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Ausgabe:

1878 Nr. 3

Spalte:

63

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mettgenberg, C.

Titel/Untertitel:

Ritualismus und Romanismus in England. Vortrag 1878

Rezensent:

Plitt, Gustav Leopold

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 3.

64

dafs die fo fchöne Rede einen wirklichen Fortfehritt
in der Melanthon-Literatur ergebe.

3. Meier, Superint. Confift.-R. D. Ernft Jul., Der Dienst
der lutherischen Kirche am deutschen Volk im dreissig-
jährigen Kriege. Vortrag. Leipzig 1877, J. Naumann.
(64 S. gr. 16.) M. 1. —

G. Freytag fagt in feinen ,Bildern aus der deutfehen
Vergangenheit' 3, 117: ,Das befte Verdienft um die Erhaltung
des deutfehen Volkes hatten die Landgeiftlichen
und ihr heiliges Amt'. Der vorliegende Vortrag führt
dies in populärer Weife aus, indem er fchildert, was die
lutherifchen Geiftlichen damals durch Predigt, Seelforge
und Lied dem deutfehen Chriftenvolke leifteten. Das
hierfür benützte Material ift gröfstentheils ein fchon bekanntes
; vgl. z. B. eben G. Freytag und Tholuck's Lebenszeugen
. Zu wünfehen wäre , dafs dies Material
noch recht vermehrt würde. G. Freytag betont mit
Recht das ,Landgeiftliche', und fagt, wo er von den Ver-
dienften der Paftoren in fchweren Zeiten redet: ,unter
ihnen am meiften die armen Dorfpfarrer'. Und dennoch
ift auch in diefem Vortrag von innen am wenigften die
Rede, offenbar weil es über fie zu fehr an ficherem
Nachweis fehlt. Hier könnten die Nachfolger jener
Dorfpfarrer helfen und damit der Wiffenfchaft einen
rechten Dienft erweifen, wenn fie aus alten Kirchenbüchern
und Archiven Nachrichten aus jener Kriegszeit
an Eine Stelle, etwa die Redaction der Zeitfchrift für
Kirchengefchichte, fchicken und derfelben zur weiteren
Verwendung überlaffen wollten.

4. Mettgenberg, Lic. C, Ritualismus und Romanismus in

England. Bonn 1877, Hochgürtel. (39 S. gr. 8.) M. — 80.

Ein gelungener Nachweis, dafs die pufeyitifche Partei
in der anglikanifchen Hochkirche keine evangelifche mehr
ift, fondern als eine zuRom abgefallene bezeichnet werden
mufs. Verdienftvoll ift hierbei befonders, dafs der Verf.
dies Urtheil auf die Lehre jener Partei gründet und betont,
es handle fich nicht, wie oft irreführend dargcftellt wird,
nur um ein Mehr oder Minder des Ritus.

Erlangen. G. Plitt.

Weiss, Prof. D. Herrn., Die christliche Idee des Guten und
ihre modernen Gegensätze. Ein theologifcher Beitrag
zur chriftlichen Ethik. Gotha 1877, F. A. Perthes.
(XI, 156 S. gr. 8.) M. 2. 40.

Der Verfaffer entwickelt zuerft die Idee des Guten
überhaupt, dann, wie er es näher beftimmt, concretdie
Idee des chriftlich Guten, und zwar letzteres unter dem
Gefichtspunkt erftlich der Einzelperfönlichkeit, zweitens
der Gemeinfchaft. Während alfo im Gefammttitel ganz
richtig nur der Idee des Guten das Prädicat der Chrift-
lichkcit gegeben wird, fpaltet die Ausführung das Gute
felbft in ein abftract allgemeines und ein concret chrift-
liches Gutes. Hiemit ift auch fchon der durch die ganze
Schrift fich hindurchziehende Fehler berührt, dafs nämlich
das Gute und unfre Vorftellung vom Guten immer durcheinandergeworfen
werden.

