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Ausgabe:

1878 Nr. 5

Spalte:

114

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ernesti, Joh. Aug.

Titel/Untertitel:

Praelectiones in Libros symbolicos ecclesiae Lutheranae, ab anno 1752 et 1777. Vol. 1, continens Tria Symbola oecumenica, Augustanam Confessionem et Apologiam ejus 1878

Rezensent:

Plitt, Gustav Leopold

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"3

Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 5.

114

dogmat. Gründen) ausgelaffenen Stellen. Obwohl der Verf.
befonders gegen jenen Vorwurf in c. 31 in dem darauf
folgenden manches Beherzigenswerthe fagt, urtheilt er
doch nicht unbefangen genug über das trotz feiner wahr- i
haft ökumenifchen Wirkfamkeit doch ganz und gar in
den mittelalterlichen, mönchifch-ascetifchen Vorftcllungen
wurzelnde Chriftenthum des Mannes, deffen wahre Gröfse
im Reiche Gottes nicht davon abhängt, ob man ihm ein
Stück proteftantifche Dogmatik mehr oder weniger zu-
fchreiben kann, oder davon, wie weit fich das entfchieden
mönchifch Befchränkte feines chriftlichen Lebenswandels j
verdecken läfst. — Der zweite Theil des Buches fcheidet
aus der Menge derjenigen, welche mit der Imitatio in
Verbindung gebracht worden find, diejenigen aus, deren
Anfprüche einer ernftlicheren Unterfuchung bedürfen, und
befchäftigt fich eingehend mit den beiden vornehmften
Nebenbuhlern des Thomas, nämlich Gerfon und dem
mythifchcn Abt Gerfen ^Geffen) von Vercelli, deffen von
den Benedictinern mit fo grofsem und zähem Eifer herauf-
befchworener Schatten in unferm Jahrhundert befonders
an Gregory feinen eifrigen Ritter fand, und trotz Ma-
lou"s und A. Widerlegung immer noch nicht zur Ruhe
kommt. Wir entnehmen der Darfteilung unferes Verf.'s
(S. 98 sq.), dafs noch neuerlich ein Mr. Benham in der Vorrede
feiner Ausgabe der Imitatio (London, Macmill.) ganz
wieder für die Gregory'fchen Argumente eintrat und ein
Recenfent dcsfclben im Guardian (1876 Jan. 12) diefelben
ganz überzeugend fand. Anderfeits Rheinen — natürlich
in Frankreich — auch die Gerfoniftcn noch nicht aus-
fterbcn zu wollen, wie wohl aus dem Titel eines mir
unbekannten, auch von Kettlewell nicht berückfichtigten
Buches zu fchliefsen ift: J. Darche, Cle de Limitation de
Jesus Christ. Gerson et ses adversaires. ' Paris , Thorin
1875. — Nach Abweifung der beiden Prätendenten erörtert
der dritte Theil die Anfprüche des Thomas, die
gleichzeitigen Zeugen für ihn, die Data, welche fich aus
den Handfchriften ergeben, wie die innern Gründe. In
diefen beiden, den Kern des Buches bildenden Theilen
(S. 67—395) find von den Aeltern Eufeb. Amort und von
den Neuern Malou die Hauptgewährsmänner des Ver-
faffcrs, der es fclbft keineswegs verhehlt, dafs er letzterem
überall als zuverläffigem Führer folgt {the late Bishop
Malotis tvork, of which I have largely availcd myself etc.
p. X). Freilich wird man nun auch fagen müffen, dafs
der Verf., abgefehen von dem neuen Gefichtspunkt, den
ihm Hirfche bot, die Frage in keinem wefentlichen Punkte
über Malou's recherches, deren 3. Aufl. von 1858 er be- 1
nützt hat, hinausgeführt hat, und feiner Arbeit nur der
Werth einer reichlichen und forgfältigen Berichterftattung [
zukommt. Mit dem Termin jener Ausgabe Malou's bricht
auch die Literaturkenntnifs des Verf., was das Feftland j
betrifft, ab, mit alleiniger Ausnahme — foviel ich gefehen
— von Hirfche'* Ausgabe der /mit., denn nur aus deren
Praefatio fchöpft er, was er mit Freuden von Hirfche
annimmt; die Prolegomena, auf deren zweiten Theil wir
leider immer noch warten, find ihm unzugänglich geblieben
(S. 304). Eine willkommene Beigabe ift der
Appendix, welcher 1) die in England befindlichen Handfchriften
, 2) die in England, befonders in den Bibliotheken
des British Mus. und der Bodleian. in Oxford, aufserdem
Magdalen Coli. Oxf., Lambeth Pal. und Statt Coli. London
vorhandenen älteren latein. Ausgaben (vor 1600), 3) die
verfchiedenen Ausgaben englifcher Ueberfetzung bis 1700
aufzählt; von der eigenhändigen Abfchrift des Thomas
von 1441, wie von der Handfchrift von 1425 und von
einer ebenfalls von Thomas felbft gefchriebenen Handfchrift
von 1456 (Hymnen und Tractate desfelben) find
hübfehe photographifche Proben beigegeben. — Hoffentlich
trägt die Vollendung von Ilirfche's Arbeit bald dazu
bei, uns von der bisherigen Art, die Streitfrage immer :
aufs Neue umherzuwälzen, zu befreien, Gerfon wie das ■
Phantafiegefchöpf Abt Gerfen endlich in Ruhe zu laffen
und uns über das, was wirklich in Präge kommen kann,

