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Ausgabe:

1879 Nr. 10

Spalte:

228-229

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Melzer, Ernst

Titel/Untertitel:

Johannes Baptista Baltzers Leben, Wirken und wissenschaftliche Bedeutung, auf Grund seines Nachlasses und seiner Schriften dargestellt 1879

Rezensent:

Fay, Friedrich Rudolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1879. Nr. 10.

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durch diefes Labyrinth (ich weiter hindurcharbeiten zu
muffen. Für die Sache felbft wird aber damit nichts
gewonnnen.

Angefichts diefer Befchaffehheit der neueften Arbeit
Wiefeler's können wir uns eines näheren Eingehens auf
diefelbe umfomehr enthalten, als wir fchon in der Anzeige
der früheren Schrift W.'s (Theol. Literaturztg.
1877, Nr. 15) die Hauptgründe für und wider den kel-
tifchen, refp. germanifchen Urfprung der Galater kurz
dargelegt haben. An dem dort gezeichneten Stand der
Frage wird auch durch diefe neuefte Probe von W.'s
Gelehrfamkeit nichts geändert.

Giefsen. E. Schür er.

Herzog, Prof. Dr. J. J., Abriss der gesammten Kirchengeschichte
. I. u. 2. Thl. Erlangen 1876 u. 79, Befold.
(XIV, 501 u. XIX, 491 S. gr. 8.) ä M. 8. —

Der durch feineReal-Encyklopädie in weiteftenKreifen
bekannte, durch Feftigkeit des eigenen Standpunkts wie
durch weitherzige Milde in der Beurtheilung Anderer von
den Vertretern der verfchiedenften Richtungen hochgeachtete
Verfaffer hat es unternommen, bei der Herausgabe
einesLehrbuchs derKirchengefchichte die goldene
Mitte einzuhalten zwifchen den umfänglichen Werken
Neander's und Giefeler's und den zahlreichen, zum Theil
recht brauchbaren Compendien der jüngften Zeit. Ift
dies Unternehmen fchon a priori mit Freuden begrüfst
worden, fo dürfen wir jetzt, nachdem zwei Bände des
mit dem dritten Band zur Vollendung kommenden Werkes
erfchienen find, nur mit freudigem Dank conftatiren,
dafs diefe Kirchengefchichte eine fühlbar gewordene
Lücke in der theologifchen Literatur ausfüllt, da üe,
ohne durch grofse Ausführlichkeit Viele vom Studium
abzufchrecken, doch Fleifch und Blut giebt ftatt des Skeletts
der Compendien.

Hat aber ein praktifcher Blick das gefunde Mafs
beftimmt, fo hat die gründlichfte Forfchung den Inhalt
dictirt. Während die genannten älteren Werke trotz
aller ihrer Verdienfte jetzt, nachdem in den letzten De-
cennien auf kirchenhiftorifchem Gebiet aufserordentlich
rüftig gearbeitet ift, entfchieden nicht mehr ausreichen,
findet der Lefer hier einen Führer, der von fich fagen
kann, dafs er Schritt gehalten hat mit der Gefchichts-
forfchung der Gegenwart. Und während die neueren
Compendien, in denen allerdings auch fchon Rückficht
auf die Detailforfchung der letzten Zeit genommen
wurde, doch immerhin oft keinen rechten Einblick in
die ein Zeitalter vorzugsweife bewegenden Ideen geftat-
ten, ift hier auch der kirchlichen Lehrentwicklung genügende
Aufmerkfamkeit gefchenkt.

Der erfte Band, der auf 500 Seiten die Gefchichte
bis zum Anfang des 8. Jahrhunderts fortführt, giebt ein
nüchternes, möglichft objectives Bild wie von der erften
Periode der Ausbreitung des Chriftenthums fo von den
Zeiten des alten Katholicismus. Spannende Schilderung
fuche Niemand, wo nur die Refultate hiftorifcher Studien
mitgetheilt werden, aber auch einfeitig Lob oder Tadel
erwarte Niemand, wo gefunde hiftorifche Kritik die
Wage hält. Denen freilich, die da meinen, in die Hifto-
rie folle das eigene Urtheil fich nicht mifchen, wird der
Verf. überall zu weit gegangen fein mit feinem fubjec-
tiven Urtheil; wer aber dies für nothwendig, ja unausbleiblich
hält — bei einem Hiftoriker wie D. Plafe fcheint
oft keine Kritik da zu fein, aber in Wahrheit verfteckt
fie fich in ein einziges Attribut, — der freue fich an der
gefunden Art, in welcher die Licht- und Schattenfeiten
der altkatholifchen Theologie hier zur Erfcheinung gebracht
, wie hier das Menfchliche im Aufftreben der rö-
mifchen Kirche gezeigt, aber auch ihre Verdienfte nicht
verkannt werden etc. Es wäre kleinlich, wollte man
bei der Fülle des Dargebotenen mit dem Verf. darüber
rechten, warum er diefe und jene neuere, wohl nicht unbedeutende
Monographie gänzlich ignorirt habe; er führt
ftets mindeftens eine der neueften Schriften über einen
Gegenftand an, in welcher man ohne Mühe die Angabe
anderer findet.

