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Ausgabe:

1878 Nr. 3

Spalte:

54-55

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stade, Bernhard

Titel/Untertitel:

Ueber die alttestamentlichen Vorstellungen vom Zustande nach dem Tode. Eine academische Rede 1878

Rezensent:

Kamphausen, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 3.

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Stellung in der Welt durch Verleugnung gewahrt, ihrer
Stellung in der Welt nach, als itoibcoi bezeichnet. Bei
felbftverftändlichen (pg. 66) oder anderwärts ausreichend
bewiefenen Dingen (pg. 349) heilst es, man fei den
Beweis fchuldig geblieben. Hält man dafür, dafs in der
Matthäusbergpredigt manches Feine in Gedankengang
und Compofiton auf Rechnung des Evangeliften zu
fetzen fei, fo würde in der That der Jünger über dem
Meifter ftehen (pg. 214). Schlimmer noch ift, dafs viele
derartige polemifche Bemerkungen zeigen, wie er die
einfache Begründung der beftrittenen Anficht durchaus
nicht verftanden hat, auch fchiebt er dem Gegner Auf-
faffungen unter, die diefer ausdrücklich abgelehnt hat.
Was foll man aber von der wiffenfehaftlichen Haltung
des Buches fagen, wenn der Verf. pg. 216 eine Auffaffung
vom Zweck der Bergpredigt durch Vcrweifung auf
Stellen bekämpft, die der Gegner als nicht zu ihr
gehörig ausführlich zu erweifen gefucht hat, oder wenn
er denen, welche in Rom. 1,3 die übernatürliche Zeugung
nicht finden, .Verfchweigung' des dort fliehenden
v'iov aitov (sc. tov ätspp) vorwirft und nun entrüflet ausruft
: Gehört etwa das Ignoriren unliebfamcr Schriftworte
zu den Attributen exaeter Wiffcnfchaft? (pg. 73). Oder
wenn er von den Verfuchcn, die Uebernahme der
Johannestaufe von feiten Jefu etwas anders zu erklären,
als er es thut, lediglich fagt, diefclben zeigten nur, dafs
von dem Standpunkte des die göttliche Natur Chrifti
a priori leugnenden modernen Protcflantismus (zu dem
dann auch Meyer und der Referent gehören) diefelbe
unbegreiflich fei und bleibe, obwohl doch natürlich diefelbe
um fo leichter begreiflich wird, je geringer man
von Chriflo denkt (vgl. pg. 109)?

Schliefslich fei mir noch eine perfönliche Bemerkung
erlaubt. Keil fagt im Vorwort über meinen Matthäus-
commentar, in demfelben fei ,die Auslegung durchweg
im Dienft einer kritifchen Hypothefe geübt, der Sinn
des Textes in der knappflen Form nur foweit angegeben,
als hiefür unerläfslich erfchien, über den gefchichtlichen
und doctrinellen Inhalt der evangelifchen Thatfachen aber
tiefes Stillfchweigen bewahrt'. Dies ift kein Urtheil, das
fo abfällig immer, ich mir gefallen laffen müfstc, fondern
eine Berichterftattung und eine durchaus unwahre, den
Lefer irreführende. Richtig ift, dafs ich die Erörterungen
über die Gefchichtlichkeit der einzelnen Erzählungen
und das Verhältnifs ihrer Darfteilung zu parallelen Berichten
, die nicht mit unferem Evangeliften fchriftftellerifch
verwandt find, fowie alle dogmatischen Excurfe, die über
den Text hinausgehen, principiell von der Aufgabe eines
Commentars ausfchliefse, während bei Keil die apologe-
tifchen, harmoniftifchen und dogmatifchen Erörterungen
einen fehr breiten Raum einnehmen. Dafs ich das mit
Marcus Uebereinftimmende und daher im Marcuscom-
mentar bereits Erörterte hier nur kurz berühren konnte,
liegt in der Natur der Sache. Im Uebrigen findet fich
in meinem Commentar alles Einzelne fprachlich und
inhaltlich aufs Genauefte erklärt und ich habe im Vorwort
darauf hingewiefen, wie mir diefe exegetifche
Arbeit durchaus felbftändigen Werth hat neben der
kritifchen. Ja ich fchmeichle mir mit der Hoffnung, für
die Analyfe des Gedankengangs und die Erklärung
mancher fprachlichen Erfcheinungen oft Eingehenderes
beigebracht zu haben, als diefer neuefte Commentar.
Uebrigens hat dies Keil felbft beftätigt durch die Art,
wie er beftreitend und billigend, oft genug auch ohne
ausdrückliche Erwähnung, bis auf den Wortlaut meine
Detailerklärung benutzt hat. Sein Referat über meine
Quellenanficht (pg- 38. ift freilich fo Schief und unvoll-
ftändig, dafs er fich um das Verftändnifs dcrfelben wenig
bemüht haben mufs. Charakteriftifch ift, dafs er mich
ftets als einen Vertreter der Urmarcushypothefe anführt,
die ich bekanntlich aufs lebhaftefte bekämpft habe,
während er von Meyer pg. 38 im Gegenfatz zu mir fagt,
dafs er ,den Urmarcus in das Reich des Nichts verwiefen

l hat'. Wiederholt weift er Anflehten, die ich exegetifch

I begründet habe, zurück unter dem Vorgeben, dafs fie
fich nur auf meine unhaltbaren kritifchen Annahmen

