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Ausgabe:

1878 Nr. 24

Spalte:

591-593

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schweizer, Alexander

Titel/Untertitel:

Die Zukunft der Religion 1878

Rezensent:

Lipsius, Richard Adelbert

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5Qi Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 24. 502

Tage crfchienen 101 Geiftliche, 52 Laien und 15 Stu-
dirende der Theologie, foweit man fehen kann, alle der
General Synod und dem General Council angehörig, überhaupt
aus einem verhältnifsmäfsig befchränkten Gebiete
des Oftens kommend. Die Verfammlung hörte
13 Vorträge über folgende Gegenftände an i 1. Tlic Augsburg
Confession and ihe Thirty-Nine Articles of the Ang-

fchenartige Zweckmäfsigkeit der Natur alle Beachtung,
fo gilt dies in noch höherem Grade von dem dritten
Abfchnitte, ,die Idealwelt' überfchrieben. Abermals in den
Spuren A. Lange's weitergehend, führt Schweizer aus,
dafs das Gebiet der Naturforfchung wie alles exactcn
Wiffens überhaupt nur die Erfchcinungswelt fei, über
welche auch Logik und Erkenntnifstheorie nicht hinaus-

lican ChUrch; 2. The Relalions of the Lutheran Cliurch können; eben darum aber erfordere die Wiffenfchaft
to the Denominations around us; 3. The Foicr General Bo- eine nothwendige Ergänzung durch die Erhebung zu den
dies of the Lutheran Cliurch in the United States: wherein Idealen. Während nun aber Lange einestheils über den
Ihey agree and wherein tliey might liarmoniously cooperate; blofsen Dualismus zwifchen empirifcher und idealer Be-
4. The History and Progress of the Lutheran Church in ' trachtung niemals hinauskomme, anderenteils die objec-
tlie United States; 5. Education in the Luth. Ch. in the J tive Wirklichkeit der Idealwelt im Zweifel laffe, fucht
U. St.; 6. The interests of the Luth. Ch. in America as Schweizer beiden Mängeln durch die Annahme abzu-
affected by Diversities of Language; 7. Misundcrstandings helfen, dafs wir nur mitteilt unferer Idealwelt zu den
and Misrepresentations of the Luth. Ch.; 8. The Charac- j Dingen an fich einen Zugang finden, der unferem nur
teristics of the Augsburg Confession; 9. True and false ; auf die Erfcheinungswelt gerichteten Erkennen verfagt
Spirituality in the Luth. Ch.; IO. LJturgical Forms in ift. Die Production der Ideale, diefer vom Erkennen der
Worship; 11. Theses on the Lutheranism ofthe Fathers ofthe ' Erfcheinungswelt fehr verfchiedene pfychologifche Vor-
Church in this Country; 12. The Divine and Human Fac- gang, erkläre fich, wie Schweizer mit E. v. Hartmann be-
tors in the Call to the Ministerial Office, acr.ording to the merkt, Schwerlich ohne Beziehung auf jene Dinge an
Ohler Lutheran Authoriiics; 13. The Educational and Sa- , fich, welche fowohl unfere Erfcheinungswelt als unfere

cramental Ideas of the Lutheran Church, in relation to
Practical Picty. Än eine Erfchöpfung diefer Themata
kann natürlich wie bei allen folchen Vcrfammlungen

Subjectorganifation für einander begründen'. In diefen
,Dingen an fich', die gröfsere Analogie haben mit Ideen
als mit Urelementen, habe aber die Gottesidee ihre

nicht gedacht werden, aber den Anwefenden ward viel ; Quelle, und in ihnen liege auch die Ueberwindung des
Anregung dadurch geboten und auch für uns in Deutfch- j Dualismus einer wirklichen und einer faft blofs gedichteten

land enthält der Bericht foviel über amerikanifche Ver
hältnifse Aufhellendes, dafs der Befitz desfelben wenig-
ftens für die Univerfitäts-Bibliotheken zu wünfehen wäre.
Der Vortrag Nr. 4 wäre fehr wohl zu einer deutfehen
Bearbeitung für eine Zeitfchrift oder Kirchenzeitung geeignet
.

Die in brüderlichem Tone geführten Verhandlungen

Welt, fofern beide Erzeugnifs desfelben Urgrundes und
darum in ihrem Grunde Eins feien. Dabei hält Schweizer
aber mit Lange entfehieden daran feft, dafs die religiöfen
Ideale nur Symbole und Andeutung einer höheren Wahrheit
feien, alfo nicht gleich Erkenntnifsen der Erfcheinungswelt
betrachtet werden dürfen.

Mit Freuden erkennt Ref. in diefen Ausführungen

erfüllten die Anwefenden mit folcner Befriedigung, dafs | wefentlich diefelben Anfchauungen wieder, welche er

einftimmig die Wiederholung eines folchen freien Kir
chentages befchloffen ward.

