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Ausgabe:

1878 Nr. 24

Spalte:

588

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lobstein, P.

Titel/Untertitel:

Petrus Ramus als Theologe. Ein Beitrag zur Geschichte der protestantischen Theologie 1878

Rezensent:

Plitt, Gustav Leopold

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Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 24.

588

ftimmtefte als calvinifch beglaubigten — Katechismus bezeichnet
ift und bemerkt: ,es wäre feltfam, wenn Farel,
nachdem er Calvin mit der Abfaffung des Katechismus
betraut hatte, dann ihm zu derjenigen des Bekenntnifses
die Feder wieder aus der Hand genommen und deffen
Artikel felbft aus dem Werke feines Genoffen ausgezogen
hätte, um fo mehr als diefer Auszug nicht buchftäblich
fondern dem Geifte nach gemacht worden ift'. Auch
der Titel der lateinifchen Ausgabe fcheint dem Ref. für
diefe Annahme zu fprechen: fie fafst augenfcheinlich die
beiden Schriftftücke, die im erften, franzöfifchen Druck
anonym und getrennt von einander an die Oeffentlich-
keit traten, als Ein Ganzes zufammen, indem fie dem
Katechismus die Confessio ohne weitere Bemerkung als
wieder mit dem Zufatz exscripta e catcchismo beifügt und
dem ganzen Buch den Titel voranftellt: Catechismus sive
ckristianae religionis institutio ... communibus . . Genevensis
ecclesiae suffragiis recepta .. Joanne Cahnnoau/ore.DieThat-
fache ift ja gewifs auffallend, dafs dem fiebenundzwanzig-
jährigen erft feit wenigen Monaten in Genf angefiedelten
Fremdling die Ausarbeitung eines fo wichtigen, das
ganze Gemeinwefen verpflichtenden Bekenntnifses übertragen
und damit das Schickfal jedes einzelnen Bürgers
in die Hand gegeben wird; aber fie hat doch fchon in
dem damaligen Verhältnifs Calvin's zu der Genfer Kirche
Analogien genug und ift in diefer ihrer beftimmten Con-
ftatirung nur ein neuer Zug in dem grofsartigen Bilde
feines vom erften Auftreten an und überall die geiftige
Herrfchaft von felbft in feine Hand legenden Wefens.

Die zweite einleitende Abhandlung von Dufour ift
bibliographifcher Art, eine Zufammenftellung deffen, was
über die erften evangelifchen Buchdrucker in der franzöfifchen
Schweiz 1533—1540, ihr Leben und ihre Werke
ermittelt werden konnte. Ref. mufs fleh begnügen, auf
diefe auch hiftorifch fehr lehrreichen Mittheilungen hinzuweifen
. Ebenfo mufs er die eingehendere Befprechung
des Inhaltes der beiden calvinifchen Schriften und fpeciell
des Katechismus, die ihm auch durch die Bemerkungen
von Rilliet noch nicht erfchöpft zu fein fcheint, einer
anderen Gelegenheit vorbehalten und erlaubt fleh hier
nur anzudeuten, wie diefer Katechismus lange nicht in
dem Mafse, als man auch nach jener Veröffentlichung
feines lateinifchen Textes es darzuftellen pflegt, ein blofser
Auszug aus der Institutio von 1536 ift; er berührt fleh
allerdings enge mit derfelben, hat auch, wie dies in der
eben erwähnten früheren Veröffentlichung auch durch
den Druck anfehaulich gemacht ift, ganze Abfchnitte
wörtlich aus ihr herübergenommen; in anderen Theilen
aber nimmt er ihr gegenüber auch eine felbftändige
Haltung ein, giebt die Änfätze deffen, was dann in der
fpäteren Ausarbeitung der Institutio als neu hinzugekommen
erfcheint und erweift fleh dadurch als ein nicht
unwichtiges Mittelglied in der Fortbildung der calvinifchen
Theologie und als ein neues Zeugnifs, wie raftlos
der in Calvin lebende fyftematifche Trieb an derfelben
fortarbeitete. Auch auf das Intereffe, das eine Ver-
gleichung diefes erften Katechismus von 1536 mit dem
zweiten von 1542 in diefer Hinficht bietet, kann hier
nur hingewiefen werden. Das Uebergehen folcher materieller
Erörterungen ift an diefem Orte um fo mehr
geboten, als ja diefe neue Ausgabe nur den franzöfifchen
Paralleltext zu dem fchon 1866 in den Opp. Ca/v. gedruckten
lateinifchen Text bietet und fomit inhaltlich
zu dem bereits Bekannten nichts Neues hinzufügt. Ja
dem Ref. hat fleh bei der Vergleichung der beiden Texte
wiederholt die Frage aufgedrängt, ob wir nicht trotz
der zeitlichen Priorität in der franzöfifchen Ausgabe die
Ueberfetzung und in der lateinifchen das allerdings erft
fpäter gedruckte Original vor uns haben; die Latinismen,
die diefe Annahme nahe legen, find doch gar zu zahlreich
und auffallend (nur beifpielsweife heben wir den
Satz p. 39 hervor, der über das Wefen des Glaubens
handelt: laque/le soit assuree la verite de Dieu estre tant

