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Ausgabe:

1878

Spalte:

577-579

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Renan, Ernest

Titel/Untertitel:

Mélanges d’histoire et de voyages 1878

Rezensent:

Baudissin, Wolf Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von Prof. Dr. E. Schürer in Giefsen.
Ericheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 24. 23. November 1878. 3. Jahrgang.

Renan, Melanges d'hiftoire et de voyages (I?au-
diffin).

Lohr, Zur Frage Uber die Echtheit von Jefaias

40 — 66 (Guthe).
Philippi, Die biblifche und kirchliche Lehre

vom Antichrift (Wold. Schmidt).
Wiefeler, Die Chriftenverfolgungen der Cäfa-

ren bis zum dritten Jahrhundert (Harnack).
Oehninger, Tertullian und feine Auferftehungs-

lehie (Harnack).

Le Catechisme frangais de Calvin, publie en
1537, relmprimü pour la premiere fois etc.
Avec deux notices par Rilliet et Dufour.
(Staehelin).

Lobftein, Petrus Ramus als Theologe (Pütt).
Druffel, Herzog Herkules von Ferrara (Plitt).
Karfch, Die ftigmatifirte 'Nonne Catharina

Emmerich (Fay).
First free Lutheran Diet in America, Philadelphia
, December 27—28, 1877, the Essays,
Debates and Proceedings (Plitt).

Schweizer, Die Zukunft der Religion (Lipfius).

Hippel's Lebensläufe, Jubelausgabe für die

Gegenwart bearb. von AI. von Oettingen

(Harnack).

Ruete, Anthologie geiftlicher Lyrik aus neuerer
und neuefter Zeit (Lauxmann).

Renan, Erneft, Melanges d'histoire et de voyages. Paris
1878, Calmann Levy. «IV, 530 S. gr. 8.) Fr. 7. 50.

Auf Renan's neuefte Sammlung von Abhandlungen
kann im Verhältnifs zum Reichthum des Inhaltes an diefer
Stelle nur flüchtig aufmerkfam gemacht werden, denn
nur an wenigen Punkten berühren fich diefelben mit den
Aufsenwerken theologifcher Studien. Das Buch enthält
Arbeiten eines dreifsigjährigen Zeitraums (1847—1877),
fehr verfchiedene Gebiete berührend. Der Verfaffer
blickt bei ihrer Veröffentlichung zurück auf jene Zeit,
da er jung war und glaubte, Alles umfpannen zu können;
nur allmählich hat er gelernt, feinen Horizont zu begrenzen
und Gebiete zu räumen, welche er fich erlefen,
auch wohl fchon erobert geglaubt hatte (S. I. f.). In
der That wird die Vielfeitigkcit der Melanges wohl über
die fchmcichelhafteften Vorftellungen von dem ausgedehnten
Intereffe und umfaffenden Wiffen des Verf.
noch hinausgehen. Wechfelnde Bilder von gefälligleichten
Contouren und zartem Colorit liegen hier zum
Durchblättern. Von den ,Moslim's in Spanien' führt
uns der Verf. zur ,Gefchichte des öffentlichen Unter
richtes in China', von den ,Anfängen der Grammatik in
Indien' zu den ,Urfprüngen der franzöfifchen Sprache',
von den ,Ausgrabungen in Ninive' zur ,Kunft des Mittelalters
und den Urfachen ihres Verfalls', von den ,Cäfa-
ren' und der ,Kaiferin Fauftina' zu Jofeph-Victor le Clerc'
u. f. w. Es bedarf kaum der Bemerkung, dafs es in keiner
diefer Abhandlungen, auch da nicht, wo der Verf. nur
über Leiflungen Anderer berichten will, an originellen
und anregenden Gedanken, an glänzenden und graziöfen
Schilderungen fehlt. Mit derfelbcn Kunft find in wenigen
Strichen die landfehaftlichen Reize der Quelle Kyane
.Zwanzig Tage in Sicilien') oder die Eigenthümlichkeiten
des Wüftenlebens (,Die Wüfte und der Sudan') gezeichnet
wie die ,Leiftungen der femitifchen Völker in der
Gefchichte der Civilifation' oder die mittelalterlichen
Baudenkmäler in ihrer Verfchiedenheit von den antiken.
Treffende Bemerkungen zur Philofophie der Gefchichte