Erlangen. G. Plitt

Schweizer, Alexander, Die Zukunft der Religion. Leipzig
1878, Hirzel. (IV, 67 S. gr. 8.) M. 1. 20.

Dem hochgeehrten Verf. gebührt Dank dafür, dafs
er diefe zuerft in der Zeitfchrift für wiffenfehaftliche
Theologie abgedruckte Abhandlung, jetzt überarbeitet

und ergänzt, dazu mit einem geharnifchten Vorworte j mulirung jenes Unterfchieds zugeben, wenn man fie in

felbft wider mancherlei Gegnerfchaft ,nach Rechts und
nach Links' zu vertreten hatte. Auch den Punkt hat der
Herr Verfaffer gewifs richtig getroffen, in welchem die
Ergebnifse Lange's nicht genügen. Wie auch Ref. an
einem andern Orte gezeigt hat, fo find nach Lange uie
religiöfen Ideale lediglich Dichtungen, die fich von Hirn-
gefpinnften nur durch ihren Werth ,für die harmonifche
Befriedigung unferes Gemüthes' unterfcheiden, wenn fie
ihm dann auch wieder andererfeits als Stellvertretung der
unbekannten Wahrheit gelten. Nun kann man die For-

ausgeftattet, einem weitern Kreife darbietet. Ein mann- j dem Sinne verficht, dafs das Bedürfnifs einer harmonifchen
haftes Wort gegen den ,naturforfchlichen' Materialismus I Befriedigung unferes Gemüths uns nöthige, eine objective
und den gedankenlofen Leichtfinn, mit welchem er über I Realität zu ftatuiren, die in jenen Ideen einen nothwen-
die Religion abfpricht, findet gerade heut eine befonders I digen, wenn auch immer nur bildlichen Ausdruck finde.
guteStatt. Unter den religionsfeindlichen Stimmen, welche | Dann kann man aber nicht mehr fagen, dafs jene Ideen

der erfte Abfchnitt verzeichnet, ift, wenn auch nicht die
am häufigften vernommene — denn die Socialdemokratic
zählt nach hunderttaufenden — fo doch die bedeutendfte
die der materialiftifchen Naturforfchung, oder beffer Na-
turphilofophie. Indem ein zweiter Abfchnitt den ,Werth

,blolse Dichtungen' feien, denen gar nichts ,Wirkliches'
zu Grunde liege. Schweizer hat alfo Recht mit der Forderung
, dafs wir durch die religiöfen Ideale, wenn fie
mehr als eine wenn auch fubjectiv nothwendige Dichtung
fein follen, mit dem der Wiffenfchaft unzugänglichen

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diefer Stimmen' beurtheilt, ftellt fich der Verf. den dop- ! Sein in Zufammenhang flehen muffen. Eben diefen Zu

pelten Nachweis zur Aufgabe, ,theils dafs die Natur-
wiffenfehaft fammt empirifcher Gefchichtsforfchung für
fich allein unfähig fei, die ganze, dem Menfchengefchlecht
vorfchwebende Idee der Wiffenfchaft und Cultur zu ver-

fammenhang fpricht ja aber der religiöfe Glaube als eine
Thatfache innerer Erfahrung aus, wenn er eine unmittelbare
Berührung des menfehlichen Geifteslebens mit feinem
göttlichen Urgründe, oder eine unmittelbare Offenbarung

wirklichen, theils dafs eine ideale Aufgabe gelöft werden j des göttlichen Geiftes im Menfchcngeifte behauptet

mufs, die noch wichtiger ift, als das Erkennen der Naturwelt
'. Mit A. Lange erblickt er im Materialismus eine
unfere ganze Cultur bedrohende Gefahr; die theoretifche
Widerlegung desfelben unternimmt er ebenfalls im An-
fchluffe an Lange, indem er ihm innerhalb des Gebietes
der empirifchen Forfchung fein volles Recht ganz und
unverkümmert zuerkennt, andererfeits aber feine Grenzen
aufweift, und neben ihm dem Gebiete der Ideale feinen
höhern Werth für unfere Cultur vindicirt. Verdienen
fchon in dem zweiten Abfchnitte die Bemerkungen über
die Entwickelungslehre und über die freilich nicht men-

Andererfeits ift aber die Thatfache diefer Wechfelbe-
ziehung zwifchen Gott und den Menfchen gerade das der
Religion zu Grunde liegende myftifche Element, welches
fich jeder Verftandesanalyfe entzieht und eben darum auch
niemals zum Objccte eines eigentlichen Verftandesbewei-
fes gemacht werden kann. Hier heifst es eben credo ut
intelligam. Wenn alfo unter jener unmittelbaren Beziehung
unferer Idealwelt zu den ,Dingen an fich', welche
Schweizer behauptet, eben jene dem Glauben als Er-
fahrungsthatfache gewiffe unmittelbare Beziehung auf den
Urgrund unferer Erfcheinungswelt gemeint fein foll, kann