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Ausgabe:

1878

Spalte:

612-613

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zimmer, Friedr.

Titel/Untertitel:

Johann Gottlieb Fichte’s Religionsphilosophie nach den Grundzügen ihrer Entwicklung dargestellt 1878

Rezensent:

Pünjer, Bernhard

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Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 25.

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liehen Streben aller Achtung werth waren, aber in dem,
was ihrer Wirksamkeit nachgerühmt wird, ift doch des
Guten zu viel gefchehen. — Und nun gar bei dem ,re-
ligiös-littlichen Gebiet'. Hier kommt es fo zu flehen,
als ob kaum noch etwas wäre zu beffern gewefen. Die
religiöfe Volksunterweifung war eine vortreffliche. Es
gab eine Reihe von deutfehen Bibelüberfetzungen, es
ward viel gepredigt, wie die Predigtfammlungen und die
Synodalacten beweifen. Aber waren jene Verdeutfchungen
dem deutfehen Volke auch verftändlich? Warum jauchzte
es dann fo auf, als Luther die Bibel in feiner Sprache
zu ihm reden liefs ? Die vielen Predigtgebote auf den
Synoden beweifen noch nicht für den Vollzug; eher
dagegen. Doch es fei zugeftanden, dafs damals viel
mehr gepredigt ward, als man gewöhnlich annimmt.
Aber was ward gepredigt? Wer die noch vorhandenen
Predigtbücher der Zeit einfieht, bekommt wahrlich keinen
hohen Begriff von der damit gegebenen Volksunterweifung
und Erbauung. Von einem neuen Auffchwung
der Scholaflik ift die Rede und wird S. 87 behauptet,
,dafs auch auf theologifchem Gebiete derfelbe Eifer entwickelt
und ein ähnlicher Erfolg errungen wurde, ,wie
auf dem Gebiete der klaffifchen Studien'. Wahrlich, es
gehören eigene Vorftellungen von chriftlicher Theologie
dazu, um das Treiben der damaligen Scholaftiker als ein
Wiederaufblühen theologifcher Wiffenfchaft bezeichnen
zu können. Ganz befonders wird immer wieder betont
: ,die wunderbare Entfaltung des geiftigen Lebens
jener Zeit war nur möglich durch die alle Gemüther
beherrfchende Lehre der Kirche von den guten Werken
', S. 7, 149, 150, 590. Dafs der Satz, die Werke
der Chriften feien verdienftlich, viel wirkte, ift richtig
; aber ob. nur hierdurch die gerühmten Leiftungen
möglich waren, ift fehr fraglich; und jedenfalls ift ge-
wifs, dafs jener Satz nach der Schrift eine grobe
Irrlehre enthält und dafs deshalb jene Leiftungen, wie
gleifsend fie auch fein mochten und in wie guter und
redlicher Abficht auch viele Einzelne fie vollbrachten,
auf einem faulen Grunde ftehen. Der Schlufs von ihnen
auf einen hohen fittlichen Zuftand der Bevölkerung ift
ein ganz verkehrter. Nach den ftatiftifchen Berichten
werden noch heutzutage auf Grund jener Irrlehre in
den katholifchen Kreifen Ober- und Niederbayern ganz
unverhältnifsmäfsig gröfsere Summen für Kirchenftiftun-
gen jährlich verwendet, als in den proteftantifchen Kreifen
Ober- und Mittelfranken. Aber kein vernünftiger
Mann wird daraus fchliefsen, dafs in jenen der Stand
des religiöfen und fittlichen Lebens ein entfprechend
höherer fei als in diefen.

Doch genug davon, bis fehlt hier an Raum, um
zu zeigen, wie überall die Darftellung eine fchiefe, ja eine
verdrehte ift. Stoff gäbe es in überreicher Fülle. Auch
proteftantifcherfeits ift nun ausgefprochen worden: ,Die
Ehre eines. Hiftorikers wirdjanffen Niemand weigern, fo
wenig wir auch die Tendenz feiner hiftorifchen Thätig-
keit theilen'. Ich. kann dem nicht zuftimmen. Belefen-
heit, und fei fie noch fo grofs, macht noch keinen Hi-
ftoriker. Eine folche Befangenheit in Tendenzen, welche
es nur zu gefchichtlichen Zerrbildern kommen läfst,
fchliefst von den ,Ehren eines Hiftorikers' aus. Der
Verfaffer des vorliegenden Werkes fleht ganz auf einer
Linie mitden,Hiftorikern'der Hiftorifch-politifchenBlätter;
und der wiffenfchaftliche Werth feiner Arbeit ift gerade
fo grofs wie der der gefchichtlichen Auffätze in den
gelben Blättern.

Erlangen. G. Plitt.

