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Ausgabe:

1879

Spalte:

255-257

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bardenhewer, Otto

Titel/Untertitel:

Polychronius, Bruder Theodors von Mopsuestia und Bischof von Apamea. Ein Beitrag zur Geschichte der Exegese 1879

Rezensent:

Möller, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung. 1879. Nr. II,

256

pifche Analyfe von dem Inhalt einer fogenannten Blutampulle
mittheilt.

Bonn. Benrath.

Barden he wer, Dr. Otto, Polychronius, Bruder Theodors
von Mopfueftia und Bifchof von Apamea. Ein Beitrag
zur Gefchichte der Exegefe. Freiburg i. B. 1879,
Herder. (IV, 99 S. gr. 8.) M. 1. 50.

Schon feitdem Angelo Mai die bedeutenden Scholien
des Polychronius zum Daniel in gröfserem Umfang
bekannt und zugänglich gemacht hatte, wäre es an der
Zeit gewefen, diefen refpectablen Vertreter der antio-
chenifchen Schule, der auch in den neueren monograph-
ifchen Arbeiten über diefe nur gelegentliche und nicht
erfchöpfende Beachtung gefunden hat, zum Gegenftand
einer befondern Unterfuchung zu machen. Obige Schrift,
deren Verf. uns fchon über des Hippolytus Danielcom-
mentar eine Arbeit geliefert, kommt daher einem Be-
dürfnifs entgegen. Hinfichtlich der fehr dürftigen uns
erhaltenen Nachrichten über das Leben des Polychr. hat
nun die Schrift auch das entfchiedene Verdienft, dafs
hier wieder einmal der Finger auf einen der zahlreichen
Fälle gehalten wird, in denen eine einmal in Cours gefetzte
Annahme unbefehen von Einem zum Andern geht, ohne
dafs ihre Haltbarkeit unterfucht wird. Der Verf. zeigt
nämlich meines Erachtens überzeugend, wie nicht nur
jede pofitive Begründung für die Annahme fehlt, dafs
der von Theodoret (h. e. 5, 40) als Bifchof von Apamea
bezeichnete Polychronius, Bruder des Mopsvefteners, mit
dem von demfelben in der Iiistor. relig. (§ 24) hoch-
gepriefenen Asceten, dem ,grofsen' Polychr., Jünger des
Zebinas, eine und diefelbe Perfon fei, fondern wie diefer j
Combination auch fehr erhebliche chronologifche und |
andere Schwierigkeiten entgegenftehen. Wir werden
demnach jene Stelle in Theodoret's Kirchengefchichte
als einzige Quelle über den Antiochener anzufehen haben
(Ref. mufs danach auch feine Angabe in der Real- ;
encyklopädie, 2. A. I, 456 berichtigen).

Aus den Reften der wahrfcheinlich recht erheblichen
exegetifchen Schriftftellerei des Polychr. treten neben
den genannten Scholien zum Daniel die fchon in dem
jefuitifchen Prachtwerk über Ezechiel von Pradus und
Villalpandus benutzten, zuletzt von Mai edirten Fragmente
über diefen Propheten hervor (beide, die zu Daniel
und Ezech., find auch in den letzten, 162. Band der
Scr. graec. von Migne aufgenommen). Aufserdem kommen
befonders in Betracht die fehr umfänglichen Scho- j
lien zum Hiob, welche den Namen des Polychr. tragen,
nebft einem Prolog zum Hiob, und jener kleine Auffatz j
über die Urfachen der Dunkelheiten der heil. Schrift, !
der in mehreren Handfchriften dem Polychr. ausdrücklich
zugefchrieben wird und fich deckt mit der 152. quaest.
in des Photius quaest. ad AmpMloch. (A. Mai, Scr. Vett.
A. Coli. I). Leider läfst nun die literarhiftorifche Unterfuchung
des Verf.'s viel zu wünfchen übrig; er berührt
die fich dabei aufdrängenden Fragen mehr, als dafs er
fie bis zu einem befriedigenden Ziele verfolgte. Nament-
lieh hat der Verf. fich hinfichtlich der fehr beträchtlichen
Hiobfragmente die Sache aufserordentlich leicht, eben
damit aber ein überzeugendes Urtheil unmöglich gemacht
. Er hat für diefe Hioberklärung fich nur an die
lateinifche Catena des Comitolus gehalten. Der grie-
chifche Text in der Hiobcatene des Nicetas, welche Pa-
tricius Junius herausgegeben, hat dem Verf. ,nicht zu
Gebote geftanden'. Aber dies Buch ift doch wohl nicht
eine folche Seltenheit, dafs es nicht zu erlangen gewefen
wäre. Des Verf.'s Angaben darüber (S. 29) find daher
auch unzutreffend. Der Prolog, den Bard. S. 45 ff. in
freier deutfeher Ueberfetzung aus dem Lateinifchen
wiedergiebt, fehlt nicht, wie der Verf. annimmt, bei
Patr. Junius. Der ,Prologus über den Hiob', der nach
Hamberger (Zuverl. Nachrichten III, 124 f.) in der Ca-

