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Ausgabe:

1878 Nr. 5

Spalte:

107-110

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Overbeck, Franz

Titel/Untertitel:

Ueber die Auffassung des Streits des Paulus mit Petrus in Antiochien (Gal. 2, 11 ff.) bei den Kirchenvätern 1878

Rezensent:

Harnack, Adolf

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107 Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 5. 108

ferung zu halten. — In der Erwähnung und Benützung
der inzwifchen erfchienenen exegetifchen Literatur zu
einzelnen Stellen ift Weifs nicht auf Vollftändigkeit ausgegangen
. Doch beruht es wohl nicht auf Abficht, dafs
auch die gründliche Auslegung von Lucas 1, 1—4 von
Grimm (Jahrbb. f. deutfche Theol. 1871) unerwähnt geblieben
ift. Da Meyer ein befonderes Augenmerk auf
die Gefchichte der Auslegung richtete, hätte zu Luc. 22,32
wohl auch die Monographie von Langen (Das Vatica-
nifche Dogma von dem Univerfal-Epifcopat und der
Unfehlbarkeit des Papftes, 4 Thle. 1871—1876), die im
Wefentlichen nichts anderes als eine Gefchichte der Auslegung
von Matth. 16,18, Luc. 22,32 und Joh. 21,15 u-
ift, erwähnt werden dürfen. — Eine fehr angemeffene
Verbefferung ift es, dafs Weifs die einzelnen Abfchnitte
durchgängig mit Ueberfchriften verfehen hat. Es trägt
dies fehr zur Erleichterung des Ueberblickes bei.

Angefichts der durchgreifenden Aenderungen, welche
Weifs mit dem Meyer'fchen Texte vorgenommen hat,
überrafcht die Erklärung des Vorwortes, dafs er trotzdem
nicht für Alles, was vom Meyer'fchen Texte unberührt
geblieben ift, mit eintreten könne und wolle (S. VII).
Er fcheint fich gleichfam die Aufgabe geftellt zu haben,
als unparteiifcher Dritter fich über Meyer und Weifs zu
ftellen und fo als die objective Macht der Gefchichte
das Facit aus der Meyer'fchen und Weifs'fchen Exegefe
zu ziehen, weshalb er fich zuweilen auch felbft als ,Weifs'
citirt. Natürlich hat aber diefer Unparteiifche doch nicht
umhin gekonnt, überall da, wo die Differenz zwifchen
Meyer und Weifs zur Sprache kommt, fich auf Seite
des Letzteren zu ftellen, wenn auch zuweilen nur ftill-
fchweigend.

Wir benützen fchliefslich noch die Gelegenheit, darauf
aufmerkfam zu machen, dafs die Verlagshandlung
von dem gefammten Werke gegenwärtig wieder eine
billige Lieferungsausgabe veranftaltet, welche in
64 Lieferungen ä 1 Mark im Laufe von etwa 2 */2 Jahren
erfcheinen toll. Der Ladenpreis der einzelnen Bände
beträgt zufammen über 85 Mark.

Leipzig. E. Schürer.

Overbeck, Prof. Franz, Ueber die Auffassung des Streits
des Paulus mit Petrus in Antiochien (Gal. 2, 11 ff.) bei
den Kirchenvätern. Progr. d. Univerf. Bafel. Bafel
1877, Univ.-Buchdruckerei v. C. Schultze. (73 S. gr. 4.)

Es ift ein fehr beherzigenswerthes Wort des Verf.'s
vorftehender Abhandlung, welches in der Einleitung
zu lefen ift, man möge den Auffchlufs über die
wichtigften Züge der altkatholifchen Theologie nicht
zuerft auf dem Wege der Ermittelung ihrer Entftehu ng,
fondern auf dem viel zugänglicheren und helleren eines
Nachweifes der Art und der Formen ihrer urfprüng-
lichen Vertheidigung fuchen. Der Verf. hat diefe
Mahnung zunächft in Bezug auf die Anfchauungen der
alten Kirche vom Kanon und von der Harmonie aller
NTlichen Lehrbegriffe ausgefprochen; aber fie gilt für
die gefammte altkatholifche Theologie überhaupt. Er
felbft führt uns die kirchliche Auffaffung des Streits des
Paulus mit Petrus in Antiochien vor. Von Irenäus an
werden die Auslegungen der KW. dargelegt und be-
fprochen, und noch über den berühmten Streit zwifchen
Auguftin und Hieronymus hinaus führt der Verf. feine
Unterfuchungen. Jeder Lefer wird denfelben mit höch-
fter Spannung folgen. Das Vorurtheil, als fei die Gefchichte
der patriftifchen Exegefe ebenfo unintereffant
wie unfruchtbar, hat O. doppelt gebrochen. Man wird
nicht leicht anderswo auf einem fo engen Räume foviel
Wichtiges und Lehrreiches zufammenfinden; denn nach
den verfchiedenften Seiten hin beleuchtet die patriftifche
Behandlung jener paulinifchen Verfe die Eigenart der
Zeiten, Intereffen, Richtungen und Individualitäten.

