Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1878 Nr. 6

Spalte:

145-146

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Körber, Emil

Titel/Untertitel:

Siehe, das ist Gottes Lamm! Predigten, gehalten in der Spitalkapelle zu Bern 1878

Rezensent:

Lehmann, Ernst

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

145

Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 6.

146

Cremer, Profi Pfr. D. Herrn., Die Aufgabe und Bedeutung

der Predigt in der gegenwärtigen Krifis. Berlin 1877,
Wiegandt & Grieben. (72 S. 8.) M. 1. —

Wer durch den allgemein lautenden Titel verleitet,
an die vorliegende Schrift mit der Erwartung geht, er
werde in derfelben neue praktifche Gefichtspunkte über
Methode und Einrichtung der Predigt finden, der wird
fich darin getäufcht fehen. Der Verf., der einen auf
einer Paftoralconferenz gehaltenen Vortrag hier in erweiterter
Form veröffentlicht, fagt felbft, dafs er fich
bewufst fei, nichts Neues zu bieten, fondern dafs er
,den unausgefprochenen, vielfach nur gefühlten Gedanken
' habe Worte leihen wollen. Er redet ausfchliefslich
vom Standpunkt der preufsifchen Landeskirche aus, und
die ,Krifis', die er im Auge hat, ifl die feiner Ueberzeug-
ung nach durch Einführung der General-Synodal-Ord-
nung heraufbefchworene Gefahr, dafs durch die Ver-
faffung ,das Grundgefetz der Kirche das Wort Gottes,
das Grundwefen der Kirche der Glaube, der Grundausdruck
ihrer Gemeinfchaft das Bekenntnifs' bei
Seite gefchoben werde. ,Eine Umgeftaltung der Kirche
nach dem Gefichtspunkt der Entfremdung vom Evangelium
, das ifl es, was erftrebt wird. Der Abfall foll
Princip der Kirche werden'. Ref. fteht den preufsifchen
kirchlichen Verfaffungskämpfen zu fern, als dafs er fich
ein Urtheil anmafsen möchte, wie weit zu diefer Befürchtung
Grund vorhanden fei. Ob aber damit die gegenwärtige
Krifis' richtig und ausreichend charakterifirt fei,
dürfte doch zweifelhaft fein. Die am 22. Januar im Saale
des Handwerkervereins in Berlin gehaltene Verfammlung
kann wohl als ein deutlicher Fingerzeig angefehen werden,
dafs es fich gegenwärtig' um eine ganz andere Krifis
noch handelt, um den Beftand der Kirche dem Alles
negirenden fanatifchen Atheismus und Materialismus
grofser Maffen gegenüber. Dafs in diefem Kampfe
auch die Predigt eine befondere Bedeutung gewinnt, dafs
es ihre Aufgabe ifl, vor Allem Zeugnifs abzulegen von
,der Wirklichkeit, der Einzigkeit und der Gewifsheit des
Heils', dafs fie nur foweit lebendig wirken kann, als fie
wirklich auf eigener Heilserfahrung beruht, das Alles
find Sätze, denen Jeder, dem es mit dem Amt eines
evangelifchen Predigers Ernft ifl, von Herzen zuftimmen
wird. Und wer die warmen ernften Erinnerungen des
letzten Abfchnitts ,Unfere Aufgabe für die Predigt' beherzigt
hat, der wird, auch wenn er mit andern Erwartungen
an das Buch herantrat, es aus der Hand legen
mit dem Gefühl, dafs er es nicht vergeblich gelefen.

Nuffe. H. Lindenberg.

1. Wolters, Prof. Dr. Albr., Predigten in der evangelifchen
Gemeinde zu Bonn während der letzten Jahre
gehalten. Bonn 1874, A. Marcus. (VIII, 391 S.
gr. 8.) M. 6.—

2. Körber, Pfr. Emil, Siehe, das ist Gottes Lamm! Predigten
, gehalten in der Spitalkapclle zu Bern. Bafel
1874, Schneider. (V, 283 S. gr. 8.) M. 3. 20.

3. Linke, Archidiac. Johs., Brot und Brocken. Predigten
und Aphorismen. Leipzig 1876, Literarifches Inftitut.
(XIV, 472 S. gr. 8.) M. 6. —

1. Der Verfaffer hat diefe feine dritte Sammlung
von Predigten auf Bitten feiner rheinifchen Freunde bei
feinem Abchied von der"Gemeinde Bonn herausgegeben.
So bilden fie die werthvolle Gedächtnifsgabe eines beneidenden
Predigers und find wohlgeeignet weihevolle Erinnerung
an gemeinfam verlebte Feierftunden der Andacht
wach zu rufen. Es find im Ganzen 36 Predigten,
wovon 22 evangelifche, 12 epiftohfehe und 2 alttefta-
mentliche Texte behandeln. Sie zeichnen fich fämmt-
lich durch eine edle, mafs- und gehaltvolle Sprache aus. 1

