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Ausgabe:

1878 Nr. 25

Spalte:

604-606

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Friedländer, M.

Titel/Untertitel:

Patristische und talmudische Studien 1878

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 25.

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Nachdrücklich aber müffen wir dagegen proteftiren, dafs
er das kritifche Problem immer wieder in einem gänzlich
fchiefen Lichte dargeftellt hat. Für ihn giebt es
nach wie vor nur die Alternative: Entweder jefajanifch
oder das Werk eines Betrügers. ,Man ftelle fich nun
vor, der Verf. unterer Capitel fei ein Zeitgenoffe des
Kores gewefen' und habe diefe Weisfagung nur fin-
girt, fo wäre das doch eine nichtswürdige Comödie'
(S. XXIII). Man wird es müde, diefem und ähnlichen
Ausbrüchen des apologetifchen Uebereifers immer wieder
zuzurufen: Deuterojefaja, nicht Pfeudojefaja! Dafs die
auf Cyrus und das Exil bezüglichen Stellen Weisfagungen
und nicht einfache Beziehungen auf den zeitgefchicht-
lichen Thatbcftand feien, ift fehlt cht erdings nur eine
Fiction, auf die man niemals gekommen fein würde,
wenn nicht eine uralte Tradition auf Cap. 39 Cap. 40
als Beftandtheil desfelben Buches folgen liefse. Merkwürdig
ift dabei dif Behauptung des Verf.'s (S. XXII),
man habe die talmudifche Anordnung: Jeremias, Ezech.,
Jefaja daraus erklärt, dafs Jefaja wegen feines am Ende
des Exils verabfafsten zweiten Theiles nach Ezechiel ge-
ftellt worden fei. Vielmehr hat man aus jener talmu-
difchen Anordnung nur das zu fchliefsen, dafs bei der
Voranftellung des Jefaja irriger Weife auch die grofse
anonyme Schrift, die bis dahin felbftäridig zwifchen Jefaja
und den kleinen Propheten geftanden hatte, zu
Jefaja gefchlagen und mit vor Jeremia geftellt wurde.
Diefe einfachfte und unteres Wiffens von allen Gegnern
derAuthentie des Deuterojefaja getheilte Annahme fcheint
dem Verf. ganz unbekannt zu fein. Dagegen ift er fich
deffen wohl bewufst, dafs der Inhalt des Deuterojefaja
nicht fo recht zu obigem Kanon pafst, nach welchem
echte Weisfagung und fpecielle Prädiction verfchiedene
Dinge find. Der Name Cyrus zwar ift ,nicht ein Name !
wie jeder andere', nicht ein ,kleiner Nebenpunkt, den !
man aus der Ferne nicht fehen kann' (S. XXIV). Trotz-
alledem ift diefer Name doch auch für den Verf. ein
recht fataler Anftofs, und S. XXIVb wird es nicht für
unmöglich erklärt, dafs Cap. 44, 28 an der Stelle von
'iniDb ein anderes Wort ftand, 45, 1 aber derfelbe Name
eingefchoben fei. Freilich bleiben auch dann noch eine
Anzahl Stellen, über welche das wiffenfehaftliche Ge-
wiffen des Verf.'s nicht hinwegkommen kann. Da hilft
denn wieder das alte probate Recept, vor welchem jede
Schwierigkeit in ihr Nichts zerfliefst. ,Wenn nun doch
einzelne Stellen in den letzten Capiteln die Spuren exi-
lifchen Urfprungs unverkennbar an fich tragen, fo müffen
fie fpätere Zufätze zu der urfprünglichen Schrift des
Jefaja fein' (S. XXV). Ergo werden Cap. 64, 9—-11.
65. 3b—5"' 65, 11 f., 25. 66, 3b — 6. 66, 17 ,mit Be-
ftimmtheit' für Einfchaltungen erklärt und zwar find dies
nach dem Verf. ,nur die am deutlichften als interpolirt
erkennbaren'. Mit andern Worten: man nehme lieber
den Text für gefälfeht, fobald er fich einer ihm gänzlich
fremden Tradition nicht fügen will, als dafs man
die Tradition nach dem klaren Wortlaut des Textes
berichtige! Im apologetifchen Intereffe darf man die
Achtung vor dem überlieferten Schriftwort getroft aus
den Augen fetzen. Ein folches Argument endlich, dafs
der Deuterojefaja nicht in einer Zeit entftanden fein
könne, ,wo das Hebräifche bereits im Begriff war, als
lebende Sprache zu verfchwinden' (S. XXVII), hätte fich
Nägelsbach der Grammatiker nicht geflatten follen.
Eine Sprache, die noch mehrere Jahrhunderte lang fo
gefchrieben wurde, wie fie uns in Esra, Nehemia, Chronik
und Daniel vorliegt, war im 6. Jahrh. noch nicht ,im
Verfchwinden begriffen'. — Anerkennung verdient die
forgfältig gearbeitete Ueberficht über die Literatur zu I
Jefaja (§ 5;. Ref. findet nur anzumerken, dafs der Her- I
borner Nachdruck des Vitringa nicht 1713, fondern
I7L5—22 erfchien; von Ewald's Bearbeitung des Jefaja |
fehlt die zweite Ausg. von 1867. — Ueber exegetifche
Einzelheiten mit dem Verfaffer uns auseinanderzufetzen,

