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Ausgabe:

1878 Nr. 22

Spalte:

547-548

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Beck, J. T.

Titel/Untertitel:

Gedanken aus und nach der Schrift für christliches Leben und geistliches Amt. Neue Folge 1878

Rezensent:

Lindenberg, H.

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Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 22.

548

fchlufs an die Textverlefung gefchehen. Sollen die
Zuhörer nicht den Eindruck haben, dafs der betende
Wunfeh den Prediger auch bei dem Tranfitus und der
Einleitung, und nicht erft bei der Ausführung der Dis-
pofition erfüllt habe?

Halle a/S. A. Wächtler.

Beck, Prof. Dr. J. T., Gedanken aus und nach der Schrift

für chriftliches Leben und geiftliches Amt. Neue
Folge. Heilbronn 1878, Scheurlen's Verl. (164 S.
gr. 8.) M. 2. 40.

Aus dem reichen Schatz feiner chriftlichen Erfahrung
bietet hier der ehrwürdige Altmcifter der Schrifttheologie
in 74 unter einander äufserlich nicht zufam-
menhängenden Abfchnitten eine Fülle von einzelnen Ge- |
danken, Winken und Anweifungen dar, die fich auf die j
verfchiedenften Gebiete chriftlichen Glaubens und Lebens i
erftrecken. Es find gröfstentheils durch beftimmte Ver-
anlaffungen hervorgerufene Aeufserungen, theils briefliche
Antworten auf beftimmte Fragen, theils Anfprachen, |
beim Beginne von Vorlefungen gehalten, theils kürzere
in die Vorlefungen eingeftreute Bemerkungen. Daraus !
erklärt fich der vielfach fragmentarifche Charakter der I
einzelnen Abfchnitte. Manche feelforgerifche Mahnung
Würde vielleicht noch werthvoller fein, wenn der Lefer |
in die Situation, auf die fie fich bezieht, hätte eingeweiht j
werden können. In den meiften Fällen ift jedoch die 1
Veranlaffung für das Verftändnifs unwefentlich, da der |
Verf. das Einzelne fofort unter allgemeine Gcfichtspunkte j
zu ftellen weifs. Seine Ausführungen bieten wiederum, j
wie fchon die erfte Folge feiner ,Gedanken aus und nach |
der Schrift' ein fchönes Zeugnifs von der echten chriftlichen
timpQCmv^, wie fie der Verf. im beftändigen i
lebendigen Umgang mit der Schrift fich erworben hat.
Unbekümmert um Beifall oder Tadel, furchtlos und frei 1
jeder menfehlichen Autorität gegenüber, ob fie fich in
kirchliches oder wiffenfchaftlich.es Gewand kleidet, ftellt |
er jede Erfcheinung in das Licht der biblifchen Wahrheit
und fucht dadurch die wahre Objectivität des Ur- |
theils zu gewinnen. Für die Schwächen der fogen. j
,gläubigen Theologie' und des ,Glaubensdoctrinarismus'
'48) hat er einen ebenfo fcharfen Blick wie für ,den !
Gröfsenwahn des Wiffenfchaftsdünkels' (63); das gefährliche
Mifchlingsgebräu, die treibhausmäfsigen Bufs- und i
Glaubensexercitien' der Smith'fchen Bewegung (60) be- ■
urtheilt er eben fo ftrenge wie die ,über pädagogifche J
und moralifche Schranken fich erhebende Wiffenscultur'
(64). Den Sekten gegenüber erkennt er es unparteiifeh I
an, dafs fie ,nicht dadurch Boden gewinnen, dafs fie die
Kindertaufe u. f. w. beftreiten, fondern dafs fie folche t
Punkte in Verbindung fetzen mit der Forderung perfön-
lichen Ernftes im Chriftenthum' (47). Diefe Forderung j
ift denn auch der rothe Faden, der fich durch alle einzelnen
Ausführungen hindurchzieht, wie verfchiedene
Gegenftände fie auch berühren. Die Treue der erkannten
Wahrheit gegenüber ift ihm der Mafsftab, nach dem
er den Chriften beurtheilt und wiederholt finden fich
ernfiMiche Warnungen vor den ,Chriftenmachern und
Reichgottesfabrikanten, die einen kaufmännifchen Ge- i
fchäftsbetrieb gebrauchen', ,1m nächften irdifchen Beruf j
würdig des himmlifchen wandeln ift fchwerer als grofse j
Thaten verrichten im Namen des Herrn; und an dem
Nächften üben, was recht, billig und gütig ift, fchwerer |
als manches chriftliche Schauwerk' (8). ,Ler Knappe
mufs warten, bis er den Ritterfchlag vom göttlichen j
Meifter erhält' (49). Mit der bekannten Entfchiedenheit
feines Standpunktes verbindet fich bei dem Verf. eine j
weitherzige Toleranz gegen Alle, bei denen er ernftes I
fittliches Streben wahrnimmt, die, ,wenn fie auch Chri-
ftum nicht in feinem Kirchengewand und Ornament
wollen, doch fürihn in feinem einfachen angenähten