J Stützen (vgl. z. B. pg. 101 A. 1, pg. 318, pg. 413 A. 1,;
dafs ich den Schlufsfpruch des Gleichnifses von den
Pfunden (25,30) für einen Zufatz des Evangeliften erkläre,

1 hat mit der Urmarcushypothefe (pg. 495, felbftverftändlich
nichts zuthun und gefchieht ebenfowenig ,nach fubjectivem
Belieben' (pg.496), wie die gleiche Vcrmuthung hinfichtlich
anderer Züge, die auf der Vergleichung mit dem Lucastext
ruht. Dafs ich die Gnome 25,29 bei Mrc. für ur-
fprünglich halte, ift nicht nur falfch, fondern diefe Behauptung
zeigt, dafs K. von meiner Quellenanficht keine
Ahnung hat. Dafs er mir aber pg. 287 A. 1 vorwirft,
eine Anficht feftzuhalten, die fchon Kloftermann als irrig
befeitigt hat, obwohl ich diefelbe noch eingehender wie
jener widerlegt habe, zeigt doch im bellen Falle eine
unverantwortliche*Flüchtigkeit. Ich verkenne nicht, dafs
für Keil mein Buch nach feinem ganzen Standpunkte
überaus unfympathifch fein mufste, aber das gab ihm
kein Recht, dasfelbe durch theils flüchtige, theils unwahre
Angaben feinen Lefern gegenüber in ein falfches Licht
zu Hellen.

Berlin. Dr. B. Weifs.

Stade, D. Bernh., Ueber die alüestamentlichen Vorstellungen
vom Zustande nach dem Tode. Ihne academifche Rede.
Leipzig 1877, F; C. W. Vogel. (36 S. gr. 8.) M. — 80.

Gerne erftatte ich noch nachträglich einen kurzen
Bericht über diefe vor der Univerfität Giefsen gehaltene
Rede, welche der Verfaffer , da fie eines der intereffan-
teften Capitel der altteftamcrrtlichen Theologie ebenfo
lehrreich als gefchmackvoll behandelt, mit Recht durch
den Druck dem über die einfchlagenden Fragen meid
mangelhaft genug unterrichteten grofsen Publicum zugänglich
gemacht hat. Zunächft (S. 6) betont Stade,
dafs er über die altteftamentlich.cn Vorftcllungen vom
Zuftande nach dem Tode reden wolle, nicht über die
altteft. Vorftellung, noch weniger über die altteftament-

I liehe Lehre, da eine folche nicht vorhanden fei. Dann
fpricht der Verf. über den innigen Zufammenhang der
Vorftcllungen des Volkes Ifrael vom Zuftande nach

| dem Tode mit der ihrer Grundidee nach vormofaifchen
Vergeltungslehre, wonach der Rechtfchaffene und auch
derl'revler im Erdenleben den verdienten Lohn empfange.
Lange genügten den Frommen Ifraels jene alten volkstümlichen
Vorftcllungen, welche die Hebräer mit den
Babyloniern und Griechen (S. 9 f.; theilten; erft als die
Vergeltungslehre erfchüttert war, .tauchen Wünfche und
Hoffnungen auf, dafs es auch einen andern Ausgang für

I den Frommen geben möge, ja bei einzelnen Frommen
verdichten fich diefelbcn bis zur feften Zuverficht. Aber
es find und bleiben 1 loffnungen, fubjective Anfchauungen
Einzelner, neben welchen die alten volksthümlichen Vor-
ftellungen erfchüttert zwar, aber nicht überwunden wei-

I ter beftehn'. Die Belegftellen, welche St. aus dem A.
Teftament mittheilt, find meift trefflich gewählt und
richtig überfetzt; doch darf ich nicht verfchweigen, dafs
bei Berücksichtigung von Luther's Meifterwerk die Ueber-
fetzung wohl an einigen Stellen Schöner ausgefallen
wäre. Natürlich kann ich der Auffaffung des Redners,
der manche Stellen Streitiger Auslegung berühren mufste,
nicht überall beipflichten. So ift mir, um von gröfseren
Differenzen zu fchweigen, das Abgehen von der Punc-

I tation in Jes. 7, 11, wo hagbeah von Manchen mit der

j Imperativform hagbäh verwechfelt wird, aus fachlichen
Gründen nicht möglich, da ich die verbreitete Erklärung,'
welche in diefem Verfe die Scheol findet, für irrig halte.
Sehr fein erblickt St. (S. 15) in dem Aberglauben der
zauberhaften Todtenbefragung ,auch eine Bestätigung

| dafür, dafs nach dem natürlichen Laufe der Dinge eine

: Rückkehr der Schatten unmöglich ift'. Nachdem St.