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Ausgabe:

1878 Nr. 6

Spalte:

142-144

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kähler, Martin

Titel/Untertitel:

Das Gewissen. Ethische Untersuchung. 1., geschichtl. Thl 1878

Rezensent:

Schultz, Hermann

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Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 6.

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lität der religiöfen Anlage. Soll im Ernfl behauptet
werden, dafs die Qualität der allgemeinen religiöfen
Anlage eine vierfach verfchiedene in? Und doch kann
man es kaum anders verliehen. Der Abfchnitt Hellt zu-
erft die ,finnliche' Religionsftufe dar, wo zwifchen dem
finnlichen Symbol und der geahnten geiftigen Gottheit
überhaupt nicht unterfchieden wird; darauf die ,materia-
lifirte' Religionsftufe, auf welcher das göttliche dem finnlichen
Symbol gleichgefetzt wird; ferner die ,verfittlichte'
Religionsftufe, wo fich die Religion mit littlichem Inhalt
erfüllt; endlich die ,normalifirte' Religionsftufe (Judenthum
und Chriftenthum), wo die Religion das fittliche Leben
neu belebt und fördert. — Der vierte Abfchnitt, über-
fchrieben ,Das Verhältnifs der religiöfen Anlage zur Sittlichkeit
' führt zunächft kurz, die Rothe'fchen Sätze über
das Verhältnifs zwifchen dem Religiöfen und Sittlichen
an und macht dann den Verfuch, die Erfcheinungen des
religiöfen Lebens und zwar meift allgemein bekannte
aus der Gefchichte des Chriftcnthums in dies Schema zu
zwängen, refp. darnach zu beurtheilcn. Häufig läuft es
dabei auf eine Befprechung kirchlicher Zuftände der
Gegenwart oder der jüngften Vergangenheit hinaus. —
Der fünfte und letzte Abfchnitt ift überfchrieben l Das
Schickfal der religiöfen Anlage Den Inhalt desfelben
kurz anzugeben ift unmöglich, da überhaupt jeder leitende
Gedanke fehlt und von allem möglichen bunt durch
einander die Rede ift, auch auffallende Wiederholungen
begegnen.

So entfernt fich der Verfaffer in jedem Ablchnitt
weiter von feinem Thema. Die beiden letzten haben
auch gerade gar nichts mehr mit dcmfelben zu fchaffen.
Denn es ift ja nicht gefragt, wie Rothe die Erfcheinungen
des religiöfen und fittlichen Lebens zu beurtheilcn anweift
, fondern was die Völkerkunde von der religiöfen
Anlage lehrt. Aber auch fonft ift ein folcher Abftand
zu bemerken. Die fpäteren Abfchnitte find in jeder Beziehung
weniger durchgearbeitet als die früheren, fowohl
was die Ordnung der Gedanken als was den fprachlichen
Ausdruck betrifft. Der fünfte Hellt flüchtig entworfene
Gedankenreihen und längere Citate zufammen, eine Mate-
rialienfammlung, völlig unreif zur Veröffentlichung. Und
wo der Verfaffer in diefen letzten Abfchnitten auf die
kirchliche Gegenwart zn reden kommt, verfällt er häufig
in den Ton der weniger guten Tagespreffe, was doch
1 einer wiffenfehaftlichen Arbeit durchaus unwürdig ift.
Offenbar ift der Verfaffer fchliefslich mit der Zeit ins
Gedränge gekommen und hat diefen letzten Abfchnitten
fdie übrigens beffer ganz fortgeblieben wären) nicht die
nöthige Zeit und Ueberlegung widmen können. Zu bedauern
bleibt, dafs er zwifchen der Krönung feiner Arbeit
und deren Druck das Verfäumte nicht genügend nachgeholt
hat, wie ihn der Wunfeh der Directoren der Tey-
ler'fchen Gefcllfchaft ausdrücklich dazu anwies.

