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Ausgabe:

1879 Nr. 10

Spalte:

220-225

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Cassel, Paulus

Titel/Untertitel:

Das Buch Esther. Ein Beitrag zur Geschichte des Morgenlandes 1879

Rezensent:

Kamphausen, Adolf

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219 Theologifche Literaturzeitung. 1879. Nr. 10. 220

weiffagten. Dafs diefe Auffaffung dem wirklichen Inhalt
der überlieferten Schriften nicht entfpricht, hat die Wif-
fenfchaft längft erkannt. Das zähe Fortleben jenes Vor-
urtheils ift nur aus der Unbekanntfchaft mit den Schriften
felbft zu erklären und aus der Gewohnheit, lediglich einzelne
Stellen herauszugreifen und zu betrachten. Darum
ift es ein dankenswerthes Unternehmen, die zwei gröfsten
Propheten Ifraels in ihrem Wirken, Kämpfen und Leiden
, aber ,im Rahmen der bewegten Gefchichte ihrer
Tage' darzuftellen. Erft im Zufammenhange mit den
Zudänden und Ereignifsen ihrer Zeit gewinnt die Rede
jener Gottesmänner ihre rechte Bedeutung. Da aber
die Beurtheilung der Zeit nach- religiös-fittlichen Mafsdä-
bcn erfolgt, fo hat ihr Wort auch eine ewige Bedeutung
, abgefehen von ihren Prophezeiungen.

Demgemäfs fchickt der Verf. einen Ueberblick über
die gefchichtlichen Vorkommnifse jedem Abfchnitte voraus
und reiht daran die bedeutendden Reden in treuer,
klarer und meid gefälliger Ueberfetzung. Die neueren
Entdeckungen der Affyriologie find mit Vorficht benutzt.
Sehr angemeffen id, dafs der Verf. auch die anderen
zeitgenöffifchen Propheten wenigdens theilweife berück-
fichtigt und ihre Reden wiedergiebt. So für die Zeit
des Ahas Sacharja 9—11, für die des Hiskias Micha 1—3.
Eigenthümliche, aber fehr indruetive Betrachtungen erzeugt
die Gegenüberdellung von Habakuk und Sacharja
12 mit Jeremias. Leben und Wirkfamkeit des letzteren
tritt uns mit befonderer Deutlichkeit entgegen mit all'
feinen wahrhaft dramatifchen Effecten. Auch die Stellen
feiner Reden find glücklich gewählt. Das Gefammtbild
feiner Thätigkeit gedaltet fich vor den Augen des Lefers
zu einem färben- und figurenreichen Gemälde der ganzen
Zeit.

Wo die chronologifche Datirung zu unficher id,
läfst der Verf. gewifs mit Recht die fachliche eintreten
refp. überwiegen. In erderer Hinficht variiren bekanntlich
die Anheilten nicht wenig. Er fetzt bei Jefajas
mehr Stücke in die hiskianifche Zeit, als dies gewöhnlich
gefchieht. Ein Fehlgriff fcheint uns, dafs auch
Cap. 1 dahin gehören foll. ,Die Fremden, welche eure
Aecker vor euren Augen verzehren', ,die mit Feuer
verbrannten Städte' weifen doch aber nicht auf ein chro-
nifches, fondern ein acutes Uebel: warum nicht die
erde Zeit der fyrifchen Invafion hiefür paffen foll, fieht
man nicht recht ein. Auch dafs Jef. 15. 16 erd zu Hiskias
' Zeit wiederholt fein foll, will nicht einleuchten: der
Zug Rezin's nach den Handelsdädten am rothen Meere
wäre doch paffend genug. Kufch foll ,Land des Flügel-
fchwirrens' heifsen wegen der vielen Infecten, die dort
fich finden. Ob die Hinweifung auf die ,Tfetfefliege in
Aegypten und Aethiopien' paffend id? Meines Wiffens
kommt diefelbe nördlich vom Aequator nicht vor. Die
Sprache in Jef. 28 erhebt fich doch zu fehr über das
Niveau der Profa, um eine folchc Dradik zu rechtfertigen,
wie fie in dem Quidproquo ,Schnaps' (skekar) liegt. Warum
nicht ,Würztrank', wie S. 70? In der Deutung
,Flugfpruch' (nio«) id das Grundverbum doppelt verwer-
thet, ohne ein fafsbares oder entfprechendes Bild zu
geben. Bei der Ueberfetzung S. 72 ,Brüller, das heifst
Sitzenbleiben' bekommt der Laie eine merkwürdige Vor-
dcllung von der hebr. Sprache und auch der Fachmann
dutzt, vollends bei der Anficht, die Aegypter hätten
fich felbd ,Rahab' genannt, während doch der Prophet
fehr klar angiebt, dafs er felbd diefen Namen ertheilt. Zu
1, 18: qetoreth ,Weihrauchopfer' findet fich (aufser in
der Tora) erd bei Ezechiel (vgl. Wellhaufen, Gefch. Isr.
I, 68), daher id es hier wohl mit ,Räucherung' im Allgemeinen
zu geben. — Sond hätten wir wohl gewünfeht,
dafs der Verf. die Heilshoffnungen noch mehr betont
und erläutert hätte. Vor dem Nachweife der hidorifchen
Bezüge (was den Hauptvorzug des Buches ausmacht)
kommt der eigentliche Gedankeninhalt, wenigdens bei
Jefajas, etwas zu kurz. Darin dafs er auf dieUnterfchiede