Hoff mann, Superint. Lic. Carl, Leben und Wirken des
Dr. Ludwig Friedrich Wilhelm Hoffmann. Mit dem Bild-
nifs des Verfaffers (in Lichtdr.). 1. Hälfte. Berlin
1878, Wiegandt & Grieben. (VII, 175 S. gr. 8.) M. 2.50.
Die Biographie eines Mannes, der in den verfchie-

denften Stellungen Jahrzehnte lang in die Bewegungen
der evang. Kirche mit eingegriffen hat, und deffen Name
in Süd- und Norddeutfchland gleich bekannt ift, darf
fchon um des Gegenftandes willen auf allgemeine Theil-
nahme rechnen. Dafs es der Sohn ift, der hier dem
Vater ein Denkmal fetzt, dafs demzufolge die Darfteilung
von einem Plauch pietätvoller Wärme durchdrungen
ift, gereicht derfelben ficherlich nicht zum Schaden, und
fchon nach Beendigung der Leetüre diefes erften Bandes
wird es jeder Lefer dem Verf. gerne bezeugen, dafs es
ihm gelungen fei, ,das von der Gnade Gottes durch-
ftrahlte Leben des Vollendeten in einem Nachfchimmer
wieder aufleben zu laffen'. In 7 Abfchnitten behandi :1t
der vorliegende Band Hoffmann's Leben und Wirken bis
zu feinem Abfchiede von Bafel im Sommer 1850. Die
im Vergleich zu andern Abfchnitten ausführliche Schilderung
des ,väterlichen Haufes' ift durch den beftim-
menden Einflufs motivirt, den Hoffmann's Vater, der
Gründer von Kornthal, auf den Sohn ausgeübt, und die
treffliche Charakteriftik diefes Mannes ift eine der an-
ziehendften Epifoden des Buches. In die Darfteilung des
Jugendlebens und der Schuljahre' ift ein intereffantes
Stück Selbftbiographie eingefügt, das H. 1852 in der
Chriftoterpe veröffentlicht hat, fowie ein Auszug aus
einem Nachruf feines Jugendfreundes Pfarrer Blumhardt
in Boll, während fonft die Quellen über diefen Zeitraum
fpärlicher fliefsen. Auch über die Jahre der Hoch-
fchule' fcheint dem Biographen nicht viel fpecielles Material
zu Gebote geftanden zu haben, obwohl H. in
nahem Verkehr mit einer Anzahl nachmals viel genannter
Commilitonen — Straufs, Vifcher, G. Pfitzer, K. Fi-
fcher u. a. — geftanden hat. Mit dem ,Eintritt ins geift-
liche Amt' wird die Darftellung wieder eingehender.
Das Vicariat in Heumaden, das H. im December 1829
antrat, ift in doppelter Beziehung für feine fpätere Ent-
wickelung entfeheidend geworden durch ein inneres Er-
lebnifs, das feine Glaubensftellung befeftigt hat und durch
den Beginn der grofsen geographifchen Arbeiten, die
auch durch H.'s Berufung zum Repetenten in Tübingen
und das darauf folgende halbjährige Vicariat in Stuttgart
nicht unterbrochen wurden. Der folgende Abfchnitt
fchildert das ,Pfarramt in Winnenden', in welchem fich
H. als Seelforger an der neubegründeten Irrenanftalt
Winnenthal ein neues Feld der Wirkfamkeit öffnete.
Die Grundfätze, nach denen er in wefentlicher Ueber-
einftimmung mit dem bekannten Leiter der Anftalt, Dr.
Zeller, die Kranken behandelte, werden an einzelnen, von
ihm felbft aufgezeichneten Krankengefchichten illuftrirt.
In diefe Zeit fällt auch die umfangreichfte thcol. Schrift
H.'s, feine Kritik des Lebens Jefu von Straufs. Die aus-
führlichfte Behandlung aber ift felbftverftändlich dem
,Miffionsmann' gewidmet. Denen, die H.'s ,Abfchieds-
wort an den Kreis der ev. Miffionsgefellfchaft zu Bafel'
kennen, begegnet in diefem Abfchnitt vielfach Bekanntes
. Doch find die von H. felbft gegebenen Grundzüge
feiner 11jährigen Wirkfamkeit im Dienfte der Miffion
durch Auszüge aus Briefen, Reifeberichten und Tagebüchern
vielfach in willkommener Weife ergänzt. Mit
einem Rückblick auf H.'s ,perfönliches und häusliches
Erleben' fchliefst diefer erfte Band der Biographie, deren
Fortfetzung hoffentlich nicht allzu lange auf fich warten
laffen wird.

Nuffe. H. Lindenberg.

Zimmer, Dr. Friedr., Johann Gottlieb Fichte's Religionsphilosophie
nach den Grundzügen ihrer Entwickelung
dargeftellt. Berlin 1878, Schleiermacher. (IX, 214 S.
gr. 8.) M. 4- —

Läfst die Religionsphilofophie eines Denkers niemals
fich darftellen ohne Berückfichtigung feines gefamm-
ten philofophifchen Syftems, fo ift das vor allem unmöglich
bei Pichte. Denn bei keinem Philofophen fleht das