Rock noch Sinn haben, oder wenigftens ihn als Lehrer
und Vorbild noch annehmen wollen'. Er tadelt es, dafs
man die fogenannten .Ungläubigen' fo oft ,dogmatifch'
ftatt ,pädagogifch und ethifch' behandle, und den Glauben
zu etwas Dogmatifchem mache, während er etwas
Ethifches ift (48). Er empfiehlt dem Geiftlichen zu lernen
, ,ohne einfeitig chriftlichen Umgang als Menfch mit
Menfchen, als Liebhaber des göttlichen Gefetzes mit
Rechtfchaffenen, als Gottesknecht mit Gottesfürchtigen
natürlich umzugehen' (38) u. f. w. Der Verfuch, die behandelten
Gegenftände auch nur zu regiftriren, gefchweige
denn fich mit Einzelnem auseinanderzufetzen, würde den
dem Ref. gefleckten Raum weit überfchreiten. Die erwähnten
Beifpiele mögen genügen, diejenigen, die Beck's
Anfchauungen etwa nur aus feinem ,Leitfaden der chriftlichen
Glaubenslehre' kennen, auf diefes an praktifcher
chriftlichcr Lebensweisheit und tiefen Blicken in den
Geift der Bibel fo reichhaltige Buch aufmerkfam zu
machen. Nur zwei Fragen kann Ref. bei aller Pietät
vor dem verehrten Lehrer nicht zurückhalten: 1) Sollte
nicht auch in der ,vom Auflöfungsprocefs bereits ange-
freffenen proteftantifchen Kirche' noch mehr innerliches
chriftliches Leben vorhanden fein, als der Verfaffer zu-
zugeftehen geneigt fcheint? 2) Würde nicht des Verf.'s
Polemik, wenn fie fich mehr an concrete Vorgänge und
Perfonen hielte und weniger gegen allgemeine Richtungen
wendete, für die man oft vergeblich die Vertreter
fucht, eine gerechtere und darum wirkfamere fein? Diefe
Bedenken hindern den Ref. jedoch nicht, für die vielfache
Anregung und — s. v. v. — Erbauung, die ihm
die wiederholte Leetüre des Buches gewährt hat, den
aufrichtigften Dank auszufprechen.

Nuffe. H. Lindenberg.

Löfflaci, Pfr. Joh., Die Kirche im Mannesalter. Studien
und Kritiken zur Kirchen- und Culturfrage. 2. Hft.
Berlin 1878. Leipzig, Böhme. (62 S. gr. 8.; M. — 80.

Ref. verweift auf die Anzeige des erften diefer zwang-
lofen Hefte in Nr. 24 der Theol. Litztg. vor. Jahrg. Der
Grundgedanke, den der Verf. in mannigfachen Wendungen
variirt, ift derfelbe wie dort. ,Weder juriftifche Garantien
der alten Lehre, noch organifatorifche Aender-
ungen zum Betten der Gebildeten in der Kirche, noch
ein eifriger Krieg gegen veraltete Vorftellungcn und Pän-
richtungen' — fagt er mit Hausrath — ,werden den
eigentlichen Sitz des Uebels treffen, denn es fehlt diefer
(der evangelifchen) Kirche nicht fowohl an einem Bekennt-
nifs oder einer Verfaffung, als an wirklichem religiöfem
Leben'. Itaher anderswo: ,Unfere Gebildeten hindert
weniger ihre Bildung an warmer Theilnahme am kirchlichen
Leben, als vielmehr ihr Herz. Die felbftherrliche,
übermüthige Grundftimmung desfelben ift der tieffte
Grund ihrer Kirchenfcheu. Untere Gebildeten müffen
erft die Frucht ihrer Werke effen, dann wird die innere
Umkehr kommen'. Er hat unzweifelhaft Recht. Das
Gericht, das er an fämmtlichen kirchlichen Parteien übt,
ift im Ganzen ein wohl verdientes. Doch fcheint es, dafs
er fich die Aufgabe, das Dogma im Einklang mit der
neu gewonnenen wiffenfchaftlichen Erkenntnifs der Gegenwart
neu zu geftalten, etwas zu leicht denkt, als ob
fich das von felbft machen werde, wenn nur erft der
rechte Geift da fei. Die ftille Arbeit der ,theologifchen
Schule' verdient doch nicht fo übel angefehen zu werden,
wie vom Verf. im Vorworte gefchieht, fo wenig auch
von ihr allein das Heil kommen kann. Handelt es fich
doch in der That nicht blofs um einige leichte Correc-
turen des traditionellen Syftems, fondern um eine bis
in die letzten Gründe hineinreichende Revifion der reli-
giöfen Gedankenwelt. Der Partei der ,Deutfch-evangelifchen
Blätter' begegnet der Verf. einigermafsen unbillig
, obgleich er ihr felbft unter den vorhandenen Parteien
am nächften fleht, wogegen ihm die bereits vorüber-