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Ausgabe:

1878 Nr. 4

Spalte:

77-80

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dillmann, August

Titel/Untertitel:

Ascensio Isaiae Aethiopice et Latine, cum prolegomenis, adnotationibus criticis et exegeticis, additis versionum latinarum reliquiis edita 1878

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 4.

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feiner Anficht und der Bemerkung, dafs Andere anders
urtheilen. Man vgl. z. B. S. 16 die Behandlung der
Frage, ob Apion eine befondere Schrift gegen die Juden
gefchrieben hat oder ob feine Ausfälle nur einen Excurs
der Aegyptiaca bildeten. Selbft bei denjenigen Partieen,
denen Müller das meifte Intereffe zugewandt hat, den
manethonifchen Berichten über die Hykfos und den
Auszug der Ifraeliten (I, 14 u. I, 26), überfieht er gerade
die Hauptfrage, die vor allem zu unterfuchen wäre, nämlich
die nach der Echtheit der manethonifchen Fragmente.
Einen Hauptbeweis dafür, dafs es verfchiedene, alfo theil-
weife interpolirte Recenfionen des Manetho gab, entzieht
er fich gerade felbft durch eine fprachlich ganz unmögliche
Deutung der entfcheidenden Worte I, 14 (p. 186,
19 Bekker): fv (V akktp ävriyQaqHp. Dies foll heifsen:
In einem andern Buche, d. h. Abfchnitte des manethonifchen
Werkes (S. 123). Das Richtige hätte M. z. B. aus
der ihm entgangenen Differtation von Kellner [De Frag-
mentis Manethonianis quae apud Josephum contra Apionem
I, 14 et I, 26 sunt, Marburgi 1859) p. 52 entnehmen
können.

Die Hervorhebung diefer Schwächen der Müller'fchen
Arbeit hindert uns aber nicht, ihm doch für das Gebotene
dankbar zu fein. Das hinterlaffene Werk ift die
mit Liebe gepflegte und gezeitigte Frucht einer mehr
als dreifsigjährigen Befchäftigung mit dem Gegenftande.
Wer einigermafsen weifs, wie viel auf dem Gebiete der
biblifchen Commentar-Literatur in Plagiaten geleiftet wird,
der weifs auch andererfeits den Werth eines folchen
Commentares zu fchätzen, zu dem der Verf. den aller-
erften Grund erft felbft zu legen hatte. Man kann Manches
daran anders wünfchen. Aber Niemand wird ihn
ohne Belehrung aus der Hand legen.

Leipzig. E. Schür er.

Dillmann, Aug., Ascensio Isaiae Aethiopice et Latine,

cum prolegomenis, adnotationibus criticis et exegeti-
cis, additis versionum latinarum reliquiis edita. Lipsiae
1877, Brockhaus. (XVIII, 85 S. gr. 8.) M. 3. 50.

Was cinft die alterte Chriftenheit im römifch-
griechifchen Reich gefeffelt und erbaut hat, das
müffen wir heute in Abeffynien, Syrien, Armenien, bei
den Copten u. f. w. Richen, und was einft in der katho-
lifchen Chriftenheit gegolten hat, das findet fich —
leider oft nur in Bruchftücken — bei Arianern, Bogomilen
und Katharern. Vor allem gilt das von der altchriftlich-
apokalyptifchen Literatur. Die wenigen Blätter, die
wir von ihr befitzen, enthalten einen unmifsverftändlichen
Proteft gegen die katholifche Lofung von dem ,semper,
ubique, apud ovines'. Keine andere Literaturgattung aus
der vororigeniftifchen Zeit ift von der katholifchen Kirche
und ihren Theologen, den Erben der zerfetzten griechi-
fchen Philofophie, in dem Grade präferibirt worden, als
die apokalyptifchc. Allerdings der aus der Apokalyptik
entzündete Gedanke konnte weder die Welt erobern
noch die Wiffenfchaft beugen, und die nach apokalyp-
tifchen Phantafiecn diseiplinirten Secten konnten niemals
zur Reichskirche werden. Der Bund mit der griechifch-
römifchen Cultur, ja noch mehr: die Befchlagnahme der-
felben war die Bedingung für eine künftige Weltherrfchaft
der Kirche. Es ift verftändlich, dafs diefe, nachdem
dies Ziel erreicht war, ja fchon auf dem Wege dahin,
nicht erinnert fein wollte an ein Kindesalter, welches
durchlebt zu haben fie nie einräumen durfte. Und wenn
fie auch zu allen Zeiten nachfichtig gewefen ift, wo diefes
oder jenes ihrer Glieder fich an einem apokalyptifchen
Blatte erfreut hat, wenn fie auch felbft abgeblafste Bilder
altefter Schule ihren platonifirenden Dogmatiken beigelegt
hat — die Verfuche, apokalyptifche Ideen wirkfam
in Unterricht und Leben einzuführen, hat fie ftets un-
fchadlich zu machen gewufst — foweit es anging durch

Ifolirung, wo es nöthig war auch durch draftifchere
Mittel. Und dennoch hat die aus der Apokalyptik entflammte
Gefchichtsbetrachtung fich faft überall in
der Kirche zu behaupten gewufst. Die gefchichts-phi-
lofophifchen Verfuche der Apologeten und Alexandriner
haben die durch die Autorität Daniel's und Johannes'
gefchützten Anfchauungen nicht zu verdrängen vermocht
— ja fchon in frühefter Zeit haben — man darf nicht
fagen Compromiffe — Vereinigungen zwifchen zwei fo
verfchiedenen Betrachtungsweifen ftattgefunden; es fei
an Juftin, vor allem aber an die ganze Sibylliftik erinnert.