Es find Predigten aus der Union, d. h. von einem Prediger
und vor Gemeinden gehalten, welche mit Ueber-
zeugung auf dem Unionsflandpunkte flehen. Diefer
Standpunkt findet in den Predigten, wie es nicht anders
fein kann, mannigfachen Ausdruck (fo befonders in
Nr. 15, einer Synodalpredigt), jedoch ohne verletzende
Schärfe und Polemik. Die Vertheidigung des Bibelglaubens
gegen alte und neue Zweifel, die Rechtfertigung
aus dem Glauben allein, und das ernfte
Dringen auf Heiligung im Wandel, das find die hervorleuchtenden
Centren der Gedankenkreife, in denen fich
die Predigten vorzugsweife bewegen. Unbefangene und
gerechte Beurtheilung der Gegenwart bei aller Erkennt-
nifs ihrer Schäden gegenüber der häufigen Ueberfchätz-
ung der kirchlichen Vergangenheit fpricht fich befonders
aus in Nr. 36 über 2 Mof. 16, 1—3. Ohne Zweifel find
die Predigten des Verfaffers wohl dazu angethan, in den
Kreifen, deren Bekenntnifsftand fie entfprechen, den
Glauben zu ftärken und inneres Leben zu wecken und
zu fördern.

2. Die Predigten Körber's, 21 an der Zahl und
fall fämmtlich über evangelifche Texte, wollen vor Allem
das Bild Jefu als des unfchuldigen und unbefleckten
Lammes Gottes den Zuhörern vorhalten. Die Dispofi-
tion ifl immer einfach, Thema und Theile meift Ueber-
fchriftartig, aber die Ausführung gefchieht mit forgfäl-
tiger Benutzung des Textes und in warmer, herzandringender
Sprache unter fleifsiger Verwendung des Lieder-
fehatzes unferer Kirche. Ohne weitere Blicke in Zeit
und Gefchichte, mit engem Horizont, wie für die Stillen
im Lande berechnet, zeigen die Predigten doch reiche
Erfahrung im geiftlichen Einzelleben und athmen grofsen
feelforgerlichen Ernft. Sie treiben das fubjectiv-gläubige
Chriftenleben und bilden fo ein Erbauungsbuch im engern
aber in gutem Sinne.

3. Die in ,Brot und Brocken' dargebotenen Predigten,
Reden und Aphorismen zeugen unftreitig vielfach von
geiftreicher Auffaffung und vorzüglich von einer reichen
Begabung für feffclnde Rede. Ueberrafchende und treffende
Gedanken, lebendige, nicht feiten dichterifche
Schilderungen wechfeln ab mit packenden Anwendungen
für Herz und Leben. Und doch möchten wir im Inter-
effe des Verfaffers felbft wünfehen, das Buch wäre noch
ungedruckt geblieben. Wir glauben bei reiferer Erfahrung
wäre es dann nicht in diefer Form erfchienen.
In der jetzigen Geftalt ift's kein Brot, fondern erft gäh-
render Sauerteig. Etwas Mafs- und Ruhelofes geht
durch's ganze Buch. Der Lefer wird von einem gewürzten
Biffen zum andern geriffen und kommt nicht zur
Stille und Befriedigung. Die Predigten find meift über-
mäfsig lang und formlos. Die Aphorismen nicht feiten
gefucht geiflreich und allzu aphoriflifch. Der Verfaffer
ftand offenbar, als er das fchrieb, in der Sturm- und
Drangperiode feines Lebens. Was follte aus unferer ho-
miletifchcn Literatur werden, wenn auch nur die Begab-
teften unferes Standes alle Tagebuchs-Notizen und geift-
reichen Einfälle folcher Zeit in Verbindung mit einigen
Predigten als Brot und Brocken herausgeben wollten.
Es tritt im ganzen Buche doch auch zu oft die Perfon des
Verfaffers in ungeifllicher Weife in den Vordergrund. Einen
wahrhaft peinlichen Eindruck aber machen die dem Buche
ohne weiteres angedruckten ,Urtheile von einigen nam- •
haften Geiftlichen, denen diefes Buch theils im Manu-
feript theils in Aushängebogen vorgelegen'.

Eythra. E. Lehmann.

Gunnilig jr., J. H., Leiden und Herrlichkeit. Nach der
2., vermehrten holländifchen Ausgabe. Mit einem
Vorwort von Franz Delitzfch. Gotha 1877, F. A.
Perthes. (XV, 140 S. 8.) M. 2. 60.

Selten dürfte fich auf engem Räume ein folcher
Reichthum origineller, nicht gefuchter, fondern aus tieffter