verbietet leider der Raum diefes, Blattes. Die den einzelnen
Abfchnitten vorangefchickte Ueberfetzung beruht
fichtlich auf dem Streben nach einem möglichft treuen
Anfchlufs an den Wortlaut und felbft die Wortfolge
des Originals; auch den ,exegetifchcn Erläuterungen'
mufs gründliche Erwägung des Contcxts und im Allgemeinen
guter exegetifcher Tact nachgerühmt werden.
Nur wird Ref. nicht der Einzige fein, den die ganz neue
Auslegung von 7, 14 mit Staunen erfüllt hat. Nach dem
Verf. mufs-hier ,das ganze Haus Achas mit Schrecken
die Schande erleben, dafs eine der Prinzeffinnen, die
gegenwärtig war, vor den Ohren des ganzen Plofes als
fchwanger bezeichnet wird' (S. I02h). Wie—■ dem Propheten
unbewufst — ,ein fo unheiliger Vorgang zum
Typus der heiligften Thatfache der Gefchichte gemacht
werden' konnte, das will S. 104 f. im Zufammenhang
nachgelefen fein. Wir begnügen uns hier nur noch mit
dem Hinweis auf den beachtenswerthen Verfuch des
Verf.'s, bei dem fchwierigen Problem von der Bedeutung
des ,Knechtes Jahve's' zwifchen den typifchen Ge-
ftalten des Volkes Israel und des Prophetenthums einer-
feits, fowie (Cap. 49—57) des ,perfönlichen Knechtes
Jehovas' anderfeits zu fcheiden. — Die nach dem Plan
des Bibelwerks jedem Abfchnitt beigefügten ,dogmati-
fchen und ethifchen Grundgedanken' enthalten ein fehr
reiches Material, zumeift aus Cramer, Förftcr und Starke,
aufserdem auch aus Hieronymus, Theodoret, Luther, Veit
Dietrich, Heim und Hoffmann, in den letzten Capiteln
aus Leigh. Die homiletifchen Andeutungen find dagegen
in diefem Commentar meift auf ein Minimum befchränkt.
— Höchft verdienftlich ift endlich die vergleichende Zu-
fammenftellung des Wortfchatzes in den allgemein anerkannten
Abfchnitten einerfeits und den kritifch angefochtenen
anderfeits (S. 767—92). Das Verdienft diefer
ebenfo mühfamen, wie gründlichen Unterfuchung wird
dem Verf. auch dann ungefchmälert bleiben, wenn er
wird erleben müffen, dafs man aus feinem Material (bef.
in Betreff des Deuterojefaja) den feinigen entgegengefetzte
Folgerungen zieht.

Bafel. E. Kautzfeh.

Friedländer, Dr. M., Patristische und talmudische Studien
. Wien 1878, Holder. (VIII, 148 S. gr. 8.)
M. 3. 60.

Der Verfaffer hat in diefem Buche drei Abhandlungen
vorgelegt: Mofes und Plato (S. I—48), Judenthum
und Chriftenthum (S. 49—79), Juftin's Dialog mit dem
Juden Tryphon (S. 80—137). 1° der erften ftellt er die
Beobachtung auf, dafs die kirchliche Dogmatik der erften
Jahrhunderte aus dem Bunde zwifchen Mofes und Plato
entftanden ift und dafs die Heidenkirche ihren Sieg
wefentlich der Befchlagnahme des A. T. und der Pla-
tonifirung desfelben zu danken hat. Denn die monftröfe
Philofophie, welche fo entftand, habe die Zauberformeln
enthalten, welche die Herzen der offenbarungs- und
erlöfungsfüchtigen Menge und die Köpfe der gedanken-
lofen philofophifchen Dilettanten befriedigte. Es ift zu
erwarten, dafs ein Gelehrter, ausgerüftet mit patriftifchen
und talmudifchen Kenntnifscn, jener Beobachtung nach
irgend einer Seite nachgehend vieles im Detail noch
Unbekannte und Werthvollc uns mitthcilen wird, und
man wird einem jüdifchen Forfcher nurDank wiffen, wenn
er auch heute noch nicht theilnahmlos der Behandlung zu-
fehen will, welche das A. T. und das Judenthum in jener
Epoche erlitten hat, in welcher fich das katholifch-kirchli
che Selbftbewufstfein und die chriftliche Theologie ausbildete
. So lange man die ältere Dogmengefchichte als
die immanente Entwicklung einer eigenthümlich chrilt-
lichen Gnofis zu befchreiben fortfährt und im beften
Falle einen flüchtigen Seitenblick auf die noch unvollkommene
exegetifche Methode, fowie auf die platonifchcn
Anwandelungen der KW. wirft, kann man es nur will-