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Ausgabe:

1879 Nr. 8

Spalte:

187-188

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hase, Carl

Titel/Untertitel:

Des Culturkampfes Ende 1879

Rezensent:

Köhler, Karl

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1879. Nr. 8.

188

von Landeskirchen, welche den von Freikirchen haben,
ein recht buntes Mofaik. Obgleich zu den Freikirchen
auch die verfchiedenen evangelifchen Secten und anderer-
feits in mehreren Kantonen, jurifhTch betrachtet, die
römifch-katholifchen Gemeinden gehören, fo befchränkt
fich die Darfteilung doch, und mit Recht, auf die refor-
mirten Freikirchen in Genf, Waadt, Neuenburg, Bern.
So wenig die Verfaffer ohne Zweifel dogmatifch mit
diefen fympathifiren, fo günftig ift doch das Urtheil über
fie vom kirchenpolitifchen Gefichtspunkt. Jene freikirchlichen
Separationen feien der Typus deffen, worauf die
kirchliche Entwickelung überhaupt hinftrebe, denn das
Auseinanderfallen der Landeskirchen flehe in ficherer
Ausficht. Es mag wohl fein, wenn ein unkirchliches
Staatsregiment in der Weife, wie feither in vielen Kantonen
, die Landeskirchen zu beherrfchen fortfährt, dafs
fich dann die religiös angeregten Elemente mehr und
mehr zum Ausfeheiden gedrungen fühlen werden: ob
zum Gewinn des religiöfen Lebens? daran mag indeffen
doch ernftlich gezweifelt werden. Es fei an das erinnert,
was die Verff. felbft im 1. Bande (S. 632) u. E. mit
grofscr Wahrheit über die Nothwendigkeit ausgefproch.cn
haben, eine ,einheitliche und freiheitliche Baus' für alle
auf dem Boden der Reformation flehende Elemente zu
finden: die fortgehende Frcikirchenbildung könnte uns
von diefem Ziele nur immer weiter entfernen. Und fie
würde nicht einmal die volle Sicherung gegen neue kir-
chenpolitifche Verwickelungen in fich tragen: foll doch
nach den das moderne Kirchenftaatsrecht der Schweiz
beherrfchenden Grundanfchauungen (vgl. die Einleitungsabhandlung
zum 1. Band) der Staat einer jeden, alfo
auch der freien Kirche gegenüber befugt fein, nach Um-
ftänden in ihre inneren Vcrhältnifse ,pofitiv geftaltend1
einzugreifen, und zwar nicht von irgend einem religiöfen
Gefichtspunkte aus, fondern von dem rein formalen der
äufseren Rechtsordnung, d. h. in elfter Linie der mög-
lichft geringen Freiheitsbefchränkung der Einzelnen. Wir
muffen das Urtheil, das fich uns fchon bei dem erflcn
Bande ergeben hat, wiederholen: das letzte Wort in der
grofsen Frage zwifchen Kirche und Staat ift auch hier
nicht gefunden.

Doch gebührt den Verff. für ihre tüchtige, mit löblicher
Objectivität durchgeführte Arbeit aller Dank. Für
das gröfsere Lefepublicum eignet fich das Buch nicht,
obwohl ja der Stoff eine Bearbeitung für diefes vertrüge
und auch verdiente: aber dafür ift die Behandlungsweife
zu juriftifch nüchtern, die Fülle des Materials zu reichhaltig
und zu wenig künftlerifch geftaltet. Es fordert
ein ernftes Studium fich hindurchzuarbeiten, aber der
Fachmann wird fich für folches reichlich gelohnt finden.
Von befonderem Werth ift das mitgetheilte Urkunden-
material, namentlich der Anhang, wo 49 zum Theil fonft
fchwer zugängliche Actenftücke zur Gefchichte der fchwei-
zerifch-römifchen Kämpfe abgedruckt find.

Friedberg. K. Koehler.

Hase, Dr. Carl, Des Culturkampfes Ende. Leipzig 1878,
Breitkopf & Härtel. (40 S. gr. 8.) M. 1. —

Die Flugfchrift Hafe's, welche wir etwas verfpätet
(ohne Schuld des Referenten) zur Befprechung bringen,
ift bereits im vorigen Herbfte ans Licht getreten. Es
lag damals in der Luft, dafs der Culturkampf feinem
Ende zugehe, und man ift ja unverkennbar auf beiden
Seiten des langen Haders müde geworden. Da war es
ein Wort zu feiner Zeit, als der Ältmeifter der Kirchen-
gefchichte und gründliche Kenner des römifchen Kirchenthums
ein Votum zu Gunften des Friedens einlegte: vor
dem Verdachte einer falfchcn Vorliebe für Rom war ja
der Meifter proteftantifcher Polemik von vornherein ge-
fichert, und er datirt feine Schrift bezeichnend vom 31.
October. Hafe ftimmt dem Kronprinzen in feinem Ant-
wortfehreiben an den Papft bei, dafs ein principieller

Friede zwifchen der römifchen Kirche und- dem Staate
leider unmöglich, jedoch ein friedlicher modus vivendi
wohl möglich fei; er zeigt die Wege zu einem folchen
zu gelangen. Vor einem Concordate warnt er, räth dagegen
eine Revifion der Maigefetzgebung an zur Be-
feitigung derjenigen Punkte, die dem friedlichen Einvernehmen
am hinderlichften im Wege flehen,, ohne doch
für den Staat von vitaler Bedeutung zu fein. So viel
geht aus feinen Erörterungen überzeugend hervor, dafs
ein Einvernehmen ohne Verletzung eines Principes auf
der einen oder anderen Seite zu erreichen ift, fo bald
man es will, und weiche gewichtige Motive für beide
Theile vorhanden find es zu wollen, zeigt Hafe treffend.
Dem Reiche kann es kein Gewinn fein, wenn ein achtbarer
Bruchtheil der Bevölkerung, welcher das Chriften-
thum nun einmal in der römifchen Form und nur in
diefer befitzt, fich mit Recht oder Unrecht als in feinem
Glauben bedrückt und bedrängt anfleht; und dem Oberhaupte
der Kirche follte es eine Gewiffens frage fein, ob
es zu verantworten fei ein bedeutendes Kirchengebict
der Gefahr völliger Zerrüttung preiszugeben nur um der
Behauptung diseiplinarer Bcfugnifsc willen, auf welche
— immerhin mit allem Rechtsvorbehalte — thatfächlich
zu verzichten möglich ift, wie zahlreiche Vorgänge be-
weifen. Leider haben fich feit dem Erfcheinen der Schrift
Hafe's die Ausfichten auf Frieden wieder wefentlich getrübt
. Wohl möglich, dafs fie günftiger flehen würden,
wenn der Wille der Häupter auf beiden Seiten allein
mafsgebend wäre und nicht beide mit nicht immer leicht
lenkbaren Factoren zu rechnen hätten, der Kaifcr und
fein Kanzler mit den parlamentarifchcn Mehrheiten,
Leo XIII. mit den Jefuiten.

Friedberg. K. Koehler.

Bibliographie

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