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Ausgabe:

1878 Nr. 2

Spalte:

37-38

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grundlehner, Fred. Hendr. Joh.

Titel/Untertitel:

Johannes Damascenus 1878

Rezensent:

Herrmann, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 2.

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den Glauben. Der Glaube conflatirt an ihnen, dafs,
fo lange fie gegolten haben, auch die wahre Chriftenheit
nicht untergegangen gewefen fein kann, weil fic ja doch
von Chrifto zeugen. Und wie wichtig war da doch die
Abfichtlichkeit und Oecumenicität diefes Zeugnifses von
Chrifto! Was Luther vermöge religiöfen Urtheils feft-
gcftellt hat, das ift ja auch gefchichtlich zu bewähren.
Es ift in der That zu conftatiren, dafs der chriftliche
Glaube darum noch nicht untergegangen gewefen ift,
dafs in den Zeiten vor Luther eine correcte Lehre
nirgends vorhanden gewefen. Bei aller Verkümmerung
der bewufsten Erfaffung des Chriftenthums, bei aller
Unzulänglichkeit der Reflexion auf das Wefen des
Heiles, das in Chrifto geboten, hat fich doch der echte
biblifche Heilsgedanke mannigfach bewahrt. Es ift der
Beweis zu erbringen, dafs doch diejenigen Thatfachen
der inneren Erfahrung, auf welche man fich im letzten
Grunde ftützt, auch in der griechifchen und römifchen
Kirche keine andern find, als die durch das N. T. legi-
timirten. Indefs wenn auch diefer Beweis nicht zu erbringen
wäre, fo hätte doch Luther's religiöfes Urtheil
als folches Recht, fo würde noch immer zu Recht be-
ftehen, dafs vor Anderem die alten Symbole für den
Glauben ein Beweis find für das Vorhandenfein von
evangelifchem Glauben in jeder Epoche der Kirche und
demgemäfs für die wahre Katholicität und ftetige kirchliche
Continuität des Proteftantismus.

Es eröffnet fich uns an der Hand Luther's eine
ganz andere und doch der Thomafius'fchen nicht überhaupt
entgegengefetzte Betrachtung der Dogmengefchichte.
Luther's religiöfes Urtheil über die alten Symbole wird
uns nicht länger für die gefchichtlichc, empirifche
Deutung diefer Formeln feffeln. Aber es wird uns im
rechten Sinne doch auch ein Wegweifer fein. Wir
brauchen nicht der vorlutherifchen Dogmengefchichte den
Zwang anzuthun, fie nach dem Mafsftabe der lutheri-
fchen Dogmatik zu deuten und zu meffen. Wir können
alle Zeiten der Kirche aus ihren eigenen Intereffen heraus,
fowie die Quellen uns diefelben erkennen laffen, begreifen
und brauchen nicht Alles aufzureihen an dem imaginären
Faden der einen, continuirlichen ,Bekenntnifsbildung'.
Aber wir verlieren doch auch nicht den Blick für die
hinter allen Differenzen der Theologie und der Glaubens-
bekenntnifse als articulirter Lehrfummen fortgehende
Einigkeit im Geifte, in der die ,Gemeinde der Heiligen'
zu allen Zeiten und in allen Confeffionen Beftand
gehabt hat.

Göttingen. F. Kattenbufch.

Grundlehner, Fred. Hendr. Job., Johannes Damascenus.

Academisch proefschrift. Utrecht 1876, Kemink &

Zoon. (XI, 255 p. gr. 8.)
In dem erften Theile feiner Schrift (S. 5— 57) erzählt
der Verf. das Leben des Joh. Dam. Er legt dabei die
Lebensbefchreibung zu Grunde, welche den Namen eines
Joh. von Jerufalem trägt, und, wahrfcheinlich in der
zweiten Hälfte des IO. Jahrhunderts verfafst, neben pane-
gyrifchen Auswüchfcn doch auch eine nicht ganz un-
kritifche Benützung arabifcher Quellen verräth. (Der
Verf. beruft fich für diefes Urtheil auf c. 3 und c. 39.)
Die hier überlieferte Nachricht, dafs Joh. am Hofe von
Damaskus eines der höchften Staatsämter bekleidet habe,
nimmt er gegen den Zweifel Landerer's in Schutz. Freilich
die Acten des 7. oec. Concils, auf welche er fich beruft
, beweifen dafür nichts. Denn feine Nichtachtung der
Schätze Arabiens konnte Joh. bei feinem Uebertritt in
das Mönchsthum an den Tag legen, ohne gerade Proto-
fymbulos des mohammedanifchen Fürften gewefen zu fein.
Ueberhaupt wird man von "den forgfältigen Bemühungen
des Verf.'s, die bisher bekannten ficheren Daten über
das Leben feines Helden zu ergänzen, doch nur den Eindruck
gewinnen können, dafs die Unficherheit der Ueber-

lieferung nur für Vermuthungen Raum läfst. Dagegen
gelingt es ihm, die Erzählung eines Menologiums, welcher
die Bollandiften und auch noch Landerer gefolgt waren,
dafs Joh. in dem Kampfe für die Bilder fich fogar auf
den Boden des byzantinifchen Reichs gewagt habe, als
legendenhaft zu erweifen (S. 48 ff.) — Im zweiten Theile
der Schrift wird über die literarifche Thätigkeit berichtet,

