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Ausgabe:

1878 Nr. 2

Spalte:

589-590

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Karsch, Die stigmatisirte Nonne Catharina Emmerich zu Dülmen. Eine Wundergeschichte aus dem 19. Jahrhundert 1878

Rezensent:

Fay, Friedrich Rudolf

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589

Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 24.

Druffel, Aug. v., Herzog Herkules von Ferrara und feine
Beziehungen zn dem Kurfürften Moritz von Sachfen
und zu den Jefuiten. [Aus: ,Sitzungsber. d. k. bayer.
Akad. d. Wiff. 1878'.] München 1878, Akadem. Buchdruckerei
v. F. Straub. (51 S. gr. 8.)

Die Abhandlung foll für den Herzog Herkules und
feine Gemahlin, die bekannte franzöfifche Königstochter
Renata ,das wahre Bild der Gefchichte' geben. Dasfelbe
fei nämlich entftellt durch die Jefuiten, die den Herzog
als einen ihnen ganz ergebenen Fürften feierten, und
durch evangelifche Schriftfteller, welche den Gegenfatz
zwifchen beiden Gatten ganz auf der Herzogin Liebe
zum reinen Evangelium zurückführten. Die fehr umfich-
tige und gründliche Arbeit gelangt aber doch nur zu
einem ziemlich befchränkten Krgebnifs. Des Verf.'s eigene
Schlufsworte lauten: ,Bis jetzt ift das Krgebnifs vorzugs-
weife negativer Art: Man wird beftrciten können, dafs
die religiöfe Haltung Renatens der eigentliche Grund
ihrer Quälerei durch den Gatten war, und ebenfo wird
wohl auch den Jefuiten die Luft fchwinden, künftig im
Einklang mit ihrem Stifter und ihren Gefchichtfchreibern
den Namen Herkules von Ferrara zu verherrlichen'. In
Wirklichkeit wird durch ihn nur das Bild des Herzogs,
nicht das der Herzogin verändert. Er weift nach, dafs
Herkules durchaus kein kirchlicher Fanatiker war, fondern
in erfter Linie fchlauer und berechnender Politiker,
ähnlich wie bei den Proteftanten der Kurfürft Moritz.
Die Jefuiten begünftigte er, aber damit ift lange nicht
gegeben, dafs er jefuitifch dachte und fich ganz ihnen
zur Verfügung Hellen wollte. Wenn er in fpäteren Jahren
feine Gemahlin ihres Glaubens wegen bedrängte, fo ift
einmal feftzuhalten, dafs fchon geraume Zeit vorher er
fich ihr entfremdet fühlte. Ihre franzöfifche Umgebung
und felbftändigc Familienftcllung war ihm zuwider. An-
dererfeits ift zu beachten, dafs bei jener Bedrängnifs er
fich ihres Vermögens zu bemächtigen fuchte, es alfo
feheint, dafs diefe fchmutzige Abficht ihn mitbeftimmte.
— Ueber Renata erhalten wir, wie gefagt, keine neuen
Auffchluffe, die das Urtheil über fie änderten.

Erlangen. G. Plitt.

Karsch, Med.-R. Prof. Dr., Die stigmatisirte Nonne Ca-
tharina Emmerich zu Dülmen. Eine Wundergefchichte
aus dem 19. Jahrhundert. Auf Grundlage bisher noch
nicht veröffentlichter amtlicher Aktenftücke darge-
ftellt. Münfter 1878, Brunn. (VII, 237 S. 8.) M. 2. —

Die Veranlaffung zu diefer ebenfo gründlichen, als
populär gehaltenen Schrift gab die Berliner pfeudonyme
Zeitung ,Germania'. Sie hatte nämlich bei Gelegenheit
einer Befprechung der bekannten Marpinger Vorgänge
ihren Lefern erzählt, dafs angeblich vorhanden gewefene,
der Catharina Emmerich günftige, geheime Acten
in die Berliner Archive gewandert und dort ,fpurlos ver-
fchwunden' feien (S. III). Solche geheime Acten hat
es gerade fo wenig gegeben, als die Publicationen des
Herrn von Bönninghaufen amtliche, officielle waren
(S. IV). Vielmehr ift der Sachverhalt diefer. ,Es war
eine reine Privatfache, dafs der von den Römlingen
in feiner Mannesehre angegriffene Landrath fich feiner
Haut wehrte' (S. IV). Die Acten aber, und zwar die
einzigen, die in diefer Angelegenheit abgefafst worden
waren, hatte, wie dem Oberpräfidenten von Vincke
auf fein wiederholtes Erfuchen hin durch Minifterial-
refeript vom 13- Mai 1838 mitgetheilt wurde, fchon im
Jahre 1824 ein hoher Minifterialbeamter, weil ihn ihr Ge-
genftand intereffirte, mit fich nach Haufe genommen. Bei
feinem Ableben unterlicfs man, fie zurückzufordern. ,In
feinem Nachlaffe waren fie fpäter nicht aufzufinden. Dem
Verfchwinden der Akten liegt fomit keine Abficht der
Staatsregierung zu Grunde; fie hatte wahrlich an dem

Verfchwinden kein Intereffe, wie die noch vorhandenen
und hier veröffentlichten Concepte der Akten beweifeir
(S. IV).