Morgenland und Abendland, fophiftifche Rhetorik und
kirchengläubige Einfalt, Früheres und Späteres grenzen
fich fcharf wider einander ab, und wie in einem kleinen
Spiegel überfieht man eine grofse Epoche, einen Theil
ihrer Entwickelungen, Gegenfätze und Kämpfe. Und
zuletzt der Streit zwifchen Hieronymus und Auguftin!
Ein Dreifaches aber ift es vor allem, was aus dieftn Ge-
fchichtsblättern zu lernen ift: 1) Dafs die alte Kirche
von Irenäus ab in ihrer Gefammtheit ein Verftändnifs

! des antiochenifchen Streites fo wenig befeffen hat, wie
irgend welche Erinnerungen an denfelben, und dafs ihre
Vorftellungen vom Kanon fie nothwendig zu Mifsver-
ftändnifsen, Um- oder Wegdeutungen anleiten mufsten.
2) Tritt die Overbeck'fche Unterfuchung dem Vorurtheil
entgegen, als fei die Bildung der altkatholifchen Grund-
anfehauungen im Anfang des 3. Jahrh.'s in dem Sinne

| fertig gewefen, dafs der Folgezeit nur Ausführungen
übrig gelaffen worden wären. Im Gegentheil, die Löfung
der Hauptprobleme — fo ficher man allerfeits ift, dafs
eigentlich folche nicht exiftiren können — erfcheint in
einem ftetigen Flufs, den nur die Barbarei der Zeiten,
Trägheit und Unwiffenheit, Schrecken und Furcht fchliefslich
zum Stehen gebracht haben. 3) Richten fich die
Ergebnifse diefer Arbeit gegen diejenige Beurtheilungs-
weife der patriftifchen Exegefe, die durch das Schlagwort
,phantaftifchc, zuchtlofe Allegoriftik' fich mit der
hiftorifchen Beurthcilung derfelben abgefunden zu haben
meint. Es kann nichts Verkehrteres, Leichtfertigeres
geben als diefes Schlagwort. Denn gerade ,zuchtlos',
,phantaftifch' ift hier ganz und gar nichts, vielmehr Alles
tiefüberlegt, zufammenhängend und infofern durchweg
methodifch. Darum ift auch jenes Urtheil nichts anderes,
als das indirecteEingeftändnifs, dafs man die Vorausfetzun-
gen, von denen aus die KW. Exegefe getrieben haben,
nicht mehr theilt, ja nicht einmal mehr verfteht. In
diefer Erkenntnifs kann die Einficht, dafs man fich auf
jener Seite um fo entfchloffener an einige Trümmerftücke
derfelben klammert, nur beftärken.

Was nun das Einzelne betrifft, fo find Ref. nur bei der
Darfteilung, die O. von der Auffaffung des Irenäus und
Tertullian gegeben hat, gewichtige Bedenken aufgeftie-
gen. In dem 12. Cap. des 3. Buchs führt Irenäus im
Gegenfatz zu allen Gnoftikern, hauptfächlich gegen die
Marcioniten eine grofse Reihe von Stellen dafür an,
dafs die Apoftel und die erften Prediger des Chriften-
thums den Gott des A. T. verkündigt haben. Die Stellen
find faft durchweg der erften Hälfte der Ap.-Gefell,
entnommen. In diefem Zufammenhang beruft fich Irenäus
fchliefslich auf die Thatfache, dafs Petrus in Antiochien
jüdifch gelebt (Gal. 2, 12. 13), zum Erweife,
welche Ehrfurcht derfelbe den ATlichen Inftitutionen
als den Inftitutionen des Einen und felbigen Gottes gezollt
habe. Das ift Alles. Mit anderen Worten: Irenäus
geht auf den Streit zwifchen Paulus und Petrus überhaupt
nicht ein, hatte auch an diefer Stelle durchaus keinen
Grund, denfelben zu berühren, da es fich für ihn in
diefem Zufammenhang zuletzt nur um die Identität
der beiden Götter handelte. Auch eine Polemik gegen
die ihm bekannte marcionitifche Verwerthung von Gal.
2, 11 f. war hier durchaus nicht am Platze, und feiner
immerhin nur fummarifchen Beftreitung Marcion's (vgl.
I, 27 flu. III, 12, 12) wegen wird man fich hüten
müffen, fein Schweigen über Gal. 2, 11 f. auszudeuten.
So gewifs man nun aus dem grofsen Werk des Irenäus
ein vollftändiges Bild von feiner Auffaffung des ATlichen
Gefetzes und der Bedeutung desfclben gewinnen kann,
fo wenig läfst fich ficher ermitteln, wie er Gal. 2, 11 f.
auffafste; denn dafs er das Verhalten des Petrus für
feine Lehre von dem Schöpfergott ausgebeutet hat, erfcheint
nicht eben verfänglich. Ich mufs es deshalb für
mindeftens fehr unvorfichtig halten, wenn O. S. 8 fchreibt:
,So vollftändig lieft Iren, die Erzählung des Paulus von
diefem Streite, fo zu fagen im Geift der Ap.-Gefch. und