weitere Aufklärung zu verfchaffen, ob die unzweifelhaft
aus dem Lebenskreife des Thomas hervorgegangenen 4
Tractate, aus welchen fich unfere Imitatio zufammenfetzt,
in der That dem Thomas und ihm ausfchliefslich
ihre Entftehung verdanken, ob er Autor im vollen oder
etwa nur in einem eingefchränkten Sinne ift.
Kiel. W. Möller.

Ernesti, D. Joh. Aug., Praelectiones in Libros symboli-
cos ecclesiae Lutheranae, ab anno 1752 et 1777.
Vol. I, continens Tria Symbola oecumenica, Augusta-
nam Confessionem et Apologiam ejus. Mit einem Vorwort
hrsg. von Paft. Probft em. J. M. Redling. Berlin
1878, Wiegandt&Grieben. (VIII, 201 S. gr. 8.) M. 3. —

Fehlerhafter Abdruck der wahrfcheinlich überarbeiteten
Nachfchrift einer Vorlefung, die Ernefti vor 100,
vielleicht auch fchon 125 Jahren gehalten haben foll.
Die Veröffentlichung kommt im bellen Falle um ein
Jahrhundert zu fpät; für unfere Zeit ift fie jedenfalls ganz
werthlos. Zu bedauern ift die Verlagshandlung, welche
folche Maculatur auf den Büchermarkt geworfen hat.

Erlangen. G. Plitt.

Bender, Prof. Dr. Wilh., Friedrich Schleiermacherund die
Frage nach dem Wesen der Religion. Ein Vortrag.
Bonn 1877, Weber. (37 S. gr. 8.) M. 1. —

Es könnte zweifelhaft erfcheinen, ob es dem Herausgeber
diefes von ihm im November vor. J. in Bonn und
in Frankfurt a. M. gehaltenen (hier jedoch etwas erweiterten
) Vortrags mehr darauf ankam, als Hiftoriker
ein Bild von Schleiermacher und deffen Religionsbegriff
zu geben, oder, als ReIigionsphilofoph feine
eigene Deutung des Wefens der Religion und befonders
des Chriftenthums zum Ausdruck und zur Geltung zu
bringen. Der erfte Theil fpricht für das Erftere, der
zweite für das Letztere. Diejenigen aber, welche mit
dem Verf. und dem Ref. annelynen, dafs man heute einer-
feits Schi.'s Religionsbegriff nicht darfteilen kann, ohne
denfelben auch zu kritifiren und zu ergänzen, anderer-
feits das Wefen der Religion nicht klarftellen kann, ohne
an Schi, anzuknüpfen, wird es nicht allzufehr überrafchen,
dafs der Verf. das Janusangeficht feiner Abhandlung nicht
als ein folches betrachtet. Was nun die Stellung betrifft,
die fich derfelbe zu Schi, giebt, fo erkennt er an, dafs
diefer für die Wiederentdeckung und Wiederbelebung
der chriftlichen Religion mehr geleiftet habe, als alle
feine blinden Verächter und Verehrer, die heute wieder
dem Volke ftatt des Lebensbrodes der Religion die
unverdaulichen Steine ihrer orthodoxen oder liberalen
Bekenntnifsthcologie anbieten; er giebt auch zu, dafs
Schi, die Entftehung des religiöfen Bewufstfeins im Zu-
fammenhange der geiftigen Entwickelung des Menfchen
richtig erklärt und in dem Bewufstfein der abfoluten
Abhängigkeit die Grundlage und die gefetzmäfsige Form
aller Religion mit Recht gefunden habe. Hingegen ver-
mifst er bei ihm eine hinreichende Anerkennung des
ethifchen Factors in der Erfahrung der Abhängigkeit
und rechnet es ihm als Fehler an, dafs er in dem Bewufstfein
derfelben anftatt nur die objective Bedingung
und Form, auch fchon das Wefen der Religion gefunden
habe, während mit jener Erfahrung in der That
noch nicht die active Religiofität felbft gegeben fei, die
immer zugleich auf einem Willensact des Menfchen
beruhe. Auch verfchweigt er nicht, dafs es bei Schi,
zwar (in den Predigten) zu einer thatfächlichen, jedoch
noch nicht zu einer eigentlich principiellcn Entfcheidung
gegen die äfthetifch-pantheiftifche und für die ethifch-
theiftifche Weltanfchauung gekommen ift. Theils unter
dem Schema einer Berichtigung, theils unter dem einer
Ergänzung Schleiermacher's fpricht der Verf. fodann