Der zweite Band behandelt in gleichem Umfange
wie fein Vorgänger die Zeiten des römifchen Katholicismus
vom Anfang des achten bis zum Anfang des
fechszehnten Jahrhunderts d. h. von Bonifacius bis Luther.
Seinen fchon erwähnten Grundfätzen bleibt der Verf.
durchaus getreu; es ift erfreulich zu fehen, wie er auch
in dem dunkelften Bilde den einzigen kleinen Lichtpunkt
nicht überfieht, fondern ausdrücklich auf ihn hinweift,
wie er alfo über das Mittelalter, auch über feine fchlimm-
ften Perioden, nicht nur in malam partou das Urtheil
fpricht. Und es ift ebenfo rühmend hervorzuheben, wie
er bei difficilen Fragen, deren fichere Löfung hiftorifch
j kaum möglich fein dürfte, zwar die eigene Anficht durchblicken
läfst, nichtsdeftoweniger aber auch die gegen-
theilige mit Gründen unterftützt, fo dafs der Lefer in
den Stand gefetzt wird, fich ein felbftändiges Urtheil zu
| bilden oder doch, falls er die Frage offen zu laffen fich
1 genöthigt fieht, die Gründe für und wider die verfchie-
denen Meinungen kennen lernt. Die monographifchen
Arbeiten der neueften Zeit fcheinen mir hier noch in
umfaffenderem Mafs als im erften Band Berückfichtigung
gefunden zu haben. So fei denn diefe Kirchengefchichte
als höchft brauchbarer Puhrer, der in das Veiftändnifs
der Kirchengefchichte hineinleitet und mit den Reful-
taten der neueften Porfchungen bekannt macht, auf das
Wärmfte empfohlen!

Dresden. Dr. Dibelius.

Melze r, Dr. Ernft, Johannes Baptista Baltzers Leben, Wirken
und wissenschaftliche Bedeutung, auf Grund feines
Nachlaffes und feiner Schriften dargeftellt. Bonn 1877,
Neuffer. (II, 393 S. gr. 8.; M. 2. 50.

Die Feder eines dankbaren Schülers hat in diefer
Biographie das Leben eines Mannes gezeichnet, der in
den vierziger Jahren einer der entfchiedenften Vorkämpfer
des zu neuer Lebenskraft erwachten Katholicismus war,
fpäter aber, da er fich nicht zu dem vollftändigen sacri-
ficio del intelletto entfchliefsen konnte, von der Curie mit

i dem bitterften Undanke belohnt wurde.

Johannes Baptifta Baltzer, ein geborener Rheinländer
, feiner wiffenfchaftlichen und praktifchen Thätig-
keit nach Schlefien angehörig, war urfprünglich Herme-
fianer, dann Anhänger von Günther und hatte fich auch,

1 als zuerft Hermes, dann Günther von Rom verurtheilt
wurde, den Befchlüffen des apoftolifchen Stuhles lauda-
biliter unterworfen. Desungeachtet blieb er der Günther'-
fchen Ketzerei eines anthropologifchen Dualismus verdächtig
und wurde durch Entziehung der missio canonica
an der ferneren Ausübung feines theologifchen Lehramts

I verhindert. Wie wenig ihn die Regierung in feinem
guten Rechte fchützte, wie nachgiebig das Cultusmini-
fterium, in welchem damals noch die jetzt aufgehobene

j katholifche Abtheilung das grofse Wort führte, der fürft-
bifchöflichen Anmafsung gegenüber fich zeigte, hat fchon
1873 E. Friedberg in feiner vortrefflichen Schrift über

| Baltzer mit juriftifcher Schärfe klar auseinander gefetzt.

j Melzer's biographifches Werk bietet hiezu eine nach

1 allen Seiten hin fehr dankenswerthe, auf reichem Quellenmaterial
beruhende Ergänzung. Aus den zehn Ab-
fchnitten, in welche das Buch zerfällt, möchten wir als
befonders gelungen und lehrreich hervorheben den drit-

1 ten: ,Von Hermes zu Günther (1835—1840)'; den fünften:
,Baltzer als Vertreter der Güntherfchen Principien von
der Anklage Günther's in Rom bis zur Verurtheilung
desfelben (1852—1857)'; den fechsten: ,Von der Verurtheilung
Günther's bis zur Entziehung der missio canonica
(1857—1860/; den fiebenten: ,Von der Entziehung der
missio canonica bis zur Erklärung Baltzer's gegen die