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Ausgabe:

1878 Nr. 26

Spalte:

632-637

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Engelhardt, Mor. von

Titel/Untertitel:

Das Christenthum Justins des Märtyrers. Eine Untersuchung über die Anfänge der katholischen Glaubenslehre 1878

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 26.

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Gebhardt felbft wieder zurückgenommenen Lefung des
Antiochus ngaadoxy.

Etwas gröfser find die Abweichungen von der Leipziger
Ausgabe bei den Clemensbriefen, bei denen
Funk fich hie und da Aenderungen, mcift auf Grund
des Syrers, geftattet hat. So lieft er im erften Briefe
c. 2, 1 mit C Syr. Hg zoig ecpoöloig tov Xgtotov. c. 18,

1 richtig ekalgj mit Syr. Cl. AI. c. 35, 5 dia niozEwg. c 37,

2 si/.zr/.wg. c. 40, 3 vi vnfgzäzrj. c. 59, 4 aigtouiisv at. c. 60,

1 bqiüLiti'OLg. c. 62, 2 ngng ndvzag dvd-qioicovg u. A. m.
Schwerlich aufzunehmen ift c. 45, 2 zag leg dg ygarpäg
(C Syr. Hg) und völlig grundlos c. 33, 7 die Weglaffung
von ayuDdig nach egyoiQ. c. 63, 1 fchreibt er mit Syr.
dvanXriQwoavzag und fchiebt dann ein 7iqoG/.).i%rjvai zolg
vndqymoiv dgyrjynig xüv xlivydv ijficuv. (So jetzt auch
Gebhardt, deffen Nachträge in der praefatio der neuen
Ausgabe des Barnabas überhaupt zu vergleichen find.)
Dagegen hält er c. 44, 2 itzivoprjv, c. 45, 7 mit beiden
Codd. e&'oiouv und negißalelv und giebt auch an der
verderbten Stelle 6b, 4 }.nr/.ulnviievwv ae y.t'L einfach
die Lefung des Codex, unter Beifügung der Emendations-
verfuche vonBryenn., Gh., Lightf., doch ohne eigne Ent-
fcheidung. Im fogenannten zweiten Briefe lieft er mit
Syr. c. 13, 11 iv Tg) f.iil noulv Htdg u ktyoiiev (fo jetzt
auch Ghj. c. 17, 1 'Iva — ngdwaitsv; 17, 7 öidovieg. 19,

2 ii'ioiE ft. evia, 20, 4 SsOfiolg ft. dea^nig (fo jetzt auch
Gh.). Aber bei vielen corrupten Stellen ift nicht einmal
der Verfuch einer Befferung gemacht, z. B. c. 19, 1 fierd
iop Qsov. Auch die Stelle c. 14, 2 xcei ozi zu ßißlia
-r.zl. wird dadurch noch nicht geheilt, dafs man mit Syr.
eti ft. oti lieft.

Bei den Ignatianifchen Briefen, dem Brief und
dem Martyrium Polykarp's hat Funk fich ebenfalls im
Wefentlichen mit dem Wiederabdruck des Leipziger
Textes begnügt. Ausnahmen find ziemlich feiten. So
ift Epli. 11 richtig arvi-vsaav beibehalten, dsgl. Magn. 1
lyöw. Magn. 6. to7jo)'. Trall. inscr. sv aagv.i xai aificai.
In der fchwierigen Stelle Trall. 3 ift mit Recht die Hefele'-
fche Conjectur uyajuöv v/.tdg q}Eidn/.iat xzl. und vorher die
Befferung Cotelier's oVrct tvtcov acceptirt. Dagegen hat
auch Funk Magn. 8 dtöiog nvv. gegen G'L1 7»«. befeitigt,
Eph. 14 ebenfo grundlos mit dem Leipziger Texte Xgirni-
avni in XguJiou verändert u. a. m. Es follte doch als
kritifcher Grundfatz feftftehen, dafs überall, wo G1 und
L1 zufammenftimmen, Abweichungen nur im äufserften
Nothfalle verftattet find. Im martyr. Polycarpi ift Funk
c. 16 fogar in der Aufnahme der verunglückten Words-
worth'fchen Conjectur fttqi occga/.a feinem Gewährs-
manne gefolgt.

Der hiftorifch-exegetifche Apparat zeigt ebenfalls
ftarke Spuren der Abhängigkeit von der Leipziger Ausgabe
, doch enthält derfelbe daneben manche neue
fchätzbare Nachweife. Die beigefügten lateinifchen Ueber-
fetzungen find auch da, wo alte Verflonen vorhanden waren,
die Arbeit Neuerer (Cotelier's, Hefele's, beziehungsweife
des Herausgebers felbft), alfo für die Textkritik werthlos
. Aus den Prolegomenen hebt Ref. in der Kürze hervor
, dafs Funk den Barnabasbrief mit Hilgenfeld dem
Ende des 1. Jahrh. zuweift und den Wiederaufbau des
Tempels cap. 16 geiftlich verfteht, dagegen mit dem Ref.
und Andern an der jüdifchen Abkunft des Briefftellers
fefthält. Der Clemensbrief wird mit den Meiften in die
letzten Jahre des 1. Jahrh. gefetzt; fein Verf. ift nach
Funk nicht identifch mit dem Conful Flavius Clemens,
feine Abfaffungszeit fällt wahrfcheinlich erft nach dem
Tode Domitian's; doch läfst er die fcharffinnige Ver-
muthung Lightfoot's {Appendix 263 ff.), der Brieffteller
fei ein jüdifchem Geblüte entflammender Freigelaffener
des Flavifchen Haufes gewefen, als unerweislich bei
Seite. Die als zweiter Brief des Clemens bezeichnete
Homilie wird gegen die Mitte des 2. Jahrh. gefetzt, der
Hirt des Hermas richtig dem Bruder des römifchen Bi-
fchofs Pius und den Jahren 139—154, der Brief an