tene des Junius fehlt, und von O. Wahrendorf, medila-
tiones de resurrect. spec. Jobi Gott. 1738, 40 (oder vielmehr
von deffen promovirendem Präfes M. Crufius) aus einem
Cod. Bodlejan. abgedruckt ift, ift vielmehr jener Auffatz
über die Dunkelheiten etc., der nur bei Wahrendorf etwas
verkürzt ift. — Während nun bei den Danielfragmenten
im Ganzen (abgefehen etwa von einzelnen eingedrungenen
Verderbnifsen) die Echtheit fchwerlich bezweifelt werden
kann, und es fich ähnlich wohl auch mit den Ezechielfragmenten
(welche Bezug auf die Danielerklärung nehmen
) verhalten wird, liegt die Sache beim Hiob doch
anders. Der Verf., der auf die Einzelexegefe hier viel
weniger eingeht, als zu wünfchen wäre, macht hinfichtlich
jener Einleitung oder Vorrede, welche er ausführlicher
befpricht, felbft auf eine Reihe von Punkten auf-
merkfam, welche an der Abfaffung durch Polychr. irre
machen müffen. Gleichwohl fagt er nun nicht, die ganze
Erklärung fei unecht, fondern nur, fie fei in hohem Grade
durch fpätere Hände entltellt und verfälfeht. Ungefähr
diefen Eindruck, dafs hier ein echter, fehr wohl in die
antiochenifche Schule paffender und ihr zur Ehre gereichender
Kern vorliege, an den fich fei es durch Mifs-
verftand oder wodurch immer offenbar Späteres angefetzt
hat, hat allerdings auch Ref. aus der Catene empfangen:
der nüchternen, dem Wortfinn verftändig nachgehenden
Erklärung find an einer Anzahl Stellen, zum Theil fo,
dafs man die Naht noch fieht, allegorifirende Auslegungen
angefetzt; man fehe die infipide Allegorie p. 83; p. 40
find die Saracenen erwähnt! Im weiteren Fortgang der
Catene wird offenbar die Angabe der verfchiedenen
Autoren immer nachläffiger und unficherer. Aber man
möchte nun eben über folche unbeftimmte Eindrücke
durch eine forgfältige Unterfuchung der Catene hinausgeführt
werden, wobei z. B. das Verhältnifs der Scholien
des Polychr. zu den in jener Catene ein befonders
grofses Contingent bildenden Scholien des Olympiodor
u. dgl. mehr zu erörtern war. Hier werden wir vollftän-
dig vom Verf. im Stich gelaffen. Das ift um fo mehr
zu beklagen, als wir, wenn an der Echtheit des Kerns
feilgehalten werden kann, hier einen Antiochener haben,
der im Unterfchiede von den bekannten abfehätzigen
Urtheilen Theodors von Mopsv., des eigenen Bruders,
über das Buch Hiob, dasfelbe hochftellt und gegen die An-
ftände Theodors, freilich ohne ihn zu nennen, rechtfertigt.
Die Hinweifungen hierauf, welche der Verf. S. 49 ff. giebt,
hätten fich, wenn es ihm gefallen hätte, die Scholien genauer
zu berückfichtigen, fehr wefentlich vermehren
laffen. Zu den Vorwürfen des Mopsvefteners gegen das
Buch Hiob gehörte auch, dafs der Verf. den Teufel vor
Gott erfcheinen und mit ihm disputiren laffe. Man wird
der rechtfertigenden Deutung diefer Scene bei Polychr.
(Cat. ed. Patr. Jim. p. 24) fchwerlich abfprechen können,
dafs fie dem Genius der antiochen. Schule entfprechend
fei. Wenn Leontius Byz. (bei Call. Päd. PP. XII, 687)
vermuthen konnte, Theodor von Mopsv. habe deshalb
den Brief Jacobi verworfen, weil darin (5, 11) die Geduld
Hiob's gefeiert werde, fo finden wir in unferer Catene
zu Hiob 19, 23 ff. gerade hervorgehoben (p. 339 f.), dafs
Hiob's Wunfch (Ach, dafs meine Reden gefchrieben würden
etc.) durch Mofes (oder Salomo) erfüllt fei, wie auch
einer der Apoftel uns fage (Jac. 5, 11); denn woher
hätten wir's gehört, wenn nicht aus diefer Schrift? — Es
würde uns hier zu weit führen, eine Reihe anderer fich
aufdrängender Fragen zu verfolgen. Wir bemerken blofs
noch, dafs der Verf. zur Beurtheilung der Exegefe des
Polychr. manches Beachtenswerthe beibringt, an wichtigen
Fragen aber auch nur leicht vorüberführt, wie an
der eingehenden Benutzung der Verfionen und der Frage
nach dem Mafse der Sprachkenntnifse des Polychronius;
dafs er dem Allegorismus der Alexandriner gegenüber
die befonnene Exegefe des Antiocheners zu fchätzen
weifs, aber doch möchte, er hätte fie nicht fo weit getrieben
, um mit dem impius Porphyrius gegen die fon-