zwifchen Jeremias und dem Deuteronomiker aufmerk-
fam macht, berührt er einen bisher fad ganz überfehenen
Punkt (S. 143 ff.), indefs, wie ich glaube, zu fehr zu
Ungunffen des letzteren. Auch Jeremias fordert ener-
gifch (17, 2) die Abfchaffung aller Höhen; nur fcheidet
er nicht zwifchen den jahvidifchen und den abgöttifchen.
Gott wohlgefällige Opfergaben müffen nur ,in das Haus
Jahve's' gebracht werden (17, 26; 33, 12): die Stellen
2, 28; 11, 13 führt der Verf. felbd in der Note an.
Die Centralifation fchärft Jer. freilich nicht fo ein, wie
das Deuteronomium, einfach deshalb, weil der Tempel
felbd verunreinigt war durch Götzendiend aller Art.
Und der Deut, wird wiederum durch jene P"orderung
nicht veranlafst, dem öffentlichen Cultus ein übertriebenes
Gewicht beizulegen. So fehlt ja —■ natürlich mit
Ausnahme des Götzendiendes — alles Cultifche in der
Hervorhebung der Hauptgebote Deuter. 27, 15 ff. Dafs
er einen wefentlich verfchiedenen Begriff ,von der Reinheit
und Heiligkeit des Volkes' habe und ,vornehmlich
Aeufserliches' verlange, läfst fich doch wohl nicht fagen.
Liebe zu Gott von ganzem Herzen (5, 10. 6, 3; 10, 12;
11, 1. 13. 22 u. ö.) hat bei ihm doch einen beinahe prin-
cipiellen Werth, und die gröfste Zahl der Gebote id
fittlicher und rechtlicher Art. — Diefe Ausheilungen
follen indefs den Werth der kleinen Schrift nicht mindern.
Sie kann vielmehr ihrem Zwecke gemäfs erndlich empfohlen
werden und wird felbd Studirenden eine vieles Neue
bietende und anregende Repetition der Einzeldudien
gewähren, namentlich in dem zweiten Theile, da ja
der akademifche Brauch die Befchäftigung mit Jeremias
weniger betont, als es für eine anfehauliche Erkenntnifs
des ifraelitifchen Prophetenthums wünfehenswerth wäre.

Tübingen. L. Diedel.

Cassel, D. Paulus, Das Buch Esther. Ihn Beitrag zur
Gefchichte des Morgenlandes. Aus dem Hebräifchen
überfetzt, hidorifch und theologifch erläutert. I. Ab-

theilg. Im Anhang: Die Ueberfetzung des zweiten
Targum. [A. u. d. T.: Morgen- und Abendland, 2.
TW.] Berlin 1878, Rothberger & Co. (XXIV, 308 S.
gr. 8.) M. 6. —

Auf das doppelte Titelblatt folgt nach zwei Blättern
der Widmung an ,eine längd heimgegangene liebe Helferin
' (vgl. S. 201 Anm.) mit einem ebenfalls geheim-
nifsvollen Gedicht zur Erinnerung an den 28. Mai 1860
das für den Lefer bedimmte Vorwort vom Mai 1878
(S. IX f.), welches uns fagt, dafs diefe Arbeit über das
Buch Efther feit langen Jahren dem Verf. am Herzen
gelegen habe. Nun folgt (S. XI—XXIV) eine Ueberfetzung
des Buches Edher, an welche der erläuternde
Commentar (S. 1—238) zu den zehn Capiteln des Buches
fich anfchliefst. Als einen fehr dankenswerthen Anhang
erhalten wir (S. 239—298) eine Ueberfetzung ,des zweiten
Targum aus dem Aramäifchen'. Den Schlufs bilden
,ein von Herrn Leopold Rothberger angelegter Index'
(S. 299—304 ,Sachlicher Inhalt zum Commentar des
Buches Edher'; S. 305 f. ,Talmudifche Notizen'; S. 307
,Sprachliche Erörterungen') u. ein fehr nachläffiges ,Druck-
fehlerverzeichnifs' (S. 308), deffen neun Zeilen die meiden
Druckfehler unerwähnt laffen und felber nicht frei von
Fehlern find. Schade, dafs Herr Verleger Rothberger
ein fo fchlechtes Papier für das Buch gewählt hat; noch
fchlimmer aber mufs es heifsen, dafs der Inhalt kaum
viel beffer id als das Papier. In der Vorrede fagt Caffel:
,Es id nur die erde Abtheilung des Commentars, welche
diefer Band einfchliefst. Die eigentliche Einleitung in
das Buch, in welcher feine Gefchichte und Literatur, feine
Echtheit und hidorifcher Werth behandelt werden foll,
wird in einer zweiten Abtheilung nachfolgen. Ich hoffe,
diefer als Beilagen mitgeben zu können einen kritifchen
Commentar des zweiten Targums, deffen Ueberfetzung