I Diognet dem zweiten ,oder dritten' Jahrh. zugewiefen,
ja fogar die Möglichkeit einer Abfaffung durch den
Märtyrer Juftin offengelaffen. Das Urtheil über die Ig-
natianen und deren Änhängfel, den Brief des Polykarp,
kann für einen katholifchen Schriftfteller natürlich nicht
zweifelhaft fein.

Jena. Lipfius.

Engelhardt, Prof. Dr. Mor. von, Das Christenthum Justins

des Märtyrers. Eine Unterfuchung über die Anfänge
der katholifchen Glaubenslehre. Erlangen 1878,
Deichert. (VIII, 490 S. gr. 8.) M. 9. —

,Es handelt fich ausfchliefslich darum, das Chriften-
1 thum Juftins oder feine chriftliche Denkweife und Lehrart
zu erforfchen, um auf diefem Wege einen Einblick
I in die erften Anfänge der katholifchen Glaubenslehre zu
' gewinnen. Sein Chriftenthum foll genau und umfaffend
dargeftellt und hiftorifch erklärt, d. h. auf die Elemente
j zurückgeführt werden, aus denen es fich zufammenfetzt
J und unter deren Einflufs es fich gebildet hat. Diefem
] Zwecke ift Alles untergeordnet. Was mit der Löfung
! diefer Aufgabe nichts zu thun hat, ift bei Seite gelaffen
oder nur als Nebenfache behandelt worden'. In diefen
Worten hat der Verfaffer die Aufgabe, die er fich gehellt,
präcis angegeben, das entfeheidende Intereffe bezeichnet,
welches mit derfelben verknüpft ift, und bereits fchon die
Methode angedeutet, nach welcher fie allein gelöft werden
kann. Sind die Anfänge der katholifchen Glaubenslehre
unzweifelhaft bei den Apologeten des 2. Jahrhunderts
zu buchen und ift Juftin (für uns) der ältefte, der be-
deutendfte und zugleich — glücklicherweife — derjenige
Apologet, von deffen fchriftftellerifcher Thätig-
keit die umfaffendften Reite uns erhalten find, fo
fteht zu erwarten, dafs die Analyfe feiner chriltlichen
Denkweife und Lehrart das Verftändnifs der Bildungs-
I gefchichte und Eigenthümlichkeit des katholifchen
I Chriftenthums eröffnen wird. Ift aber die Theologie
in jenem Zeitalter noch in hohem Grade Reflex und
Product des religiöfen Lebens und der religiöfen Denkart
felbft, fo ift das Verftändnifs jener durch die Einficht
in diefe bedingt. Es wird fich alfo vor allem darum
handeln, das Chriftenthum Juftins umfaffend und genau
darzuftellen und zu erforfchen. Von Keinem ift bisher
diefe Aufgabe fo richtig gebellt und nach einer fo ausgezeichneten
und ficheren Methode zu löfen verflicht
worden; aber vortreffliche Vorarbeiten banden dem Verf.
zur Verfügung. Das Vorurtheil, man könne die Bildungs-
gefchichte der katholifchen Glaubenslehre durchfehauen,
indem man von den Urapobeln zu Paulus, von diefen
etwa zu den Pfeudoclementinen und apobolifchen Vätern,
endlich zu den Apologeten und Irenäus fortfehreite, ib
hier nicht mehr wirkfam. Wird jene Methode im beben
Fall zu einer blofs fragmentarifchen, regelmäfsig zu einer
falfchen Erklärung der Entbehung der altkatholifchen
Theologie und Kirche führen, fo gilt es umgekehrt,
zunächft das Chribenthum jener Epoche rein aus den
Quellen darzubellen und dann behutfam die Fäden zu
ermitteln, die dasfelbe mit gleichzeitigen und früheren
Denkweifen, fomit auch mit dem jüdifchen und paulinifch-
jüdifchen Chribenthum zu verbinden. Sobald man fich
aber einmal von der Methode emaneipirt hat, das Chribenthum
der Apologeten aus den religiöfen Denkweifen und
Lehrarten des apobolifchen Zeitalters ableiten und ver-
behen zu wollen, und fobald man die Nichtigkeit der
Behauptung, es läge bei den Apologeten lediglich eine
formale Rationalifirung irgend welcher urchriblicher An-
fchauungen vor, durchfehaut hat, erfcheint zunächft
ihr Chribenthum als identifch mit der fog. idealibifchen
Metaphyfik und Ethik des Zeitalters, nur dafs die gemeine
mythologifche Grundlage durch eine andere erfetzt ib.
Diefer Eindruck erhält lieh um fo reiner, als dem Chriben-