Was dann die drei erften Abfchnitte betrifft, fo ift
ernftlich zu bezweifeln, ob die vom Verfaffer zu Grunde
gelegten Begriffe der Rothe'fchen Ethik das paffende
Inftrument für die zu löfende Aufgabe waren. Dazu
hängen fie doch zu beftimmt mit den fpeculativen Vor-
ausfetzungen Rothe's zufammen. Allgemeine Begriffe
find allerdings für eine Unterfuchung wie die vorliegende
unentbehrlich, aber diefclbcn müffen möglichft aus der
Beobachtung der Thatfachen und nicht aus einem fpeculativen
Syftem entnommen fein. Gerade die fo wichtige
Erage nach dem Zufammenhang von Religion und Sittlichkeit
auf den einzelnen Volks- und Religionsgebieten
kommt hier ganz zu kurz, weil der Verfaffer ftatt den
Thatbeftand zu ermitteln mit Hülfe der Rothe'fchen Auf-
faffung Urtheile fällt. Auch im Einzelnen macht fich von
daher ein naclitheiliger Einflufs geltend. Effen und Trinken
heifst gelegentlich ,die wichtigfte fittliche Handlung' (p. 41),
und anftatt der antiken Ethik gegenüber einen Vorzug
des Chriftenthums in der von ihm verlangten geiftigen
Zucht auch diefer Seite des finnlichen Lebens zu erblicken
, nennt der Verfaffer das einen mittelalterlichen
Zopf. Einerfeits erblickt er im weltlichen Handeln, Kunft,
Wiffenfchaft etc. ,das Sittliche', andrerfeits erklärt er den
göttlichen Stifter unfrer Religion für den Heros auch des
fittlichen Lebens. Und doch hat fich der Herr den
Lebensgebicten gegenüber, welche hier das Sittliche z. e.
heifsen, gleichgültig verhalten. S. 135 heifst es, Religion
und Sittlichkeit feien zwei ganz verfchiedene Gebiete,
und S. 208 wird bedauert, dafs man die Religion eines
Volkes vorzugsweife in feinen Cultusformen und nicht in
feinem — fittlichen Leben fucht. Man verlieht wohl,
wie der Verfaffer zu diefen Aeufscrungen kommt, wenn
man fich die Ethik Rothe's dabei gegenwärtig hält, aber
fie beweifen doch, dafs es noch an der genügenden
Durcharbeitung der oberften Begriffe fehlt.

Die zuletzt erwähnte Aeufserung führt auch auf etwas
Anderes. Es fcheint mir gerade das allein richtige zu
fein, wenn in der Erforfchung der Religionen das gröfste
Gewicht auf den Cultus gelegt wird. An den Götter-
fyftemen und der religiöfen Naturanfchauung ift nicht
blofs der religiöfe, fondern auch der dichterifche Trieb
des menfehlichen Geiftes betheiligt. Der Cultus macht
dagegen den Zweck, den eine Religion als folche verfolgt
, am beften klar. Der Verfaffer hat auf diefen Unter-
fchied gar nicht geachtet. Vielleicht hängt damit das
ungenügende in feiner Formulirung der drei Zwecke
jeder Religion zufammen. Der Menfch will die Gottheit
erforfchen, geniefsen oder damit wirken, heifst es S. 33.
Aber die Erforfchung der Gottheit durch das Orakel ift
doch wie die Zauberei nur eine Art, wie die Gottheit
den Zwecken des Menfchen dienftbar gemacht werden
foll. An die Stelle der Gottheit als Object der For-
fchung tritt daher auch gleich in der näheren Ausführung
der den Menfchen verborgene Zufammenhang der
Dinge, von dem fie* abhängig find. Ebenfo ift es fehr
fraglich, ob Gebet und Opfer urfprünglich einen andern
Zweck haben, als wiederum denselben, die Macht der
Gottheit den Menfchen dienftbar zu machen, was doch
etwas ganz anderes ift als die Gottheit geniefsen. Aber
damit mufs es genug fein, da der Raum verbietet, auf
weitere Einzelheiten einzugehen.

Die Gerechtigkeit erfordert zum Schlufs hervorzuheben
, dafs der Verfaffer die überaus fchwierige Aufgabe
mit grofsem Eifer erfafst und fich die Kenntnifs
eines reichen Materials erworben hat. Seine Schrift
trägt überall die Spuren, dafs fie ein erftcr Verfuch ift,
der auf eine beftimmte Veranlaffung hin wahrfcheinlich
in kurz bemeffener Zeit entftanden ift. Es fleht zu hoffen
, dafs die in Ausficht geftellte umfaffendere Bearbeitung
desfelben Gegenftandes methodifcher angelegt fein
und beffer durchgearbeitete allgemeineBegriffe zu Grunde
legen, auch fich des rafchen unmotivirten und einfeitigen
Urtheiles über alle möglichen Dinge enthalten wird.
1) ann kann die Betheiligung des Verfaffers an der fo
fchwierigen wie wichtigen Erforfchung der Religionen
werthvoll werden.

Bafel. J. Kaftan.

Kahler, Prof. Lic. Martin, Das Gewissen. Ethifche Unterfuchung
. 1., gefchichtl. Thl. A. u. d. T.: Das
Gewiffen. Die Entwickelung feiner Namen und feines
Begriffes. Gefchichtliche Unterfuchung zur Lehre von
der Begründung der fittlichen Erkenntnifs. 1. Hälfte:
Alterthum und Neues Teftament. Halle 1878, Fricke.
(XIV, 338 S. gr. 8.) M. 6. -

Herr Profeffor Kähler, der fchon mehrfach feine
Arbeit dem grofsen Probleme des menfehlichen Gewiffens
zugewendet hat, will dasfelbe in diefem neu begonnenen
Werke mit vollftcr fyftematifcher Gründlichkeit
erörtern. Er will zuerft den Entwickelungsprocefs
aufzeigen, welchen das Wort ,Gewiffen' bei. den Cultur-