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Ausgabe:

1878 Nr. 7

Spalte:

165-167

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Manssen, W. J.

Titel/Untertitel:

Het Christendom en de Vrouw. Historisch-apologetische Studie 1878

Rezensent:

Kaftan, Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 7.

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gerechtfertigte Eigentümlichkeit in. Aehnlich S. 712:
,das vorhabende Werk'. Nicht zu billigen ift S. 9: ,eine
neue und explizitere Auflage'. Ein Verfehen ift S. 6:
Karl I, ftatt: Eranz I. — Das Quellenmaterial, welches benützt
ward, ift im Wefentlichen das fchon bekannte.
Was aus ungedruckten Quellen entnommen ift, erhebt
fleh im Werthc kaum über die bekannten Tagebuchplaudereien
desfelben Verfaffers. Am meiften aber, noch
mehr als an der Form, hat man an dem Urtheile zu ver-
miffen, wie es durch das ganze Buch hin fleh ausfpricht.
In der Vorrede bemerkt der Verf., eine Gefchichte des
vatikanifchen Concils von feiner Hand werde Niemanden
überrafchen. Diefelbe fei ihm gewiffermafsen eine Pflicht
gewefen. Und er bemüht fleh dann, nachzuweifen, er
habe fleh auch in der ,perfönlichen Verfaffung' befunden,
,rein objectiv diefe Gefchichte zu behandeln'. Schon
hinfichtlich des Letzteren befindet er fleh offenbar in
einiger Sclbfttäufchung. Er ift und bleibt auch hier
Parteimann und fein Werk mehr, als es nöthig wäre,
eine Parteifchrift. Der Ton, in welchen er fchreibt,
bezeugt es nur zu oft. Er fteht eben noch mitten
im Kampfe und da wird man ihm diefen Mangel an
kalter Objcctivität nicht fo fehr verargen. Uebler
aber ift ein Anderes. Bei einer tieferen gefchichtlichen
Betrachtung drängt fleh doch die Frage auf, wie es
denn überhaupt möglich war, dafs die ultramontane
Richtung in der ganzen römifchen Kirche fo zur Herrfchaft
kam, wie es gefchehen ift? Der Hinweis auf
jefuitifche Ränke, auf Parteitreiben, Terrorismus durch |
die Maffen u. dgl. genügt zu deren Beantwortung doch
wahrlich nicht. Man wird weiter kommen muffen zu |
der Frage, ob denn nicht in Lehre und Verfaffung der j
römifchen Kirche felbft etwas lag, was folche Beftre-
bungen begiinftigte und von vornherein die ihnen Entgegentretenden
lähmte und ihren Widerftand brach. Erft
wenn man darauf die Antwort gefunden hat, wird man |
die ganze Entwicklung, die im vatikanifchen Concil vorläufig
zum Abfchlufs gekommen ift, recht verliehen. 1
Nur wer fo weit geht, kann befriedigend eine Gefchichte
des Vatikanums fehreiben. Aber davon findet fleh bei
dem Verf., der ja ein guter ,Katholik' bleiben will, keine
Spur. Nach ihm erscheint es, als ob die .katholifche
Kirche' an diefer neueften Geftaltung ziemlich unfchuldig, i
diefelbe eine faft unbegreifliche, ihr nur mit Gewalt aufgedrungene
Entartung wäre. Statt deffen tifcht er den i
Lefern die Thorheit auf (S. 623), die jefuitifche und
ultramontane Theologie fei mit ihrer Faffung der Traditionslehre
ganz und gar auf proteftantifchem Boden j
angekommen; vgl. Verwandtes S. 74. Das ift ein weit
fchlimmerer Mangel an Selbfterkenntnifs, ein Mangel, der
den Verf. bei allem anzuerkennenden Fleifse doch
unfähig gemacht hat, ein vollgenügcndes Werk über das
Vatikanum zu fehreiben.

Erlangen. G. Pütt.

M a n ssen, W. J., Het Christendom ende Vrou w. Historischapologetische
Studie. Door het Haagsch genootschap
tot verdediging van den christelijken godsdienst be-
kroond en uitgegeven. Leiden 1877, E.J.Brill, fVIII
en 384 bl. met 1 uitsl. tabel. gr. 8.) 3 Fl. 75 Cts.

In den drei erften Abtheilungen feiner Schrift giebt
der Verfaffer auf Grund ausgedehnter Studien die Gefchichte
der Frau und ihrer Stellung in der menfehlichen
Gefellfchaft. Der Zweck diefer Gefchichtsdarftellung ift,
den in der Gefchichte vorliegenden Einflufs der chrift- j
liehen Religion auf das Schickfal der Frau zu ermitteln, j
In der vierten und letzten Abtheilung wird dann die
fogen. Frauenfrage befprochen.