S. 9 heifst es: ,Die chriftliche Idee des Guten findet
ihre eigene Vorausfetzung an der Idee des Guten überhaupt
'. Aber giebt es denn wirklich über die Idee des
Guten hinaus noch eine befondre chriftliche Idee dea-
febben r über die mandafa legis hinaus noch consilia
evangelica: über die Reinheit hinaus noch ein Reineres?
ift nicht gerade dies die tieffte Auffaffung des fpeeififeh
Chriftlichen, dafs es das von aller Sünde frei gewordene
Menfchliche ift, oder, wenn man lieber die Kategorie des
Werdens ftatt der Kategorie des Seins anwendet, die
Befreiung des Menfchlichen von der Sünde? Wenn ja,
dann ift die Idee des Guten überhaupt die chriftliche Idee
des Guten, und wir gelangen nicht durch das Gute überhaupt
zum chriftlich Guten als zu einem Extra-Guten,
fondern durch das Chriftenthum zum Guten überhaupt.
Die justitia civilis der altproteftantifchen Dogmatik war
noch behaftet mit der mittelalterlichen Entgegenfetzung
von Welt und Ueberwelt, von Natur und Ucbernatur,
und im Zufammenhang damit fleht die Scheidung von
philofophifcher und chriftlicher Ethik. Das Gute als
Begriff ift aber nur Eines, und fo auch die Ethik nur
Eine, chriftlich, wenn von einem chriftlichen Geifte
bearbeitet, philofophifch, wenn von einem philofophifchen.
Aber im Gegenfatz zu einander flehen philofophifch und
chriftlich nicht.

Befondern Eifer wendet der Verfaffer an, um der
Idee des Guten eine von unfrer Willkür unabhängige
Geltung zu fichern, um fie als Etwas darzuftcllen, was
nicht durch uns hervorgebracht werde, fondern von
unferm Wollen oder Erkennen unabhängig exiftire. Auch
hier verwechfelt oder vielmehr vermifcht er fortwährend
das Gute felbft und die Idee von demfelbcn. Es ift ein
rühmliches Beftrebcn, zu zeigen, dafs die Gefetze der
fittlichen Weltordnung fo ehern find wie die Naturgefetze.
1 Aber nur unfre Vorftellung von dem, was gut fei,
ift die Idee des Guten. Diefe Idee erringen wir uns nur
allmählich und muffen fie rectificiren durch Empirie und
Speculation gerade wie die Kenntnifs der Natur. Wären
wir nicht von Natur fittlich angelegt, fo könnten wir
allerdings auch nicht zum bewufsten Erkennen des
Sittlichen gelangen. Allein damit find uns die richtigen
Vorftellungen vom Guten nicht auch fchon von Natur
gegeben. Um fie zu gewinnen, ift die Ethik fo gut wie
die Erforfchung irgend eines andern Wiffensgebietes auf
die langfam fortfehreitende wiffenfehaftliche Arbeit, alfo
nicht auf Dogmen, fondern auf Beobachtungen, auf
Prüfung und Sichtung derfelben und auf Schlüffe aus
denfelben angewiefen. Es verfteht fich wohl von felbft,
dafs ich unter diefen Beobachtungen nicht blofs die
ftatiftifch mefsbaren, fondern auch die Beobachtung der
rein pfychologifchen Phänomene verliehe.

Der Verfaffer fieht in der Ethik nicht die Wiffenfchaft
von den durch die Menfchen felbft zu verwirklichenden
Beziehungen des Menfchen zum Menfchen und
zur Welt, fondern wefentlich die Syftematilirung derjenigen
Lebensäufserungen, durch welche der Menfch
feine fromme Gefinnung documentirt. Darum befchäftigt
er fich angelegentlich mit dem Gegenfatz zwifchen
Theonomie und Autonomie, mit dem Zufammenhang
zwifchen Religion und Sittlichkeit, mit der Frage, ob das
Gute in der Gefinnung oder im Handeln zu fuchen fei.
Ich kann ihm nicht in die Einzelheiten folgen; denn ich
müfste dazu einfach eine Gegenfchrift fchreiben. Und
was namentlich ,das ethifche Zufammenwirken Gottes
und des Menfchen in der Mcnfchenfeele' S. 80 und die
ganze hiemit angedeutete Gedankenreihe anlangt, fo
kann ich darin nur eine völlig ungerechtfertigte Ver-
mifchung der Religion und der Sittlichkeit erblicken.
Ich vermag in den Vorausfetzungen, von denen der
Verfaffer ausgeht, und in der Methode, die er befolgt,
eine Förderung der Ethik nicht zu erkennen. Aber der
milde und doch entfehiedene Geift, der den Vorgänger
auf dem Lehrfluhl des Verfaffers auszeichnete, fo wie
das warme Herz für das Wohl der Kirche und jeder
einzelnen Menfchenfeele, zeichnen auch diefe Schrift in
wohlthuender Weife aus, und auch an fruchtbaren feel-
forgerlichen Winken ift fie reich.

Strafsburg i/E. Alfred Kraufs.