certaine, [lateinifch: tarn certavi esse] qu'il ne puissc ne
aecomplir point ut non possit non praestare] ce que par
sa sainete parolle il a promis quil feroit) und bei den
aus der Institutio herüber genommenen Stellen verficht
fleh ohnehin dies Verhältnifs von felbft. Dazu kommt
die directe Aeufserung Calvin's in feinem Briefe an
Grynäus 'Opp. vol. V. /. XLII; X. p. 107), die trotz der
Gegenbemerkung der Herausgeber kaum anders als unter
der Annahme einer urfprünglich lateinifchen Abfaffung
verftändlich ift: da fagt er bei Erwähnung des Dienftes,
den ihm diefer Katechismus in der Vertheidigung feiner
Rechtgläubigkeit vor der Synode zu Laufanne Mai
1537 geleiftet habe: conscriptus enim aliquanto ante a nobis
Catechismus fuerat, gallicc etiavi editus. Endlich ift auf
die wörtliche Uebereinftimmung der Anführungen vol. X. 2.
p. 83 (vom Febr. 1537) mit dem lateinifchen Text des
Jahres 1538 hinzuweifen, die gleichfalls auf deffen früheres
Vorhandenfein fchliefsen läfst. Calvin hat dann diefen
lateinifchen Originaltext, der ihm hei feiner humaniftifchen
Bildung fo viel leichter fallen mufste, in feiner Hand
behalten, während die fofortige Veröffentlichung der
franzöfifchen Ueberfetzung durch die Bcdürfnifse der
Genfer Kirche gefordert war, und hat ihn erft dann in
den Druck gegeben, als die fteigende Bedrängnifs in Genf
ihn darauf führte, fleh diefes Werkes als eines Mittels zur
Anlehnung an die befreundeten Kirchen zu bedienen.
Wie übrigens diefe Frage beantwortet werde, jedenfalls
zeigt jene Unbehilflichkeit im fprachlichen Ausdruck,
wie fehr der fpätere Meifter und geniale Fortbildncr
der franzöfifchen Sprache damals noch mit ihr zu ringen
hatte, und andererfeits wie eng in den hier befprochenen
Schriftftücken die beiden Texte fleh an einander an-
fchliefsen. Und diefe letzte Thatfache möge denn auch
ein Troft fein angefichts eines zum Schlufs noch zu erwähnenden
Umftandes, der zugleich die Ausführlichkeit
diefer unferer Anzeige rechtfertigen wird, dafs nämlich
die befprochene Schrift, luxuriös ausgeftattet wie fie ift
und in blofs 400 Exemplaren abgezogen, nur vcrhält-
nifsmäfsig Wenigen zu Theil zu werden beftimmt ift.

Bafel. R. Staehelin.

Lobstein, Prof. Lic. P., Petrus Ramus als Theologe. Ein

Beitrag zur Gefchichte der proteftantifchen Theologie.
Strafsburg 1878, Schmidt. (88 S. gr. 8.) M. 2. —

Das Schriftchen fchliefst fleh an an das frühere grundlegende
Werk von Waddington: Ramus, sa vie, ses ecrits
et ses opinions, 1855, indem es ergänzend eine Darftellung
der theologifchen Anflehten des Philofophen und der
von ihm nach Seite, der Theologie hin geübten Einwirkung
giebt. So läfst denn der Verf. fleh im Allgemeinen
nicht über Ramus aus, fondern befchränkt fleh auf deffen
Theologiflren und zeigt, wie auch darin fein fonft bekannter
wiffenfehaftlicher Charakter hervortritt. In 4 Ab-
fchnitten behandelt er des Popularphilofophen Anfchau-
ungen von Wefen und Aufgabe der Theologie, vom
Dogmatifchen, vom Ethifchen, von Theologie und Phi-
lofophie, und fafst das Ergebnifs feiner klaren Darlegung
in die Worte zufammen: ,Der theologifche Entwurt des
Petrus Ramus ift ein intereffantes Denkmal der Verformung
des Humanismus mit der Reformation und der
Verwendung der klafflfchen Bildung im Dienftc der
evangelifchen Wahrheit'. Die Studie ift ein recht förder-
j licher Beitrag zur Gefchichte weniger der Theologie als
des Geifteslebens im Reformationszeitalter; infofern find
wir dem Verf. zu Dank verpflichtet. Aber irgend ein
I bleibender, d. h. fleh wieder erneuernder Einflufs ift dem
uns hier vorgelegten ,theologifchcn Entwurf nicht beizulegen
. Vielmehr, je mehr die Theologie als Wiffen-
fchaft fleh vertieft, um fo weniger wird fie von Gedanken
des Ramus Gebrauch machen können.

Erlangen. G. Plitt.