I welche Joh. als fyftematifcher Theolog, als Apologet,
als Homilet und Hymnolog entfaltet hat. Aus den forgfältigen
Analyfen des Verf.'s erfieht man auf's Neue, wie
abhängig Joh. von feinen Autoritäten aus dem 4. Jahrh.

, ift. Aber es hätte wohl fein Unterfchied von diefen deutlicher
hervortreten können. Wenn man fich erinnert wie
fich im 4. Jahrh. die trinitarifchen und chriftologifchen Spe-

; culationen auf der breiten Bafis fehr beftimmter An-
fchauungen von der Erlöfung erheben, fo mufs es über-
rafchen, wie fpärlich die letzteren bei Joh. bedacht
werden. Vergleicht man aber mit der dürftigen Behandlung
des Erlöfungswerkes Chrifti die behagliche Breite,
mit welcher er von den Sacramcnten, von der Verehrung
des Kreuzes, der Heiligen, Reliquien und Bilder fpricht,
fo wird man auch vermuthen dürfen, dafs er nicht nur
an einzelnen entlegenen Spitzen des Dogma über feine

i Vorbilder hinausgegangen ift, fondern auch die bei ihnen
herrfchende Grundanfchauung vom Wefen des Chriftenthums
nicht mehr theilt. Unrichtig ift es, wenn der
Verf. S. 155 beklagt, dafs Joh. feine Soteriologie, welche
nicht ohne brauchbare Elemente fei, durch dasjenige
entftellt habe, was er über die fübjective Erwerbung
des durch Chriftus ermöglichten Heils lehre fvergl. S. 115).
Was nämlich S. 109 ff. als fogenannte Anthropologie
des Joh. mitgetheilt wird, die Aufgaben, welche er
dem freien Willen des Menfchen zumuthet, das fleht wie
bei allen feinen Vorbildern nicht in Widerfpruch mit
ihren Gedanken von der Erlöfung, fondern ift die auf
dem Boden des Chriftenthums nothwendige Ergänzung
derfelben. Der Hauptmangel des Buches tritt in der Bemerkung
hervor (S. 91), es fei merkwürdig, dafs Joh.
die methaphyfifch.cn Eigenfchaften Gottes vor den ethi-
fchen bevorzuge und dafs er trotz des negativen Gottes-

1 begriffs eine fpeculative Elntwickelung der Trinitätslehrc

', liefere. Das kann doch Niemanden überrafchen, der fich
der vom Verf. felbft aufgeführten Autoritäten des Joh.

1 erinnert. Den gefchichtlichen Beziehungen feines Gegen-
ftandes hat der Verf. keine bedeutende Aufmerkfamkeit

} zugewendet.

Halle. W. Herrmann.

i Pellikan, Konr., Chronikon. Zur 4. Säcularfeier der Uni-
verfität Tübingen hrsg. durch Pfr. Lic. Dr. Bernh.
Riggenbach. Bafel 1877, Bahnmaier. (XLII, 198 S.
gr. 8.) M. 7. 20.

Das Chronikon Pellikan's ift nicht etwa eine jahrweife
Aufzeichnung der Zeitereignifse, fondern eine, in
recht fchlechtcm Latein gefchriebene Selbftbiographie, in
j deren Verlauf er gelegentlich auch einige Zeitereignifse
I erwähnt. Er verfafste fie im J. 1544 für feine Söhne
I und deren Nachkommen als ein urfprünglich nicht
zum Druck beftimmtes Familienerbftück. Die Quellen,
deren er fich bediente, find theils Aufzeichnungen eines
Oheims, deffen Vorgang ihm überhaupt die erfte*Anregung
zu feinem Thun gab, theils eigne tagebuchartige
Niederfchriften. So können feine Mittheilungen in be-
I deutendem Grade Glaubwürdigkeit beanfpruchen, nur in
| der Chronologie der öffentlichen Begebenheiten ift der
Verf. hie und da etwas in Verwirrung gerathen, vgl.
z. B. S. 77 und 116 ff. Von befonderem Werthe ift
derjenige Theil des Chronikons, in welchem P. fein Leben
bis zum Austritt aus dem Klofter erzählt. Da findet
der Lefer fehr belehrende Angaben über die kirchlichen,
! wiffenfehaftlichen und gefellfchaftlichen Zuftände in
: Deutfchland und theilweife auch Italien um die Wende