Zuerft handelt es fich um die alte Welt. Die grie-
chifchen Gefetzgeber behandeln die Frau geringfehätzig,
die Philofophen beurtheilen fie ungünftig, und was wir

von den griechifchen Sitten wiffen, zeigt uns in der Wirklichkeit
dasfelbc traurige Bild. Die Ausnahmsftellung,
welche die Hetären einnahmen, ändert daran natürlich
nichts. — Die römifche Gefetzgebung Hellt die Frau nicht
viel beffer als die griechifche. Doch hat fie im römifchen
Leben, in der Sitte einen würdigeren Platz eingenommen.
Später machte fich jedoch der griechifche Einflufs im
fchlimmen Sinn geltend. Und bekannt ifl, auf welchen
Verfall der Sitten es im römifchen Reich hinauslief. —
Die altteftamentliche Gefetzgebung zeugt von Ehrerbietung
für die Frau, wie denn das Urtheil der Propheten
und Dichter damit übereinftimmt. Im Princip wird fie
hier dem Mann faft gleich geachtet. Hier bleibt aber die
Wirklichkeit dahinter zurück, die orientalifche Herabwürdigung
des weiblichen Gefchlechts ift nicht ganz überwunden
. — Den Grund aller diefer Erfcheinungen in der
vorchriftlichen Welt findet der Verfaffer darin, dafs die
Einheit des menfehlichen Gefchlechts verkannt wird, und
das Princip der allgemeinen Menfchenliebe fehlt, dafs
alles mit Mifsachtung des Individuums auf den Staat bezogen
wird, und die Prau nur in Betracht kommt, fofern
fie dem Staat Bürger gebiert, dafs auch die Philofophen
es nicht zu einem richtigen Begriff vom höchften Gut
gebracht haben. Daneben fehlt der Hinweis auf die
mangelnde Zucht des finnlichen Lebens nicht. Vielleicht
hätte dies aber neben dem focialcn Moment noch be-
ftimmter als ein zweites hervorgehoben werden dürfen.
Die Ehe und damit die Stellung der Frau ifl doch im
hohen Grad abhänging von der geltenden Beurtheilung
des finnlichen Lebensgebietes. Nirgends aber unter-
fcheiden fich — auch heute noch — heidnifche und
chriftliche Moral fo in die Augen fpringend wie in diefem
Punkt.

Jefus fpricht nun in feiner Predigt vom Himmelreich
und der allgemeinen Menfchenliebe die Grundfätze aus,
welche der alten Welt fehlten, und die auch in Israel
nur dem Anfatz nach vorhanden waren. Der unvergleichliche
Werth der menfehlichen Perfönlichkeit und
die gleiche Beftimmung aller zum Gottesreich wird in
die erfte Linie geftellt. Die evangelifche Gefchichte
zeigt, dafs Jefus felbft alle Confcquenzen gezogen hat,
die fich daraus für die Stellung der Frau ergeben. Die
Verfaffer der neuteftamentlichen Schriften flimmen im
grofsen und ganzen damit überein. Nur wenn fie die
Unterordnung des Weibes unter den Mann betonen,
fo ift das eine Nachwirkung jüdifcher Vorurtheile. Die
Ausfprüche der Kirchenväter beweifen, wie die fo veränderte
Auffaffung fich fiegreich Bahn bricht in der antiken
Welt. Nur die Werthfehätzung der Askefe und damit
auch der Enthaltung von der Ehe bleibt die Schattenfeite
an ihrer Auffaffung: darin zeige fich auch hier noch
Verachtung der Frau. Durch chriftlichen Einflufs vor
allem ifl endlich die günfligere Stellung der Frau im röm.
Recht herbeigeführt. — Der dritte Abfchnitt beginnt mit
der Schilderung der Frauen unter den Germanen und
Kelten. Weiter wird die Wirkfamkeit der Kirche im
Mittelalter befchrieben und endlich über die neuere Zeit
Auskunft gegeben. Ueberall ift der Verfaffer bemuht,
Licht und Schatten gerecht zu vertheilen. Das Urtheil
des Tacitus über die germanifche Frau wird nicht beflrit-
ten, aber mit Hülfe der germanifchen Gefetzgebung über
die Stellung der Frau bedeutend berichtigt. Die Ein-
feitigkeit, ja die fchweren Mängel der mittelalterlichen
Kirche fowohl in Theorie wie in Praxis werden nicht
verkannt, nur wird auch Anerkennung ihrer Verdienfte
um die Hebung der Frau verlangt. Die Reformation
hat nicht wenig in der gleichen Richtung gewirkt. Nur
haben die Reformatoren, weil fie am Buchftaben der
Schrift fefthielten, durch Betonung der Unterordnung
der Frau unter den Mann auch ihrerfeits die jüdifchen
Vorurtheile einiger neuteftamentlichen Schriftfteller nicht
überwunden.

Der Verfaffer identificirt das wahre Chriltenthum mit