Wie werthvoll es ift, die älteften chriftlichen Apo-
kalypfen möglichft vollftändig zu fammeln, bedarf demnach
keines Beweifes. Was wir befitzen, ift ja wenig
genug, wenn auch die Einficht hier einigermafsen ent-
fchädigt, dafs jüdifche Bücher, wie die Henoch's, Esra's,
Baruch's u. f. w. faft wie chriftliche angefehen werden
dürfen. Neben der Joh. Apokalypfe und einigen apoka-
] lyptifchen Stücken in der NTlichen Literatur kommen
nur mehr oder weniger fragmentarifche Blätter aus dem
Barnabasbrief, Papias, Juftin, Irenäus, Hippolyt, Tertul-
lian, Commodian, Sulp. Severus u. A. in Betracht. Die
uralte Apokalypfe des Petrus, einft faft als kanonifches
Buch gewürdigt, beiitzen wir nur noch in fo geringen
Bruchftücken (Hilgf. Nov. Test. IV, p. 74 sq., dazu Ma-
carius), dafs nicht einmal mehr über die Anlage zu ent-
fcheiden ift. Der Hirt des Hermas ift für diefe Literaturgattung
wahrfcheinlich nichts weniger als typifch, und
was in der Sibylliftik ficher als chriftlich gelten darf,
ift meiftens wenig lehrreich. Um fo höher ift deshalb
die Bedeutung des kleinen Buches anzufchlagen, welches
uns Dillmann nun in vollkommener Geftalt vorgelegt
hat — die fog. Ascensio Jesaiae. Seine Ausgabe hat
die früheren antiquirt. Denn 1) ift der äthiopifche Text
hier neu conftituirt und überfetzt auf Grund von drei
Hdfchr. (man kannte bisher nur eine; die beiden neuen
find allerdings weniger mafsgebend); 2) ift die Compo-
fition des Buches, welches, wie fo viele Apokalypfen,
mannigfach überarbeitet ift, abfchliefsend unterfucht.
3) endlich ift die Abfaffungszeit der verfchiedenen Stücke
feftgeftellt worden. Was den zweiten Punkt betrifft, fo
weift Dillmann im 4. Cap. der Prolegg. nach, dafs vier
Beftandtheile zu unterfcheiden feien: 1) das Martyrium
(II, 1—III, 12. V, 2 — 14) von einem Juden. 2) die alte
Ascensio und Visio (VI, 1—XI, 1. XI, 23—40) chriftlichen
Urfprungs. 3) die erfte Bearbeitung (I [ohne v. 3. 4"].
XI, 42. 43). 4) die zweite ergänzende Bearbeitung (III,
13—V,i. XI, 2—22. Dazu: 1, 3. 4a. V, 15. 16. XI, 41).
Diefe Nachweifungen befitzen einen fo hohen Grad von
Wahrfcheinlichkeit, wie er bei ähnlichen Unterfuchungen
nur fehr feiten zu conftatiren ift. Was die Abfaffungszeit
betrifft, fo fucht Dillmann im 5. Cap. wahrfcheinlich
zu machen, dafs felbft die sub 4 genannten Beftandtheile
noch einem Verf. des 2. Jahrh.'s angehören; die eigentliche
Visio weift er dem nachapoft. Zeitalter zu; das
jüdifche Martyrium mufs dann mindeftens auch um diefe
Zeit vorhanden gewefen fein. Ref. gefleht, dafs er, feit
längerer Zeit mit dem Buche befchäftigt, ein abfchliefsen-
des Urtheil bisher nicht hatte gewinnen können, dafs er
aber bei erneuter Prüfung von Dill mann überzeugt
worden ift, wenn ihm auch nicht alle Gründe, die der
Verf. p. XIII sq. ins Feld geführt hat, durchfchlagend
zu fein Rheinen. Die beiden einzig intereffanten Stücke
des Buches (No. 2 u. 4) dürfen in der That fchon dem
2. Jahrh. zugewiefen werden, wobei die Möglichkeit
fpäterer Interpolationen — Lücken find ficher — noch
offen zu halten wäre. Dafs fie chriftlichen Urfprungs
find, unterliegt fo wie fo keinem Zweifel. Dann aber
ift es angezeigt, dem Buche eine gröfsere Beachtung zu
fchenken, als dies bisher gefchehen ift; denn es enthält
nicht wenig werthvolles Detail, auf welches der Herausgeber
im Commentar auch mit Sorgfalt aufmerkfam gemacht
hat. Einiges nur fei hier hervorgehoben. Cap. III,