Aus diefen Concepten hat der Verfaffer gearbeitet
und zwar fo, dafs er 1) die kirchliche Unterfuchung
(S. I—20), 2) die weltliche Unterfuchung (S. 21 —107)
darfteilt und 3) eine Epikrile (S. 109—237) hinzufügt,
in welcher, geftützt auf das klare und deutliche Ergeb-
nifs der amtlichen Schriftftücke nach Verwerfung der
Wunder- und der mit überzeugenden Gründen gleichfalls
abgewiefenen Einbildungstheorie die ganze
Gefchichte für Schwindel erklärt wird. Wie Luife
Lateau, fo war auch Catharina Emmerich eine hy-
fterifchc, ungebildete, dem Abbe Lambert und anderen
Geiftlichen unbedingt gehorfame Perfon, die fich willig
zum Werkzeuge pfäffifcher Wundermacherei hergab. Der
Romantiker Clemens Brentano .aber, den Karfch
(S. 208—218) recht gut charakterifirt, hat die abge-
fchmackten, von Unfinn {trotzenden Viiionen des Dülmener
Nönnchens als Offenbarungen aus einer höheren
Welt gläubigen Gemüthern dargeboten. ,Dafs Brentano
felbft ein nicht unwefentlichcr Antheil an den
von ihm veröffentlichten Vifionen der Emmerich zukommt
, wie dem Pater Theoderich an den Vifionen
der h. Hildegard, kann kaum zweifelhaft fein. Die Emmerich
, die ihrer Angabe gemäfs (durch höhere Infpira-
tion) Latein verftand, fprach doch nur plattdeutfch;
Brentano fchrieb alles hochdeutfeh nieder, wobei fchon
ein Theil defshalb unficher wird, weil ihm bei dem eigen-
thümlichen Idiome manches entgehen mufste ; es ift auch
bekannt, dafs er lange genug an dem von Dülmen mitgenommenen
Schatze feilte, bevor er (1833) zur Veröffentlichung
eines Theiles desfelben fchritt' (S. 143).
Ihm, ,dem Pilger', der mit kurzer Unterbrechung fünf
volle Jahre (vom 24. September 1818 bis Februar 1824)
in Dülmen zugebracht hat, erfchien die Emmerich als
eine ,wundervolle, feligc, liebliche, liebenswürdige, bäuerliche
, einfältige, luftige, todtkrank-nahrungslofe, übernatürlichlebendige
Freundin' (S*. 118); ganz anders wird
fie dem erfcheinen, der mit Aufmerklamkeit das lehrreiche
Büchlein von Karfch lieft, das in gegenwärtiger
Zeit befonderc Beachtung verdient.

Crefeld. F. R. Fay.

First free Lutheran Diet in America. Philadelphia, Decem-
ber 27—28, 1877. The Essays, Debates and Procee-
dings. Philadelphia 1878, T. Frederik Smith. (346 S.
gr. 8.)

Die lutherifchc Kirche in den Vereinigten Staaten
von Nordamerika, die gegenwärtig etwas über 5000 Gemeinden
mit gut 2900 Geiftlichen und über 600,000
Communicanten zählt, gliedert fich bekanntlich in vier
gröfsere Gemeinfchaften {General Synod, General Synod
in North America, General Council, Synodical Conference),
neben denen noch einige kleinere Vereinigungen und
einzelne Synoden beliehen. Seit langem herrfcht viel
Uneinigkeit unter ihnen, veranlafst durch die gröfsere
oder geringere Strenge, mit der fie das Bekenntnifs zur
Anwendung bringen, und alle bisherigen Ausgleichungs-
verfuche find fehlgefchlagen. Ein neuer Verfuch in diefer
Reihe war ein zu Philadelphia im December 1877
gehaltener Kirchentag, über deffen Verhandlungen jetzt
ein vortrefflich redigirtcr Bericht vorliegt. Diefer Kirchentag
trug nicht irgendwie officiellen Charakter, fondern
war eine durchaus freie Zufammenkunft. Einzelne
Perfonen, denen die Verftändigung am Herzen lag,
hatten dazu eingeladen, alle Vorbereitungen getroffen,
die Referenten beftimmt und auf eigene Verantwortung
die mafsgebenden Regeln feftgefetzt. Kein Vortrag
follte über 45 Minuten dauern, bei den Verhandlungen
keine Rede 10 Minuten überfchreiten. Am feftgefetzten