wie. bei Gerok, zu Beginn derfelben ausdrücklich angegeben
, wie in einer Pfingftpredigt: die Pfingftfprache des
heiligen Geiftes, welche ift fie? Die Sprache der Bufse,
des Glaubens, der Liebe — wer verlieht fie? gar nicht
die gottentfremdete Welt, halb die Grenznachbarn des
Reiches Gottes, wohl und rein die Kinder des Reichs.
Die Ausführung ift klar und warm, wenige, aber paffende
Citate und Gefchichten, der Ausdruck populär bei
grofsem Gedankenreichthum. Das Dogma fleht in dem
Mittelpunkt, und doch wird nicht dogmatifirt. Es finden
fich wenige eigentlich apologetifche Predigten, doch ift
der Prediger fich bewufst, in den grofsen Gemeinden
befonders der Feftzeiten viele vor fich zu haben, welche
dem Chriftenthum nur ein halbes Verftändnifs entgegenbringen
, und hebt ihnen gegenüber gern den menfchlich
fchönen und wahren Gehalt des Chriftenglaubens hervor,
indem er dadurch im bellen Sinn apologetifch wird.
Unter den 90 Predigten ift keine, die nicht mehr oder
weniger vom Anfang bis zum Ende fpannte und wärmte.
Man begreift, wie das gefprochene Wort einen tiefen
Eindruck auf die Gemeinde machen mufste. Man kann

dem gedruckten eine weitere Verbreitung wünfchen und
fie gewifs auch in Ausficht ftellen.

Leipzig. Härtung.

Linel, Dr. Alb., Der moderne Staat und die Ziele des
alten Glaubens. Leipzig 1878, Frohberg. (VIII, 256 S.
gr. 8.) M. 4. 50.

,Der Zweck meiner gegenwärtigen Schrift befteht
nicht darin, unferen modernen Staat in Gegenfatz zu-
den Inftitutionen der Vergangenheit (d. h. den Confef-
fionskirchen, Ref.) zu bringen', fo kündigt der Verf. in der
Vorrede an. In Wahrheit geht die ganze Tendenz des
Buches darauf hinaus, dafs zwifchen den Zielen des modernen
Staates und des ,alten Glaubens' ein unlösbarer
Gegenfatz beftehe. Der ,alte Glaube' bedeutet im Sinne
des Verf.'s jede Religionsform, welche auf der Annahme
einer göttlichen Offenbarung ruht, d. h. einer ,perfön-
lichen, mündlichen' (S. 5), auch wohl .körperlichen' (!)
Mittheilung Gottes an die Menfchen (S. 162) — was er
fagen wollte, war wohl: Mittheilung eines fertigen Codex
von Lehr- und Lebensvorfchriften. Dafs der Gedanke
der Offenbarung d. h. der Selbftmittheilung des unendlichen
Geiftes an den endlichen fich mit jenem äufser-
lichften und roheften Offenbarungsbegriff noch keineswegs
deckt, weifs er nicht. Offenbarung aber, fagt er,
ift nicht möglich, denn alle Religionen behaupten im Belitz
von Offenbarungen zu fein, ergo ift es keine; ferner
ift Gott der Vater aller Menfchen und kann alfo nicht
Einzelne bevorzugen u. f. w. Quod erat demonstrandum.
Auch ift die Annahme einer Offenbarung des Menfchen
unwürdig. Die Offenbarung unterwirft den Menfchen me-
chanifch einem fremden Willen (S. 23), macht ihn zu einer
blofsen ,Puppe Gottes' (S. 154), fie fordert nicht eine
pofitive Sittlichkeit, fondern nur negatives Nichtfündigen
(S. 58), nach dem Princip der Offenbarung giebt es keine
Menfchheit als Ganzes (S. 60. 65), fondern nur Einzelne,
welche von Gott auf die Erde gefetzt wurden um feinen
Willen zu thun und dafür imjenfeits belohnt zu werden
(S. 181), was doch gar keinen vernünftigen Grund und
Zweck hätte, da nach der Lehre der Offenbarung der
Menfch ein Theil Gottes wäre (S. 4 u. ö.); von einem
immanenten Zwecke der Menfchheit kann auf diefem
Standpunkte nicht die Rede fein (S. 154), wie denn auch
die Bibel über den Zweck der Menfchenfchöpfung keinerlei
Auskunft giebt (S. 5). Es bleibt unter diefen Um-
ftänden im Sinne des Verf.'s nichts übrig als jeden Zu-
fammenhang zwifchen Gott und Welt hinwegzudenken.
Das Dafein Gottes fcheint ihm feftzuftehen; wenigftens
fetzt er dasfelbe überall voraus, redet auch gelegentlich
von Gott als dem Schöpfer (S. 201); aber von einer
,directen, perfönlichen' Erfchaffung des Menfchen (S. 4)
und einer unmittelbaren Leitung' desfelben durch Gott
(S. 170) will er in keiner Weife etwas wiffen: in letzterer
Annahme fieht er das Wefen der ,heidnifchen Auffaffung'.
Diefelbe widerfpreche der Weisheit und Güte Gottes,
da es fo viele Cretinen, überhaupt fo viele Ungleichheiten
in Begabung und Schickfal der Menfchen gebe
(S. 4. 33). Ein Wechfelverhältnifs zwifchen Gott und
Welt befteht nicht, Gott hat fich aufser Beziehung zu
dem Menfchen gefetzt (S. 36), wie überhaupt zu der
Welt, und diefe der Entwickelung kraft ihrer eigenen
Gefetze überlaffen: wie fich das mit feiner Weisheit und
Güte beffer vereinbaren folle als eineWeltregierung, welche
für Mängel und Schmerzen Raum läfst, erfährt man von
dem Verf. nicht, nach feinen Vorausfetzungen follte man
es für noch unmöglicher halten. Für die Menfchheit er-
! giebt fich aus diefer Sachlage das Gefetz, fich auch
ihrerfeits von jeder Beziehung zu Gott zu löfen (S. 78)
und ihre Entwickelung in ,völliger Freiheit von göttlicher
Führung' (S. 51; lediglich aus fich felbft heraus zu
vollziehen. Aus diefer Tendenz ift der moderne Staat
entftanden. Sein Vater war der Kampf ums Dafein.