gerechtem Mafse: wir verdanken den Semiten ,weder
unfer politifches Leben noch unfere Kunft, noch unfere
Poefie, noch unfere Philofophie, noch unfere Wiffenfchaft',
fondern einzig die Religion (S. 16) — daneben nur noch
das Alphabet (S. 15) —; jene einzige grofse Gabe ,des
Semitismus' aber, feine Religion, trägt die Spuren feiner
Geiftesarmuth und Engherzigkeit und mufste von indo-
europäifchen Völkern im Sinne des Stifters des Chriften-
thums mit vollkommen neuem Inhalt erfüllt werden, um
zur Weltreligion fich zu entfalten (S. 20). Heilbringend
war von Seiten der Semiten nicht die Art ihrer Religion,
fondern ihre (der Juden) ,aufserordentliche religiöfe Rührigkeit
', welche Anlafs wurde, dafs aus Ifrael der Stifter
einer neuen Religion hervorging (S. 17 f.). — Wenn hier
dem Judenthum fchliefslich allein jene activite rcligieuse
vraiment e.xtraordi?iaire übrig bleibt, fo könnte auch diefe
etwa noch in Frage geftellt werden —■ man denke z. B.
an die Brahmanen, auch an die Aegypter, welche nach
diefer Seite hin die Vergleichung wohl aushalten möchten.
Was Renan dem .Semitismus' nimmt, mag gelten; er
läfst ihm noch immer zu viel durch die Nivellirung feines
Abftandes von der aus ihm hervorgegangenen Befonder-
heit des Judenthums; diefem aber nimmt er, was ihm
gebührt, wenn er die Wurzeln, durch welche das Chriften-
thum — und zwar nicht nur dasjenige eines Jakobus
und Papias — mit dem Judenthum zufammenhängt, kurzweg
durchfehneidet. — Renan ift nicht nur fo fehr Indo-
europäer, dafs er IfraeL's Aufgabe unterfchätzt; er lebt
weiter fo fehr im antiken Indoeuropäerthum, dafs er
in einer andern Abhandlung die Gothik äufserft ungerecht
behandelt, einen aus der antiken Baukunft entnommenen
Mafsftab auf fie anwendend, welcher für
ihren andersartigen Zweck und Grundgedanken durchaus
nicht pafst. Es ift diefes Verfahren nach Antipathie
um fo auffallender, als der Unterfchied in fehr feiner
Weife charakterifirt wird.

Ueber den Stil ift ein Lob überflüffig, wird auch in
einer deutfehen wiffenfehaftlichen Zeitfchrift leider kaum
erwartet; intereffant aber möchte es doch Manchem fein,

find da und dort eingeftreut; man lefe z. B. die zur Ver- zu erfahren, wie Renan das beurtheilt, worin er Meifter

hütung einer beliebten, aber gefährlichen Apologetik
beherzigenswerthe Ausführung S. 158 ff.: l'histoire n'est
pas une lecon de morale.

Belehrend wird die Leetüre Jedem fein, auch wo er

ift. Er wirft S. 280 f. die Frage auf: Qu'cst-ce que bien
ecrire? ,Es befteht darin, dafs man ohn Ende dem Mafse
der Sprache wie den Schwung des Gedankens fo auch oft
deffen Freiheit opfert. Es befteht darin, dafs manhöchftens

dem Urtheil des Verf. fich nicht anzufchliefsen vermag. J die Hälfte fagt von dem, was man denkt, und wenigftens
Die Charakteriftik der Rolle des Semitismus S. 1—25 I ein Viertel de cc qu'on He pense pas'. Wenn jene Hälfte

(ein vielbehandeltes Lieblingsthema des Verf. — der
Vortrag ift vom J. 1862) ift nicht viel anders gehalten,
als fie fchon in früher veröffentlichten Schriften Renan's
ausführlicher gegeben ift und mifst auch hier nicht mit

kein Schriftfteller irgendwelcher Nation auslernen wird,
fo möge die Bemerkung erlaubt fein, dafs das Viertel
doch wohl dem bien ecrire zu überlaffen ift covune on
l'entend parmi noiis. Der Verf. übergeht feinerfeits die

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